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Kurs Nr. 696 Alphonse Daudet 


Die Romanfigur Tartarin enthält praktisch beide Helden des Cervantes, sowohl Don Quijote als auch Sancho Pansa. In der Anrufung des Cervantes heißt es: "O Miguel Cervantes Saavedra, wenn es wahr ist, dass an Plätzen, wo große Männer geweilt haben, etwas von ihnen lebendig bleibt bis an das Ende aller zeiten - wenn das wahr ist und ein Spuk deines Wesens an jenen Küsten des Berberlandes geblieben ist, so muss er vor Freude erzittert sein, als er Tartarin aus Tarascon ans Land steigen sah, diesen Urtypus des Südfranzosen, diese Fleischwerdung deiner beiden Helden, des Don Quijote und des Sancho Pansa, in einer Person."
Alphonse Daudet 

 

 
 
 
 
 

 

Aus dem Inhalt:
 

1. Leben und Werk

Alphonse Daudet, französischer Romancier, Dramatiker und Lyriker (1840 -1897) gilt als moderner Rabelais Frankreichs. Alphonse Daudet (13. Mai 1840 -1897) war ein französischer Schriftsteller, der sich zunächst als Lyriker, dann als Dramatiker und vor allem als Erzähler betätigte. Zu Lebzeiten mit fast seinem gesamten Schaffen erfolgreich, ist er heute noch eine feste Größe in der französischen Literaturgeschichte. Seine bekanntesten Werke sind der humoristische Roman Tartarin de Tarascon, der Sammelband Lettres de mon moulin (Briefe aus meiner Mühle) und der autobiografische Elemente enthaltende Roman Le Petit Chose: Histoire d’un enfant (Der kleine Dingsda: Geschichte eines Kindes). In Lyon besuchte Daudet das Collège-Lycée Ampère, bis ihn 1856 die finanzielle Not der Familie zwang, die Schule ohne Besuch der beiden Abschlussklassen („Philosophie“) und ohne „baccalauréat“ (Abitur) zu verlassen. Nach dem Abgang vom Lycée war Daudet von Mai bis Oktober 1857 Hilfslehrer („Maître d’études“) im Collège von Alès. Die Erfahrungen dieser Zeit verarbeitete er später in seinem ersten Roman, Le Petit Chose. Ende 1857 lebte er in Paris bei seinem drei Jahre älteren Bruder, Ernest, der als Journalist arbeitete und 1882 die Geschichte ihrer gemeinsamen Zeit in Mon frère et moi (Mein Bruder und ich) beschrieb. Im Jahr 1860 erhielt er die Stellung eines Privatsekretärs beim Herzog von Morny, einem Halbbruder Napoleons III. und einflussreichen Politiker. Morny alimentierte ihn bis zu seinem Tod 1865. Kurz nachdem er zusammen mit einem Kollegen ein erstes Theaterstück, La dernière idole (Das letzte Götzenbild), verfasst hatte, unternahm Daudet im Winter 1861/62 in Begleitung eines älteren Cousins eine dreimonatige Reise durch Algerien. Hier hoffte er sich zu kurieren. Eine völlige Genesung wurde nicht erreicht, doch sammelte er Material für spätere Werke, insbesondere für Tartarin de Tarascon. In seiner Abwesenheit wurde in Paris sein Theaterstück erfolgreich aufgeführt. Ein Jahr später folgte wieder aus gesundheitlichen Gründen ein mehrmonatiger Aufenthalt auf Korsika (Îles Sanguinaires). Auch dieser verschaffte ihm Stoffe und Themen für weitere Werke. Wiederholte Besuche in seiner südfranzösischen Heimat lieferten ihm Ideen und Anregungen insbesondere für die meist kurzen Erzählungen und Skizzen, die ab 1866 in Zeitschriften und 1869 gesammelt als Lettres de mon moulin erschienen. Entgegen dem Titel enthält der Sammelband nicht Briefe, sondern Erzählungen, geht aber von der Fiktion aus, die Texte seien in einer alten, von Daudet erworbenen provenzalischen Mühle verfasst und nach Paris geschickt worden. [1] 

Ab Ende 1867 im Feuilleton einer Zeitschrift und 1868 in Buchform erschien Le Petit Chose, in dem Daudet seine schwierigen Jugendjahre verarbeitete. 1872 erschienen der Roman Aventures prodigieuses de Tartarin de Tarascon (Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon) und das dreiaktige Schauspiel L’Arlésienne, eine Bearbeitung seiner gleichnamigen Erzählung, zu der Georges Bizet die Bühnenmusik schrieb. Sein Roman Fromont jeune et Risler aîné (1874) wurde von der Académie française preisgekrönt. Auch Jack (1876), die Geschichte eines unehelichen Kindes, das Opfer der Selbstsucht seiner Mutter wird, wurde ein großer Erfolg. Von nun an konzentrierte sich Daudet auf Romane und publizierte weiterhin erfolgreich Le Nabab (Der Nabob) 1878, Les Rois en exil (1879), Numa Roumestan (1881), L’Evangéliste (1883) und Sappho, ein Pariser Sittenbild (1884). Trente ans de Paris, à travers ma Vie et mes Livres (1887) enthält die Entstehungsgeschichten seiner Bücher, und in Souvenirs d’un homme de lettres (1888) breitete er seine Lebenserinnerungen aus. L’Immortel (1888) ist eine satirische Attacke gegen die Académie française, die ihn nie aufnahm. Ab 1889 schrieb Daudet wieder für das Theater. Daneben entstanden weitere Erzählungen, beispielsweise La Belle Nivernaise und die Tartarin-Fortsetzungen Tartarin sur les Alpes (1885) und Port-Tarascon. Dernières Aventures de l’illustre Tartarin (1890).

Daudets Ruhm begründeten seine Romane. Seine heutige Bekanntheit beruht vor allem auf seinen Jugendwerken, den Briefen aus meiner Mühle (meist mit dem französischen Originaltitel „Lettres de mon moulin“ zitiert) und Tartarin von Tarascon. Daudet bekannte, er erfinde wenig, er schreibe alles nach der Natur. Seine Erfahrungen, sein Milieu, die Männer, mit denen er bekannt war, Personen, die eine Rolle im Pariser Leben spielten, alle wurden in seine Kunst eingearbeitet; natürlich übte er wie Cervantes Kritik am Islam und der Einfältigkeit der Mauren bzw. Moslems. Von großer Bedeutung für seine Entwicklung war die Freundschaft zu Frédéric Mistral und damit verbunden seine Hinwendung zu Stoffen seiner provenzalischen Heimat. Daudet war auch ein enger Freund von Edmond de Goncourt, Gustave Flaubert und Émile Zola. Daudets Stil gilt als realistisch-impressionistisch.

Zu seinen Werken zählen Les Amoureuses (1858), La Double Conversion (1859), Lettres de mon moulin, Erzählungen (1866; Briefe aus meiner Mühle, 1879), Le Petit Chose, Roman (1868; Der kleine Herr Dingsda, 1877), Aventures prodigieuses de Tartarin de Tarascon, Roman (1872; Die wundersamen Abenteuer des Tartarin von Tarascon, 1882), L’Arlésienne, Schauspiel (1872), Fromont jeune et Risler aîné, Roman (1874; Fromont junior und Risler senior, Stuttgart 1887), Contes du Lundi, Erzählsammlung (1875; Montagsgeschichten, 1880), Jack, Roman (1876; deutsch 2023), Le Nabab, Roman (1877; Der Nabob, Stuttgart 1888), Le Char, Opernlibretto (1878, zusammen mit Paul Arène), Les Rois en exil, Roman (1879; Die Könige im Exil, Stuttgart 1890), Numa Roumestan, Roman (1881; Numa Roumestan, Stuttgart 1889), L’Évangéliste, Roman, 1883, Sappho, Roman (1884; Sappho, Pariser Sittenbild, 1884), Tartarin sur les Alpes (1885), La Belle Nivernaise (1886), Trente ans de Paris (1887), La Doulou (1887–1895; Im Land der Schmerzen, Bremen 2003), Souvenirs d’un homme de lettres (1888), L’Immortel, Roman (1888; Der Unsterbliche, Stuttgart 1888), Port-Tarascon. Dernières Aventures de l’illustre Tartarin (1890), Rose et Ninette, Roman (Rosa und Ninette) Flammarion, 1892, La Petite Paroisse, Roman Lemerre, 1895, Le Trésor d’Arlatan, Roman Charpentier et Fasquelle, 1897, Les Femmes d’artistes (Künstler-Ehen. Pariser Skizzen, Leipzig 1884), Le Soutien de famille (1898) (Die Stütze der Familie, Stuttgart/Leipzig um 1919) [2] 
 
 

2. Aventures prodigieuses de Tartarin de Tarascon / Die wunderbaren Abenteuer des Herrn Tartarin aus Tarascon

Alle waren gekommen aus der Stadt und der Umgebung. Die ganze Menge drängte und schob sich an Tartarins Haustür, "an die Haustür des wackeren Herrn Tartarin, der zu den Türken reiste, um Löwen zu jagen. Für Tarascon bedeutet nämlich Algerien, Afrika, Griechenland (vor der Befreiung von den Türken), Persien, die Türkei, Mesopotamien, alles das zusammen ein sehr ungewisses fast mythologisches Gebilde, das man kurzerhand «die Türken» nennt. ... Plötzlich, gegen zehn Uhr, ging eine Bewegung durch die Menge. Die Gartentür kreischte in ihren Angeln. «Er kommt! Er kommt!»  Er war es. Als er auf der Schwelle erschien, wurden zwei Schreie laut: «Das ist ein Türke!» «Brillen trägt er!»  Tartarin aus Tarascon hatte wirklich geglaubt, dass, wer nach Algerien reist, sich auch algerisch kostümieren muss. Er trug eine mächtige Pumphose aus weißer Leinwand, eine kleine Weste mit Metallknöpfen und einen roten, zwei Fuß breiten Gürtel um den Bauch.... eine mächtige Schechia, an der eine lange blaue Quaste baumelte, krönte das Ganze." Bewaffnet war er fast wie die heutigen Türken in den französischen und deutschen Vorstädten: Er trug zwei schwere Gewehre, auf jeder Schulter eines, "ein großes Jagdmesser stak in seinem Gürtel, auf dem Bauch hüpfte eine Patronentasche, und an der Hüfte schaukelte ein Revolver in seinem Lederfutteral."

Der Express Paris-Marseille lief in den Bahnhof ein. Tartarin stieg in seinen Waggon, "kletterte in ein Abteil voll von Parisewrinnen, die zu Tode erschraken, als sie diesen seltsamen Mann mit all seinen Gewehren und Revolvern eindringen sahen."

Bei der Überfahrt nach Algerien schien wie in Cervantes Don Quijote ein Überfall der Korsaren zu drohen: "Plötzlich merkte er, dass an der Reling, auf die er sich stützte, große schwarze Hände sichtbar wurden, die von außen nach dem Geländer griffen. Und fast im selben Augenblick tauchte vor ihm der kraushaarige Kopf eines Negers auf. Das Ganze war die Sache eines Augenblicks. Bevor Tartarin den Mund auftun konnte, war das Deck von einer Horde erstürmt, etwa hundert Freibeutern, schwarzen, braunen, halbnackten Kerlen, schrecklich anzuschauen. ... Zunächst blieb er wie angewurzelt stehen. Als er aber sah, wie die Banditen sich auf das Gepäck stürzten ..., kurz, als sie sich an die Plünderung des Fahrzeugs machten, erwachte in ihm der Held, er riss sein Jagdmesser aus der Scheide, schrie den Reisenden ein schmetterndes «Zu den Waffen! Zu den Waffen!» zu und stürzte sich allein voran auf die Freibeuter. «Was gibt's denn? Was haben sie denn?» fragte Kapitän Barbassou, der vom Zwischendeck heraufstieg. «Ach, da sind Sie, Kapitän! Rasch, bewaffnen Sie Ihre Leute!» «Wozu denn, du lieber Gott?» «sehen Sie denn nicht?» «Was denn?» «Da - vor Ihren Augen -, Piraten!» Fassungslos sah ihn Kapitän Barbassou an. In diesem Augenblick kam ein baumlanger Neger an ihnen vorbei, der die Hausapotheke unseres Helden trug. «Elender! Halt!» schrie der Tarasconese und stürzte mit gezücktem Dolch auf ihn los. Barbassou bekam ihn zu fassen und zog ihn an seinem Gürtel zurück. «Bleiben Sie doch ruhig, Bester! Das sind doch keine Piraten, Piraten gibt es schon lange nicht mehr. Das sind Gepäckträger!» «Gepäckträger?» «Ja, Gepäckträger, die hierherkommen, die Koffer an Land zu bringen. Tun sie also ihr Küchenmesser wieder in die Scheide»  ... Tartarin setzte seinen Fuß auf diesen Hafenkai des Barbarenlandes, wo dreihundert Jahre früher ein spanischer Galeerensklave, ein gewisser Miguel Cervantes, jenen unvergleichlichen Roman, den Don Quijote, konzipierte, während der Sklavenhalter seinen Stock über ihm schwang."

Oft wird in diesem Werk Bezug auf Cervantes genommen, schließlich kannte er sich bestens aus mit dem "Barbarenland" und der Denkweise der Mauren, die eine solche Verirrung darstellt und so abseits von allem liegt, was nur eine Spur vom Vernünftigen an sich hat. Die Romanfigur Tartarin enthält praktisch beide Helden des Cervantes, sowohl Don Quijote als auch Sancho Pansa. In der Anrufung des Cervantes heißt es: "O Miguel Cervantes Saavedra, wenn es wahr ist, dass an Plätzen, wo große Männer geweilt haben, etwas von ihnen lebendig bleibt bis an das Ende aller zeiten - wenn das wahr ist und ein Spuk deines Wesens an jenen Küsten des Berberlandes geblieben ist, so muss er vor Freude erzittert sein, als er Tartarin aus Tarascon ans Land steigen sah, diesen Urtypus des Südfranzosen, diese Fleischwerdung deiner beiden Helden, des Don Quijote und des Sancho Pansa, in einer Person."

"Es kommt mir vor, Anselmo, du zeigest jetzt dieselbe Denkweise wie stets die Mauren, denen man den Irrweg ihrer Sekte weder mit Stellen aus der Heiligen Schrift begreiflich machen kann noch mit Gründen, die auf Vernunftschlüssen beruhen oder sich auf Glaubensartikel stützen; vielmehr muss man ihnen handgreifliche, verständliche, bündige, unzweifelhafte Beispiele beibringen nebst mathematischen Beweisen, die nicht zu leugnen sind, wie wenn man den Satz aufstellt: ›Wenn wir von zwei gleichen Größen gleiche Größen abziehen, so sind die übriggebliebenen ebenfalls gleich.‹ Und wenn sie dies in Worten nicht verstehen – und sie verstehen es wirklich nicht –, muss man sie es mit den Händen greifen lassen und es ihnen vor Augen stellen; und mit all diesem kann dennoch niemand sie von den Wahrheiten unsres heiligen Glaubens überzeugen. Dieselbe Art und Weise werde ich bei dir anwenden müssen; denn das Verlangen, das in dir entstanden, ist eine solche Verirrung und liegt so abseits von allem, was nur eine Spur vom Vernünftigen an sich hat, dass es meiner Meinung nach Zeitverschwendung wäre, dir deine Einfalt – denn ich will ihr für jetzt keinen andern Namen geben – begreiflich zu machen." - Miguel de Cervantes, Don Quijote I, 33
Damit hatte er in Algerien natürlich auch zu kämpfen: mit wilden Arabern, "denen man den Irrweg ihrer Sekte weder mit Stellen aus der Heiligen Schrift begreiflich machen kann noch mit Gründen, die auf Vernunftschlüssen beruhen oder sich auf Glaubensartikel stützen". "Eine Horde Wilder, die um Beträchtliches schrecklicher aussahen als jene Korsaren auf dem Schiff, stürzten herbei und warfen sich auf den Fremdling. Hochgewachsene Araber, splitternackt unter Wolldecken, kleine Mauren in Lumpen, Neger, Tunesier ,,, sie alle schrien und jaulten durcheinander, rissen einander fast die Kleider vom Leib und zankten sich um Tartarins Gepäck. ... Von diesem Tumult betäubt, lief der arme Tartarin auf und ab, wünschte allen diesen Burschen die Pest an den Hals, fluchte, schimpfte, rannte hinter seinem Gepäck her und redete diese Barbaren - wie sollte er sich ihnen verständlich machen? - auf französisch, provenzalisch und sogar lateinisch an."

In Algier waren fast keine Moslems zu sehen, sie waren schon alle nach Europa ausgewandert. "Da hatte er sich eine orientalische Stadt vorgestellt, etwas Feenhaftes, Mythologisches, eine Art Mischmasch aus Konstantinopel und Sansibar. Aber er fand sich buchstäblich in Tarascon wieder. Cafés, Restaurants, breite Straßen, Häuser mit vier Etagen, ein kleiner gepfasterter Platz ... Herren saßen herum, tranken Bier und aßen Windbeutel, Damen waren da, Dämchen ... Sehr viel Militär. Aber kein einziger Türke. ... Was haben die Leute nur immer mit ihrem Orient? dachte der große Tartarin, in Marseille gibt es ja mehr Türken als hier."

In einem Araberviertel zusammengepfercht gab es natürlich schon Moslems bzw. Türken. Die "Stadt der Türken" ist allerdings, wie in Europa manche Stadtviertel, "eine rechte Mördergrube", in der man sich besser nicht verläuft: "Dunkle, überaus enge Gässchen, die schmal zwischen Zeilen geheimnisvoller Häuser dahinlaufen, deren Dächer sich fast berühren, so dass sie gewissermaßen einen Tunnel bilden. Niedrige Pforten, kleine Fensterchen, trüb, traurig, vergittert. Zur Rechten und zur Linken kleine Gewölbe, in denen wüste Türken mit rechten Gaunergesichtern, Augen, deren Weißes man zu deutlich sieht, und schimmernden Zähnen lange Pfeifen rauchen und miteinander flüstern, als ob sie irgendeine schlimme Sache ausheckten. Sagen, dass Tartarin diese schreckliche Gegend ohne Erregung durchquerte, hieße einfach Lügen. ... Von Augenblick zu Augenblick war er darauf gefasst, eine Horde Eunuchen oder Janitscharen über sich herfallen zu sehen."

Die Muezzine sollen eine Art "Rausch des Glaubens" vermitteln, was sich aber immer als Irrglaube entpuppt, wobei der Muezzin mit seinem Gesang oft nur auf der Suche nach einer neuen Maurin ist, ähnlich wie Singvögel mit ihrem Gesang das Weibchen beeindrucken wollen.. "Tarascon, verhülle dein Antlitz! Dein Tartarin ist in Gefahr, einem fremden Irrglauben zu verfallen."

Alte Postkutschen wurden von Frankreich nach Algerien deportiert und führten dort ein "richtiges Galeerenleben" wie eine sprechende Kutsche berichtet. Sie klagt: "Gott weiß allein, was das für Leute sind, die ich da schleppe. Eine Horde Ungläubiger, von denen niemand weiß, wo sie herkommen, und die überall ihr Ungezifer zurücklassen, Neger, Beduinen, Veteranen, Abenteurer aus allen möglichen Ländern, zerlumpte Kolonisten, die mich mit ihren Pfeifen verstänkern, und all das Pack redet ein Kauderwelsch, das Gott Vater selbst nicht versteht. Und sehen Sie nur, wie man mich behandelt! Niemals geputzt, niemals gewaschen. ... Statt meiner wohlgenährten, ruhigen Pferde von einst hat man mir Araber vorgespannt, Rösser, die den Teufel im Leib haben."

Gezähmte Löwen gibt es in Algerien, allerdings "gedehmütigt, besiegt, blamiert, diesem ganzen muselmanischen Gesindel zum Gespött dienend". Dennoch ist ein solcher Löwe den Moslems hier ein heiliges Tier, es stammt aus einem sogenannten "Löwenkloster". Nicht die Mönche in den muslimischen Klöstern sind heilig, sondern die Löwen. "Ein gewisser Mohammed ben Auda hat es vor etwa dreihundert Jahren gegründet. Es ist eine wilde Abart von La Trappe, die beständig vom Brüllen der Bestien widerhalt und ungemütlich von ihren Gerüchen durchweht ist. Sonderbare Mönche ziehen die Tiere auf und zähmen sie zu Hunderten, lassen sie dann durch ganz Nordafrika ziehen, von Bettelbrüdern begleitet. Die Almosen, die so erworben werden, dienen zum Unterhalt des Klosters und seiner Moschee."

Die Einfältigkeit und Leichtgläubigkeit der Moslems ist manchmal kaum zu überbieten; von den Moslems, die das Gepäck schleppten, blieb einer "sternhagelbesoffen am Straßenrand liegen, weil er zu viel Kampferspiritus getrunken hatte. Ein dritter, der das Reisealbum trug, hatte sich wohl, von den Goldbeschlägen geblendet, eingebildet, er trage die Schätze von Mekka, und so war er, was seine Beine hergaben, mitten in die Sahara davongelaufen."

Die Gerichtsbarkeit im Iran und in vielen muslimisch-türkischen Ländern ist durchaus bekannt. "Eine grausame und unkontrollierte Allgewalt phantastischer Agas, die sich in das rote Bändchen ihrer Ehrenlegion schneuzen und ihren Leuten ohne jede Ursache die Bastonade verabreichen lassen. Eine gewissenlose Justiz bebrillter Kadis, widerwartiger Heuchler, die aus dem Koran und dem Zivilgesetz eine Tartüfferie machen... Ihre Rechtsansprüche verkaufen sie, wie Esau seine Erstgeburt, für ein Linsengericht oder für gezuckerten Kuskus. Kaids, versoffene Kerle und Hurenjäger, die früher bei irgendeinem General Jussuf Putzer waren, wälzen sich in Champagner, treiben es mit den Wäschermädchen aus Menorca, fressen Hammelkeulen toll und voll, während rings um ihre Zelte ganze Stämme Hungers sterben und mit den Hunden um die Abfälle von dem herrschaftlichen Mahl zanken."

Tartarin aus Tarascon lernte nicht nur das Algerien der Beduinenstämme kennen, sondern auch das nicht minder schauerliche und alberne Algerien der Städte, "der Prozesse und Winkeladvokaten. Er machte Bekanntschaft mit dieser Gerichtskomödie, die im Hinterzimmer von Kaffeehäusern gespielt wird, mit der Boheme der Gerichtsunterbeamten, mit Aktenbündeln, die nach Absinth riechen, und weißen Krawatten, die mit Kaffeepunsch beklckert sind. Er lernte die Gerichtsvollzieher kennen, die Sachverwalter bei Handelsgerichten, die Polizeiagenten, alle diese Heuschrecken des Stempelpapiers, die den Kolonisten bis auf die Sohlen seiner Stiefel auffressen und nichts von ihm übriglassen, bis sie ihn abgenagt haben wie einen Maiskolben."

Ein "Teufelsland" und die Geschichte mit den lausigen Muezzinen. «Welche Geschichte? Welcher Muezzin?» «Herrgott, der Muezzin da drüben, der Baja so lustig den Hof machte. Der Akbar hat die Geschichte erst unlängst veröffentlicht, und ganz Algier lacht sich darüber krumm. Es ist auch zu lustig, sich vorzustellen, wie dieser Lausekerl von Muezzin von seinem Turm herab Gebete singt und dabei vor Ihren Augen der Kleinen Liebeserklärungen macht. Im Namen Allahs hat er sie zum Rengezvous bestellt.» «Ja, gibt es in diesem Lande denn nur Schufte?» 

Ein Lausekerl von Muezzin im Gegensatz zu Tartarin als Muezzin: "Als er an der Moschee vorüberkam, fiel ihm der Muezzin ein, und er musste lachen. Plötzlich kam ihm ein Einfall, wie er sich rächen könnte. Die Pforte stand offen. Er trat ein, durchquerte lange mit Matten belegte Gänge, stieg eine endlose Treppe hinauf und gelangte schließlich in eine türkische Betkammer ... Der Muezzin saß mit seinem mächtigen Türban auf einem Diwan, rauchte seine Pfeife von Mostaganem und hatte ein großes Glas frischen Absinth vor sich stehen, den er andächtig rührte. So erwartete er die Stunde, da er die Gläubigen zum Gebet rufen würde. Als er Tartarin gewahrte, ließ er vor Schrecken die Pfeife aus dem Mund fallen." Tartarin schnappte sich Turban und Mantel und schritt auf die Terrasse des Minaretts hinaus und begann zu singen: «Allah il Allah! Mohammed ist ein alter Gauner, der Orient, der Koran, das ist alles nur Schwindel und keinen Sou wert. Türken gibt's überhaupt nicht. Nur Gauner gibt's hier. Es lebe Tarascon!» Während Tartarin seinen lustigen Fluch nach allen vier Richtungen schleuderte, "herabwarf über Meer, Stadt, Ebene und Berg, antwortete die klare und ruhige Stimme der anderen Muezzins, von Minarett zu Minarett weitergegeben." Das neue islamische Glaubensbekenntnis: "Mohammed ist ein alter Gauner, der Orient, der Koran, das ist alles nur Schwindel und keinen Sou wert" sollte von nun an in Moscheen gepredigt werden; zumindest in Europa könnten dann alle Moscheen, die das nicht predigen, geschlossen werden. 

Solche lausigen Muezzine und Moscheen gibt es natürlich inzwischen auch in Europa. Sichtbares Symbol für die Präsenz des Islams in Frankreich ist zum Beispiel die große Moschee von Paris, die nun hundert Jahre alt wird, und die erfolglos islamkritische Autoren wie Michel Houellebecq verklagt hatten. Vor 100 Jahren wurde die Grande Mosquée de Paris eingeweiht. In den ersten Tagen nach der Eröffnung soll auch so ein "Teufelskerl" von Muezzin zum Gebet gerufen haben. "Fassungslosigkeit bei den Anwohnern, bald gefolgt von Pfeifkonzerten und Steinwürfen. Binnen Kurzem, heißt es, brachten Bauarbeiter mit ihrem Spott von gegenüberliegenden Gerüsten herab den Ausrufer zum Schweigen." Nicht nur der Muezzin auch der Rektor der Moschee soll erotische Gedichte verfasst und einen „fabelhaften Champagnerkeller“ besessen haben. Sich im Moscheekomplex aufzuhalten ist ziemlich unangenehm, zum Beispiel im Café zur Mittagszeit, man sitzt zwar hier unter offenem Himmel, "aber ungemütlich dicht beieinander". Farid Boudiaf wohnt im berüchtigten Vorort Aubervilliers und hat sein Taxi vor der weißen Umfassungsmauer abgestellt, um – „schnell, ich habe nur zehn Minuten Zeit“ – Allah anzurufen. Aubervilliers ist eines jener Viertel in Paris, in denen Männer arabisch-muslimischer Herkunft das Straßenbild dominieren und Frauen unerwünscht sind. Dazu Badinter: "Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen. Noch vor fünf Jahren konnte ich mich in Aubervilliers oder La Courneuve als Frau unbesorgt in ein Straßencafé setzen. Das ist vorbei. In den Cafés sitzen einfach keine Frauen mehr. Die Verschleierung der Frauen hat rapide zugenommen. Sie tragen das, was ich die Uniform der Muslimbruderschaft nenne. Das betrifft natürlich nur einige, ganz bestimmte Viertel. Aber ich beobachte, dass inzwischen schon kleine, fünf Jahre alte Mädchen mit einem Schleier verhüllt werden. Das Burka-Verbot ändert leider nichts daran." Der Historiker Pascal Blanchard schreibt in dem jüngst erschienenen Sammelband „La Grande Mosquée de Paris“ über Stimmen, die seinerzeit den Moscheebau geißelten: hier „eine Bedrohung für unsere Zukunft“, dort ein „Riesenbluff“ seitens einer Gesellschaft, „in der das Rassenvorurteil vom diebischen und trägen Kameltreiber“ grassiere. Dalil, der von 1992 bis 2020 als Rektor der Moschee amtierte, spiegelt sich jenes der Grande Mosquée als Institution wider. Obwohl sich Dalil Boubakeur gern als „Voltaire des Islams“ sah. Belesen, urban und mondän, war er ein verkappter Islamist. "Weibliche Schäflein hingegen parkte der Rektor seit 2013 im Keller, pardon: im Untergeschoss – obwohl sie bis dahin doch im selben großen Saal hatten beten dürfen wie ihre männlichen Glaubensgenossen, wenn auch sittsam verborgen hinter einem Vorhang. Protestaktionen parierte der Patriarch mit mittelalterlichen Argumenten: Frauen tendierten zum Tuscheln und/oder Verführen, fast wie der Scheitan." Boubakeurs langjähriger Rechtsanwalt und Nachfolger, Chems-eddine Hafiz gilt zwar als gemäßigt. "Dennoch zweifeln manche an dem Vorzeige-Muslim. „Libération“ schrieb so letztes Jahr, man habe hundertmal über ihn gehört: „Auf dem Papier ist er großartig, klug, aufgeschlossen, ein tadelloser republikanischer Diskurs, aber ....“ Wo nicht gar: „Er hat zwei Gesichter. Vorsicht.“ ... Konkreter wurde das Blatt „L’Opinion“ mit einer Recherche über die Halal-Bescheinigung für alle Importe aus Europa nach Algerien, für welche die Grande Mosquée das Monopol hat. Hafiz sei der alleinige Gesellschafter des betreffenden Unternehmens; die jährlichen Einnahmen belaufen sich je nach Quelle auf zwischen vier und sechzehn Millionen Euro." Ob auch Menschenfleisch für Döner als Halal deklariert wird, soll hier nicht diskutiert werden. Das Pariser Innenministerium boykottierte in Person des damaligen Amtsinhabers Bruno Retailleau das Fastenbrechen während des Ramadans – und brach damit einen jahrzehntealten Brauch. 

