Apicultural Review Letters
(Kritische Apikultur Briefe)

746. Brief
25. Februar 2013

Die Bienenkiste - Bienen einfach und natürlich halten? Kritische Anmerkungen zur Bienenkiste

 

Aktualisierte Fassung: Bienenkiste, Warré oder Top bar hive?

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Schön wär's. Leider sehen die Fakten etwas anders aus. Ob die Bienenkiste sich für den Anfänger, Hobbyimker oder Nebenerwerbsimker wirklich eignet und ob alles dabei so einfach, natürlich und wesensgemäß zugeht wie immer behauptet wird, soll einmal näher untersucht werden.

Die Bienenkiste ist durchaus eine Verbesserung gegenüber der Rähmchenbetriebsweise; schwere Lasten heben und eine komplizierte Technik beherrschen muß der Imker aber auch hier. Wenn man den Schwarm in die Bienenkiste einziehen läßt, kann man noch ganz entspannt zuschauen. Um aber beispielsweise in diese Kiste hineinzuschauen, muß sie samt Volk und Honigvorräten erst hochgewuchtet und auf den Kopf gestellt werden. Damit ist es aber nicht getan: Will man das Volk genauer ansehen, muß man - ähnlich wie bei der Magazinimkerei - den ganzen Kasten öffnen, womit das gesamte Brutnest offen gelegt wird. Dies erzeugt eine nicht unerhebliche Unruhe im Volk, weshalb wie in der industriellen Bienenhaltung die Verwendung eines Smokers unentbehrlich ist.

Dazu sagt der Autor von "die Bienenkiste" nur: "Eine Grundregel beim Imkern lautet: 'Nie ohne Rauch an die Völker gehen!'" [1]

Die Anwendung von Rauch in der Imkerei kann grundsätzlich als Tierquälerei bezeichnet werden, da den Bienen jedesmal ein Buschbrand vorgegaukelt wird: die Bienen bereiten alles vor, um in der Not den Kasten als Schwarm verlassen zu können. Eine derartige Betriebsweise - also Bienenkiste, Rähmchen- und Magazinimkerei - kommt ohne Smoker nicht aus und ist damit gerade für Anfänger oder Hobbyimker eher ungeeignet.

Zudem muß eine Imkerei, die auf die Anwendung von Rauch angewiesen ist, für die Gewinnung von Apitherapie-Produkten ausgeschlossen werden, da die Bienen-Produkte Geschmack und Schadstoffe annehmen. Ähnliches gilt für die Magazin- und Rähmchenimkerei sowie die sogenannte Warré-Beute: auch hier wird mit künstlichen Wabenteilen (Mittelwänden), Magazinen, Rauch, Drehung des Brutnestes ähnlich wie bei der Drehrahmenbeute gearbeitet. Zudem können Bienenkrankheiten bei der Stabilbau-Betriebsweise nicht rechtzeitig erkannt werden.

Die Verwendung von künstlichen Mittelwänden in der Bienenkistenimkerei führt dazu, daß man die Bienenprodukte für bienentherapeutische Zwecke nicht verwenden kann, denn auch Mittelwände aus Bio-Wachs können Parraffin enthalten.

"Anders als im Brutbereich geben Sie den Bienen im Erntebereich aber nicht nur eine Bauvorgabe mit einem Wachsleitstreifen, sondern komplette Mittelwände. Dies erhöht den Honigertrag... Wenn Sie ein Kilogramm Mittelwände kaufen, kann es sein, dass Sie nur 13 statt 14 Platten erhalten." [1]

Auch Honig aus der Bienenkiste eignet sich nicht für die Gewinnung von bienentherapeutischen Produkten:

"Die gesammelten Wabenstücke werden mit einem langen stabilen Messer in kleine Stücke geschnittem und 'zermatscht' Dafür eignet sich ... auch ein Kartoffelstampfer aus Holz sehr gut" [11]

Aber wenigstens ist die Bienenkiste einfacher konstruiert. Man muß sie ja nur einfach zusammenbauen und die Schließhaken und Spannverschlüsse anbringen, oder? Warte, ...