Dabei müsste nach S. Rushdie und den Anschlägen vom 11. September 2001 es doch klar sein mit welchen Leuten man es zu tun hat, so dass man mit Tartarin nur ausrufen kann: "Allah il Allah! Mohammed ist ein alter Gauner, der Orient, der Koran, das ist alles nur Schwindel und keinen Sou wert." Sein Buch „Die satanischen Verse“ wurde überall auf der Welt von Islamisten verbrannt. Europa war eben naiv, und daher so unvorbereitet. König Charles III. hatte damals sogar lieber die iranisch-islamischen Gauner mit ihrer Fatwa unterstützt als Herrn Rushdie; man hat Islamisten als Bürgermeister eingesetzt und sie zum Ritter geschlagen, weshalb das ganze Ritter-Gequatsche in England keinen Pfifferling mehr wert ist. 

Für die Terroranschläge vom 11. September 2001 wurden die ins Land geschleusten Islamisten an der Hamburger Universität ausgebildet. Der Terror von 9/11 nahm also seinen Anfang in Hamburg. Hier formte sich die Terrorzelle um Mohammed Atta. Cordula Meyer recherchierte für den „Spiegel“ mehr als ein Jahr lang im Umfeld der Attentäter. Heute sagt sie: "In der Nacht war ich dabei, als die Wohnung von Said Bahaji gestürmt wurde, der zum engsten Kreis der Terrorzelle gehörte. Und ja. Was anfangs nur ein Verdacht war, bewahrheitete sich. Hamburg war der Ort, an dem die Anschläge vorbereitet wurden. ... Ich habe mehr als ein ganzes Jahr lang daran gearbeitet, länger als an irgendeiner anderen Geschichte, bis heute. Schnell wurde klar, dass mehrere Verdächtige an der Hamburger Fachhochschule und an der Technischen Universität Hamburg-Harburg studiert hatten. Deshalb habe ich viel Zeit dort verbracht. Die Unileute standen unter Schock. Eine Mitarbeiterin riss mir das Vorlesungsverzeichnis regelrecht aus der Hand, in dem Mohammed Atta als Leiter der Islam AG aufgeführt war. Ich sprach damals auch mit Kommilitonen der Terroristen und mit Attas Professor, ... Dittmar Machule, der Attas Abschlussarbeit über die Sanierung eines Altstadtviertels von Aleppo betreut hatte. Ich habe ihn in seinem Dachzimmer in Harburg besucht. Wir saßen zwischen vielen Büchern, ich fragte ihn, was das für ein Gefühl sei, Professor eines Massenmörders zu sein. Er konnte es kaum fassen. Massenmörder, sagte er, was für ein Wort, aber ja, so sei es. Ich habe das häufig erlebt. Für viele Menschen, die die Terroristen gekannt hatten, schien es unvorstellbar, dass es sich um dieselben Personen handelte, die später die Flugzeuge ins World Trade Center steuerten. Die Vermieterin eines der Piloten, Ziad Jarrah, mochte ihren Mieter so sehr, dass sie mir ein Ölgemälde zeigte, das sie von ihm gemalt hatte." 

Selbst weltgewandte, eloquente Studenten wurden zu islamistischen Terroristen, "denen man den Irrweg ihrer Sekte weder mit Stellen aus der Heiligen Schrift begreiflich machen kann noch mit Gründen, die auf Vernunftschlüssen beruhen." (Cervantes) Es sind eben alles Lügner, auch die Journalistin wurde belogen: "Wenn ich mich in ihrem Umfeld bewegte, wurde ich oft belogen. Den Terrorhelfer Abdelghani Mzoudi habe ich zum Beispiel gefragt, warum er das Testament von Mohammed Atta unterschrieben hatte. Er antwortete, das habe er nur aus Nettigkeit gemacht, er habe von den Terrorplänen und einer Radikalisierung nichts geahnt. Hinterher stellte ich fest, dass diese Treffen im Umfeld der Terroristen von den Behörden observiert wurden. Da gab es dann Fotos von mir und meinem Kollegen Dominik Cziesche mit Mzoudi. Die Behörden überprüften auch den alten Golf meiner Mutter." 

Logisch, dass die Universitäten sich mit dem üblichen Gequatsche herausreden: "Die Uni Hamburg-Harburg erklärte sofort, sie sei ein weltoffener Ort und das werde sie bleiben. Aber manchmal kam es mir so vor, als fühlten sie sich betrogen. Atta war ein guter, engagierter Student gewesen, auch andere hatten tatsächlich studiert und Prüfungen abgelegt. Sie galten als Aushängeschilder für eine gelungene Integration. Dass aus ihrer Mitte heraus so etwas geplant werden würde, das konnten sich die Leute an der Uni nicht vorstellen. ... Sie haben hier studiert und sich dann gefunden. Mohammed Haydar Zammar war der Islamist, der die Gruppe wahrscheinlich zusammenführte. Er war in Afghanistan gewesen, und er war es, der die Gruppe radikalisierte. Er hatte sie vermutlich in einer Moschee kennengelernt und erkannt, welches Potential sie für seine Zwecke hatten. Aber das sind Erkenntnisse, die auf Recherchen der Ermittlungsbehörden beruhen."

Auch wenn kein "lausiger Muezzin" (Tartarin) an der Uni war, so sollte wenigstens ein Raum geschaffen werden, um den idiotischen Allah antufen zu können: "Einem Asta-Vertreter wurde sie damit erklärt, dass Mohammed Atta nicht studieren könne, wenn er nicht beten könne. Das war die Erklärung, deshalb wurde die Islam AG eingerichtet. Die Treffen fanden in einer Baracke bei den anderen Studentenklubs statt, und man hat sie als Ausweis der eigenen Toleranz, Weltoffenheit und Vielfältigkeit angesehen." 

Wenn im "Rosenkavalier" von Richard Strauß ein Mohammed als Diener angestellt ist und verlorene Taschentücher aufheben muss, dann wäre das vielleicht ein angemessener Arbeitsplatz für einen Moslem in Europa, vor allem wenn er sich als Islamist entpuppt. Aber Ausbildung als Pilot oder Ingenieur, könnte gefährlich werden, besonders nach einer Pilgerfahrt nach Mekka . Nur wer naiv ist glaubt das nicht, wie zum Beispiel das Ingenieurbüro von Jörg Lewin. Als seine Mitarbeiter Anfang der Neunzigerjahre an der Technischen Universität Hamburg-Harburg einen Zettel ausgehängt hatten auf der Suche nach studentischen Hilfskräften, empfahl ein Engländer einen ägyptischen Studenten mit den Worten: „Mohammed, der kann so toll zeichnen.“ Im Hamburger Büro von Jörg Lewin arbeitete also etwa fünf Jahre lang Mohammed Atta als studentische Hilfskraft – der Mann, der sich vom Bauzeichner zum Todespiloten wandelte und am 11. September 2001, vor 25 Jahren, als Kopf von fünf Entführern den American-Airlines-Flug 11 in den Nordturm des World Trade Center steuerte. "Jörg Lewin, heute 78 Jahre alt, hatte 1987 das Büro Plankontor in Hamburg gegründet. Rund fünf Jahre später eröffnete er eine Niederlassung in Neuruppin im nördlichen Brandenburg. Er legte Bebauungs- und Flächennutzungspläne an und beriet Kommunen in städtebaulichen Fragen. Bei einem Auftrag für die Stadt Neuruppin nahm der Stadtplaner seine studentische Hilfskraft mit. Es ging um die Sanierung der Altstadt. Mohammed Atta sei stundenlang durch den Ort gelaufen, um seine Zeichnungen zu perfektionieren: „Das hat er bis zur Bewusstlosigkeit gemacht“, sagt Lewin am Telefon. Sie kamen in der Nähe unter, im Hotel Waldeck im Ort Dorf Zechlin, saßen auf der Terrasse, aßen und sprachen viel miteinander: „Er hat richtig gut Deutsch gesprochen.“ Mohammed Atta wurde 1968 in Kafr asch-Schaich, nördlich von Kairo, geboren. In der ägyptischen Hauptstadt wuchs er mit zwei älteren Schwestern auf, nach der Schule studierte er dort Architektur und lernte Englisch an der privaten American University. Lewin sagt, erst im Nachhinein sei deutlich geworden, dass schon Mohammed Attas Vater, ein Rechtsanwalt, „ein großer Amerika-Hasser“ gewesen sei. ... Anfang der Neunzigerjahre kam der junge Architekt nach Deutschland, studierte an der TU Hamburg-Harburg (heute TU Hamburg) Stadtplanung. Nebenbei verdiente er sich seinen Lebensunterhalt bei Plankontor: 15 bis 20 Stunden pro Woche, Stundenlohn 15 Mark. „Wir haben ihn als freundlichen Menschen kennengelernt, der seinen Glauben streng gelebt hat“, sagt Lewin. Gleich zu Beginn fragte Atta, ob er im Büro beten könne. „Wenn du den Betrieb nicht störst, kannst du das machen“, antworteten sie. In einer Ecke habe Atta dann täglich gebetet. „Das hat uns nicht gestört.“ Während andere eine Raucherpause machten, sagt Lewin, brauchte Atta seine „Betenpause“. ... In der Firma hieß er Mohammed El-Amir. Atta sei zwar Teil des Nachnamens gewesen, aber in der Telefonliste stand El-Amir. ... Nur manchmal war Jörg Lewin irritiert von Verhaltensweisen, die im Nachhinein eine andere Bedeutung bekamen. Mit einem Türken, der im Büro angestellt war, habe sich Atta in der Küche gestritten. Er sei kein richtiger Muslim, weil er Alkohol trinke, warf ihm der gläubige Ägypter vor. Ein weiteres Beispiel: „Mohammed hatte Probleme damit, wenn Frauen ihm Anweisungen gaben.“ Wenn ihm eine Kollegin sagte, was er zeichnen solle, sei er „unfreundlich und mürrisch“ gewesen. „Frauen als Autoritäten hat er überhaupt nicht akzeptiert.“ ... An Betriebsausflügen habe er nicht teilgenommen. „Er hat keinerlei Vergnügungen mitgemacht. Das war auffällig.“ Gleichwohl sei er „gut integriert“ gewesen. Von seiner Pilgerfahrt nach Mekka habe er eine Postkarte geschickt, die eine Zeit lang an der Pinnwand im Büro hing. Nach einem Besuch in Kairo habe Mohammed Atta einen Vortrag im Büro gehalten. Darin habe er den „amerikanischen Einfluss“ auf das Stadtbild kritisiert: Die Hochhäuser seien im westlichen Stil gebaut worden. „Atta wollte, dass im arabischen Raum eine eigene Architektur entsteht, dass sich eine regionale Architektur entwickelt.“ Wörtlich soll er gesagt haben: „Ich will nicht, dass alles vom Westen beeinflusst wird.“ ... Um 1996/1997 musste Atta das Plankontor verlassen. Durch die Einführung der Computer habe man keine Hilfskräfte mehr gebraucht, sagt Lewin. „Das hat er ohne Murren hingenommen. Aber frustriert hat es Mohammed doch, dass er keinen Job bekam.“ Seither habe man im Büro nie wieder etwas von ihm gehört. Kein Besuch, kein Anruf, keine Postkarte. ... Gemeinsam mit Ramzi Binalshibh und Said Bahaji, die ebenfalls der „Hamburger Terrorzelle“ angehörten, wohnte er in Harburg und hörte in der Hamburger Al-Quds-Moschee Predigten des radikalen islamistischen Predigers Mohammed Fazazi, er galt sogar als einer von dessen „Musterschülern“. Im Jahr 2000 zog er dann in die Vereinigten Staaten und machte dort eine Pilotenausbildung. ... Als am 11. September 2001 die Boeing 767 um 8.46 Uhr Ortszeit in den Nordturm flog, verfolgte Jörg Lewin die Bilder von den einstürzenden Türmen am Fernseher in seinem Hamburger Büro. Am darauffolgenden Tag habe ihn abends die Mitarbeiterin angerufen, mit der Atta nicht klargekommen war: „Weißt du eigentlich, wer in den Tower geflogen ist? Das ist doch unser Mohammed.“ Der Ingenieur konnte es nicht glauben: „Das war völlig irrwitzig, völlig unwirklich.“ Tartarin hätte solche Leute sicher nicht eingestellt, jedenfalls nicht vor der Taufe. [3]
 
 

3. Tartarin sur les Alpes / Tartarin in den Alpen

Tartarin erreicht den Gipfel: "Auf der Freitreppe war der Armbrustschütze nur noch ein dicker, untersetzter stämmiger Mann, der jetzt innehielt, um sich zu verschnaufen, den Schnee von seinen gelbtuchenen Gamaschen, eben solcher Mütze und der gestrickten, Ohren, Hinterkopf und Hals deckenden Haube schüttelte, aus welchem Kleidungsstück von dem Gesicht nur ein Paar Büschel ergrauenden Barthaars und ungeheure, wie Stereoskope gewölbte grüne Brillengläser hervorguckten. Die Hacke, der Alpenstock, ein Bergsack auf dem Rücken, ein Bündel gerollter, kreuzweis über einander gelegter Seile, eiserne Klammern und Haken am Gürtel einer englischen Joppe mit breiten Taschenklappen vervollständigten die Ausrüstung eines vollendeten Alpensteigers. Auf dem öden Gipfel des Montblanc oder des Finsteraarhorns wäre diese Erscheinung etwas sehr Natürliches gewesen; aber auf dem Rigi-Kulm, zwei Schritt von der Eisenbahn! Der Alpensteiger kam freilich nicht von der Seite der Station her und das Aussehen seiner hohen Gamaschen wies auf einen langen Marsch durch Schnee. ... Einen Augenblick betrachtete er das Hotel und dessen Nebengebäude, höchlich verwundert darüber, nahezu zweitausend Meter über dem Meeresspiegel ein so gewaltiges Bauwerk, durch Glasscheiben geschlossene Galerien, offene Säulengänge, sieben vielfenstrige Stockwerke und einen breiten Perron anzutreffen, der sich zwischen zwei Reihen auf eleganten Ständern ruhenden Pechpfannen hinzog, welche dieser Bergeshöhe fast das Aussehen des Opernplatzes in winterlicher Abenddämmerung verliehen. So verwundert er aber auch sein mochte, die Hotelbedienung war es noch mehr als er; und als er in den ungeheuren Flur vordrang, entstand ein sonderbares Gedränge vor allen Türen, die zu den Sälen führten: Herren mit Billardstöcken in der Hand, andere mit geöffneten Zeitungen, Damen mit einem Buch oder einer Handarbeit, und tief im Hintergrunde, da wo die Treppe aufsteigt, beugte es sich Kopf an Kopf über das Geländer zwischen die Ketten des Elevators. Der Mann sagte ganz laut, mit starker, tiefer Bassstimme, wie man sie nur im mittäglichen Frankreich kennt, und die wie ein Paar Klappschüsseln tönte: «Nichtswürdiges Pech! Ist das ein Wetter!...» Und im gleichen Moment blieb er stehen und nahm seine Mütze und die Brille ab. Er erstickte fast. Das blendende Licht, die vom Gas und den Oefen ausströmende Wärme im Gegensatz zu der Kälte draussen, dann der ganze prunkvolle Apparat, die hohen Räume, die aufgeputzten Portiers mit den Worten REGINA MONTIUM in goldenen Buchstaben auf ihren Admiralsmützen, die weissen Halsbinden der Kellner und das Bataillon Schweizerinnen in Nationaltracht, das auf ein Glockenzeichen herbeieilte, alles das betäubte ihn eine Sekunde lang, aber nicht länger als eine. Er fühlte, dass alle Blicke auf ihm ruhten und auf der Stelle fand er seine Fassung wieder, wie ein Schauspieler vor vollen Logen. «Der Herr befehlen?...» Es war der Oberkellner, der ihn mit kaum geöffneten Lippen anredete; ein sehr feiner Oberkellner, modernstes Jaquett, seidenhaariger Backenbart, der Kopf eines Damenschneiders. Der Alpensteiger verlangte ohne Zaudern ein Zimmer, «ein flottes, hübsches Zimmerchen wenigstens;» er stellte sich zu dem majestätischen Oberkellner wie zu einem ehemaligen Schulkameraden. Aber fast hätte er sich geärgert, als die Bernerin, steif wie ihr mit silbernen Kettchen behangener Brustlatz, und die schneeweissen Aermel nicht minder steif gestärkt, ihm mit brennender Kerze entgegentrat und die Frage an ihn richtete, ob er vielleicht des Elevators sich bedienen möchte. Der Vorschlag, ein Verbrechen zu begehen, hätte in seinem Herzen keine tiefere Entrüstung erregen können. ...Ein Hebestuhl, ein Aufzug, ihm!... ihm! Bei diesem Ausruf, bei seiner Armbewegung fing die ganze eiserne Ausrüstung des Mannes zu klirren an. Aber plötzlich wieder sanfter gestimmt, sagte er in liebenswürdigstem Tone zu der Schweizerin: «pedibus cum beinis, mein süsses Kätzchen...» und er stieg hinter ihr her die Treppe hinauf, mit seinem breiten Rücken die Leute auf seinem Wege bei Seite schiebend, während durch das ganze grosse Hotel die einzige lange Frage von Mund zu Mund in allen Sprachen der Welt sich wiederholte: «Was ist nur das für ein Wesen?» 

Wie alle Prachthotels von Interlaken liegt das von Herrn Meyer gehaltene Hotel Jungfrau auf dem Höheweg, der breiten Promenade mit zwei Reihen mächtiger Nussbäume, die Tartarin von fern an seinen geliebten Stadtwall von Tarascon erinnerte, nur dass die Sonne, der Staub und die Grillen hier fehlten; denn seit einer Woche, die er sich hier befand, hatte es nicht aufgehört zu regnen. "Er bewohnte ein sehr schönes Zimmer mit Balcon im ersten Stock. Und wenn er morgens vor einem kleinen Handspiegel am Fenster seine Toilette beendete, eine alte Reisegewohnheit, so war der erste Gegenstand, dem seine Augen jenseits der Wiesen, der Kleefelder und der steil ansteigenden Tannengehölze begegneten, die Jungfrau, die ihren schneeweissen Gipfel aus den Wolken erhob, und stets von einem flüchtigen Blick der verborgenen Sonne geherzt wurde. Dann entspann sich zwischen der rosig und weiss schimmernden Alpenfee und dem Alpenfreund von Tarascon ein kurzes Zwiegespräch, dem es an grossen Zügen nicht gebrach. «Tartarin, sind wir bereit?» fragte die Jungfrau strenge. «Voilà, voilà...» antwortete der Heros, und er beeilte sich, mit seinem Bart fertig zu werden. Rasch hatte er sein Kostüm für die Bergbesteigung angelegt, das er seit einigen Tagen in die Ecke geworfen hatte."

Gespräch über Russland, die Tyrannei des Zaren und den aufkommenden Nilihismus bzw. Sozialismus: "Doch während die schmalen Lippen des Kranken sich zu einem ironischen Lächeln verzogen, schüttelte Sonia den Kopf. Für sie gab es keine Sonne, keine Festlichkeiten, so lange das russische Volk unter dem Tyrannen sich zu Tode röchelte. Sobald ihr Bruder genesen wäre, – in ihren feucht schimmernden Augen las man diese Hoffnung nicht, – werde nichts sie hindern dorthin zurückzukehren und für die heilige Sache zu leiden und zu sterben. «Aber, verwünschtes Loos, rief der Tarasconnese aus, wenn sie diesen Tyrannen in die Luft gesprengt haben, kommt nach ihm ein anderer.... Dann heisst es von vorn wieder anfangen.... Und die Jahre schwinden, vé! die Zeit, wo das Glück und junge Liebe uns winkt....» Seine Art, das Wort «Liebe» zu betonen, während ihm die Augen zum Kopf heraustraten, belustigte das junge Mädchen; doch sogleich wieder ernst werdend, erklärte sie, nur den Mann lieben zu können, der ihr Vaterland befreien werde. O, diesem, und wäre er auch so hässlich wie Bolibin, so bäurisch und unmanierlich wie Manilow, ihm würde sie sich bereitwillig hingeben, in «freier Liebe» mit ihm zusammenleben, so lange ihre Jugend daure und jener Mann sie wolle. «In freier Liebe», der Ausdruck, dessen die Nihilisten sich bedienen, um jene illegalen, nur durch gegenseitige Einwilligung zwischen ihnen eingegangenen Verbindungen zu bezeichnen. Und von einer solchen primitiven Ehe sprach Sonia ruhig mit ihrer jungfräulichen, schuldlosen Miene in Gegenwart des Tarasconnesen, der, obwohl ein braver Philister, ein friedliebender Staatsbürger, ganz und gar geneigt war, seine Tage an der Seite des lieblichen Mädchens, in dem eben erwähnten Verhältniss der freien Liebe zuzubringen, wenn sie nur nicht so mörderische, verabscheuungswürdige Bedingungen gestellt hätte. Während sie diese äusserst bedenklichen Fragen berührten, entfalteten sich Felder, Seen, Wälder und Berge vor ihren Blicken, und überall, an jeder Krümmung der Strasse, hinter dem durchsichtigen feuchten Schleier unerschöpflichen Regens, der den Helden auf seinen Ausflügen begleitete, erhob die Jungfrau ihren schimmernden Gipfel, als wolle sie in das Vergnügen der köstlichen Spazierfahrt eine herbe Mahnung mengen. Man kehrte zum Mittagessen zurück und setzte sich an die ungeheure Table-d'hôte. Tartarin hatte seinen Platz neben Sonia; er war nur darauf bedacht, dass Boris kein offenes Fenster im Rücken hatte; zuvorkommend, väterlich, kehrte er alle Liebenswürdigkeit des Weltmannes, alle geselligen und häuslichen Tugenden eines vortrefflichen zahmen Kaninchens hervor. Darauf nahm man den Tee bei den Russen ein in dem kleinen offenen Salon, der im Erdgeschoss auf ein Gartenplätzchen am Rande der Promenade hinausging. Dies war für Tartarin eine köstliche Stunde vertraulicher, mit leiser Stimme geführter Unterhaltung, während Boris auf einem Sopha schlummerte. Im Samowar brodelte das heisse Wasser; der Duft regengetränkter Blüthen drang durch die halbgeöffnete Tür mit dem blauen Schimmer der Glycinen, welche diese umrankten. Ein wenig mehr Sonne, ein wenig mehr Wärme, und der Traum des Tarasconnesen fand sich verwirklicht: seine kleine Russin lebte bei ihm, dort unten in seiner Heimat, und pflegte das Gärtchen mit dem Baobab. ... Manilow und Bolibin warteten fast immer bei ihren Freunden auf die eingetroffenen Nachrichten. Wegen grösserer Sparsamkeit und vorsichtshalber wohnten sie nicht im Hotel. Bolibin hatte in einer Buchdruckerei Beschäftigung gefunden, und Manilow, ein sehr geschickter Kunstschreiner, arbeitete für mehrere Werkstätten. Der Tarasconnese fühlte keine Zuneigung zu ihnen, der Eine war ihm unangenehm durch sein Gesichterschneiden, seine spöttischen Mienen; der Andere erschreckte ihn durch seine drohenden Blicke. Auch nahmen sie einen zu grossen Platz in Sonia's Herzen ein."

Tartarin vertiefte sich in eine philosophische, humanitäre Discussion mit einem der zahlreichen Anwesenden, denn Bolibin und Manilow waren nicht die einzigen Besucher der Wassiliew. "Täglich erschienen neue Gesichter, junge Leute, Männer und Frauen, ihrem Aussehen nach arme Studenten, überspannte Erzieherinnen, blond und rosig, welche dabei die energische Stirn und die wilde Kindernatur Sonia's besassen. Es waren Verbannte, ausserhalb des Gesetzes stehende, einige sogar zum Tode Verurteilte, was ihnen nichts von ihrer lebensfrischen Jugend nahm. Sie lachten und schwatzten laut, und da die meisten französisch sprachen, fühlte sich Tartarin schnell behaglich unter ihnen. Sie nannten ihn «Onkel», und erkannten in seinem Wesen etwas Kindliches, Naives, das ihnen gefiel. Vielleicht ging er etwas zu weit bei der Erzählung seiner Jagdabenteuer, indem er den Aermel bis zum Ellenbogen hinaufstreifte, um auf dem behaarten Arm die Narbe zu zeigen, welche die Tatze eines Panthers da zurückgelassen, oder auch unter seinem Bart die Löcher fühlen liess, die von den Zähnen eines Löwen vom Atlasgebirge herrührten. Vielleicht war er auch gleich gar zu vertraulich mit den jungen Leuten, nahm sie um die Taille, stützte sich auf ihre Schulter, nannte sie, nachdem er fünf Minuten mit ihnen zusammen gewesen, bei ihrem Vornamen:  «Hören Sie, Dimitri.... Sie kennen mich, Fedor Iwanowitsch...» Nicht gerade seit langer Zeit, jedenfalls; doch trotzdem gewann er sie durch seine Offenheit, durch sein liebenswürdiges, vertrauensvolles Wesen, durch das sichtliche Bemühen, zu gefallen. Sie lasen Briefe in seiner Gegenwart, ersannen Pläne und Losungswörter, um die Polizei irre zu führen, einen ganzen Verschwörungsapparat, der die Phantasie des Tarasconnesen ungemein beschäftigte; und obwohl seine Natur jeder Gewalttat widerstrebte, konnte er sich bisweilen nicht enthalten, ihre mörderischen Pläne mit ihnen zu besprechen. Er billigte, tadelte, gab Ratschläge, wie sie die Erfahrung eines grossen Anführers lehrte, der auf dem Kriegspfad gewandelt und gewöhnt ist an die Handhabung jeglicher Waffe, der Aug' in Auge mit den gewaltigsten Raubthieren gekämpft hat. ... Worein mischte er sich? Der Zar war doch wirklich nicht sein Zar, und all' jene Geschichten gingen ihn nichts an.... Sah er sich nicht schon an einem der nächsten Tage in's Gefängniss geschleppt, ausgeliefert, der moskowitischen Justiz überwiesen?... Boufre! und sie spassen nicht, diese Kosaken.... Und mit der schrecklichen Erfindungsgabe, welche die horizontale Lage noch erhöhte, entrollten sich in der Dunkelheit seines Hotelzimmers, wie auf einem jener auseinander zu legenden Bilderbogen, die man ihm in seiner Kindheit am Neujahrstage schenkte, die verschiedenen furchtbaren Folterqualen vor seinen Augen, denen er unterworfen wurde. Tartarin, gleich Boris, in den Kupferbergwerken arbeitend, bis zum Bauch im Wasser, den Körper zerfressen, vergiftet. Er entrinnt und versteckt sich in den schneebedeckten Wäldern, verfolgt von den Tartaren und den auf die Menschenjagd abgerichteten Hunden. Von Kälte und Hunger erschöpft, wird er von Neuem ergriffen und schliesslich zwischen zwei Galeerensträflingen gehenkt, nachdem ihn ein nach Branntwein und Tran stinkender Pope mit schmierig glänzenden Haaren umarmt und geküsst hat; ...In der Beängstigung eines jener bösen Träume hatte er den Nothschrei ausgestossen: «Zu mir, Bézuquet!...» und dem Apotheker den vertraulichen, von Angstschweiss noch feuchten Brief geschickt. Doch der sanfte Morgengruss Sonia's an seinem Fenster genügte, um ihn zu bezaubern, ihn von Neuem in die Schwäche und Unentschlossenheit zurückzurufen." Später wurde Tartarin versehentlich sogar verhaftet weil er von der Polizei für einen linken Verschwörer gehalten wurde.

Chamonix, Montblanc Besteigung, Katastrophe auf dem Matterhorn; Karawane zog in imposanter Ausrüstung durch die engen Gassen von Chamonix; Pierre-Pointue, die letzte Station für die Saumtiere; Hütte, welche die Gemeinde Chamonix auf den Grands-Mulets hat errichten lassen; sie gingen längs der glitzernden, schlüpfrigen, in unendlicher Tiefe sich verlierenden Spalten dahin, an den Seraks vorbei; Ein Museum des Unheils, denn es enthält Andenken von allen Schreckensereignissen auf dem Montblanc [4]: 
 

"Im Hotel Baltet, einem der besuchtesten und besten des Alpendorfes, hatten die zahlreichen Reisenden und Pensionäre, von den Tagesausflügen ermüdet, sich zurückgezogen. Im grossen Salon befand sich nur noch ein englischer Pastor, der mit seiner Gemahlin friedlich Dame spielte, während seine unzähligen Töchter, mit rohseidenen Latzschürzen geschmückt, fleissig Einladungen zum nächsten Gottesdienst schrieben. Vor dem Kamin, in welchem ein lebhaftes Feuer prasselte, sass ein junger Schwede. Er war mager, blass, schaute düstern Blicks in die Flamme und trank eine Mischung von Kirsch und Selters dazu. Von Zeit zu Zeit schritt ein verspäteter Tourist durch den Saal; seine Kamaschen waren nass, es tropfte von seinem Ueberzieher, er ging an ein grosses, an der Wand hängendes Barometer, er klopfte daran, befragte das Quecksilber nach dem Wetter am nächsten Tage und legte sich ungetröstet zu Bett. Kein Wort, kein anderes Lebenszeichen als das Knistern des Feuers, das Anschlagen des mit Eis gemischten Regens an die Scheiben und das rasende Toben der Arve unter der hölzernen Brücke, einige Meter vom Hotel. ... Ein herrlicher Weg, den sie mit geschlossenen Augen, in ihre Decken gehüllt und unter sonorem Schnarchen zurücklegten, ohne nur auf die wundervollen Landschaft zu blicken, die selbst beim Regen von Sallanches ab sich entrollte: Schluchten, Wälder, schäumende Wasser, und je nach den Windungen, bald sichtbar, bald entflohen, der Gipfel des Montblanc über den Wolken. Von dieser Art Naturschönheiten schon gesättigt, dachten unsere Bürger von Tarascon nur daran, die schlimme Nacht hinter den Gittern des Schlosses Chillon wieder gut zu machen. Und auch jetzt noch, da man ihnen an einem Ende des langen Speise-Saals im Hotel Baltet eine aufgewärmte Suppe und die Reste von der Table-d'hôte servirte, assen sie mit Heisshunger in sich hinein, ohne ein Wort zu sagen, nur mit dem Gedanken an das warme Bett beschäftigt. ... Umdrängt von all' diesen Leuten, die er noch nie in seinem Leben gesehen hatte, lächelte Papa Ballet in seiner ruhigen Weise; ein kräftiger, grosser und breitschultriger Savoyarde, mit rundem Rücken, gemessenem Schritt, in dem vollen, rasirten Gesicht zwei noch jugendlich blickende, schlaue Augen, die einen merkwürdigen Gegensatz bildeten zu seinem Kahlkopf, den er sich durch eine Erkältung bei Sonnenaufgang im Schnee geholt hatte. «Die Herren wollen den Montblanc besteigen?» sagte er, die Tarasconnesen mit einem zugleich demüthigen und ironischen Blick messend. Tartarin war im Begriff zu antworten, Bompard kam ihm zuvor. «Nicht wahr, die Jahreszeit dazu ist schon sehr weit vorgerückt? – Nicht doch, antwortete der ehemalige Führer.... Jener schwedische Herr wird ihn morgen besteigen, und Ende der Woche erwarte ich zwei Amerikaner, die ihn gleichfalls besteigen wollen. Einer von ihnen ist sogar blind. – Ich weiss. Ich bin ihnen auf dem Guggi begegnet. – Ach? Sie waren auf dem Guggi? – Vor acht Tagen, als ich die Jungfrau bestieg.» Es entstand eine Bewegung unter den Pfarrerstöchtern; alle Federn ruhten, die Köpfe wandten sich Tartarin zu, der in den Augen der Engländerinnen, jede eine unerschrockene Bergsteigerin und in allen Arten Sport erfahren, zu einer bedeutenden Autorität wurde. Er hatte die Jungfrau bestiegen! «Ein schönes Stück Arbeit!» sagte Papa Baltet, den P. C. A. voller Verwunderung betrachtend, während Pascalon, durch die Damen eingeschüchtert, errötend und stotternd murmelte: «He...e...e...err! erzählen Sie ihnen doch die... die... Geschichte... den Spalt....» Der Präsident lächelte: «Du Kindskopf!» und doch begann er die Erzählung von seinem Sturz, zuerst ruhig, gleichgültig, darauf mit heftigem Geberdenspiel, wie er über dem Abgrund an dem Seilende zappelte, die Hände ausstreckend um Hilfe rief. ... «Nicht das Seil ist gerissen auf dem Matterhorn.... Der den Zug schliessende Führer hat es mit seiner Axt durchschnitten....» Und da Tartarin seine Entrüstung hierüber ausdrückte, so erläuterte er: «Entschuldigen Sie, Herr, der Führer war in seinem Recht.... Er sah die Unmöglichkeit ein, die Anderen zurückzuhalten, und er hat sich von ihnen frei gemacht, um sein Leben, das seines Sohnes und des Reisenden zu retten, den sie begleiteten... ohne seine Entschlossenheit hätte man sieben anstatt vier Opfer gezählt.»

Der Montblanc, der ihm gegenüber in vollem Sonnenglanz schimmerte, verbreitete die Helle. Er öffnete das Fenster dem schneidenden, belebenden Gletscherwind, der ihm das Geläut der hinter den langgezogenen Tönen des Alpenhorns der Hirten einherziehenden Herden zuführte. Ein stärkender, erfrischender Hauch erfüllte die Atmosphäre, wie er ihn in der Schweiz noch nicht eingeathmet hatte. Unten erwartete ihn eine Versammlung von Führern und Trägern, der Schwede tronte schon auf seinem Tier und unter den im Kreise herumstehenden Neugierigen befand sich die Pfarrresfamilie mit ihren sämmtlichen munteren Fräuleins in Morgentoilette, die den Helden, der sie in ihren Träumen verfolgt hatte, nicht ohne «Shake hand» ziehen lassen wollten. «Ein herrliches Wetter... beeilen Sie sich...» rief der Gastwirt, dessen kahler Schädel wie ein polirter Granit in der Sonne leuchtete. Aber Tartarin mochte sich noch so sehr beeilen, es war keine kleine Arbeit, die Delegirten aus dem Schlaf aufzurütteln, und sie wollten ihn doch bis zur Pierre-Pointue begleiten, der letzten Station für die Saumtiere. Weder Bitten noch Vorstellungen vermochten den Kommandanten aus dem Bett zu treiben; die baumwollene Nachtmütze über die Ohren gezogen, die Nase gegen die Wand gekehrt, begnügte er sich damit, die Vorwürfe des Präsidenten mit einem cynischen, tarasconnesischen Sprichwort zu beantworten: «Wer im Rufe steht, früh aufzustehen, darf bis Mittag schlafen....» ... Endlich setzte die Karawane sich in Bewegung und zog in imposanter Ausrüstung durch die engen Gassen von Chamonix: Pascalon voran, auf einem Maultier, mit dem flatternden Banner; den Zug schliessend, ernst wie ein Mandarin zwischen den zu beiden Seiten eines Saumtieres schreitenden Führern und Trägern, der gute Tartarin, absonderlicher wie je als Alpensteiger ausstaffiert, auf der Nase eine neue Brille mit gewölbten, rauchgeschwärzten Gläsern, und stolz auf das famose, man weiss um welchen Preis wiedereroberte, in Avignon verfertigte Seil. Beinahe eben so sehr angestaunt wie das Banner, jubelte er unter seiner anspruchsvollen Ausstaffirung, ergötzte sich an dem malerischen Aussehen der Gassen des savoyischen Dorfes, das von einem Schweizer Dorf, das so sauber und geleckt ist wie ein neues Spielzeug, wie ein Dorf aus einer Nürnberger Schachtel, sich so sehr unterscheidet. Und welch ein Kontrast zwischen den kaum über den Boden sich erhebenden Hütten, in denen der Stall fast den ganzen Raum einnimmt, und den grossen, prunkvollen, fünfstöckigen Hotels ... Nachdem sie über eine kleine Brücke die Arve überschritten hatten, gelangte die Karawane auf einen jener schmalen, zwischen Tannen sich hinziehenden, gewundenen Bergpfad, auf dem die Saumtiere, eines hinter dem andern, mit stahlharten Hufen allen Krümmungen des Abgrundes folgen, und unsere Tarasconnesen hatten ihre volle Aufmerksamkeit nöthig, um sich im Gleichgewicht zu halten, wobei manche «Allons... doucemain... outre...» fielen, mit denen sie ihre Tiere zügelten. ... Als er seinen Fuss auf das Eis setzte, musste Tartarin doch lachen, wenn er an den Guggigletscher und an seine vervollkommneten Eissporen dachte. Welch ein Unterschied zwischen dem Neuling, der er damals gewesen und dem Alpensteiger ersten Ranges, der er nun geworden war! Gleich einem kräftigen Baumstamm in seinen schweren Stiefeln wurzelnd, die der Portier des Hotels ihm am Morgen mit vier grossen Nägeln beschlagen hatte, im Gebrauch der Eishacke erfahren, brauchte er kaum noch die Hand eines seiner Führer, und dies auch weniger, um sich unterstützen, als sich den Weg zeigen zu lassen. Die matt geschliffne Brille dämpfte das Blenden des Gletschers, den eine neulich gefallene Lawine mit frischem Schnee überstreut hatte, in welchem eine grünliche, verräterische Pfütze sich zeigte. Sehr ruhig, durch die Erfahrung gefestigt, dass auch nicht die geringste Gefahr vorhanden sei, ging Tartarin längs der glitzernden, schlüpfrigen, in unendlicher Tiefe sich verlierenden Spalten dahin, an den Seraks vorbei, und nur von dem einzigen Gedanken beherrscht, mit dem schwedischen Studenten, einem unerschrocknen Bergsteiger, Schritt zu halten, dessen hohe Kamaschen mit Silberschnallen schlank und dürr und in demselben Takt sich vorwärts bewegten wie sein Alpenstock, der wie ein drittes Bein sich ausnahm. ... Im Vergleich mit der Klubhütte auf dem Guggi ist die Hütte, welche die Gemeinde Chamonix auf den Grands-Mulets hat errichten lassen, wirklich bequem zu nennen. ... Ein Museum des Unheils, denn es enthält Andenken von allen Schreckensereignissen, die auf dem Montblanc seit den vierzig Jahren, die der Alte hier wirtet, sich zugetragen haben. Und indem er ein Stück nach dem andern aus dem Glaskasten holte, erzählte er ihren traurigen Ursprung.... Mit diesem Stück Tuch, diesen Westenknöpfen verbindet sich das Andenken an einen russischen Gelehrten, der durch einen Sturm auf dem Gletscher der Brenva verunglückte.... Diese Kinnbacken sind die Ueberreste eines der Führer der berühmten Karawane von elf Reisenden und Trägern, die in einem Schneesturm verschwunden sind.... Bei dem Dämmerlichte des sinkenden Tages und dem bleichen Reflex, der von den Firnfeldern auf die Scheiben und die Ausstellung dieser Todes-Reliquien fielen, hatten diese eintönigen Erzählungen etwas Beklemmendes, und dies um so mehr, als der Greis seine zitternde Stimme bei den pathetischen Stellen rührender erklingen liess und fast zu Tränen bewegt wurde, als er ein Stück grünen Schleiers von einer englischen Dame entfaltete, die im Jahre 1827 durch eine Lawine verschüttet worden war. Tartarin mochte sich noch so sehr durch die Daten beruhigen und sich überzeugen, dass die Compagnie zu jener Epoche noch keine gefahrlosen Bergbesteigungen organisirt hatte; es half nichts, der savoyische Unglücksrabe schnürte ihm die Brust zusammen. Er musste hinaus vor die Tür, um Luft zu schöpfen. Die Nacht hatte sich über Schluchten und Klüfte gelegt. Die Bossons standen leichenfahl da, während der Montblanc seinen, noch vom letzten Sonnenstrahl geküssten, rosigen Gipfel erhob. An diesem Lächeln der Natur erheiterte sich auch unser Südländer. ...

In einer finstern, schwarzen Nacht, ohne Mond, ohne Stern, ohne Himmel, entrollt sich langsam auf dem zitternd weissen Plan eines ungeheuren ansteigenden Firnfeldes ein langes Seil, an welches furchtsame, zwerghafte Schatten hinter einander gebunden sind, und hundert Meter ihnen voraus, fast den Boden berührend, ein rötlicher Fleck, eine Laterne. Die Schläge mit der Hacke in das körnige Eis, das Fallen der abgeschlagenen Schollen unterbrechen allein die Todesstille des Firnfeldes, auf dem die Schritte der Karawane stumpf und tonlos dahingleiten. Dann von Minute zu Minute ein leichter Schrei, ein erstickter Schmerz, der Fall eines Körpers auf das Eis und bald darauf eine kräftige Stimme, die vom Ende des Seils mit einem «Vorsichtig, Gonzague! langsam!» antwortet. Der arme Bompard hat sich nämlich entschlossen, seinem Freunde Tartarin bis auf den Gipfel des Montblanc zu folgen! Seit zwei Uhr Morgens – auf der Repetiruhr des Präsidenten schlägt es jetzt vier Uhr – tastet der unglückliche Courrier sich vorwärts, gleich einem Galeerensklaven an der Kette, gezogen, geschoben, taumelnd und stolpernd und dabei gezwungen, die verschiedenen Schmerzensrufe, die sein Missgeschick ihm entreissen möchte, hinunterzuwürgen, der von allen Seiten lauernden Lawine wegen, die eine geringste Erschütterung, eine etwas kräftige Luftschwingung schon zu Falle bringen konnte. Schweigend leiden, welche Qual für einen Menschen aus Tarascon! Die Karawane hat jetzt Halt gemacht. Tartarin erkundigt sich, man hört eine Discussion mit leiser Stimme, ein lebhaftes Zischeln: «Ihr Gefährte ist es, der nicht vorwärts will,» sagte der Schwede. Die Marsch-Ordnung wird jetzt aufgelöst, der menschliche Rosenkranz dehnt sich aus, zieht wiederum sich zusammen; da stehen sie Alle an einem ungeheuren Spalt. Die früheren hatte man mittelst einer querüber gelegten Leiter auf den Knieen überschritten. Dieser Spalt aber ist viel zu breit und das Ufer gegenüber erhebt sich an die hundert Fuss über dem diesseitigen. Es gilt, auf in's Eis gehauenen Stufen in die sich verengende Oeffnung hinabzusteigen und auf der andern Seite wieder hinaufzuklimmen. Bompard jedoch weigert sich hartnäckig, dies zu tun. Ueber den Abgrund geneigt, dessen Tiefe ihm bei der Finsterniss unergründlich vorkommt, sieht er im Dunst die kleine Laterne der Führer hin und her schwanken, welche den Weg vorbereiten. Tartarin, dem selber nicht wohl dabei ist, macht sich Mut, indem er seinem Freunde zuruft: «Auf, Gonzague, zou!» und ganz leise packt er ihn beim Ehrgeiz, bittet, erinnert an Tarascon, an das Banner, den Klub!... «Ach was, der Klub.... Ich gehöre ihm nicht an,» antwortet der Andre ganz schamlos. Hierauf erklärt ihm Tartarin, dass man ihm die Füsse setzen werde, dass nichts leichter sei. «Für Sie vielleicht, aber nicht für mich....– Haben Sie nicht gesagt, dass Sie es gewöhnt seien? – Ja wohl, gewiss... gewöhnt... aber woran gewöhnt.... Ich bin an so vielerlei gewöhnt... zu rauchen, zu schlafen.... – Zu lügen besonders, unterbrach ihn der Präsident.... – Zu übertreiben, freilich!» sagte Bompard, ohne sich darob im Geringsten zu erregen. Nach langem Widerstand bringt ihn endlich die Drohung, ihn allein zurückzulassen, zu dem Entschluss, langsam, vorsichtig die furchtbare Leiter hinabzusteigen.... Auf der andern, graden, marmorglatten Wand, die noch höher ist als der Turm des Königs René zu Tarascon, ist es noch schwerer. Von unten gleicht das blinzelnde Licht des Führers einem sich bewegenden Glühwurm. Was hilft es? Es muss sein. Der Schnee unter den Füssen ist nicht fest, man vernimmt am Boden das Gemurmel eines Bachs in der Tiefe des breiten Spalts. den man am Fusse der Eiswand mehr erräth als erkennt, und der seinen kalten Athem aus dem Abgrunde heraufsendet. «Sachte, Gonzague, nicht fallen!» Diese Phrase, welche Tartarin in gerührtem, fast flehendem Tone wiederholt, gibt der Lage der aufwärts Steigenden einen gewissen feierlichen Charakter. Sie müssen jetzt mit Füssen und Händen, die Einen unter den Anderen, durch das Seil und dieselben Bewegungen mit einander verbunden, so dass der Sturz oder die Ungeschicklichkeit eines Einzigen sie Alle in Gefahr brächte, sich in die Höhe arbeiten. Und welche Gefahr! Es genügte, die Eisstücke losbrechen und hinunterpurzeln zu hören und das Echo ihres Sturzes durch die Spalten und das unbekannte Innere des Gletschers zu verfolgen, um sich eine Vorstellung von dem Höllenrachen zu machen, der drunten lauerte, um Einen beim geringsten Fehltritt zu verschlingen. ... – Wer raucht seine Pfeife? fragte Tartarin. – Der Montblanc, Herr, schauen Sie nur hinauf.» Und der Mann zeigte ganz oben auf dem Gipfel etwas wie einen  Federbusch, einen weissen Rauch, der nach Italien wehte. «Und nun, guter Freund, wenn der Montblanc seine Pfeife raucht, was hat das zu bedeuten? – Das hat zu bedeuten, Herr, dass oben auf dem Gipfel ein furchtbarer Wind weht, ein Schneesturm, der in kürzester Frist uns erreichen wird.... Und... das ist gefährlich. – Kehren wir um,» sagte Bompard, grün vor Schrecken. Und Tartarin fügte hinzu: «Ja, ja, gewiss, keine dumme Eigenliebe!» Der Schwede aber mischt sich darein. Er hat dafür bezahlt und er will auf den Montblanc geführt werden. Daran soll ihn nichts hindern. Und wenn Niemand ihn begleiten will, gut, dann geht er allein. «Ihr Memmen,» sagte er zu den Führern, und dabei klang seine Stimme wieder so geisterhaft, wie in dem Augenblick, als er sich bis zu Selbstmordgedanken aufgeregt hatte. «Nun denn, Sie sollen sehen, ob wir Memmen sind.... Binden wir uns wieder an und vorwärts!... rief der erste Führer. Bompard aber erhebt einen energischen Protest. Er hat genug davon, er will wieder zurückgeführt werden. Tartarin unterstützt ihn auf das Kräftigste. «Sie sehen ja wohl, dass der junge Mensch verrückt ist...» ruft er, während der Schwede schon mit langen Schritten durch den Schnee schreitet, den der Wind von allen Seiten aufwirbelt. Die Männer aber, die er Memmen genannt, sind jetzt nicht mehr zurückzuhalten; die Murmeltiere sind aufgewacht und benehmen sich wie Helden. Tartarin kann keinen Führer überreden, ihn mit Bompard nach den Grands-Mulets zurückzuführen. Die Richtung sei ja gegeben, sagte man ihm. Drei Stunden, die zwanzig Minuten Umwegs mit eingerechnet, wenn sie den grossen Gletscherbruch umgehen wollten, der sie vielleicht erschreckte. ... und die beiden Karawanen trennten sich. Jetzt sind unsere Tarasconnesen allein. Sie rücken, an dasselbe Seil gebunden, vorsichtig über die Schnee-Einöde; Tartarin vorn, ganz und gar von der auf ihm lastenden schweren Verantwortlichkeit erfüllt, tastete sich mit seiner Eishacke weiter. «Mut... ruhig Blut.... Wir werden schon durchkommen, ruft er in jedem Augenblick Bompard zu. So verscheucht der Offizier seine Angst, wenn er den Degen schwingend seinen Leuten zuruft: «Vorwärts, Himmel Donnerwetter, alle Kugeln treffen nicht!» Jetzt sind sie endlich am Ende jenes fürchterlichen Spalts. Von da bis zu ihrem Ziel haben sie keine schweren Hindernisse mehr zu überwinden; jedoch der Wind weht heftig und das Schneetreiben macht sie fast blind. Sie können, ohne Gefahr sich zu verirren, kaum mehr vorwärts kommen. «Machen wir einen kurzen Halt, qué?» sagte Tartarin. Eine riesenhafte Eispyramide bietet ihnen einigen Schutz in einer Höhlung am Fusse derselben. Sie ducken unter, breiten die wasserdichte Decke des Präsidenten über sich aus und öffnen die Rumflasche, das Einzige, was die Führer nicht mit sich genommen. Sie erlangen jetzt wieder ein wenig Wärme. Indessen verkünden ihnen die immer schwächer werdenden Schläge der Eishacke die Fortschritte der Expedition. Im Herzen Tartarin's regt sich etwas wie Reue, dass er den Montblanc nicht bis zum Gipfel erstiegen hat.  ... Die Elemente aber beginnen jetzt zu rasen. Der Wind wird zum Sturm und trägt den Schnee in schweren Massen durch die Luft. Die beiden Freunde, von Unheilsahnungen heimgesucht, schweigen; sie denken an die Gebeine unter dem Glaskasten des alten Wirtes, an die Geschichte von dem amerikanischen Touristen, den man erfroren und verhungert aufgefunden, in seinen krampfhaft zusammengezogenen Fingern das Notizbuch, in welches er seine Todesangst bis zur letzten schmerzhaften Zuckung geschildert, die ihn den Bleistift aus der Hand fallen und ihn die Namensunterschrift nicht vollenden liess: «Haben Sie ein Notizbuch, Gonzague?» Der Andere brauchte keine weitere Erklärung. «Warum nicht gar ein Notizbuch.... Glauben Sie etwa, dass ich hier zu Grunde gehen werde wie jener Amerikaner?... Rasch auf, und fort von hier. – Unmöglich.... Beim ersten Schritt würden wir gleich Strohhalmen fortgeweht und in irgend einen Abgrund geschleudert. – Ja, dann müssen wir rufen. Das Wirthshaus ist nicht weit....» Und auf den Knieen liegend, den Kopf aus der Versenkung hinausgestreckt, in der Stellung eines Tiers auf der Weide, brüllt Bompard: «Zu Hülfe, zu Hülfe, hierher! – Zu den Waffen!...» schreit jetzt Tartarin mit aller Macht seiner gewaltigen Bärenstimme, so dass es weithin gleich einem rollenden Donner dröhnt. Bompard fasste ihn am Arm: «Unglücklicher, die Pyramide!...» In der Tat zitterte der ganze Eisblock; noch ein solcher Schrei und die ungeheure Eismasse stürzte über ihren Köpfen zusammen. Sie bleiben unbeweglich, wie versteinert, in ein furchtbares Schweigen gehüllt, das jetzt aber durch ein fernes, mehr und mehr sich näherndes Rollen unterbrochen wird, welches wächst, den Horizont erschüttert und endlich tief unten von Abgrund zu Abgrund erlischt. ... «Die armen Leute!...» murmelt Tartarin beim Gedanken an den Schweden und seine Führer, die gewiss von der eben gehörten Lawine mit fortgerissen worden sind. Und Bompard schüttelt den Kopf. «Wir sind kaum besser daran als sie», sagte er. Die Lage ist in der Tat schrecklich genug, da sie in ihrer Eisgrotte sich nicht regen und auch in den Schneesturm sich nicht hinauswagen dürfen. Ihre Bangigkeit wurde nur noch grösser, als sie jetzt von tief, tief unten aus dem Tale herauf ein jammervolles Hundegeheul hörten. Es wurde ihnen todesweh. ... Während er also donnert, heitert das Wetter sich nach und nach auf. Es schneit nicht mehr, der Wind hat sich gelegt und durch einen Riss in den Wolken zeigt sich der blaue Himmel. Sie brechen rasch auf und binden sich zusammen. Tartarin, der wieder vorangeht, wendet sich um, einen Finger auf dem Munde: «Sie wissen, Gonzague; Alles, was wir eben gesagt haben, bleibt unter uns. – Té, pardi....» Sie machen voller Eifer sich wieder auf den Weg und sinken bis an die Kniee in den frisch gefallenen Schnee, der unter seiner jungfräulichen Decke die Spuren der Karawane verborgen hält. Tartarin blickt deshalb alle fünf Minuten auf seinen Kompass. Aber der an die tarasconnesische Hitze gewohnte Kompass ist seit seiner Ankunft in der Schweiz vor Frost toll geworden. Die Nadel schwankt unsicher zwischen allen vier Himmelsrichtungen. Sie gehen immer voran und hoffen, plötzlich die schwarzen Felsen der Grands-Mulets in der gleichförmig weissen, stillen, rings von Nadeln, Hörnern, Kuppeln beherrschten Landschaft auftauchen zu sehen, die sie blendet und auch erschreckt, denn sie kann gefährliche Abgründe unter ihren Füssen bergen. «Nur ruhig Blut, Gonzague, ruhig Blut. – Das ist es ja gerade, was mir abgeht,» erwiderte Bompard kläglich. Und er stöhnt: «O weh, mein Fuss..., o weh, mein Bein..., wir sind verloren, wir kommen nie an's Ziel....» So gehen sie schon seit zwei Stunden, als Bompard mitten auf einer sehr schwer zu erkletternden Schneehalde entsetzt ausruft: «Tartaréïn, aber das steigt ja wieder! – Ei freilich; ich sehe schon, dass es steigt,» erwiderte der P. C. A., und er ist auf dem Punkte, seine Gemüthsruhe zu verlieren. «Es sollte doch aber abwärts gehen, wär' meine Meinung. – Ei gewiss, aber was kann ich dazu tun? Gehen wir immer bis oben hinauf; vielleicht geht es auf der andern Seite wieder hinunter.» Es ging in der Tat und fürchterlich wieder abwärts, über eine Anzahl Firnfelder, steil sich aufbäumender Gletscherwände und ganz am Ende dieser gefährlichen, weiss glitzernden und funkelnden Eisbildungen bemerkte man auf einer Felsspitze in Tiefen, die Einem unerreichbar schienen, eine Hütte. Das war ein Zufluchtsort, den man vor Einbruch der Nacht noch erreichen musste, da man die Richtung nach den Grands-Mulets verloren hatte. Aber wie viel Anstrengungen, wie viel Gefahren gab es hier noch zu überwinden? «Nur Eines bitte ich: Lassen Sie mich nicht los, Gonzague.... – Und Sie mich auch nicht, Tartaréïn.»  Sie tauschen diese inhaltschweren Worte aus, ohne einander zu sehen. Denn sie sind durch einen Grat getrennt, hinter welchem Tartarin verschwunden ist; langsam und angstvoll kriecht der Eine aufwärts, der Andere abwärts. Sie sprechen auch nicht mehr mit einander, alle ihre Sinne sind auf den einen Gedanken concentrirt, keinen Fehltritt zu tun, nicht auszugleiten. Plötzlich hört Bompard, der jetzt nur noch einen Meter vom Grat entfernt ist, seinen Begleiter einen entsetzlichen Schrei ausstossen und zu gleicher Zeit spannt sich das Seil nach einem heftigen, erschütternden Ruck.... Er möchte Widerstand leisten, sich fest anklammern, um den Freund vom Sturz in den Abgrund zurückzuhalten. Doch das Seil ist gewiss schon ganz morsch, denn es reisst unversehens infolge seiner Anstrengung. ... Gegen Abend erreichte ein Wesen, das eine entfernte Aehnlichkeit mit Bompard hatte, ein Schreckgespenst, von Schmutz triefend, das Wirthshaus zu den Grands-Mulets. Man rieb den Ankömmling, man erwärmte ihn und brachte ihn zu Bett, bevor er noch etwas Anderes als die durch Schluchzen unterbrochnen Worte, die Arme zum Himmel erhoben, hervorgebracht hatte: «Tartarin... verloren... das Seil zerrissen....» Man konnte endlich begreifen, dass ein grosses Unglück sich zugetragen hatte. Während der alte Wirt seufzte und die Unheils-Chronik des Berges mit einem neuen Kapitel bereicherte, auch wohl für seine Knochensammlung ein neues Andenken an diesen letzten Unglücksfall in Aussicht nahm, begaben sich der Schwede und seine Führer mit Seilen, Leitern und allen möglichen Rettungsmitteln hinaus, um Tartarin zu suchen. Leider vergebens. Bompard, der wie betäubt da lag, konnte nichts Genaues, weder über das Drama noch über den Ort desselben angeben. Auf dem «Dôme du Gouté» fand man ein Stück Seil, das in einer Rinne des Eises stecken geblieben war. Das war Alles. Aber sonderbar: das Seil war an beiden Enden wie mit einem scharfen Instrument durchschnitten. Die in Chambéry erscheinenden Blätter brachten eine Zeichnung von demselben, die wir hier wiedergeben. Nach acht Tagen gewissenhafter Nachforschungen, als man die traurige Ueberzeugung gewonnen, dass ihr Präsident unfindbar-hoffnungslos verloren sei, begaben sich die verzweifelnden Delegirten auf den Weg nach Tarascon und nahmen Bompard mit sich, dessen armes Gehirn die Spuren einer heftigen Erschütterung zeigte."