"Nachdem Sie die Holzkiste fertig zusammengebaut haben, müssen Sie noch den 'Innenausbau' vornehmen." Dazu benötigt man "Auflageleisten, Trägerleisten, Querleisten" und mindestens 1 kg Mittelwände, die mit einem "Pizzaschneider" passend geschnitten werden müssen. [1]

Also doch etwas komplizierter und eher ungeeignet für Hobbyimker, denn wer will schon mit künstlichen Mittelwänden hantieren? ... Sind Tbh's einfacher? Top bar hives dagegen sind weltweit bekannt dafür, daß man mit einem Minimum an Eingriffen auskommt. Oberträgerbeuten oder Top bar hives sind nicht nur einfacher konstruiert als die Bienenkiste, auch der Betreuungsaufwand ist viel geringer. Die Konstruktion des Top bar hive / einer Oberträgerbeute ist mindestens seit 1682 überliefert. Auch Aristoteles und Pythagoras sollen nach diesem Prinzip gearbeitet haben. Das Urprinzip ist aber schon seit Tausenden von Jahren bekannt - und zwar nicht nur in Afrika sondern weltweit. Ökonomische Aspekte haben früher eher nicht im Vordergrund gestanden. Auch bei heutiger Betriebsweise steht bei Top bar hives die wirtschaftliche Honigernte nicht im Vordergrund, sondern - soweit es sich um zertifizierte Partner-Imkereien handelt - eine wesensgemäße Bienenhaltung und die Erzeugung bienentherapeutischer Produkte. Beides ist bei der Bienenkiste eher nicht möglich, wie oben gezeigt wurde.

Die Entnahme einiger Waben aus dem Randbereich bedeutet nicht, daß das Brutnest gestört wird. In Top bar hives wird gerade das Brutnest am allerwenigsten gestört. In Magazinbeuten, der Mellifera-Großraum-Beute oder der Bienenkiste gerät dagegen das gesamte Volk in Aufruhr, wenn der Imker den Kasten zu Inspektionszwecken öffnen will. Zudem muß die Bienenkiste auch noch auf den Kopf gestellt werden - ähnlich wie dies bei der Drehrahmenbeute üblich ist. [2] Dies stellt eine empfindliche Störung des Bienenvolkes dar, denn das Flugloch befindet sich während der Inspektion nicht mehr an der gleichen Stelle, das heißt die Nektar- , Pollen- und Propolissammlerinnen suchen währenddessen verzweifelt nach dem Flugloch. Eine zeitweise Veränderung des Standortes ist als besonders unnatürlich einzustufen, denn in der Natur findet diese Veränderung nur beim Schwärmen statt. Zudem wird die Bienenkiste bei jedem Eingriff hin- und her bewegt und das Brutnest komplett geöffnet. Bei der Bienenkiste wird in der Regel nicht nur mit Rauch gearbeitet sondern auch mit Kunstschwärmen und womöglich künstlich besamter Königin und Kellerhaft.

Fachwissen sei für Bienenkistenimker nicht nötig, man müsse nur immer fleißig die Königinnenzellen (Weiselzellen) herausbrechen. [1][11] Denn bezüglich der Schwarmkontrolle verfolgen Bienenkistenimker eine eher rabiate und in der Magazinimkerei übliche Methode:

"Dazu müssen Sie nach Abgang des Vorschwarms alle Weiselzellen bis auf eine herausbrechen oder zerstören. Sie sollten nach Möglichkeit keine Zelle übersehen." [1]

Also von "Bienen einfach und natürlich halten" oder von "Einfachbeuten" kann bei der Bienenkiste nicht gesprochen werden. Mir ist noch keine Honigbiene begegnet, die sich freiwillig künstliche Mittelwände oder eine derart kompliziert konstruierte Bienenkiste ausgesucht hätte, wie die sogenannte "Bienenkiste" von Mellifera e.V.. Man wolle zwar "das Bienenvolk immer als Ganzes" sehen - künstliche Mittelwände, ein ausgiebiger Gebrauch des Smokers, Königinnenzellen brechen und die zeitweilige Verlegung des Flugloches rücken die Bienenkiste aber wieder in die Nähe der Rähmchen- und Magazinetriebsweise. Auch wenn der Erfinder der Bienenkiste sich immer wieder freundlich lächelnd mit seiner Bienenkiste ablichten läßt, "Imkerlotzen" entspannt zuschauen wie ein Schwarm einzieht, erfüllt die Bienenkiste nicht die Anforderungen an eine durchgehend natürliche oder wesensgemäße Bienenhaltung. [5]

Wer wirklich Bienen einfach und natürlich halten und mit der wesensgemäßen Bienenhaltung anfangen möchte, sollte mit Oberträgerbeuten oder Top bar hives (konstruiert nach den Kriterien des Zentrums für wesensgemäße Bienenhaltung) beginnen und den Fernkurs Nr. 48 und praktische Crash-Kurse  (Nr. 38 und Nr. 101) bzw. eine Fortbildung im Zentrum für wesensgemäße Bienenhaltung absolvieren. [5]
 

Weitere Infos und Literatur zur Bienenkiste und anderen Beutentypen

 

 
 

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Die Gesamtausgabe der Briefe erscheint in der Fachzeitschrift "Apikultur"

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