Um seine heimliche Anwesenheit in Tarascon erklären zu können, müssen wir auf den Montblanc zurückkehren, nach dem «Dôme du Gouté», genau zu jenem Moment, wo von den beiden Freunden Jeder auf einer andern Seite des «Dôme» sich befand, und Bompard am Seil, das sie verband, plötzlich wie vom Sturz eines Körpers einen heftigen Ruck und eine höchst bedenkliche Spannung empfand. In Wirklichkeit hatte das Seil sich zwischen zwei Eisblöcke eingeklemmt, und Tartarin, der dieselbe Erschütterung empfand, glaubte auch seinerseits, dass sein Reisegefährte abwärts rollte und ihn nachzog in's Verderben. In diesem entscheidenden Augenblick... wie soll ich das sagen, mein Gott? in der furchtbaren Not und Angst vergassen sie Beide den im Hotel Baltet sich geleisteten Eid und mit derselben Bewegung, derselben instinktiven Geste zerschnitten sie das Seil, Bompard mit seinem Messer, Tartarin mit einem Hieb seiner Eishacke. Entsetzt über ihre grause Tat, der Eine gleich dem Andern fest überzeugt, dass er seinen Freund geopfert, flohen sie Beide in entgegengesetzter Richtung. Als das Gespenst Bompards bei den Grands-Mulets erschien, langte dasjenige Tartarin's in der Sennhütte von Avesailles an. Wie, durch welches Wunder, nach wie viel Stürzen und Rutschpartieen? ... Sobald er wieder transportfähig war, brachte man ihn nach Courmayeur, dem italienischen Chamonix. In dem Hotel, in welchem er Unterkunft fand, war von nichts Anderem die Rede, als von einer fürchterlichen Katastrophe auf dem Montblanc, die ganz und gar an das Unglück auf dem Matterhorn erinnerte. Wieder ein Tourist, der infolge Durchschneidens des Seiles in den Abgrund gestürzt war. Ueberzeugt, dass von Bompard gesprochen wurde, wagte Tartarin, von Gewissensbissen gepeinigt, es nicht, zur Delegation oder in seine Heimat zurückzukehren. ... Kein Zweifel mehr, das Trauergeläute, das ein lauer Wind über die einsame Landschaft trug, es galt Bompard!  ... Er war im Begriff, denen, die es nicht wussten, die neuesten Entdeckungen bezüglich der regelmässigen Bewegung der Gletscher mitzutheilen; das Kreischen der kleinen Thür hinten im Saal unterbrach ihn. Tartarin, bleicher als eine Geistererscheinung, stand vor dem Angesichte des Redners. ... «Es ist ein Misverständniss, allons,» sagte Tartarin mit erleichtertem Herzen, strahlend vor Freude, und die Hand auf die Schulter des Mannes legend, den er glaubte getödtet zu haben. «Ich habe den Montblanc auf beiden Seiten begangen; von der einen hinauf, von der andern herunter. Und das hat zu dem Irrtum Veranlassung gegeben, ich sei verschwunden.» Eines gestand er freilich nicht: dass er den Rückweg auf dem Rücken gemacht hatte."
 
 

4. Port-Tarascon. Dernières Aventures de l’illustre Tartarin

Zumindest früher war es in den Ländern der sogenannten "Turcos", also der Türken, die sich vorwiegend in Algerien, Afrika, Griechenland (vor der Befreiung von den Türken), Persien, Türkei, Mesopotamien und Asien aufhielten, durchaus üblich Menschenfleisch zu essen. Von diesen wilden Turcos berichtet zum Beispiel Guy de Maupassant; sie seien wie große, mutwillige Kinder, die sich von toten Soldaten ernährten, eine Art Restaurant eröffneten mit Döner aus Menschenfleisch; ob auch im heutigen Döner oder Lamacun in der Türkei oder in Europa Menschenfleisch verarbeitet wird, lässt sich nicht immer zweifelsfrei ausschließen. Honoré Balzac spricht von Felddieben und einer Lumpenwelt, die man heute nur aus den Vorstädten der Großstädte kennt und die sich nicht nur aus wilden Arabern mit "gierigen, blödsinnigen, idiotischen, wilden Zügen der Gesichter", zusammensetzen und am liebsten Döner aus "Christenfleisch" essen würden. Wenn heute die Großstädte von Linksradikalen und Islamisten terrorisiert werden, so waren es früher die Meere durch Korsaren bzw. die menschlichen Teufel, die entweder für Linke Wirrköpfe oder für den hohlen und armseligen Götzen Allah ihr Unwesen trieben; Hinzu kommen die Verräter, die ihnen in die Hände spielen. Jedenfalls sollte man sich weder mit Turcos oder den heutigen türkisch-kurdischen Clans einlassen noch mit irgenwelchen wilden Kannibalen. Nur Spitzbuben empfehlen ein Zusammenleben mit ihnen in einer "Wüste voller Kannibalen".

Das hatte Tartarin damals nicht bedacht: »Man lebte von Konserven und von Eidechsen und Schlangen, die von den Papuanern, die sich auf der andern Seite der Insel niedergelassen hatten, gebracht wurden. »Unter dem Vorwand, die Erträgnisse ihrer Jagd- und Fischzüge zu verkaufen, schlichen sie sich hinterlistig in das Lager, ohne dass ihnen jemand misstraut hätte – bis sie in einer schönen Nacht die Niederlassung überfielen. Wie lauter Teufel drangen sie gleichzeitig durch Türen, Fenster und Dachöffnungen herein, bemächtigen sich der Waffen, machten nieder, was sich ihnen zu widersetzen suchte, und führten die übrigen gefangen in ihr Lager. »Einen Monat lang folgte ein entsetzliches Festmahl dem andern. Die Gefangenen wurden der Reihe nach mit Keulenhieben niedergeschlagen, wie junge Spanferkel auf glühenden Steinen in der Erde gebraten und von den Kannibalen verspeist. . . .«  Ein Schrei des Entsetzens, den die ganze Ratsversammlung ausstieß, verbreitete den Schrecken bis auf das Deck, und der Gouverneur fand kaum die Kraft, noch einmal zu lispeln: »Fahren Sie fort, Ferdinand!« So hatte der Apotheker einen um den andern verschwinden sehen; der sanfte Bruder Bézole hatte lächelnd und ergeben bis zuletzt gesagt: »Gelobt sei Gott!« und der Notar Cambalalette, der vergnügte Katasterbeamte, fand die Kraft, selbst auf dem Bratrost zu lächeln. »Und die Unmenschen haben mich gezwungen, von ihm zu essen, von dem armen Cambalalette,« fügte Bézuquet, noch bei der Erinnerung daran erschaudernd, hinzu. Während der darauffolgenden Stille wandte sich der gallsüchtige Costecalde gelb, mit wutverzerrtem Mund gegen den Gouverneur: »Nichtsdestoweniger haben Sie gesagt, geschrieben und schreiben lassen, es gebe hier gar keine Menschenfresser!« Und da der niedergeschmetterte Gouverneur nur sein Haupt neigte, erwiderte Bézuquet: »Keine Menschenfresser! . . . Das heißt, sie sind es alle. Für sie gibt es keinen größeren Leckerbissen als Menschenfleisch, und besonders als das unsre, das der Weißen aus Tarascon, und diese Vorliebe geht so weit, dass sie, nachdem sie die Lebenden gefressen, sich an die Toten gemacht haben. Sie haben den alten Kirchhof gesehen? Es ist nichts mehr drin, kein Knochen mehr; sie haben alles abgekratzt, abgenagt und abgeleckt, wie man es bei uns zu Hause mit den Tellern macht, wenn die Suppe recht gut ist, oder wenn wir ein Kotelett mit Knoblauchmayonnaise bekommen.« »Aber wie kommt es, Bézuquet,« fragte ein Grande erster Klasse, »dass Sie verschont worden sind?« Der Apotheker vermutete, dass sein Fleisch durch die ständige Beschäftigung mit seinen großen Kolben und allerlei Arzneimitteln wie Pfefferminze, Arsenik, Arnika, Ipekakuanha und dergleichen einen Kräutergeruch angenommen habe, der den Wilden zweifelsohne nicht zusagte, oder aber, dass sie sich ihn gerade deshalb als besten Bissen bis zuletzt aufgespart hatten. Nach Beendigung der Erzählung fragte der Marquis von Espazettes: »Nun, und was tun wir jetzt?« »Wie, was Sie tun sollen?« sagte Scrapouchinat in seinem zänkischen Ton. »Sie werden doch wohl nicht da bleiben, denke ich?« Von allen Seiten schrie man: »Ach nein! . . . Ganz gewiss nicht. . . .« ». . . Obgleich ich nur dafür bezahlt worden bin, Sie herzuführen,« fuhr der Kapitän fort, »bin ich doch bereit, diejenigen, die zurück wollen, wieder heimzubringen.« ... »Ein Spitzbube ist er, Ihr Herzog von Mons,« rief Bézuquet, »ich habe es immer geahnt, selbst als ich noch keinen Beweis dafür hatte.« ... »Das steht einmal fest, dass der sterbende Bompard in dem Augenblick, wo er die ›Farandole‹ verließ, zu mir sagte: ›Trauen Sie dem Belgier nicht, er ist ein Schwindler. . . .‹ Wenn er hätte sprechen können, würde er mir wohl noch mehr gesagt haben . . . aber die Krankheit hatte ihm alle Kraft geraubt.« Welch besseren Beweis konnte es denn übrigens geben, als diese unfruchtbare, ungesunde Insel selbst, nach der sie der Herzog zum Urbarmachen und zur Gründung einer Kolonie geschickt hatte – und dann noch diese gefälschten Telegramme! ... »Verteidigen Sie ihn nicht, er gehört auf die Galeere. . . .« ... Heftige Worte wurden gewechselt und tarasconische Redensarten ausgetauscht, wie: »Sie sind jeder Vernunft bar . . . Sie wissen ja gar nicht, was Sie sagen . . . Sie schwatzen das reine Blech. . . .« 

Ein sprachgewandter Advokat: "Gott weiß, wie das alles noch geendet hätte, ohne das Dazwischentreten des Advokaten Franquebalme, des Gerichtsdirektors. Es war dieser Franquebalme ein sehr sprachgewandter Advokat, dessen Beweisführungen mit »jedoch« und »so weit nötig«, mit »einerseits« und »andrerseits« gespickt waren. Sein Vortrag hatte ein so festes Gefüge, war so dauerhaft remontiert, wie der römische Viadukt über den Gard. Ein mit ciceronischer Redekunst und Logik vollgestopfter, gravitätischer, einfältiger Philister, erging er sich ständig in Sentenzen, erklärte das »ist, weil es ist«, aufs ausführlichste durch »verum enim vero«, und benutzte nun den ersten Augenblick einer kurzen Windstille, um das Wort zu ergreifen und in langen und schönen Perioden, die sich ganz endlos ausspannen, ein Plebiscit vorzuschlagen. Die Auswanderer sollten mit ja oder nein abstimmen: einerseits sollten die, die bleiben wollten, bleiben, andrerseits sollten die, die gehen wollten, mit dem Schiff zurückfahren, nachdem die an Bord befindlichen Zimmerleute das große Haus und das Blockhaus wieder hergerichtet hätten. Nachdem dieser Antrag Franquebalmes, der allen Wünschen Rechnung trug, einmal angenommen war, schritt man ohne Zögern zur Abstimmung. Auf dem Deck und in den Kabinen machte sich eine große Unruhe geltend, sobald man erfuhr, um was es sich handle. Man hörte nur Seufzen und Klagen. Die armen Leute hatten ihr Vermögen in den Ankauf dieser berühmten Hektare gesteckt, sollten sie denn alles verlieren, auf das Land, das sie bezahlt hatten, und auf ihre Kolonisationshoffnungen verzichten? Derartige Vermögensrücksichten trieben sie zum Bleiben, aber sofort wurden sie durch einen Blick auf die unheilverkündende Landschaft vor ihnen wieder bedenklich. Die große, zerfallene Baracke, dieses schwärzliche, feuchte Grün, hinter dem man sich eine Wüste voller Kannibalen dachte, die Aussicht, wie Cambalalette verspeist zu werden, all dies war nicht ermutigend, und die Sehnsucht trieb sie zurück nach dem so unvorsichtig verlassenen Lande der Provence. ... Trotz alledem stimmten doch von einem Tausend Tarasconern fünfhundert dafür, mit Tartarin da zu bleiben. Allerdings bestand der größte Teil dieser fünfhundert aus Würdenträgern, denen der Gouverneur die Beibehaltung ihrer Aemter und Titel zugesichert hatte. Neue Streitigkeiten erhoben sich über die Verteilung der Lebensmittel zwischen den Zurückbleibenden und den Abfahrenden. »Ihr könnt euch in Sidney frisch verproviantieren,« sagten die von der Insel zu denen vom Schiff.  »Ihr könnt jagen und fischen,« erwiderten die andern, »zu was braucht ihr dann so viele Konserven?«  ... Um den Frieden aufrecht zu erhalten, musste der Advokat Franquebalme alle Hilfsmittel seiner Nestorweisheit anwenden und all seine klugen »verum enim vero« aufspazieren lassen. Allein er hatte viel Mühe, die Geister zu beruhigen, die durch den heuchlerischen Excourbaniès, der die Zwietracht nur zu nähren suchte, immer aufs neue aufgehetzt wurden. Der rauhborstige Krakeeler und Lieutenant der Miliz mit seinem Wahlspruch: »Fen dé brut . . . Krakeel machen! . . .« war so sehr ein Kind des Südens, dass er zum Neger geworden war, und zwar nicht durch die Schwärze seiner Haut und die wolligen Haare, sondern durch seine Feigheit und seinen Wunsch, zu gefallen. Stets tanzte er den Siegesreigen vor dem, der im Augenblick der Mächtigste war: vor dem von seiner Mannschaft umgebenen Kapitän Scrapouchinat an Bord des Schiffes, vor Tartarin inmitten seiner Bürgerwehr, wenn man am Lande war. Jedem der beiden erklärte er die Gründe, die ihn veranlasst hatten, für Port Tarascon zu stimmen, auf ganz verschiedene Weise. Zu Scrapouchinat sagte er: »Ich bleibe hier, weil meine Frau vor ihrer Niederkunft steht, sonst . . .« Und zu Tartarin: »Um nichts in der Welt würde ich die Fahrt noch einmal mit diesem rohen, ungeschliffenen Menschen machen!« Endlich nach vielem Hin- und Herzerren wurde die Teilung so gut als möglich beendet. ... Tartarin hatte sich Stück für Stück Lebensmittel, Waffen und Kisten mit Werkzeug, erkämpfen müssen." 

Sprachgewandte islamische Advokaten setzen sich in Deutschland zusammen mit arabischen Clans und islamischen Verbänden dafür ein, den Burkini im Schwimmbad einzuführen so wie am Artificial Beach der maledivischen Hauptstadt Male, wo er Pflicht ist, dafür der Bikini verboten. Man sieht dort im Wasser nur vor sich hin stinkende Frauen in schwarzen Burkinis, die den Strand verpesten. 

Gerade an Universitäten, die Orte der offenen, kritischen Auseinandersetzung sein sollen, werden nicht nur islamische Terroristen ausgebildet, sondern schon Regeln eingeführt, die den Islam fördern und Nicht-Muslime diskriminieren. "Wer sich ein Bild davon machen will, wie das Ritual verläuft, kann beispielsweise die Videoaufnahme aus einer Ringvorlesung der Universität Tübingen aus dem Jahr 2025 anschauen. Der freundlichen Standardbegrüßung „Guten Abend. Wir freuen uns sehr, dass Sie so zahlreich erschienen sind“ folgt ein langer Monolog der Moderatorin im strengen pädagogischen Duktus. Sie möchte gerne auf „unsere Antidiskriminierungsklausel hinweisen“. Die Anwesenden hätten diese möglicherweise schon an der Tür gesehen, und dass sie nun der Veranstaltung beiwohnen, bedeute, dass sich alle damit einverstanden erklärt hätten. Damit kein Zweifel entstehen kann, wird die Antidiskriminierungsklausel erklärt: Den Veranstaltern, so die Moderatorin, seien „ein respektvolles und diskriminierungsfreies Miteinander in dieser Kommunikation hier“ und eine „entsprechend diskriminierungsfreie Diskussion wichtig“. Darauf folgt die Warnung: „Sollten Diskriminierungen oder rechte Ideologien geäußert werden – das heißt wiederholte oder intendierte Diskriminierungen, Beleidigungen oder pauschalisierende Äußerungen, Störungen durch rechte Ideologien und Beteiligung –, führen sie zum Ausschluss von der Veranstaltung.“ Der Verhaltenskodex geht über Minuten, während der Redner sichtlich verlegen ins Leere schaut." Es darf vor allem nichts gegen den Islam gesagt werden, womit die meisten französischen Autoren schon diskriminiert werden. 

Wo liegen die Wurzeln des islamischen Terrorismus, wo hatte er seinen Ursprung. Tartarin hatte es im Gegensatz zu den westliche Medien schon erkannt, nämlich dass mit dem Islam und seinem Koran kein Blumentopf zu gewinnen ist.  Letztere richten ihre Aufmerksamkeit auf Auswirkungen und Symptome, aber nicht so sehr auf die Wurzeln und den ursprünglichen Kontext. Die Wurzeln des 11. Septembers reichen bis in den Kalten Krieg zurück, als der Dschihad noch gefördert wurde, weil er sich gegen die UdSSR richtete. Es gibt ein Foto auf dem afghanische Mudschahedin (die heutigen Taliban) neben Ronald Reagan im Weißen Haus zu sehen sind. Im früheren Türkenlande nach Tartarins Verständnis waren immer genügend Vollidioten vorhanden, aus denen sich Terroristen rekrutieren konnten. Die Zerstörung des Iraks im Jahr 2003 und der Abbau staatlicher Institutionen, wie der Armee, der Polizei und der Grenzpolizei, haben einen zusätzlichen fruchtbaren Boden für den Terrorismus geschaffen und den Irak zu einem Magneten gemacht. Die Terroranschläge hätten für Tartarin sein Bild der arabisch-muslimischen Welt nicht wesentlich geändert.

Fünf Jahre vor dem 11. September hatte Samuel P. Huntington sein Buch „The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order“ veröffentlicht. Darin vertrat er die These, zukünftige Kriege fänden nicht zwischen Staaten aus ökonomischen oder ideologischen Gründen statt, sondern zwischen Kulturen. Die islamische war für ihn eine solche Kultur. Entsprechend erhielt Huntington nach dem 11. September viele Vortragseinladungen. Sie umschreiben noch heute das Problem, dass der Islamismus im Islam steckt und von Moslems nicht allzuviel zu erwarten ist, weshalb man besser zusieht, dass möglichst keine Moslems mehr nach Europa kommen. [5] 
 
 

5. Lettres de mon moulin / Briefe aus meiner Mühle

Aus der Provence: "Zur Zeit, als ich die Schafe auf dem Luberon hütete, blieb ich ganze Wochen lang da oben allein mit meinem Hunde Labri und meinen Schafen, ohne eine lebende Seele zu sehen. Von Zeit zu Zeit ging wohl der Eremit vom Mont-de-l'Ure vorüber, um Heilkräuter zu suchen oder ich erblickte wohl auch das schwarze Gesicht eines Kohlenbrenners aus Piemont, aber das waren einfache, durch die Einsamkeit an das Schweigen gewöhnte Leute, die den Geschmack am Reden verloren hatten und nichts von allen dem wußten, was man da unten in den Dörfern und Städten sprach. Wenn ich daher von vierzehn zu vierzehn Tagen auf dem Wege, der den Berg herauf führt, die Glöckchen des Maultiers von unserm Meierhof erklingen hörte, das mir Lebensmittel für die nächsten vierzehn Tage brachte und wenn ich nach und nach das aufgeweckte Gesicht des Kleinknechts oder die rote Haube der alten Tante Norade erscheinen sah, so fühlte ich mich wahrhaft glücklich. Ich ließ mir erzählen, was unten im Lande sich neues ereignet hatte, die Taufen, die Hochzeiten; am meisten aber interessierte es mich zu erfahren, wie es der Tochter meiner Herrschaft, unserm Fräulein Stephanette erging, dem schönsten Mädchen, das es zehn Stunden in der Runde gab. Ohne zu tun, als wenn ich zu großen Teil daran nähme, erkundigte ich mich, ob sie viel zu Festlichkeiten, zu Abendunterhaltungen gehe, ob noch immer neue Liebhaber sich um sie scharten. Und wenn mich jemand fragen sollte, was diese Dinge mir, dem armen Schäfer vom Gebirge, ausmachen konnten, so würde ich ihm antworten, dass ich zwanzig Jahre alt war und dass diese Stephanette das Schönste war, was ich jemals in meinem Leben gesehen hatte. Nun ereignete es sich eines Sonntags, als ich meine vierzehntägigen Vorräte erwartete, dass dieselben erst sehr spät ankamen. Am Morgen sagte ich mir: »daran ist das Hochamt schuld«; dann gegen Mittag kam ein starkes Gewitter und ich dachte, dass das Maultier sich wegen des schlechten Zustandes der Straßen nicht auf den Weg hätte machen können. Endlich gegen drei Uhr, als der Himmel sich aufklärte und das vom Regen übergossene Gebirge in den Strahlen der Sonne erglänzte, hörte ich durch das Geräusch der von den Blättern fallenden Tropfen und das Gemurmel der angeschwollenen Bäche die Glöckchen des Maultiers, so lustig und munter, wie das Geläute der Glocken an einem Ostertage. Aber es war weder der Kleinknecht, der es führte, noch die alte Norade. Es war . . . ratet einmal, Kinder, wer es war! . . . Unser Fräulein, unser Fräulein in Person, aufrecht zwischen den Weidenkörben sitzend und ganz rosig von der Gebirgsluft und dem erfrischenden Gewitterregen. Der Kleinknecht war krank, Tante Norade hatte Urlaub erhalten, um ihre Kinder zu besuchen. Das alles teilte mir die schöne Stephanette mit, während sie vom Maultier stieg; ebenso dass sie so spät komme, weil sie sich auf dem Wege verirrt habe. Aber wenn man sie so schön sonntäglich geputzt sah, mit ihren blumigen Bändern, ihrem glänzenden Rocke, ihren Spitzen, hätte man eher glauben können, dass sie sich bei einem Tanzvergnügen verspätet, als sie sich ihren Weg durch die Büsche gesucht habe. Ach! das niedliche Geschöpfchen! Meine Augen konnten nicht müde werden, sie anzuschauen. Freilich hatte ich sie auch noch niemals so nahe gesehen. Zuweilen im Winter, wenn die Herden in die Ebene herabgestiegen waren und ich abends in den Meierhof zurückkam um zu Abend zu essen, ging sie lebhaft durch den Saal, ohne mit der Dienerschaft zu sprechen, immer geputzt und ein wenig stolz . . . . Und jetzt stand sie vor mir und nur vor mir allein; war das nicht um den Kopf zu verlieren? Nachdem sie die Lebensmittel aus dem Korbe genommen hatte, begann Stephanette sich neugierig umzublicken. Sie hob ein wenig ihren schönen Sonntagsrock in die Höhe, um ihn vor dem Beschmutztwerden zu schützen und trat in den Pferch. Nun wollte sie den Winkel sehen, wo ich schlief, das Strohlager mit dem Schaffell darüber, meinen großen, am Nagel hängenden Kappenmantel, meinen Hakstock, meine Steinschlossflinte. Alles das machte ihr Vergnügen. »Also hier lebst du, mein armer Schäfer? Wie musst du dich langweilen, immer so allein zu sein! Was machst du denn? An was denkst du denn? . . .« Ich hatte Lust zu antworten: »An Sie, Herrin,« und ich hätte nicht gelogen; aber meine Verwirrung war so groß, dass ich nicht ein einziges Wort hervorbringen konnte. Ich glaube wohl, dass sie es bemerkte und dass sie ein wenig boshaft Vergnügen daran fand, meine Verwirrung durch ihre weiteren Bemerkungen zu verdoppeln: ».Und dein Schatz, Schäfer, kommt er zuweilen herauf, um dich zu besuchen? . . . Das muss sicher die goldene Ziege sein oder wohl gar die Fee Esterelle, die nur auf den Spitzen der Gebirge herumschwebt . . . .« Und als sie das sagte, sah sie selbst aus wie die Fee Esterelle mit ihrem lieblichen Lächeln auf dem nach oben gewendeten Gesicht und ihrer Eile fortzukommen, die aus ihrem Besuche eine Erscheinung machte. »Gott befohlen, Schäfer.« »Grüß Gott, Herrin.« Fort war sie, die leeren Körbe mit sich nehmend. Als sie auf dem abschüssigen Pfade verschwand, schien es mir, als ob die Kiesel, die unter den Hufen ihres Maultiers fortrollten, mir einer nach dem andern auf das Herz fielen. Ich hörte sie lange, lange und bis an das Ende des Tages blieb ich wie im Schlafe sitzen und wagte nicht mich zu rühren aus Furcht, meinen Traum zu verscheuchen. Gegen Abend, als der Grund der Täler blau zu werden anfing und als die Schafe sich blökend aneinander drängten, um in den Pferch zurückzukehren, hörte ich, dass man unten herauf nach mir rief und sah auch bald unser Fräulein wieder erscheinen, aber nicht mehr lachend wie vorhin, sondern zitternd vor Frost, vor Furcht und vor Nässe. Sie hatte am Fuße des Abhanges die Sorgue durch den Gewitterregen angeschwellt gefunden und war, da sie mit Gewalt hindurch wollte, Gefahr gelaufen, zu ertrinken. Das schlimmste war, dass zu dieser Stunde der Nacht an eine Rückkehr nach dem Meierhofe nicht zu denken war; denn ganz allein würde unser Fräulein unmöglich den Weg durch das Gehölz zurück gefunden haben und ich selbst durfte meine Herde nicht verlassen. Der Gedanke, die Nacht auf dem Gebirge verbringen zu müssen, quälte sie sehr, namentlich wegen der Sorge, die sich ihre Angehörigen um sie machen würden. Ich suchte sie so viel als möglich zu beruhigen: »Im Juli sind die Nächte kurz, Herrin . . . Es ist nur ein schlimmer Augenblick.« Und ich zündete schnell ein großes Feuer an, um ihre Füße und ihr von den Fluten der Sorgue ganz durchnässtes Kleid zu trocknen. Dann brachte ich ihr Milch und kleine Käse; aber die arme Kleine dachte nicht daran sich zu erwärmen oder zu essen und als ich sah, dass große Tränen in ihren Augen emporstiegen, kam mir selbst das Weinen nahe. Inzwischen war es ganz Nacht geworden. Auf dem Grat der Gebirge schwebte nur noch ein Strahl vom Sonnenschein, ein Hauch von Licht dort, wo die Sonne untergegangen. Ich wollte, dass unser Fräulein in dem Pferch sich zur Ruhe lege. Ich breitete also aus dem frischen Stroh eine ganz neue Haut aus, wünschte ihr gute Nacht und setzte mich draußen vor die Tür . . . . Gott ist mein Zeuge, dass trotz des Feuers der Liebe, das in meinem Herzen brannte, kein böser Gedanke in mir aufstieg; aber stolz war ich, sehr stolz bei dem Gedanken, dass in einem Winkel des Pferchs ganz nahe der Herde, die neugierig sie schlafen sah, die Tochter meiner Herrschaft unter meiner Obhut ruhte – sie selbst wie ein Schäfchen, nur weißer und teurer als alle andern. Nie war mir der Himmel so tief, nie waren mir die Sterne so leuchtend erschienen . . . . Plötzlich öffnete sich die Gitterthür des Pferchs und die schöne Stephanette trat heraus. Sie konnte nicht schlafen. Die Tiere bewegten sich, dann knisterte das Stroh, oder sie blökten im Traume. Sie wollte lieber nahe am Feuer sein. Als ich das sah, legte ich ihr mein Ziegenfell um die Schultern, schürte das Feuer und so blieben wir nebeneinander sitzen, ohne zu sprechen. Habt ihr jemals die Nacht unter freiem Himmel zugebracht, so wisst ihr, dass zu der Zeit, wo wir schlafen, in der Stille der Einsamkeit eine geheimnisvolle Welt erwacht. Dann singen die Quellen viel lauter und auf den Sümpfen entzünden sich kleine Flämmchen. Alle Geister des Gebirges kommen und gehen ungehindert und die Luft durchzittern kaum vernehmbare Geräusche, als höre man die Zweige der Bäume wachsen und das Gras emporsprießen. Der Tag, das ist das Leben der Wesen; aber die Nacht, das ist das Leben der Dinge. Wer nicht daran gewöhnt ist, der fürchtet sich . . . . Auch unser Fräulein schauderte und bei dem leisesten Geräusch schmiegte sie sich an mich an. Einmal stieg ein langer, melancholischer Schrei aus dem Sumpfe, der weiter unten leuchtete, zitternd zu uns herauf. In demselben Augenblick glitt eine schöne Sternschnuppe in derselben Richtung über uns dahin, gleichsam als ob jener Klagelaut, den wir gehört hatten, leuchtend geworden sei. »Was ist das?« fragte mich leise Stephanette. »Eine Seele, die zum Paradiese emporsteigt, Herrin.« Und ich machte das Zeichen des Kreuzes. Auch sie bekreuzte sich, fuhr mit dem Köpfchen empor, raffte sich dann zusammen und sagte zu mir: »Es ist also doch wahr, Schäfer, dass ihr Zauberer seid?« 

»Bewahre der Himmel, Herrin. Aber wir leben hier oben näher an den Sternen und wir wissen daher besser, was dort vorgeht, als die Leute in der Ebene da unten.« Sie blickte noch immer nach oben, den Kopf in die Hand gestützt und von dem Ziegenfell umhüllt, wie eine kleine Schäferin aus dem Himmel: »Wie viele Sterne da stehen! Wie schön das ist! In meinem ganzen Leben habe ich noch nicht so viele gesehen. Weißt du, wie sie heißen, Schäfer?« 

»Ei freilich, Herrin . . . Da, gerade über uns, das ist die ›Straße des heiligen Jakob‹ (die Milchstraße). Sie geht von Frankreich gerade nach Spanien hinüber. Der heilige Jakob von Galizien hat sie angelegt, um dem tapferen Karl dem Großen den richtigen Weg zu zeigen, als dieser gegen die Sarazenen in den Krieg zog. Weiter hin, da sehen Sie den ›Seelenwagen‹ (den großen Bär) mit seinen vier leuchtenden Rädern. Die drei Sterne, die vorausgehen, das sind die ›drei Zugtiere‹ und dicht an dem dritten der ganz kleine, das ist der ›Fuhrmann‹. Sehen Sie rings umher diesen Regen von Sternschnuppen, die herabfallen? Das sind die Seelen, die der liebe Gott nicht bei sich haben will . . . Ein wenig weiter unten, da ist der ›Harken‹ oder die ›drei Könige‹ (Orion). Die dienen uns Schäfern als Uhr. Ich darf sie jetzt nur ansehen, so weiß ich sofort, dass Mitternacht vorüber ist. Noch ein wenig weiter unten, immer nach Mittag zu glänzt ›Johann von Mailand‹, die Fackel unter den Sternen (Sirius). Von diesem Sterne da erzählen die Schäfer sich folgende Geschichte. Eines Nachts war ›Johann von Mailand‹ mit den ›drei Königen‹ und der ›Gluckhenne‹ (den Plejaden) zur Hochzeit eines ihnen befreundeten Sternes eingeladen. Die ›Gluckhenne‹, sagt man, konnte die Zeit kaum erwarten, brach zuerst auf und ging gerade den Himmel hinauf. Sehen Sie, dort oben ist sie, mitten im Himmel. Die ›drei Könige‹ schnitten ihr tiefer unten den Weg ab und holten sie wieder ein; aber der Faulpelz ›Johann von Mailand‹, der zu lange geschlafen hatte, blieb ganz zurück und warf ganz wütend seinen Stab nach ihnen, um sie aufzuhalten. Man nennt daher auch die ›drei Könige‹ den ›Stab Johanns von Mailand‹ . . . . Aber der schönste von allen Sternen, Herrin, das ist unser Stern, das ist der ›Stern des Schäfers‹, der uns beim Morgengrauen leuchtet, wenn wir die Herde austreiben, und auch des Abends, wenn wir sie eintreiben. Wir nennen ihn auch ›Magelone‹, die ›schöne Magelone‹, die dem ›Peter aus Provence‹ (Saturn) nachläuft und sich alle sieben Jahre mit ihm verheiratet.« »Wie! Schäfer, die Sterne verheiraten sich also auch?« »Ei freilich, Herrin.« Und als ich es nun vesuchte ihr auseinander zu setzen, wie es sich mit diesen Heiraten verhalte, da fühlte ich etwas Frisches und Zartes sich leise auf meine Schulter legen. Es war ihr Köpfchen, das vom Schlafe beschwert sich an mich lehnte und Bänder und Spitzen und das wellige Haar zerdrückte. So blieb sie sitzen, ohne sich zu rühren, bis die Sterne am Himmel erblaßten, ausgelöscht durch den Tag, welcher heraufstieg. Und ich, ich blickte auf die Schlummernde, in innerster Seele wohl ein wenig erregt, aber heilig behütet durch die klare Nacht, die stets nur gute Gedanken in mir erweckt hat. Um uns wandelten die Sterne weiter auf ihrer schweigsamen Bahn, gelehrig wie eine große Herde und für Augenblicke bildete ich mir ein, dass einer dieser Sterne, der schönste und glänzendste, seinen Weg verloren habe und zu mir gekommen sei, sich auf meine Schulter zu lehnen und zu schlafen . . ." .

So wie die ›Straße des heiligen Jakob‹, also die Milchstraße, die von Frankreich gerade nach Spanien hinüber geht, so hätte es auch eine Straße des heiligen Jakob für Ungarn gebraucht . Der heilige Jakob von Galizien hat sie angelegt, um dem tapferen Karl dem Großen den richtigen Weg zu zeigen, als dieser gegen die Sarazenen in den Krieg zog. Letztlich wurden die Sarazenen ja auch Frankreich und Spanien vertrieben. Ungarn dagegen muss seine bitterste Niederlage beklagen. Vor 500 Jahren wurde ein ungarisches Heer von den Osmanen vernichtet. "Mohács hat auf der Liste der historischen Traumata Ungarns eine besondere Bedeutung. Noch heute gilt der Spruch „Mehr noch ist bei Mohács verloren gegangen“, wenn jemand ausdrücken will, dass eine Niederlage nicht zu schwer genommen werden sollte." Deshalb will man heute auch keine Türken oder andere Moslems in Ungarn haben. Schon vor 500 Jahren hatten sich die Ungarn, im Stich gelassen von den europäischen Verbündeten, heldenhaft gegen die Übermacht der Osmanen gestemmt. Vor allem aber markiert die verheerende Niederlage von 1526 das Ende des mittelalterlichen Ungarns; sie läutete wie in Griechenland Jahrhunderte der Fremdherrschaft ein, die sich im historischen Gedächtnis des Landes tief eingeprägt haben. Entsprechend groß wird die Erinnerung 2026 an die Schlacht bei Mohács am 29. August vor 500 Jahren begangen. Im Anschluss ist eine Messe angesetzt, dann soll eine Kranzniederlegung am Denkmal für den ungarischen König Ludwig II. folgen, der nach der Schlacht auf der Flucht in den Sümpfen um Mohács starb. Auch die Umbettung der Überreste ungarischer Krieger, die bei Ausgrabungen auf dem Schlachtfeld gefunden wurden, ist Teil der Zeremonie, bevor einzelne Schlachtformationen von Traditionsgruppen nachgestellt werden sollen. "Gesichert ist, dass der osmanische Sultan Suleyman I. nach seiner Thronbesteigung die Expansion in Richtung Europa wieder aufnahm. 1521 eroberten die Truppen des Sultans Belgrad, fünf Jahre später setzte er seinen Feldzug in Richtung Norden fort. Der junge König Ludwig II. konnte nur mühsam ein Heer mobilisieren, das Land war nach dem Bauernaufstand von 1514 geschwächt, vor allem durch das tiefe Misstrauen der Landbevölkerung gegenüber den ungarischen Magnaten, wie der Hochadel im Land genannt wurde. Später kam die Deutung hinzu, dass einige mächtige Landherren den schwachen König wohl bewusst im Stich gelassen hätten, indem sie erst spät oder gar nicht ihre Truppen aufstellten. Besonders umstritten ist die Rolle des siebenbürgischen Woiwoden Johann Zápolya, der als Widersacher Ludwigs galt und seine bedeutende Streitmacht nicht rechtzeitig nach Mohács führte. Zum Misstrauen gegen Zápolya trug bei, dass er sich später im Streit mit den Habsburgern um die ungarische Krone auf die Seite der Osmanen schlug und sich Suleyman als Vasall unterwarf. Doch unklar bleibt, ob er Ludwig absichtlich im Stich gelassen hatte oder ob es schlicht an den weiten Entfernungen und der langsamen Kommunikation der Zeit lag, dass er nicht rechtzeitig auf dem Schlachtfeld gegen den rasch vorrückenden Sultan erschien. Dort warfen sich die Ungarn in einer Verzweiflungsaktion mit wohl weniger als 30.000 Mann der Übermacht von 70.000 osmanischen Kämpfern entgegen und versuchten, mit ihrer schweren Reiterei die Invasoren zu überrennen, die ihre Truppen noch nicht fertig aufgestellt hatten. Die Osmanen zogen sich jedoch geordnet zurück und ließen die Angreifer ins Feuer ihrer Geschütze laufen. Später trieben sie die fliehenden Ungarn in die Sümpfe, wo die meisten den Tod fanden. Die Leiche Ludwigs II. wurde erst zwei Monate später geborgen. Suleyman zog noch im September nach Buda, zog sich dann aber zunächst zurück, bevor er 1529 zur ersten Belagerung Wiens ansetzte. ... Nach Zápolyas Tod zerfiel Ungarn jedenfalls in drei Teile: Ein westliches „Königliches Ungarn“ unter den Habsburgern mit der Hauptstadt Pressburg (Bratislava), ein osmanisches Ungarn im Zentrum und das Fürstentum Siebenbürgen im Osten, das dem Sultan zwar tributpflichtig war, aber weitgehende Selbständigkeit erhielt. Erst nach der zweiten Türkenbelagerung Wiens 1683 schafften es die Habsburger, die meisten Teile Ungarns unter ihrer Herrschaft zu vereinen. Es dauerte noch knapp zweihundert Jahre, bis das Land 1867 durch den Ausgleich mit dem geschwächten Österreich weitgehende Eigenständigkeit innerhalb der Doppelmonarchie errang." 

Reisenotizen aus Miliana, Algerien; kleine, halb nackte Araber spielen unter entsetzlichem Geschrei, Janitscharen, Emir Abd-el-Kader entführte Pferde und Frauen; der Hof ist mit Arabern in Lumpen angefüllt, der Hof stößt an die Moschee von Miliana; er ist der gewöhnliche Zufluchtsort des mohammedanischen Auswurfs; Honigbiskuits als »Bissen des Kadi«: "Es will regnen: der Himmel ist grau, der Rücken des Berges Zaccar hüllt sich in Nebel. Ein trauriger Sonntag . . . . In meinem kleinen Gasthofszimmer, dessen offnes Fenster nach dem Araberviertel herausgeht, versuche ich mich durch Rauchen von Zigaretten zu zerstreuen . . . . Man hat mir die ganze Bibliothek des Hotels zur Verfügung gestellt; neben einer sehr ausführlichen Abhandlung über das Steuerwesen und einigen Romanen von Paul de Kock entdecke ich einen einzelnen Band von Montaigne . . . . Ich schlage das Buch auf das Geratewohl auf und treffe den bewundernswerten Brief über den Tod des Boëthius, den ich mit Interesse noch einmal lese . . . . Nun aber bin ich träumerischer und düsterer als je gestimmt . . . . Schon fallen einige Regentropfen. Jeder Tropfen, der auf das Fensterbrett herabfällt, gräbt einen großen Stern in den Staub, der sich seit der Regenperiode des vorigen Jahres dort angehäuft hat . . . . Das Buch entgleitet meiner Hand und minutenlang haftet mein Blick an diesem melancholischen Sterne . . . . Es schlägt zwei Uhr auf dem Uhrturme der Stadt – einem alten »Marabout«, dessen schlanke, weiße Mauern ich von hier aus erblicke . . . Armer Teufel von Marabout! Wer hätte ihm wohl vor dreißig Jahren gesagt, dass er eines Tags in seinem Innern ein großes städtisches Uhrwerk beherbergen und dass er jeden Sonntag, Schlag zwei Uhr, den Kirchen von Miliana das Zeichen geben werde, den Nachmittagsgottesdienst einzuläuten . . . . Bim, bam! Da fangen sie an zu läuten! . . . Das wird ziemlich lange dauern . . . Dieses Zimmer ist entschieden traurig. Die großen Spinnen des Morgens, die man als philosophische Gedanken bezeichnet, haben in allen Ecken ihre Netze gesponnen . . . Gehen wir hinaus! . . . Ich komme auf den großen Platz. Die Musik des dritten Linienregiments, die sich vor einem bißchen Regen nicht fürchtet, hat sich soeben um ihren Dirigenten geschart. An einem Fenster der Kommandantur erscheint der General, von seinen Fräuleins umgeben; auf dem Platze spaziert der Unterpräfekt, Arm in Arm mit dem Friedensrichter hin und her. Ein halbes Dutzend kleiner, halb nackter Araber spielen unter entsetzlichem Geschrei in einem Winkel mit Kugeln. ... Wo könnte ich wohl diesen trüben Sonntagsnachmittag verleben? Nun, der Laden Sid'Omars ist offen . . . Treten wir also bei Sid'Omar ein. Obwohl Sid'Omar einen Laden hat, ist er doch kein Krämer. Er ist ein Prinz von Geblüt, der Sohn eines ehemaligen Deys von Algier, der von den Janitscharen stranguliert wurde . . . . Bei dem Tode seines Vaters flüchtete Sid'Omar mit seiner Mutter, die er anbetete, nach Miliana und lebte hier einige Jahre als großer Herr unter seinen Windhunden, seinen Falken, seinen Pferden und seinen Frauen in prächtigen kühlen Palästen, umgeben von Orangengärten und Springbrunnen. Da kamen die Franzosen. Sid'Omar, anfangs unser Feind und Abd-el-Kaders Verbündeter, veruneinigte sich schließlich mit dem Emir und unterwarf sich. Um sich zu rächen überfiel der Emir in Sid'Omars Abwesenheit Miliana, plünderte seine Paläste, schlug die Orangengärten nieder, entführte seine Pferde und seine Frauen und ließ seine Mutter unter dem Deckel einer großen Kiste ersticken . . . Der Zorn Sid'Omars war fürchterlich: sofort stellte er sich in den Dienst Frankreichs und dieses hatte, so lange der Krieg mit dem Emir dauerte, keinen besseren und wilderen Soldaten, als ihn. Nach beendigtem Kriege kehrte Sid'Omar nach Miliana zurück, aber noch heute, wenn man in seiner Gegenwart von Abd-el-Kader spricht, wird er blass und seine Augen fangen an zu glühen. ... Der Hof vor dem Bureau ist mit Arabern in Lumpen angefüllt. Wohl ihrer fünfzig hocken hier längs der Mauer in ihren Burnussen. Dieses beduinische Vorzimmer, obwohl es in freier Luft liegt, duftet stark nach Menschenleder. Gehen wir rasch hindurch . . . . Im Bureau finde ich den Dolmetscher in lebhafter Verhandlung mit zwei großen Schreihälsen, die nur mit langen, schmierigen Decken bekleidet waren und mit wütenden Gebärden, ich weiß nicht welche Geschichte von einem gestohlenen Steigbügelriemen erzählten. Ich setze mich in einem Winkel auf eine Matte und sehe zu . . . . Eine hübsche Kleidung, diese Dolmetscheruniform; und wie der Dolmetscher von Miliana sie zu tragen weiß! Sie scheinen wie füreinander geschaffen! Die Uniform ist himmelblau mit schwarzer Einfassung und glänzenden Goldknöpfen. Der Dolmetscher ist blond, rosig, ganz lockig; ein hübscher blauer Husar voll Humor und Phantasie, ein wenig schwatzhaft – er spricht so viele Sprachen! – ein wenig Zweifler – er hat Renan gekannt in der orientalischen Schule – großer Freund des Sports, gleich heimisch im arabischen Bivouac, wie auf den Soireen des Unterpräfekten, besserer Masurkatänzer, und in der Zubereitung des Kuskus erfahrener, als irgend jemand. Um alles mit einem Worte zu sagen: ein Pariser; das ist mein Mann und wundert euch nicht, dass die Damen für ihn schwärmten . . . Als Dandy hat er einen einzigen Rivalen, den Sergeant des arabischen Bureaus. Dieser – mit seiner Tunika aus feinem Tuche und seinen Gamaschen mit Perlmutterknöpfen – wird von der ganzen Garnison beneidet und bringt sie fast zur Verzweiflung. Zum arabischen Bureau kommandiert, ist er vom gewöhnlichen Dienste dispensiert und zeigt sich beständig in den Straßen in weißen Handschuhen, frisch frisiert, mit großen Registern unter dem Arme. Man bewundert und fürchtet ihn. Er ist eine Autorität. ... Kaum bin ich auf der Straße, so bricht ein heftiges Gewitter los. Regen, Donner, Blitze, Scirocco . . . Schnell, suchen wir ein Obdach! Ich laufe auf gut Glück in eine Tür hinein und gerade mitten in ein Nest von Zigeunern, die unter den Bogen eines maurischen Hofes lagert. Dieser Hof stößt an die Moschee von Miliana; er ist der gewöhnliche Zufluchtsort des mohammedanischen Auswurfs und führt den Namen »Hof der Armen«. ... Große, magere Windhunde, ganz mit Ungeziefer bedeckt, von bösartigem Aussehen streifen um mich herum. Mit dem Rücken gegen einen Pfeiler der Galerie gelehnt versuche ich gute Miene zum bösen Spiele zu machen und betrachte, ohne mit jemand zu reden, die Regentropfen, die von den farbigen Fliesen des Hofes abprallen. Die Zigeuner liegen in Haufen am Boden. Nahe bei mir singt eine junge, ziemlich schöne Frau, Hals und Beine nackt, dicke eiserne Ringe um Handgelenk und Knöchel, ein sonderbares Lied von drei melancholischen Tönen mit näselnder Stimme. Während des Gesangs stillt sie ein kleines nacktes Kind, dessen Haut wie rote Bronze aussieht, und mit dem freien Arme stößt sie Gerste in einem steinernen Mörser. Zuweilen überflutet der Regen, vom Sturme gepeitscht, die Beine der Mutter und den Körper des Kindes. Die Zigeunerin hat keine Acht darauf und fährt trotz des Sturms und Regens fort zu singen, das Kind zu tränken und die Gerste zu stoßen. ... Bei Sid'Omar ein prächtiges Diner. – Der Speisesaal geht auf einen eleganten maurischen Hof hinaus, wo zwei oder drei Springbrunnen plätschern . . . . Unter andern Gerichten bemerke ich besonders Huhn mit Mandeln, Kuskus mit Vanille, Schildkröte à la viande ... und Honigbiskuits, die man »Bissen des Kadi« nennt . . . . Als Wein, nichts als Champagner. Trotz des muhammedanischen Gesetzes trinkt Sid'Omar ein wenig davon – wenn nämlich die Diener den Rücken gewendet haben . . . . Nach dem Diner begeben wir uns in das Zimmer unseres Gastgebers, wo man uns Eingemachtes, Pfeifen und Kaffee vorsetzt. Das Möblement dieses Zimmers ist außerordentlich einfach: ein Diwan, einige Matten; im Hintergrunde ein großes, sehr hohes Bett, auf welchem kleine rote, mit Gold gestickte Kissen herumliegen . . . . An der Wand hängt ein altes türkisches Gemälde, welches die Taten eines gewissen Admirals Hamadi darstellt. Es scheint, dass man in der Türkei zu jedem Gemälde nur eine Farbe verwendet: dieses Gemälde ist der grünen Farbe gewidmet. Meer, Himmel, Schiffe, Admiral Hamadi selbst, alles ist grün. . . . Nach arabischer Sitte zieht man sich zeitig zurück. Nach genommenem Kaffee, nach gerauchter Pfeife wünsche ich meinem Wirte gute Nacht und überlasse ihn seinen Frauen. ... Ich kehre langsam, die Wälle entlang, nach dem Hotel zurück. Herrliche Gerüche von Orangen und Thymian steigen von der Ebene herauf. Die Luft ist weich, der Himmel fast rein . . ." 

Die Heuschrecken, Erinnerung an Algerien; Jeden Augenblick Aufstände der Araber, man musste den Pflug verlassen, um sich mit der Flinte zu wehren, zwei Compagnien Turkos: "Die Nacht nach meiner Ankunft auf dem Meierhofe du Sahel konnte ich nicht schlafen. Das neue Land, die Aufregung der Reise, das Heulen der Schakale, dann eine entnervende, drückende Hitze, ein vollständiges Ersticken, als wenn die Maschen des Moskitonetzes nicht einem Lufthauche Durchgang gestatteten . . . Als ich beim Morgengrauen mein Fenster öffnete, schwamm ein schwerer, langsam fortschreitender, an den Rändern schwarz und rosa gefranzter Sommernebel in der Luft, wie eine Wolke von Pulverdampf über einem Schlachtfelde. Nicht ein Blatt bewegte sich und in den schönen Gärten, auf die ich herabsah, boten die auf den Abhängen in voller Sonnenglut sich ausbreitenden Weinreben, aus denen man die süßen Weine gewinnt, die in einem schattigen Winkel vor den Sonnenstrahlen behüteten Fruchtbäume Europas, die kleinen Orangen- und Mandarinenbäume in langen, mikroskopischen Reihen, alle denselben traurigen Anblick, die Unbeweglichkeit der Blätter, welche dem Ungewitter vorangeht. Selbst die Bananenbäume, diese großen, zartgrünen Rohrdickichte, sonst immer durch irgend einen Lufthauch bewegt, der ihre feine, leichte Wolle untereinander wirrt, standen schweigend aufrecht wie richtige Federbüsche. Ich stand einen Augenblick in das Anschauen dieser wunderbaren Anpflanzung verloren, in welcher alle Baumarten der Welt vereinigt sind, von denen eine jede zu ihrer Zeit ihre Blüten und ihre Früchte gibt. Zwischen Getreidefeldern und Dickichten von Korkeichen leuchtete ein Wasserlauf, dessen Anblick in der erstickenden Hitze des Morgens etwas Erfrischendes hatte. Indem ich diesen Reichtum, diese Ordnung, diesen schönen Meierhof mit seinen maurischen Arkaden, seinen Terrassen, von blühendem Weißdorn beschattet, die Ställe und Schuppen rings umher bewunderte, dachte ich daran, dass diese braven Leute, als sie vor zwanzig Jahren sich in diesem Tale du Sahel ansiedelten, nichts als die elende Hütte eines Wegwärters und unkultiviertes, von Zwergpalmen und Mastixbäumen bedecktes Land fanden. Alles war zu schaffen, alles zu bauen. Jeden Augenblick Aufstände der Araber. Man musste den Pflug verlassen, um sich mit der Flinte zu wehren. Dann Krankheiten, Augenleiden, Fieber, Missernten, unsicheres Herumtappen der Unerfahrenheit, Kampf mit einer beschränkten, immer wechselnden Verwaltung. Welche Anstrengungen! Welche ermüdende Arbeit! Welche unaufhörliche Überwachung! Noch jetzt, obgleich die schlechte Zeit vorüber und durch die langen Anstrengungen ein Vermögen erworben war, waren beide, Mann und Frau die ersten auf dem Meierhofe, die morgens das Bett verließen. In früher Morgenstunde hörte ich sie in den großen Küchen des Erdgeschosses gehen und kommen, um den Kaffee der Arbeiter zu überwachen. Bald ertönte eine Glocke und nach Verlauf eines Augenblicks waren die Arbeiter auf der Straße aufgestellt. Winzer aus der Bourgogne, kabylische Feldarbeiter in Lumpen, mahonesische Wallgräber mit nackten Beinen, Malteser, Leute aus Lucca – eine Sammlung der verschiedenartigsten Elemente, schwer zu regieren. Einem jeden von ihnen teilte der Besitzer des Hofs vor der Türe mit kurzen, etwas rauh klingenden Worten seine zu erledigende Tagesarbeit mit. Als er dies beendigt hatte, erhob der brave Mann seinen Kopf und prüfte mit unruhiger Miene den Himmel. Als er mich am Fenster bemerkte, rief er mir zu »Schlechtes Wetter für den Ackerbau . . . da haben wir den Scirocco.« In der Tat, als die Sonne mehr und mehr am Himmel emporstieg, trafen uns Windstöße aus dem Süden, brennend heiß und erstickend, als wenn sie aus der Tür eines Backofens kämen, die sich abwechselnd öffnete und wieder schloss. Man wußte nicht, wohin man sich wenden, was man anfangen sollte. So verging der ganze Morgen. Wir tranken Kaffee auf den Matten der Galerie, ohne den Mut zu haben zu sprechen oder uns zu regen. Die an längere Leinen gebundenen Hunde streckten sich möglichst niedrig am Boden aus, um die Frische der Steinfliesen zu genießen. Bei dem Frühstück erholten wir uns ein wenig. Es war ein reiches und eigentümliches Frühstück. Es gab Karpfen, Forellen, Wildschwein, Igel, Butter von Staouëli, Wein von Crescia, indische Birnen, Bananen, eine Sammlung der verschiedenartigsten Gerichte, welche der uns umgebenden Natur völlig entsprach . . . . Man war im Begriff, sich von der Tafel zu erheben. Plötzlich erhob sich an der Glasthüre, die wir geschlossen hatten, um die Backofenhitze des Gartens von uns abzuhalten, ein entsetzliches Geschrei: »Die Heuschrecken! Die Heuschrecken!« Mein Wirt wurde ganz blass, wie ein Mensch, dem man ein Unglück ankündigt. Wir eilten hinaus. Zehn Minuten lang gab es in der Wohnung, die eben noch so ruhig war, einen Lärm von eiligen Schritten, von verworrenen Stimmen. Aus dem Schatten der Vorplätze, wo sie eingeschlafen waren, stürzten die Diener hinaus und schlugen mit Stöcken, mit Gabeln, mit Dreschflegeln auf die Hausgeräte von Metall, die ihnen in die Hände fielen, auf kupferne Kessel, auf Becken, auf Pfannen, dass es laut schallte. Die Schäfer bliesen in ihre Hirtentrompeten. Andere hatten Seemuscheln oder Jagdhörner. Das machte einen entsetzlichen, misstönenden Lärm, der jedoch noch von den scharfen »Hu! Hu! Hu!« der arabischen Frauen übertönt wurde, die aus einem benachbarten Duar herbeigeeilt waren. Oft genügt, wie es scheint, ein großer Lärm, eine große Erschütterung der Luft, um die Heuschrecken zu verjagen, sie am Niederlassen zu verhindern. Aber wo waren sie denn, diese schrecklichen Geschöpfe? Am Himmel, der vor Hitze zitterte, sah ich nichts als eine Wolke, kupferfarben und dicht wie eine Hagelwolke, die am Horizont heraufstieg mit einem Geräusch, wie es ein starker Wind in den Tausenden von Zweigen eines Waldes hervorbringt. Das waren die Heuschrecken. Eine von der andern getragen durch die ausgestreckten dürren Flügel, bildeten sie eine zusammenhängende fliegende Masse und trotz unseres Geschreis und unserer sonstigen Anstrengungen näherte sich die Wolke immer mehr, indem sie einen unendlichen Schatten vor sich auf die Ebene warf. Bald war sie über unseren Köpfen; an den Rändern sah man eine Sekunde lang ein Ausfränzeln, einen Riss. Wie die ersten Tropfen eines Platzregens sonderten sich einige deutlich ab, dann barst die ganze Wolke und schüttete einen dichten Hagel von Insekten geräuschvoll herab. So weit das Auge reichte, waren alle Felder mit Heuschrecken bedeckt, mit gewaltigen Heuschrecken, so lang wie ein Finger. Nun ging das Morden an. Das Zerdrücken und Zerquetschen machte ein Geräusch, wie wenn man frisches Stroh zertritt – eine hässliche Musik. Mit Eggen, mit Hacken, mit Pflügen wühlte man den lebendigen Boden um; je mehr man aber tötete, desto mehr schienen es zu werden. Schichtenweise krochen sie vorwärts, ihre langen Beine eingeklemmt; die obersten machten verzweifelte Sprünge und hüpften den zu der sonderbaren Arbeit angespannten Pferden an die Nasen. Die Hunde aus dem Meierhofe, die aus dem Duar rannten über die Felder, wälzten sich auf ihnen herum und zermalmten sie mit wahrer Wut. In diesem Augenblick kamen zwei Compagnien Turkos, die Trompeter voraus, den unglücklichen Ansiedlern zur Hilfe und das Morden nahm eine andere Gestalt an. Anstatt die Heuschrecken zu zerdrücken, verbrannten die Soldaten dieselben, indem sie Pulver in langen Streifen auf sie ausschütteten und dasselbe anzündeten. Müde vom Töten und des widerwärtigen Geruchs überdrüssig kehrte ich in das Haus zurück. Dort gab es aber fast ebensoviel Heuschrecken als draußen. Sie waren durch die Türen, durch die Fenster, durch die Schornsteine eingedrungen. An dem Rande des Getäfels, in den schon halb angefressenen Vorhängen krochen sie herum. Sie fielen herab, sie flogen herum, sie kletterten an den weißen Wänden in die Höhe, einen riesigen Schatten hinter sich werfend, der ihre Hässlichkeit verdoppelte. Und immer dieser entsetzliche Geruch. Beim Mittagsessen war man genötigt auf das Wasser zu verzichten. Cisternen, Brunnen, Weiher, alles war verpestet. Abends hörte ich noch in meinem Zimmer, wo man doch ganze Massen von ihnen getötet hatte, das Krabbeln unter den Möbeln, und das Knistern der Flügeldecken, ähnlich dem Geräusch von Schoten, wenn sie in großer Hitze aufplatzen. Auch diese Nacht konnte ich nicht schlafen. Übrigens blieb auch alles rings um den Meierhof herum wach. Flammen liefen beständig am Boden hin von einem Ende der Ebene zum andern. Die Turkos waren noch immer beim Morden. Am nächsten Morgen, als ich mein Fenster öffnete, wie am vorhergehenden Tage, waren die Heuschrecken fort; aber welche Verwüstung hatten sie zurückgelassen! Nicht eine Blume mehr, nicht ein Hälmchen Gras! Alles schwarz, abgefressen, verbrannt. Bananen-, Aprikosen-, Pfirsichen-, Mandarinenbäume waren nur noch an der Stellung ihrer Äste zu unterscheiden. Des beweglichen Laubes, das ihnen Reiz und Leben verleiht, waren sie beraubt. Man reinigte die Wasserplätze, die Cisternen. Überall gruben Arbeiter die Erde um, um die Eier zu töten, welche die Insekten zurückgelassen hatten. Jede Scholle wurde umgewendet und sorgfältig zerkleinert. Und das Herz zog sich zusammen beim Anblick der tausend und aber tausend saftstrotzenden weißen Lebenskeime, die zwischen den Krumen der fruchtbaren Erde enthalten waren . . ." [6] 
 

6. Le Nabab / der Nabob I

Nichtswürdigkeiten im Salon anzuhören ist nicht allzu selten.  Der großen Salon, dessen Eingang durch eine gestaute Flut von schwarzen Fracks belagert war, ein Gewoge von ausgestreckten Köpfen, die alle in das weitläufige Gemach hineinschauten, in dessen reicher Ausstattung sich der sowohl dem Herrn wie der Frau vom Hause eigene künstlerische Geschmack äußerte. "Auf niedrigen Sitzen waren die Damen so dicht gruppiert, dass die glänzenden Farben ihrer Toiletten fast ineinander zerflossen, sie bildeten gleichsam einen riesenhaften Blumenkorb, aus welchem der Schimmer der nackten Schultern und das Feuer zahlloser Diamanten hervorleuchtete, die in den dunkeln Haaren wie Tautropfen, in den blonden mit blitzenden Reflexen erglänzten. Und überallhin strömte jener berauschende Wohlgeruch, jenes süße, verschwommene Summen, das aus zitternder Wärme und ungreifbaren Flügelschlägen zusammengehaucht, die Blumenbeete im warmen Sommer küsst. Zuweilen stieg in diese leuchtende Atmosphäre ein silbernes Lachen empor, oder es wehte ein schwacher Luftzug, und dann zitterte es in den Locken und in ihren Juwelensträußchen und ein schönes Profil hob sich wohl einen Moment vom Gesamtbilde ab. Im Inneren des Salons befanden sich nur sehr wenig Herren und zwar bloß hochgestellte Persönlichkeiten, reich an Jahren und Orden, die, vor einem Diwan auf einen halb umgekippten Sessel hingelehnt, sich mit der oder jener Dame in dem herablassenden Tone unterhielten, welchen man Kindern gegenüber anzuschlagen pflegt. Aus dem diskreten Geflüster jener Plaudereien klang nur eine einzelne Stimme hin und wieder heraus, die schmetternde Stimme des überglücklichen Nabobs, welcher sich in diesem Treibhause der Weltlichkeit mit der zuversichtlichen Unbefangenheit des Millionärs und des Frauen verachtenden Orientalen bewegte. Breit auf einen Fauteuil hingestreckt, die dicken Finger in den gelben Handschuhen ungeniert ineinander verschränkt, sprach er eben mit einer jungen, sehr schönen Dame, deren originelle Physiognomie, mit den strengen aber lebensvollen Zügen, in ihrer Blässe von den Puppengesichtchen ringsherum gerade so abstach, wie der ganz weiße mit klassischem Faltenwurf um die schlanke Gestalt geschmiegte Anzug von all den reichen Toiletten, von denen keine einzige sich in einem Stile so kühner Einfachheit bewegte. Von seinem Winkel aus betrachtete Paul von Géry mit Bewunderung diese niedere, glatte, von herabquellendem Haar beschattete Stirn, die weitgeschlitzten tiefblauen Augen – abgrundblaue Augen – und den Mund, dessen reine Linien, sobald er zu lächeln aufhörte, einen Ausdruck von Abgespanntheit und Schlaffheit annahmen, Einzelheiten, deren Gesamtwirkung auf ein schroffes, vielleicht einzig und auch einsam dastehendes Ausnahmewesen schließen ließ. Als er in seiner Nähe zufällig ihren Namen – Felicia Ruys – nennen hörte, da begriff er die wunderbare Anziehungskraft dieses Mädchens, der Erbin des väterlichen Genies, deren junger Ruhm, verklärt durch den Nimbus ihrer Schönheit, schon bis in seine Provinz gedrungen war. Während er, von der geringfügigsten ihrer Bewegungen gefesselt, dem rätselhaften Zuge in dieser schönen Gestalt nachgrübelte, wisperte es dicht hinter ihm: »Da sehen Sie nur, wie sie freundlich tut mit dem Nabob! Ei, wenn jetzt der Herzog schon da wäre . . .« ... Im Inneren des Salons entstand eine Bewegung und an der Eingangsthür ein stärkerer Andrang. Die Unterhaltung verstummte auf einige Zeit, und Paul von Géry atmete wieder auf. Ihm hatte das eben Vernommene das Herz zusammengepreßt. Er fühlte sich mitgetroffen, befleckt durch jenen schmutzigen Ausfall auf das Ideal, zu dem sich ihm diese herrliche, unter dem Sonnenstrahl der Kunst aufgeblühte Mädchengestalt verklärt hatte, deren Zauber ihm so tief zu Gemüte ging. Er wandte sich ab und trat etwas beiseite, denn es wäre ihm gräßlich gewesen, noch weitere Nichtswürdigkeiten anzuhören. Frau Jenkins' Gesang tat ihm wohl, ihre Stimme, die in den Pariser Salons sehr bewundert wurde, hatte trotz ihrer Klangfülle nichts Theatralisches an sich, sondern machte mehr den Eindruck einer von Naturtönen getragenen Improvisation. Die Dame selbst, die mit ihren vierzig bis fünfundvierzig Jahren immer noch schön zu nennen war, hatte prachtvolles aschblondes Haar und feine etwas unbestimmte Züge mit einem Ausdruck großer Herzensgüte. Ihre Toilette verriet den kostspieligen Geschmack einer Frau, die noch nicht darauf verzichtet hat zu gefallen. Und so war es auch in der Tat, denn sie und der Doktor, den sie vor etwa zehn Jahren als Witwe geheiratet hatte, schienen noch immer in den Flitterwochen ihres Doppelglückes zu wandeln. Während sie ein russisches Volkslied vortrug, eine jener echt slavischen Melodieen voll Wildheit und einschmeichelnder Schwermut, strahlte Jenkins' Gesicht von naivem, unverhohlenem Stolz, und sie suchte ihn ihrerseits, so oft sie sich wieder zurücklehnte, um wieder Atem zu schöpfen, über das Notenblatt weg mit dem Blicke und lächelte ihm schüchtern und sehnsuchtsvoll zu."

Fromme Christin mit der Haremvergangenheit, angelernten Manieren aus den streng katholischen Kreisen, in denen sie sich seit ihrer Bekehrung und ihrer vor kurzem erfolgten Taufe bewegte: "Der Nabob hatte von Herzen eingewilligt. Er hegte gegen seinen früheren Intimus keinen Groll. Das Zerwürfnis war nur durch Hemerlingues Heirat mit einer Favoritin des verstorbenen Beys herbeigeführt worden, durch eine bloße Weibergeschichte, meinte Jansoulet, über die er herzlich gern Gras wachsen sah, denn sein übersprudelndes Temperament empfand jede Zwistigkeit als eine Last. Allein von seiten des Barons schien die Annäherung nicht gewünscht zu werden, da, trotz seines gegebenen Versprechens, seine Frau zu des Doktors größtem Verdruss ohne ihn herkam. Die Baronin, eine hochaufgeschossene, schmächtige Gestalt, mit Augenbrauen wie Rabenfedern und ebenso schwarzem Haar unter einem diamantenstrotzenden Kopfputz von Gräsern und Aehren, hatte in ihrem Ansehen etwas so Jugendliches und Verschüchtertes, dass man sie statt ihrer dreißig Jahre auf zwanzig geschätzt hätte. Etwas beengt in der Pariser Toilette, machte sie mit ihren von langen Wimpern überschatteten bleichen Wangen und dem durchsichtigen Teint, der ja allen von der Außenwelt lange abgeschlossenen Frauen eigen ist, weniger den Eindruck einer ehemaligen Odaliske als den einer Klosterfrau, die, von ihren Gelübden entbunden, ins Leben zurückkehrt, und diesen Vergleich bestätigte sie noch durch ein religiös salbungsvolles Wesen in ihrer ganzen Haltung, durch ein gewisses feierliches Einherwandeln mit niedergeschlagenen Augen, anliegenden Ellbogen und gefallenen Händen, lauter angelernten Manieren aus den streng katholischen Kreisen, in denen sie sich seit ihrer Bekehrung und ihrer vor kurzem erfolgten Taufe bewegte. – Was konnte sich die profane Neugierde wohl Interessanteres wünschen, als diese fromme Christin mit der Haremvergangenheit, die eben von Jenkins in Begleitung einer erdfahlen, bebrillten Meßnerfigur eingeführt wurde; es war dies Hemerlingues Rechtsanwalt le Merquier, Abgeordneter von Lyon, welcher die Baronin stets begleitete, wenn sich der Baron wie heute abend »etwas angegriffen fühlte«. Als die drei in den zweiten Salon eintraten, ging der Nabob schnurstracks auf sie zu, in der Meinung, hinterdrein das breite, gelbliche Gesicht seines alten Kameraden auftauchen zu sehen, dem er verabredetermaßen die Hand bieten sollte. Sowie die Baronin ihn erblickte, wurde sie noch blasser als gewöhnlich, ein Blitzstrahl zuckte unter ihren langen Wimpern hervor, ihre Nasenflügel bebten weitgeöffnet, und als Jansoulet sich vor ihr verbeugte, schritt sie hoch erhobenen Hauptes rasch an ihm vorbei, indem von ihren dünnen Lippen ein arabisches Wort fiel, das für jedermann dunkel war, außer für den armen Nabob, der die Beleidigung wohl verstanden hatte, denn als er sich aufrichtete, hatte sein gebräuntes Gesicht die Farbe eines Ziegelsteines, der eben aus dem Ofen kommt. So blieb er eine Zeitlang stehen, die dicken Fäuste krampfhaft geballt, mit zorngeschwelltem Munde, bis Jenkins auf ihn zueilte; und dann sah Géry, welcher dem ganzen Auftritte aus der Ferne gefolgt war, wie sich beide in ein erregtes Gespräch vertieften."

Ein gewölbter Rücken, den der orientalische Hofschranzen-Hokuspokus für immer gekrümmt zu haben schien; In Paris hat der Reichtum nicht den Vorrang: "Ein merkwürdiger Gegensatz, diese zwei Gestalten: der stämmige, durch und durch plebejische Jansoulet mit seiner Lederhaut und dem breiten, gewölbten Rücken, den der orientalische Hofschranzen-Hokuspokus für immer gekrümmt zu haben schien, mit seinen kurzen, dicken Händen, an denen die hellen Glacéhandschuhe platzten, mit der südlichen Ueberschwenglichkeit in den Gebärden und in der Betonung der Wörter, die er wie gesprengte Felsblöcke hervorstieß – und, ihm gegenüber, der geborene Kavalier und Weltmann, der, eine Verkörperung der Eleganz, geschmackvoll bis in die kleinste seiner spärlich hingestreuten Bewegungen, seine abgerissenen Sätze mit vornehmer Nachlässigkeit hingleiten ließ, indem er den Ernst seiner Züge durch ein halbes Lächeln milderte und seine tiefe Verachtung für Mann und Weib unter den Formen einer unerschütterlichen Höflichkeit verbarg. Und doch war gerade jene Verachtung eine Hauptursache seiner Erfolge. In einem amerikanischen Salon wäre dieser Gegensatz nicht so störend gewesen. Des Nabobs Millionen hätten dort das Gleichgewicht hergestellt, wenn nicht gar die Wagschale zu seinen Gunsten niedergedrückt. In Paris aber hat der Reichtum noch immer nicht den Vorrang."

Da drunten bei den Türken zusammengestohlen; Spezialharem mit lauter Europäerinnen, den der Nabob außer dem Serail für Seine Hoheit ganz wundervoll eingerichtet hat; Nabob als Held der Schandchronik, Marseiller Abenteurer, aus jenem Uferschlamme geformt, wie ihn die unzähligen Bummler und Nomaden auf allen Quais der Hafenstadt breittreten; gutmütig, freigebig, nach Dirnen- und Diebesart; gefeierter Mann der Wissenschaft war einer Gaunerbande anheimgefallen, und selbst ein Gauner, dem nur recht geschah, wenn auch er, systematisch ausgebeutet, seine Millionen »wieder herausschwitzen« musste: "Und nun ging's los, lauter Schandthaten: Fünfzehn Jahre hindurch habe Jansoulet den verstorbenen Bey in niederträchtigster Weise ausgebeutet. Man könne sowohl Namen von Lieferanten anführen, wie auch einzelne in ihrer Dreistigkeit ganz unerhörte Musterstreiche, z. B. die Geschichte von einer Spielfregatte – jawohl von einer Spielfregatte, wie es Spieluhren und Spieldosen gibt – welche Fregatte er für zweimalhunderttausend Franken angekauft und für volle zehn Millionen an den Mann gebracht – oder die Geschichte von einem Thronsessel, der dem Bey zwei Millionen gekostet, dessen Herstellungspreis aber, wie aus den Büchern eines Tapeziers aus der Vorstadt St. Honoré zu ersehen war, sich nicht ganz auf hunderttausend Franken belief, eine Geschichte, deren Komik darin gipfelte, dass der Herrscherstuhl, infolge einer Geschmackveränderung des Souveräns, noch bevor er ausgepackt worden, in Ungnade fiel und in seiner fest zugenagelten Kiste bis auf den heutigen Tag auf dem Zollamte in Tripolis stehen geblieben ist; und abgesehen von solchen schamlosen Kommissionsaufschlägen, die sich bis auf die kleinste Spielwarensendung erstreckten, wurden noch andre gravierende Anklagepunkte betont, die indessen geradeso feststanden, denn sie stammten aus derselben Quelle. Man sprach von einem Spezialharem mit lauter Europäerinnen, den der Nabob außer dem Serail für Seine Hoheit ganz wundervoll eingerichtet, und ein Mann, wie der Nabob, müsse dergleichen doch loshaben, da er ja schon früher vor seiner Abreise nach dem Orient hier in Paris in der sonderbarsten Weise sein Leben gefristet als Wiederverkäufer von Theaterkontremarken, als Geschäftsführer eines vorstädtischen Tanzetablissements und eines andern noch anrüchigeren Lokales. . .Unterdessen saß der ahnungslose Held dieser Schandchronik, der Nabob, ganz gemütlich mit dem Herzog von Mora beim Ecarté in einem kleinen blauen Salon, in welchem das gedämpfte Licht zweier Lampen eine friedliche Stimmung verbreitete: der Sohn eines Vaters, der mit altem Eisen handelte, am Spieltisch ganz allein mit dem obersten Würdenträger des Kaisers – o, Zauber der Millionen!" ... Jener gefeierte Mann der Wissenschaft mit dem offnen Blick und der herzgewinnenden Freundlichkeit entblödete sich nicht, der Welt das Schauspiel eines schamlosen Verhältnisses zu geben – und die Pariser Gesellschaft nahm, trotzdem sie darum wußte, keinen Anstoß und strömte seinen Festen zu! Und nun gar dieser Jansoulet, der so gütig, so großmütig an ihm gehandelt, dem er zu so herzlichem Dank verpflichtet, war einer Gaunerbande anheimgefallen, und selbst ein Gauner, dem nur recht geschah, wenn auch er, systematisch ausgebeutet, seine Millionen »wieder herausschwitzen« musste. ... Ein Seitenblick auf den Nabob, der mit seiner vierschrötigen Gestalt fast die ganze Trottoirbreite einnahm und den die Last seiner Geldsäcke zu beugen schien, ließ Paul von Géry in dem schwerfälligen Gange seines Gönners urplötzlich etwas Niedriges, Gemeines entdecken, das ihm zuvor nicht aufgefallen war. Richtig! Er war ja ganz Marseiller Abenteurer, aus jenem Uferschlamme geformt, wie ihn die unzähligen Bummler und Nomaden auf allen Quais der Hafenstadt breittreten; gutmütig, freigebig – nun ja, nach Dirnen- und Diebesart. Und nun war dem jungen Manne, als ob der Goldstrom, der durch die prunkvollen, verrufenen Gemächer am Vendômeplatze einherwogte und seinen Gischt an den Wänden hinaufspritzte, allen Abschaum und allen Unflat seiner unlauteren, morastigen Quelle mit sich wälzte."

Dummerweise in eine Odaliske vernarrt, die auf Betreiben der Mutter des Beys aus dem Harem gejagt worden war, eine boshafte Bestie; es gibt ja doch in der großen Welt nur eine Stadt, nur einen Aufenthalt: Paris, das einladende, gastfreie Paris, das keine Faxen macht und jedermann, wenn er nur ein gescheiter Kopf ist, vollauf Fahrwasser zu großen Leistungen bietet: Gegen das Raubgesindel verteidigen, ihm zur Notwehr behilflich sein gegen das Geschmeiß von wilden, nächtlichen Wegelagerern, nicht nur in den - heute arabisierten - Vororten von Paris: 

"Und nun vernarrt sich dieser froschblütige Baron eines schönen Tages dummerweise in eine Odaliske, die auf Betreiben der Mutter des Beys aus dem Harem gejagt worden war. Das Weibsbild, schön und ehrgeizig, wußte sich in die Ehe hineinzuschmuggeln; für Hemerlingue war aber nach dieser sauberen Heirat der Aufenthalt in Tunis selbstverständlich unmöglich geworden.  ... Aber trotz alledem, wie übel mir Hemerlingue auch mitgespielt hat und jetzt noch mitspielt, war ich heute abend bereit, ihm die Hand zu reichen, und der Wicht lässt mich nicht nur abfahren, sondern obendrein durch sein Weib beschimpfen, eine boshafte Bestie, die mir's nie vergeben kann, dass ich ihr in Tunis mein Haus verschloss. Wissen Sie, was sie vorhin im Vorbeigehen zu mir gesagt hat? Dieb und Hundesohn . . . o, sie nimmt kein Blatt vor den Mund, die Odaliske! Und so musste ich denn, wenn ich meinen Hemerlingue nicht von alters her als einen Hasenfuß aus dem ff kennte. . . . Aber nein, Unsinn! . . . Lassen wir sie nur reden, und lachen wir sie aus! Was können sie mir denn anhaben? Mich abtakeln drüben beim Bey? Ist mir egal, mit Tunis habe ich nichts mehr zu schaffen und ich will möglichst bald den Rückzug antreten mit Sack und Pack. Es gibt ja doch in der großen Welt nur eine Stadt, nur einen Aufenthalt: Paris, das einladende, gastfreie Paris, das keine Faxen macht und jedermann, wenn er nur ein gescheiter Kopf ist, vollauf Fahrwasser zu großen Leistungen bietet – und, frei heraus, ich, lieber Géry, ich will nun einmal Großes leisten. Ich habe das Krämerleben satt. – Zwanzig Jahre hindurch habe ich für den Gelderwerb gearbeitet; jetzt verzehrt mich ein wahrer Heißhunger nach Ehre, nach Ansehen, nach Berühmtheit, ich will eine Rolle spielen in der Geschichte meines Vaterlandes, und für mich wird das auch nicht schwer halten. Mit meinem riesigen Vermögen, meiner Geschäfts- und Menschenkenntnis, mit dem, was sich da drinnen in meinem Schädel regt, kann ich's zu allem bringen und ich strebe nach den höchsten Zielen. Darum« – und des Nabobs Worte passten wie eine Antwort zu dem heimlichen Gedankengange seines jungen Gefährten – »darum hören Sie auf mich, mein lieber Junge, lassen Sie nie von mir ab, sondern bleiben Sie getreulich mit mir an Bord. Mein Takelwerk ist fest. Kohlen hab' ich alle Schiffskammern voll. Mein Wort darauf, wir werden ein gut Stück Weg zurücklegen und schnell! Sie sollen sich wundern . . .« So phantasierte der naive Provençale mit einem Aufwande von ausdrucksvollen Gebärden in die Nacht hinein, indem er, während sie lebhaft um den Platz schritten, der sich mit seiner majestätischen Einfassung von stummen, verschlossenen Palästen in der Oede gleichsam ausdehnte, von Zeit zu Zeit nach der Erzfigur der Napoleonssäule hinaufblickte, als nehme er ihn zum Zeugen, den Emporkömmling der Emporkömmlinge, dessen Verewigung hier im Mittelpunkte von Paris jedem Ehrgeiz eine Berechtigung und allen Hirngespinsten den Schein der Ausführbarkeit zu geben schien. ... Nein, der Mann war auf keinen Fall ein Schurke, wohl aber ein armer Bethörter, dem das Glück zu Kopfe stieg, wie einem, der jahrelang nur Wasser getrunken, der starke Wein. Jansoulet, mitten in Paris sich selbst und lauter Feinden und Blutsaugern überlassen, kam ihm wie ein goldbeladener Wanderer vor, der bei Nacht und ohne Waffen durch einen unsicheren Wald geht, und nun hielt es der Schutzbefohlene für ein verdienstliches Werk, über seinen Beschützer unbemerkt zu wachen, diesem blinden Mentor ein hellsehender Telemach zu werden, ihn die Sumpflöcher mit eignen Augen schauen zu lassen, ihn gegen das Raubgesindel zu verteidigen, kurz und gut, ihm zur Notwehr behilflich zu sein gegen das Geschmeiß von wilden, nächtlichen Wegelagerern, die sein ahnungsvoller Blick um den Nabob und seine Millionen herumschleichen sah."


Familiennachzug der Araber mit einen ganzen Haufen Kinder; die ganze Sippschaft ist vor ein paar Tagen in Marseille gelandet: »Dann müssen Sie eben abwarten, bis er Witwer geworden ist,« versetzte Jenkins mit großer Ruhe, »und das Warten dürfte Ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach etwas lang werden, denn sie sieht recht gesund aus, seine Frau aus der Levante.« Felicia wurde leichenblass. »Verheiratet ist er?« »Nun freilich, und hat auch einen ganzen Haufen Kinder. Die ganze Sippschaft ist vor ein paar Tagen in Marseille gelandet.« Eine Minute lang stand sie wie niedergeschmettert da, mit zuckenden Lippen, und starrte ins Leere. Die feuchtglänzende Büste des Nabobs ihr gegenüber, der breite Kopf mit der Plattnase und dem sinnlichen, gutmütigen Munde schrie förmlich vor Lebenswahrheit. Sie betrachtete einen Augenblick ihr Werk, dann trat sie hin und kippte mit einer Gebärde des Abscheus das hohe hölzerne Gestell um. Die glänzende fettige Büste stürzte zu Boden, wo sie als unförmlicher Schmutzklumpen liegen blieb.".

Nach der Gewohnheit des Orients; ganze Häuser mussten angemietet werden für den Familiennachzug, die Frau, eine Levantinerin, die samt einem Gefolge von Negerinnen, Gazellen und Mohrenknaben mit dem Extrazuge von Marseille angedampft kam, musste abgeholt werden; vom Wagen aus trugen zwei Moslems sie in ihre Wohnung hinauf; ein sonderbares Geschlecht von feisten Kreolinnen, die nur noch der Sprache und der Kleidung nach mit unserm Weltteil zusammenhängen, sonst aber ganz dem Einfluss der betäubenden orientalischen Atmosphäre erlegen sind, deren giftiger, opiumgeschwängerter Hauch alles schlaff und stumpf macht, vom Zellgewebe der Haut bis auf die Kleidertaillen und selbst bis auf die seelischen Eigenschaften, auf die Denkkraft; das Kind war mittlerweile zu einem plumpen, schwerfälligen, blassen Mädchen herangereift, dessen ohnehin schon recht spärlich zugemessener Verstand sich im Dusel einer Siebenschläferexistenz noch dichter umwölkt hatte; zum Genuss der Rosenölkonfitüren und des opiumhaltigen Tabaks gesellte sich die orientalische Apathie; er befriedigte ihre kostspieligsten Launen, ihre albernsten Marotten, alle Grillen eines durch Nichtstun und Langeweile aus Rand und Band geratenen Odaliskenhirnes; es war das reine Haremleben: sich dumm rauchen, sich im Spiegel betrachten und herausputzen in Gesellschaft einiger andrer Levantinerinnen, deren liebster Zeitvertreib darin bestand, ihre an Körperfülle wetteifernden Arme und Beine mit der Halskette abzumessen; nebenbei gab sie Kindern das Leben, um die sie sich weiter nicht kümmerte, die sie nicht einmal in Schmerzen gebar, weil man sie bei jeder Niederkunft chloroformierte:

"Verheiratet war Jansoulet bereits volle zwölf Jahre, aber er hatte seiner gesamten Pariser Umgebung nach der Gewohnheit des Orients, wo man über dergleichen nicht zu reden pflegt, kein Sterbenswörtchen davon gesagt. Plötzlich erfuhr man, dass die gnädige Frau erwartet werde, und dass für sie, ihre Kinder und Frauen Quartier gemacht werden müsse. Der Nabob mietete den ganzen zweiten Stock des Hauses am Vendômeplatz, dessen Bewohner mit einer nabobmäßigen Entschädigungssumme abgefunden wurden. Zu gleicher Zeit wurden auch die Stallungen erweitert und das Dienstpersonal verdoppelt. Dann begaben sich eines Tages Kutscher und Wagen zum Lyoner Bahnhof, um die Gnädige abzuholen, die samt einem Gefolge von Negerinnen, Gazellen und Mohrenknaben mit dem Extrazuge von Marseille angedampft kam. Sie traf in einem entsetzlich derangierten Zustande ein, völlig erschöpft und abgespannt von der langen Eisenbahnfahrt, der ersten in ihrem Leben, denn sie hatte Tunis, wohin sie in frühester Kindheit gebracht worden, noch nie verlassen. Vom Wagen aus trugen zwei Neger sie in ihre Wohnung hinauf, vermittelst eines Armsessels, welcher fortan für solche schwierige Ortsveränderungen stets unten im Hausflur in Bereitschaft stand. Frau Jansoulet konnte keine Treppe steigen, weil ihr davon schwindlig wurde, und wollte sich auch nicht im Aufzug hinaufbefördern lassen, weil die Maschinerie unter ihrer Körperlast ächzte. Sie tat überhaupt keinen Schritt. Ihr Körper war dermaßen aufgedunsen, dass man unmöglich ihr Alter genauer als zwischen fünfundzwanzig und vierzig Jahren schätzen konnte. Sie hätte ein ziemlich hübsches Gesicht gehabt, wären nicht alle Züge verschwommen gewesen. Mit ihrem erloschenen Blicke unter Augenlidern, die wie Muscheln zuklappten, mit ihren aufgeputzten Toiletten – lauter Exportware – den Diamanten und Juwelen, mit denen sie im Geschmack der indischen Götzen beladen war, konnte sie für ein Prachtexemplar jener verpflanzten europäischen Weiber gelten, die man Levantinerinnen nennt. Es ist das ein sonderbares Geschlecht von feisten Kreolinnen, die nur noch der Sprache und der Kleidung nach mit unserm Weltteil zusammenhängen, sonst aber ganz dem Einfluss der betäubenden orientalischen Atmosphäre erlegen sind, deren giftiger, opiumgeschwängerter Hauch alles schlaff und stumpf macht, vom Zellgewebe der Haut bis auf die Kleidertaillen und selbst bis auf die seelischen Eigenschaften, auf die Denkkraft. Diese Levantinerin war die Tochter eines ungeheuer reichen Belgiers, der in Tunis den Korallenhandel betrieb und bei welchem Jansoulet als neuer Ankömmling einige Monate lang angestellt gewesen war. Damals war Fräulein Afchin ein allerliebstes zehnjähriges Püppchen mit berückendem Teint und Haar und von strotzender Gesundheit. Oft holte sie in der großen, vergoldeten, von Maultieren gezogenen Karosse den Vater vom Comptoir ab, nach seiner schönen Villa in der Umgegend von Tunis, und die flüchtige, vom Luxus umgebene Erscheinung dieses kleinen Dinges mit dem ausgeschnittenen Kleide und den glänzenden Schultern hatte dem Abenteurer dermaßen in die Augen gestochen, dass seine Wahl auf dasselbe fiel, als er ein reicher Mann, ein Günstling des Beys geworden war und mit dem Gedanken umging, sein eignes Haus zu gründen. Das Kind war mittlerweile zu einem plumpen, schwerfälligen, blassen Mädchen herangereift, dessen ohnehin schon recht spärlich zugemessener Verstand sich im Dusel einer Siebenschläferexistenz noch dichter umwölkt hatte; der Trägheit ihres flämischen Blutes hatte sich durch den Genuss der Rosenölkonfitüren und des opiumhaltigen Tabaks die orientalische Apathie zugesellt, und so war denn dank der Fahrlässigkeit ihres Vaters, der nur seinem Geschäfte lebte, die Perle der Levantinerinnen aus ihr geworden, ein ungezogenes, naschhaftes, sinnliches, anmaßendes Geschöpf. Aber Jansoulet sah nichts von alledem. Für ihn war sie und blieb sie auch bis zu ihrer Ankunft in Paris ein höheres Wesen, eine Dame aus der feinsten Gesellschaft, ein Fräulein Afchin eben. Er redete sie respektvoll an, in einer etwas gebückten, schüchternen Haltung, versorgte sie mit Geld, ohne es nur nachzuzählen, befriedigte ihre kostspieligsten Launen, ihre albernsten Marotten, alle Grillen eines durch Nichtsthun und Langeweile aus Rand und Band geratenen Odaliskenhirnes. »Sie war eine geborene Afchin« und mithin ein für allemal entschuldigt. Innigere Beziehungen bestanden zwischen den beiden nicht: er war immer in der Kasbah oder im Bardo, um dem Bey aufzuwarten, oder ging seinen Geschäften nach, sie brachte den ganzen Tag im Bette zu, mit einem Perlendiadem auf dem Kopfe, das dreimalhunderttausend Franken wert war und von dem sie sich nie trennte. Es war das reine Haremleben: sich dumm rauchen, sich im Spiegel betrachten und herausputzen in Gesellschaft einiger andrer Levantinerinnen, deren liebster Zeitvertreib darin bestand, ihre an Körperfülle wetteifernden Arme und Beine mit der Halskette abzumessen; nebenbei gab sie Kindern das Leben, um die sie sich weiter nicht kümmerte, die sie nicht einmal in Schmerzen gebar, weil man sie bei jeder Niederkunft chloroformierte.


Das reinste Haremleben bei verschlossenen Fenstern und Gardinen, Tag und Nacht brannten die Lampen; wie einer so unmenschlich apathischen Natur beikommen? Vielleicht ein Moslem, der sich »Professor der Massage« titulierte und der Pariser Serailgeschichten und sonstigen Schnickschnack zu erzählen wußte, kurz Dinge, die dem Auffassungsvermögen der Haremdame entsprachen; die Manuskripte der Dramatiker mussten umgeändert werden, damit sie von ihr verstanden werden konnten::
 

"Erst unter dem abkühlenden Einfluss des Pariser Himmels fing der Nabob an, enttäuscht zu werden. So wie er mit sich selbst darüber einig geworden, hier festen Fuß zu fassen, Leute bei sich zu sehen und Feste zu geben, hatte er seine Frau herzitiert, um sie an die Spitze seines Hauswesens zu stellen, aber als er diese Ausstellung von schreienden Stoffen, von Bijouterieen des Palais Royal und alles, was noch drum und dran hing, ankommen sah, machte sie ihm etwa den Eindruck einer Königin Pomare im Exil. Jetzt hatte er eben wirkliche Damen der feinen Gesellschaft gesehen und stellte Vergleiche an. Den großen Ball, den er zur Feier des Ereignisses geplant, gab er wohlweislich auf. Uebrigens wollte Frau Jansoulet selber ungestört bleiben. Zu ihrer natürlichen Trägheit gesellte sich nunmehr das Heimweh, das, gleich bei ihrer Ankunft, durch einen frostigen, gelbgrauen Nebel und den rieselnden Regen in ihr wachgerufen wurde. Mehrere Tage hindurch verließ sie das Bett nicht, wies sogar jegliche Hilfeleistung ihrer Frauen zurück und weinte wie ein Kind, indem sie behauptete, man habe sie nach Paris geführt, um sie unter die Erde zu bringen. Mit einem Gestrüppe von ungekämmten Haaren um ihr Diadem, heulte sie in einem fort in die spitzenbesetzten Kopfkissen hinein, bei verschlossenen Fenstern und Gardinen – Tag und Nacht brannten die Lampen – und schluchzte in abgebrochenen Lauten: »Ich will wieder heim, wieder heim!« In der Tat, ein kläglicher Anblick bei dieser Katafalkbeleuchtung: die auf den Teppichen herumstehenden halb ausgepackten Koffer, die scheuen Gazellen und die hingekauerten Negerinnen, welche die Nervenzuckungen ihrer Herrin anstaunten, winselnd und mit stieren Augen, wie jene Hunde, die auf Polarreisen irrsinnig werden, weil sie die Sonne nicht mehr sehen!  ... Was sollte er tun? Sie mit den Kindern nach Tunis zurückschicken? Das ging kaum an; er war dort entschieden in Ungnade gefallen. Die Hemerlingues triumphierten und ein letzter Schimpf hatte das Maß vollgemacht. Jansoulet war nämlich vor seiner Abreise vom Bey beauftragt worden, durch die Pariser Münze neue Goldstücke im Werte von einigen Millionen prägen zu lassen, diese Bestellung ward ihm aber plötzlich entzogen und auf Hemerlingue übertragen. Vor aller Welt beleidigt, gab Jansoulet den Stoß ebenso offenkundig zurück, er bot seine sämtlichen Besitztümer feil, sein Palais am Bardo, ein Geschenk des verstorbenen Beys, seine Landgüter, lauter weißer Marmor mit wundervollen Gärten, seine Handelslokalitäten, die geräumigsten, prächtigsten in der ganzen Stadt, und zu guter Letzt, um seine Auswanderung in recht eklatanter Weise zu betonen, ließ er Frau und Kinder durch den intelligenten Bompain nach Frankreich bringen. Nach einem so auffälligen Bruche konnte er schwerlich mehr zurückkehren. Er suchte das seiner geborenen Afchin auch begreiflich zu machen, aber sie antwortete nur mit einem anhaltenden Gewimmer. Er wollte sie trösten, zerstreuen, doch welches Vergnügen konnte sich Bahn brechen zu einer so unmenschlich apathischen Natur? Und wenn er auch eins fand, den afrikanischen Himmel konnte er der Armen doch nicht herzaubern, und die Halle mit den Marmorplatten, wo sie lange Stunden hindurch in süßem, kühlendem Hindämmern dem Plätschern des Wassers in den drei übereinander liegenden Becken der großen Alabasterfontaine zu lauschen pflegte, und den vergoldeten Kahn mit dem Purpurzelt, in dem sie nach Sonnenuntergang von acht flinken, kräftigen marokkanischen Ruderern auf dem schönen See El-Baheira spazieren gefahren wurde. Wie prunkvoll die Wohnung am Vendômeplatz auch sein mochte, den Verlust solcher Herrlichkeiten konnte sie nicht ersetzen, und tiefer denn je ging die Levantinerin in ihrer Trübsal unter, bis es einem dienstbaren Geiste gelang, sie wieder ans Land zu ziehen. Es war dies ein starker, untersetzter, nach Knoblauch und Pomade riechender Mensch, Namens Cabassu, breitschulterig, schwarz und haarig bis um die Augen herum, der sich auf seinen Visitenkarten »Professor der Massage« titulierte und der Pariser Serailgeschichten und sonstigen Schnickschnack zu erzählen wußte, kurz Dinge, die dem Auffassungsvermögen der Gnädigen entsprachen, so dass sie, nachdem er einmal hergekommen war, um sie zu massieren, ihn wiedersehen wollte, ihn für sich behielt. Seine übrigen Kunden musste er nun aufgeben und avancierte dafür mit einem Jahresgehalte, das eines Senators würdig gewesen wäre, zum Spezialartisten der stattlichen Frau, zu ihrem Pagen, ihrem Vorleser, ihrem Leibwächter. Jansoulet war so entzückt, seine Gattin endlich zufriedengestellt zu sehen, dass er die groteske Komik einer solchen Intimität gar nicht herausfühlte.

Man konnte Cabassu auf der Fahrt nach dem Bois de Boulogne in der kolossalen Prachtkalesche neben der Lieblingsgazelle sehen, man sah ihn in den Theaterlogen hinter der Levantinerin, welche, durch die Behandlung des Baders aus ihrer Erstarrung aufwachend, nunmehr mit dem festen Vorsatz, sich zu amüsieren, aus ihrer Zurückgezogenheit heraustrat. Sie bekam eine Liebhaberei für das Theater, besonders für derbe Possen und Melodramen. Ihre natürliche Unempfindlichkeit wurde durch das unnatürliche Lampenlicht gekitzelt, galvanisiert. Am meisten stand Cardailhacs Theater in ihrer Gunst, denn dort war der Nabob wie zu Hause, von ihm lebte ja das ganze Personal, vom ersten Kontrolleur bis zur letzten Logenschließerin herab. Dafür hatte er aber auch einen Schlüssel zur Verbindungsthür zwischen dem ersten Rang und der Bühne und hinter seiner Loge einen orientalisch dekorierten Salon mit einer in der Form eines Bienenkorbes gewölbten Decke, kamelhaarenen Diwans und einer kleinen maurischen Laterne um die Gasflamme; wenn die Zwischenakte sich in die Länge zogen, ließ sich dort eine kleine Siesta halten. Der Direktor hatte eben gegen die Frau seines Protektors galant sein wollen. Und er that des Guten noch mehr, dieser affenschlaue Cardailhac; so wie er die Liebhaberei der geborenen Afchin fürs Theater wahrnahm, redete er ihr mit aller Gewalt ein, dass sie auch ein tieferes Verständnis dafür habe, und ersuchte sie schließlich, in verlorenen Momenten einen kritischen Kennerblick in die eingereichten Stücke zu werfen, ein probates Mittel, die Geschäftsverbindung fester zu knüpfen. 

Ach, ihr armen Manuskripte, die ihr, mit dünnen Fäden der Hoffnung geheftet, von ehrgeizigen Träumen getragen, in blauem oder gelbem Umschlag hinausfliegt, wer kann wissen, welche Hände euch aufs Geratewohl durchblättern, was für plumpe, unberufene Finger euch den Reiz der Neuheit abstreifen, jenen duftigen Blütenstaub des frischentfalteten Gedankens, und was für ein Richter euch verdammt?! Wenn Jansoulet, bevor er in die Gesellschaft ging, zuweilen hinaufstieg zu seiner Frau, lag sie rauchend, mit zurückgelehntem Kopfe, unter Manuskriptenbündeln auf ihren Diwan hingestreckt, und Cabassu las ihr, den Rotstift schwingend, mit schnarrender Stimme in südfranzösischem Bänkelsängertone irgend ein dramatisches Produkt vor, welches er bei der geringsten Ausstellung der Dame unbarmherzig zusammenstrich und verstümmelte. Auf den Fußzehen, mit einem Wink, der so viel hieß, wie: »Lasst euch ja nicht stören,« trat der gute Nabob herein, hörte zu und betrachtete seine Frau mit einem mehr als beifälligen Nicken des Kopfes: »Erstaunlich, wirklich!« Da er von Litteratur absolut nichts verstand, wurde ihm wenigstens nach dieser Richtung hin die Ueberlegenheit seiner geborenen Afchin wieder klar."


Um die Kinder kümmerten sich die Haremdamen nie; die kleinen Paschas, lauter kleine Ungeheuer, lächerlich würdevolle und jammervoll altkluge Ignoranten, die sich geschämt hätten, wie Knaben zu spielen, weil ihnen jede kindliche Ursprünglichkeit abhanden gekommen war; die Prahlsucht des Arabers kennzeichnete all sein Tun und Lassen, und so hielt er's auch mit dem Spielzeug, immer zu prunkhafte, unpraktische Sachen, Schaustücke, die ein Pariser niemals kauft; wenn die Kleinen einen Tag bei ihren Eltern zubrachten, wurden sie dem Manne mit dem Fes anvertraut; die Kinder waren  jenen liliputanischen Pantomimenfiguren nicht unähnlich, deren Komik auf dem Missverhältnis zwischen den großen Köpfen, den kurzen Beinchen und den zwerghaften Armbewegungen beruht;  man trank und rauchte, dass es ein Jammer war, zuweilen konnte sich der Mann mit dem Fes kaum mehr aufrecht halten und brachte die Kinder in einem erbärmlichen Zustande heim; Harem statt Häuslichkeit:

"Sie habe, wie Cardailhac behauptete: »theatralischen Instinkt.« Dafür fehlte ihr leider ein andrer Instinkt, der der Mutterliebe, denn mit ihren Kindern beschäftigte sie sich nie, das überließ sie fremden Händen und begnügte sich, den Kleinen, die einmal im Monat zu ihr gebracht wurden, zwischen zwei Zügen aus der Zigarette, ihre schlaffen, welken Wangen hinzuhalten, ohne jene eingehende und liebevolle Sorge für ihr Wohlergehen an den Tag zu legen, in welcher sich der physische Zusammenhang zwischen Mutter und Kind gleichsam fortsetzt, so dass einer echten Mutter vom geringfügigsten Weh eines ihrer Kinder das Herz blutet. Es waren drei dicke, schwerfällige Knaben von elf, neun und sieben Jahren, die vom Vater die gutmütigen schwarzen Samtaugen, von der Mutter den wächsernen Teint und die verfrühte Körperfülle geerbt hatten, alle drei unwissend wie Herrensöhnchen aus dem Mittelalter. In Tunis hatte Herr Bompain ihre Studien geleitet, hier aber wollte ihnen ihr Vater die Wohltaten einer Pariser Erziehung angedeihen lassen, und so waren sie im teuersten, im »feudalsten« Institut untergebracht worden, im Collège Bourdaloue, dessen wackere Patres weniger bestrebt waren, ihren Zöglingen Kenntnisse beizubringen, als vielmehr weltmännische Manieren und guten Ton. Auf diese Weise bildeten sie lauter kleine Ungeheuer heran, lächerlich würdevolle und jammervoll altkluge Ignoranten, die sich geschämt hätten, wie Knaben zu spielen, weil ihnen jede kindliche Ursprünglichkeit abhanden gekommen war. Trotz der bevorzugten Stellung, die sie in Anbetracht des ungeheuren Vermögens ihres Vaters dort einnahmen, fanden die drei Kleinen an dieser Treibhausexistenz wenig Gefallen, sie waren auch gar zu verlassen. Sogar ihre Mitschüler, die Kreolen, hatten Bekannte, die sich ihrer annahmen, und empfingen Besuche, sie aber wurden nie in das Sprechzimmer gerufen. Von ihren Angehörigen ließ sich niemand blicken, nur trafen zuweilen ganze Ladungen von Backwerk, ein Platzregen von Leckereien für sie ein. Der Nabob hatte unterwegs die Vorräte eines Konditors rein ausgeplündert und zu seinen Söhnen hinschleppen lassen, in einer jener Herzenswallungen, die, mit der Prahlsucht eines Negers verschmolzen, all sein Tun und Lassen kennzeichneten, und so hielt er's auch mit dem Spielzeug, immer zu prunkhafte, unpraktische Sachen, Schaustücke, die ein Pariser niemals kauft. Doch was vor allen andern Dingen den drei Kleinen die Achtung ihrer Mitschüler und Lehrer sicherte, war ihr goldstrotzendes Portemonnaie, welches bei den Sammlungen zu milden Zwecken und zu einem Namenstagsgeschenk für einen der Professoren stets offen stand, wie auch bei den Wohltätigkeitsbesuchen, jener berühmten Spezialität des Collège Bourdaloue, die in seinem Prospektus so verlockend, auf zartfühlende Gemüter so imponierend wirkte. Die Patres hatten nämlich innerhalb ihres Institutes eine kleine Gesellschaft zum heiligen Vinzenz von Paulo gestiftet, nach dem Vorbild der großen, und diejenigen Zöglinge, welche dieser Gesellschaft angehörten, begaben sich in kleinen Abteilungen und selbständig wie Erwachsene der Reihe nach wöchentlich zweimal mitten in die bevölkertsten Vorstädte, um die Armen zu unterstützen und zu trösten. Sie sollten dadurch zur praktischen Nächstenliebe erzogen werden, zu der Kunst, die Leiden und Bedürfnisse des Volkes wahrzunehmen und auf seine stets etwas abschreckenden Wunden den Balsam guter Worte und christlicher Ermahnungen zu träufeln. Die Massen durch die Vermittlung der Kleinen tröstend zu erbauen und den Unglauben durch die Jugend und Einfalt der Apostel zu entwaffnen, das war der Zweck der Gesellschaft, ein übrigens total verfehlter Zweck, da diese gesunden, wohlgekleideten und wohlgenährten Kinder nur an voraus bestimmte Orte geschickt wurden, wo sie lauter besser situierte, zuweilen zwar kränkliche, aber immer ganz reinliche Leute vorfanden, die schon regelmäßig durch die reichen Kirchenstiftungen unterstützt wurden. Niemals gerieten sie in eine jener Ekel erregenden Spelunken, wo der Moder an den Wänden und die tiefen Falten auf den Stirnen von Hunger, Trauer und Verkommenheit, kurz, von jedem physischen und moralischen Elend erzählen. Ihr Besuch kam so wenig unerwartet, wie der eines Fürsten, der in eine Wachtstube tritt, um die Suppe der Mannschaften zu kosten; man ist eben davon benachrichtigt worden und hat die Suppe für einen königlichen Gaumen gewürzt. – In gewissen Büchern zur Erbauung der Jugend sieht man häufig einen kleinen Kommunikanten abgebildet, schön frisiert, mit der Schleife um den Arm und der Wachskerze in der Hand, der an dem Schmerzenslager eines armen, die Augen himmelwärts verdrehenden Alten steht und ihm zuspricht. Just nach ganz derselben Schablone wurden die Wohltätigkeitsbesuche inszeniert und aufgeführt. Die abgezirkelten Bewegungen der kurzarmigen Miniaturprediger wurden durch die schielende Unnatur auswendig gelernter Worte ergänzt, und die possierlichen Ermahnungen und Erörterungen im Traktätchenstil, die sie mit der krähenden Stimme heiserer junger Hähne »aus vollem Herzen spendeten«, durch rührselige Segenswünsche und klägliche, winselnde Faxen erwidert, wie von Bettlern an den Kirchentüren beim Ausgang der Vesper. Waren jedoch die jungen Leute wieder draußen, dann brach die Lustbarkeit los in der Dachkammer, unter johlendem Gelächter umtanzte man die zurückgelassenen Liebesgaben, stieß den Armsessel, auf dem man eben noch den Kranken gespielt, beiseite und goß das Tränklein ins Feuer, in eine unter der Asche höchst kunstvoll verborgen gehaltene Glut. 

Wenn die Kleinen einen Tag bei ihren Eltern zubrachten, wurden sie dem Manne mit dem Fes, dem unentbehrlichen Bompain anvertraut. Mit Bompain gingen sie dann nach den Champs-Elysées in ausgesuchter Toilette: englische Jacketts, kürbisförmige Hüte nach der neuesten Mode – mit sieben Jahren! – und hundslederne Handschuhe mit einem Spazierstöckchen dazu; oder sie fuhren mit Bompain, der eine ganze Ladung Proviant mitnahm, in offnem Wagen zum Pferderennen mit einem zusammengerollten grünen Schleier um den Hut und der aufgesteckten Eintrittskarte daran, jenen liliputanischen Pantomimenfiguren nicht unähnlich, deren Komik auf dem Missverhältnis zwischen den großen Köpfen, den kurzen Beinchen und den zwerghaften Armbewegungen beruht. Man trank und rauchte, dass es ein Jammer war. Zuweilen konnte sich der Mann mit dem Fes kaum mehr aufrecht halten und brachte die Kinder in einem erbärmlichen Zustande heim 

Waren denn diese äußerlichen Erfolge, diese Triumphe und dieses teuer erkaufte Ansehen keine Entschädigung für alle sonstigen Enttäuschungen des Orientalen, der, dem europäischen Leben wiedergewonnen, nur einen Harem besaß, wo er eine Häuslichkeit haben wollte, und, wo er eine Frau suchte, bloß eine Levantinerin fand?"


Künstliche Ernährung im Kinderheim, die den Kindern nicht zusagte, es kam eine eigentümliche Verstocktheit über sie; aus Kostengründen nur Ziegenmilch; ungesunde Magerkeit und Blässe dieser leichenfahlen Kleinen, ein verzerrter, greisenhafter Zug; Pestlazarett zu Jaffa: 

"Diese künstliche Ernährung, wie sehr sie auch durch die Reklame herausgestrichen und empfohlen wurde, sagte nämlich den Kindern nicht zu. Es kam eine eigentümliche Verstocktheit über sie, als hätten sie, allerdings nur mit einem Blick, denn sprechen konnten sie ja nicht, die armen Würmchen, und die meisten sollten es auch niemals lernen, als hätten sie einander die Losung gegeben: Wisst ihr was, heute rühren wir die Ziegeneuter nicht an. Und wirklich, sie tranken nicht, sie zogen es sogar vor, Kind für Kind hinzusterben, nur um nicht zu trinken. War denn der kleine Jesus in seinem Stalle zu Bethlehem von einer Ziege genährt worden? War's nicht im Gegenteil eine weiche, volle Frauenbrust gewesen, an die er sich anschmiegte, und an der er einschlief, wenn der Durst gelöscht war? Wer hat je von einer Ziege gehört, die neben den Oechslein und Eselein der Legende gestanden hätte in jener Nacht, da die Tiere sprachen? War's nicht eine Lüge, den Namen Bethlehem an dieses Haus zu schreiben? ... Anfangs hatte die unverhältnismäßige Sterblichkeit den Direktor erschreckt, denn dieser Pondevez war zwar ein gestrandetes Wrack des Quartier latin, ein Student im vierzigsten Semester, unter dem Spitznamen Bompon in allen Schnapskonditoreien des Boulevard St. Michel zur Genüge bekannt, aber es war kein hartherziger Mensch. Da er also die Misserfolge der künstlichen Ernährung wahrnahm, suchte er ohne weiteres vier oder fünf kräftige Ammen aus der Umgegend aus, und sofort waren die Kleinen wieder bei Appetit. Doch diese Anwandlung von Humanität hätte ihn beinahe um seine Stelle gebracht. »In unsrer Anstalt Ammen?« fuhr ihn Jenkins bei der nächsten Wochenbesichtigung zornentbrannt an. »Sie sind wohl nicht bei Sinnen! Und die Ziegen, und die Rasenplätze und meine Neuerung, und die Broschüren, die davon handeln, was soll aus dem allem werden? Sie stoßen ja mein System um, Sie stehlen ja unserm Protektor das Geld aus der Tasche!« »Aber, verehrtester Herr Doktor,« wagte der Student zu bemerken, indem er mit der Hand durch seinen langen roten Bart fuhr, »wenn sie einmal von dieser Kost durchaus nichts wissen wollen. . . .« »Nun, so mögen sie fasten, doch die Grundidee der künstlichen Ernährung darf nicht angetastet werden. . . . Das ist die Hauptsache, merken Sie sich das und schaffen Sie mir die verwünschten Ammen ab! Wir geben unsern Kindern Ziegenmilch, im äußersten Notfall auch Kuhmilch, aber mehr kann ich nicht bewilligen.« Und mit seiner gewöhnlichen Apostelmiene setzte er hinzu: »Wir stehen hier, um eine große philanthropische Wahrheit darzulegen, und müssen ihr zum Siege verhelfen, selbst wenn es einige Opfer kosten sollte. Danach richten Sie sich!« ... Als jedoch die Sterblichkeit immer noch zunahm, blieben auch solche Pfleglinge aus, und der Omnibus, der zum Bahnhofe fuhr, kam jetzt immer federleicht zurückgeholpert, wie ein leerer Leichenwagen. Wie lange konnte es so weitergehen? Wie lange brauchten die fünfundzwanzig oder dreißig, die noch übrig waren, um nachzusterben? Mit dieser Frage beschäftigte sich eines schönen Morgens der Herr Direktor oder, wie er selber sich umgetauft hatte, der Totenkontrolleur Pondevez, als er nach dem Frühstück Frau Polge und ihrer ehrwürdigen Tuffenfrisur gegenübersaß und ihre geliebte Partie mit dieser Matrone spielte. ... »So trink, trink doch, du Racker! . . .« Endlich, als wäre er plötzlich zu einem Entschlusse gekommen, fängt er so eifrig zu saugen an, dass das Weib, von einem so außerordentlichen Appetit überrascht, sich zu ihm niederbeugt und dann in ein Gelächter ausbricht. »O, der Schelm, hat der's hinter den Ohren! An seinem Daumen lutscht er jetzt, anstatt an der Ziege.« ... Die Nettesten sind, ach! erst sechs Monate und die jüngsten kaum vierzehn Tage alt, und doch liegt schon auf all den Gesichtern, auf diesen Embryonen von Gesichtern, ein grämlicher Ausdruck, ein verzerrter, greisenhafter Zug, ein verfrühter Schmerz, der die kleinen, kahlen Stirnen so runzlig aus den Spitzenhäubchen mit ihrer ärmlichen Spitzengarnitur herausschauen laßt. . . . Was fehlt ihnen? Was haben sie denn? Mein Gott! Alles, was Kinder des Elends und des Lasters mit auf die Welt bringen können – und überdies sterben sie Hungers. Trotzdem man ihnen Löffelvoll Milch und Zuckerwasser mit Gewalt eingießt, trotzdem man sie verstohlenerweise hin und wieder aus einer Saugflasche trinken lässt, schwinden sie vor Entkräftung hin. Diesen vor der Geburt schon erschöpften Wesen täte eben die frischeste, stärkendste Nahrung not; vielleicht könnten die Ziegen sie ihnen bieten, aber sie haben es einmal verschworen, die Ziegen nicht anzurühren – und deshalb ist es im Schlafsaal so still und schaurig, darum keine ungeduldig geballten Fäustchen, keine jener kleinen, lauten Zornausbrüche, bei denen das Kind sein hellrotes, festes Zahnfleisch sehen lässt und die Kraft seiner Lunge prüft, höchstens ein leises Stöhnen wie von einem ängstlichen Seelchen, das sich in dem kranken, kleinen Körper wendet und wendet, ohne eine Stelle zu finden, wo seines Bleibens wäre. ... Jenkins und der Direktor, die den schlimmen Eindruck des Schlafsaales auf ihre Gäste wahrgenommen haben, suchen Leben in die Situation hineinzubringen, indem sie sich recht laut in einem gemütlich unbefangenen, selbstgefälligen Tone unterhalten. ... Auch der Nabob hat die Farbe gewechselt, als hätte ihn ein eisiger Hauch angeweht. ... In einem schmutzigen Loche, das bei der allgemeinen Säuberung leer ausging, weil man wahrlich nicht die Absicht hatte, es sehen zu lassen, liegen am Boden auf einer Reihe von Matratzen etwa zehn kleine Ungeheuer, unter der Obhut eines leeren Stuhles mit einem angefangenen Strumpfe darauf und einer kleinen Kanne mit abgebrochener Schnauze voll siedenden Glühweins, die auf einem qualmenden Holzfeuer steht. In diesen abgelegenen Winkel hat man die Aussätzigen, die Ausgestoßenen gesteckt und ihrer Wärterin dabei eingeschärft, sie einzuwiegen, zu beschwichtigen und sie um jeden Preis am Schreien zu verhindern: aber das einfältige, naseweise Bauernweib hat alles im Stich gelassen, um den schönen Wagen im Hofe drunten zu betrachten. Ueber ein kurzes sind nun die kleinen Schorfköpfe ihrer horizontalen Lage überdrüssig geworden und haben ein kräftiges Tutti angestimmt, denn sie, wunderbarerweise, sind wohlauf; ihr Uebel bewahrt und ernährt sie. Wie Maikäfer, die auf dem Rücken liegen, zappeln die einen, sich mit Händen und Füßen abarbeitend, während andre, die auf die Seite gefallen sind, sich vergeblich bemühen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen, indem sie ihre eingewickelten steifen Beinchen in die Höhe strecken. Beim Aufgehen der Türe stellen sie ihr Krabbeln und Rumoren unwillkürlich ein, aber das Bärtchen, das an Herrn von la Perrières Kinn hin und her wackelt, flößt ihnen Vertrauen und Mut ein; so geht denn der Spektakel wieder von neuem los und hätte beinahe des Direktors erläuternde Worte übertönt: »Abgesonderte Kinder – Hautausschläge – ansteckende Krankheiten.« Einer weiteren Auskunft bedarf's für Herrn von la Perrière nicht; weniger heroisch als Bonaparte bei seinem Besuche im Pestlazarett zu Jaffa, prallt er nach der Tür zurück und murmelt, da er in seiner ängstlichen Verwirrung nicht weiß, was er vorbringen soll, mit einem unbeschreiblichen Lächeln vor sich hin: »Ga–ganz aller–liebst, die Kleinen!« ... »Auf Antrag Sr. Excellenz des Ministers des Innern ist durch kaiserliches Dekret vom 12. März 1865 Dr. Jenkins, dem Begründer und Vorstand der bethlehemitischen Stiftung, für seine hervorragenden Leistungen auf dem Gebiete der Philanthropie das Ritterkreuz der Ehrenlegion verliehen worden.« [7] 
 
 

7. Le Nabab / der Nabob II

Gesetzloser muslimischer Orient, in diesem Lande der Willkür; maßlose Gewinne der Levantiner, Justizpflege im Orient; ein abscheulicher Luxus hat eine Art Liebesleere rings um ihn geschaffen und diese zarten Empfindungen durch unersättlichen Eigennutz ersetzt: "Die Günstlinge der Höfe sind ja infolge bekannter Vorgänge darauf vorbereitet, so jählings in Ungnade zu fallen. Was ihn mit banger Sorge erfüllt, das ist das, was er hinter dieser Beschimpfung versteckt wähnt. Er denkt daran, dass all sein Vermögen, seine Paläste, Comptoire und Schiffe auf Gnade oder Ungnade in der Hand des Beys sind, in diesem gesetzlosen Orient, in diesem Lande der Willkür. ... Dort unten sind diese maßlosen Gewinne der Levantiner eine allbekannte Geschichte. Das ist das Lösegeld der Wilden, für welches sie unsre westliche Zivilisation eintauschen, Hemerlingue, der diesen ganzen Verfolgungsplan dem Bey eingegeben, hat noch ganz andre Gewinne erzielt. . . . Aber wozu sich streiten? Ich bin in dem Rachen eines Wolfes. Ehe ich meine Sache vor den Gerichten führe – ich kenne die Justizpflege im Orient nur zu genau – hat der Bey schon begonnen, auf alle meine Güter, Paläste und alles, was sie enthalten, Beschlag zu legen. . . . Die Angelegenheit ist in aller Form durch einen Beschluss des höchsten Gerichtshofes eingeleitet. Die Hand von Hemerlingues Sohn ist dabei im Spiele. . . . Wenn ich erst Deputierter bin, so ist das nur ein Kinderspiel. Der Gerichtshof nimmt seinen Beschluss zurück, und man gibt meine Schätze mit tausend Entschuldigungen frei. Werde ich aber nicht gewählt, so verliere ich alles, sechzig, achtzig Millionen, selbst die Möglichkeit, aufs neue mein Glück zu machen; das wäre gleichbedeutend mit Ruin, Schande und Verderben. . . . Nun wohl, mein junger Freund, wollen Sie mich in einer solchen Krisis verlassen? . . . Bedenken Sie doch, dass Sie allein mir zur Seite stehen! Etwa meine Frau? Sie haben sie gesehen und wissen gut genug, welche Stütze, welcher Beirat sie für ihren Mann ist. . . . Meine Kinder? Ja, ob ich die habe oder nicht? Ich sehe sie nie, sie würden mich auf der Straße kaum erkennen. . . . Mein abscheulicher Luxus hat eine Art Liebesleere rings um mich geschaffen und diese zarten Empfindungen durch unersättlichen Eigennutz ersetzt. . . . Liebe wird mir nur von meiner Mutter zu teil, die leider fern von hier ist, und von Ihnen, den ich ihr verdanke. . . . Nein, Sie können mich nicht allein inmitten dieser im Dunkeln schleichenden Verdächtigungen lassen . . . es ist furchtbar, wenn Sie alles wüßten. . . .

Idealwelt der Museen; von der Macht blasierte Köpfe; schon unsre Fürsten bzw. Politiker des Westens haben unbegreifliche Wahnvorstellungen; aber diese sind mit den orientalischen Launen gar nicht zu vergleichen: "Obgleich die Bronzegruppe Felicias nicht zu den größten Stücken der Ausstellung gehört, so hatte doch ihr außerordentlicher Wert derselben den Vorzug verschafft, eine der Rotunden inmitten der Halle zu schmücken, von der das Publikum sich augenblicklich respektvoll fernhielt, indem es über eine Reihe von Aufsehern und Polizeidienern hinweg den Bey von Tunis und sein Gefolge, mit ihren langen, malerisch drapierten Burnus, die ihnen das Ansehen von wandelnden Bildsäulen gaben, betrachtete. Der Bey, der erst seit einigen Tagen in Paris war und bei allen Premièren zugegen sein wollte, hatte auch die Eröffnung der Ausstellung mitansehen wollen. Er war, wie man sagte, ein aufgeklärter Fürst, ein Freund der Künste", der in seinem Palais am Bardo allerdings nur eine Galerie zweifelhafter türkischer Gemälde und alle Schlachten des ersten Kaiserreiches in Farbendrucken besaß. "Während ein glatzköpfiger Galeriebeamter, der in größter Hast mit schief zugeknüpftem Rocke herbeigelaufen kam, dem orientalischen Fürsten die Fabel »Vom Fuchs und vom Hund« explizierte, wie sie in der Ueberlieferung mit den stereotypen Worten erzählt wird: »Es war einmal ein Fuchs . . .« und schließlich die Erläuterung hinzufügte: »Eigentum des Herzogs von Mora«, bemühte sich der dicke Hemerlingue, noch ganz in Schweiß gebadet und nach Atem ringend, Seine Hoheit davon zu überzeugen, dass diese hervorragende Schöpfung in der Tat von der Hand der schönen Amazone herrührte, der sie am Abend vorher im Bois de Boulogne begegnet seien. Wie in aller Welt habe doch nur eine Dame mit ihren schwachen Händen die harte Bronze so meistern, ihr so das Ansehen des Lebens geben können? Von allen Wundern dieses wunderbaren Paris war dieses Werk dasjenige, das den Bey am meisten in Erstaunen setzte. Aus diesem Grunde erkundigte er sich auch sofort bei dem Beamten, ob nicht noch andre Werke von derselben Künstlerin ausgestellt seien. »Allerdings, Hoheit, noch ein andres Meisterwerk. . . . Wenn Hoheit mir zu folgen geruhen, so werde ich Sie dorthin geleiten.« Der Bey setzte sich mit seinem Gefolge in Bewegung. In demselben sah man nur prächtige Rasseköpfe mit scharf geschnittenen, reinen Zügen und von einem warmen, blassen Ton, zu dem die weißen Haïks eine wirksame Folie bildeten. In ihrer herrlichen Drapierung kontrastierten sie auffällig mit den Büsten, die zu beiden Seiten des Ganges, den sie durchschritten, aufgestellt waren und die, hoch oben auf ihren Postamenten, unvermittelt in den leeren Raum ragten, herausgerissen aus ihrer Umgebung, wo sie gewiss die Erinnerung an bedeutende Leistungen, an liebevolle Beziehungen, an ein Leben voll Arbeit und Tatkraft wachgerufen hatten, nun aber den traurigen Eindruck von Menschen machten, die nicht an ihrem Platze sind und sich darum höchst unbehaglich fühlen. Abgesehen von zwei oder drei Frauengestalten mit üppigen Schultern, auf welchen die Spitzengewänder versteinert zu sein scheinen, dem Marmorhaar, das mit einer solchen Zartheit wiedergegeben ist, dass man den Puder auf den Frisuren zu sehen glaubt, und abgesehen von einigen Kinderprofilen mit ihren einfachen Linien, bei welchen die Glätte des Steines wie ein feuchter Hauch des Lebens erscheint, bestanden die übrigen Statuen aus nichts als Runzeln, Falten, verzerrten Zügen und Grimassen, die Folge unsrer Ueberanstrengungen und unsrer Ruhelosigkeit, unsrer nervösen und fieberhaften Stimmungen, die mit der Skulptur, dieser Kunst der Ruhe und heiteren Schönheit, in schneidendem Widerspruche stehen. Der Hässlichkeit des Nabob kam aber mindestens die Energie und der ihm eigentümliche Charakterzug des Abenteurers zu gute, und vor allem dieser Ausdruck von Gutmütigkeit, den die Künstlerin so gut wiederzugeben verstanden hatte; durch einen Ockerton hatte sie beinahe die sonnenverbrannte braune Färbung des Modells erreicht. Die Araber brachen, als sie die Büste sahen, in den halb unterdrückten Ausruf »Bou t.Saïd« (Vater des Glückes) aus. Denn dies war der Beiname des Nabob in Tunis, gleichsam die Etikette seiner Erfolge. Der Bey, in dem Glauben, dass man ihn habe mystifizieren wollen, indem man ihn vor die Büste des verabscheuten Mercanti führte, wechselte mit dem Beamten einen Blick des Misstrauens. »Jansoulet? . . .«fragte er mit seiner Kehlstimme. »Ja, Hoheit, Bernard Jansoulet, der neue Abgeordnete von Korsika.« Bei diesen Worten wandte sich der Bey mit gerunzelter Stirn zu dem hinter ihm stehenden Hemerlingue. »Ist er Abgeordneter?« »Allerdings, Hoheit, seit heute morgen, aber noch ist nicht alles im reinen.«  ... Während einiger Minuten betrachtete der Bey das Steinbild ebenso kalt und teilnahmlos wie dieses, ohne auch nur ein Wort zu sagen, aber mit einer senkrechten Falte auf der Stirn, aus der seine Hofleute allein den Zorn herauszulesen verstanden; und dann nach einigen rasch hingeworfenen Worten in arabischer Sprache, mit denen er befahl, die Wagen vorfahren zu lassen und das zerstreute Gefolge zusammenzurufen, begab er sich gemessenen Schrittes nach dem Ausgange, ohne irgend etwas weiter ansehen zu wollen. . . . Wer vermöchte zu sagen, was in diesen, von der Macht blasierten Köpfen vorgeht? Schon unsre Fürsten des Westens haben unbegreifliche Wahnvorstellungen; aber diese sind mit den orientalischen Launen gar nicht zu vergleichen." 

Eine gefeierte Künstlerin; Kunst gegen das Geschmeiß des Bey; Kritiker: "Die erste Person, die er bei seiner Ankunft antraf, war Felicia Ruys, die, auf den Sockel einer Statue gestützt, mit Komplimenten und Huldigungen, denen er auch die seinigen hinzuzufügen sich beeilte, förmlich überschüttet wurde. Sie war einfach gekleidet, trug ein dunkles, gesticktes, mit schwarzen Perlen besetztes Kleid, deren schillernder Glanz im Verein mit dem entzückenden hellen Federhütchen, unter welchem ihr Haar in reichen Wellen herausquoll, den Ernst ihres Anzugs milderten. Eine Menge von Künstlern und Personen der besten Gesellschaft machte sich eifrig mit diesem Talente zu schaffen, das mit so viel Schönheit gepaart war, und unter ihnen Jenkins, der mit entblößtem Haupt und von leidenschaftlichen Beteuerungen förmlich überströmend, von einem zum andern ging, den Enthusiasmus anfeuernd und den Kreis der Bewunderer dieser jugendlichen Berühmtheit erweiternd, zu deren Wächter und Koryphäe er sich gleichzeitig aufwarf. Seine Frau unterhielt sich mittlerweile mit dem jungen Mädchen. Die arme Madame Jenkins! Ihr Mann hatte ihr in jenem brutalen Töne, den sie allein kannte, gesagt: »Du musst Felicia begrüßen. . . .« Und sie hatte, ihre Aufregung nach Kräften bekämpfend, gehorcht, denn sie wußte nur zu gut, was sich hinter dieser angeblich väterlichen Zärtlichkeit verbarg, obwohl sie jeder Auseinandersetzung mit dem Doktor, als ob sie den Ausgang fürchtete, aus dem Wege ging. Nach Madame Jenkins folgt der Nabob, der die feinbeschuhten beiden Hände der Künstlerin in seine großen Tatzen nimmt und ihr seine Dankbarkeit mit großer Herzlichkeit ausdrückt, die ihm selbst die Tränen in die Augen lockt. »Sie haben mir eine große Ehre erwiesen, mein Fräulein, meinen Namen mit dem Ihrigen zu verbinden, meine geringe Person mit Ihrem Triumph in Beziehung zu setzen und diesem ganzen Geschmeiß, das über mich herzufallen im Begriff ist, zu zeigen, dass Sie den über mich verbreiteten Schmähungen keinen Glauben schenken. Wahrlich, das werde ich Ihnen nie vergessen! . . . Und wollte ich auch diese herrliche Büste mit Gold und Diamanten bedecken, ich würde nichtsdestoweniger Ihr Schuldner bleiben.« ... Zum Glück für den Nabob, der mehr gefühlvoll als beredt ist, muss er alsbald andern Platz machen, die durch das glänzende Talent, die bewunderte Persönlichkeit angezogen werden; verzückte Enthusiasten, die keine Worte für ihre Gefühle finden und wieder verschwinden, wie sie gekommen sind, konventionelle Bewunderer, die den besten Willen haben, etwas Angenehmes, Verbindliches zu sagen, aber von denen jedes Wort wie ein kalter Wasserstrahl wirkt, und dann die Kollegen, die Rivalen mit ihren kräftigen Händedrücken, die teils offen und ehrlich gemeint sind, teils durch ihre Weichheit ein Gefühl des Unbehagens erwecken. Da ist unter andern ein großer anspruchsvoller Tölpel, dessen unsinnige Lobsprüche einen in den Himmel erheben sollen, der dieselben aber, damit man nicht zu sehr verwöhnt werde, mit »einigen kleinen Vorbehalten« begleitet, und da ist auch der, welcher, indem er einen Künstler mit Komplimenten überhäuft, ihm zugleich begreiflich macht, dass er nicht das ABC des Handwerks kennt, und da ist endlich dieser gute vielbeschäftigte Mensch, der sich nur so viel Zeit lässt, um einem ins Ohr zu raunen, dass »Herr Dingsda, der berühmte Kritiker, durchaus nicht befriedigt zu sein scheint«. Felicia, die durch ihren Erfolg über die Kleinlichkeiten des Neides hoch erhaben war, hörte alle diese Bemerkungen ruhig an und war ganz stolz, wenn ein berühmter Veteran, ein alter Kunstgenosse ihres Vaters ihr ein »sehr gut, Kleine!« zurief und sie dadurch in die Vergangenheit versetzte, in jene kleine Ecke, die für sie in dem väterlichen Atelier reserviert war, damals, als sie anfing, von dem Ruhme des großen Ruys ein kleines Stück für sich zu erwerben. Aber im ganzen ließen die Beglückwünschungen sie ziemlich kalt, weil ihr darunter eine fehlte, die ihr lieber war, als alle andern, und die sie zu ihrem Erstaunen noch nicht empfangen hatte. . . . Und wirklich, sie dachte öfter an ihn, als sie je an einen andern Mann gedacht hatte. War es wirklich die Liebe, die wahre Liebe, die so selten eine Künstlerseele ergreift, weil die außer stande ist, sich gänzlich dem Gefühl zu überantworten, oder war es nur ein einfacher Traum von einem biederen, spießbürgerlichen Leben, in welchem sie Schutz gegen die Langeweile erhoffte, diese Vorbotin der Stürme, die zu fürchten sie alle Ursache hatte?" 

Levantinerin: "Ein Prachtexemplar von einem Frauenzimmer, diese Levantinerin, zweimal so stark als ich, wahrhaft blendend anzuschauen, mit ihrem Diadem von Diamanten, mit ihren Edelsteinen, die ihre enormen weißen Schultern bedeckten, mit einem Rücken, der ebenso rund ist wie ihre Brust, ihrer Taille, die in einen grüngoldnen Panzer eingepresst ist, dessen Franse weit über das Kleid hinunterfiel. Ich habe noch nie etwas so Imposantes und Reiches gesehen. Man dachte dabei an einen dieser schönen weißen Elefanten, mit Türmen auf dem Rücken, von denen man in den Reisebüchern liest. Wenn sie, mühsam sich an den Möbeln anklammernd, dahinschritt, so zitterte alles an ihr und ihr Schmuck klirrte. Dabei hat sie eine hohe gellende Stimme, ein schönes rosiges Antlitz, dem ein kleiner Neger mit einem weißen Federfächer von der Größe eines Pfauenrades fortwährend Kühlung zufächelte. Es war das erste Mal, dass diese träge und halbwilde Person sich der Pariser Gesellschaft zeigte, und Herr Jansoulet schien sehr glücklich und stolz darüber, dass sie sich herabgelassen hatte, seinem Feste zu präsidieren. Uebrigens verursachte dieses der Dame keine große Unbequemlichkeit, denn sie überließ es ihrem Manne, die Eingeladenen im ersten Salon zu empfangen, und machte sich's auf einem Diwan in dem kleinen japanischen Salon bequem, wo sie, zwischen zwei Kissenbergen eingepfercht, unbeweglich dasaß, so dass man sie aus der Ferne unter dem Fächer, denn der Neger wie ein Uhrwerk bewegte, für ein Götzenbild hatte halten können. Diese fremden Damen haben doch eine eigentümliche Art und Weise des Benehmens!"

Mühe mit den Türken, den Paschas, den Beys, den Effendis, diesen heraufgekommenen Protzen;  im islamischen Orient kann man die Leute, die einem missfallen, erdrosseln oder sie ertränken: "Ich machte mir ein Vergnügen daraus, diese italienischen Silben zu modulieren, ihnen ihren ganzen Vollklang angedeihen zu lassen, und ich merkte es den erstaunten Mienen dieser wackeren Insulaner an, wie sehr sie erfreut und erstaunt waren, in dieser Weise in die hohe kontinentale Welt eingeführt zu werden. Freilich, mit den Türken, den Paschas, den Beys, den Effendis hatte ich schon mehr Mühe, und es kam wohl vor, dass ich ihre Namen verkehrt aussprach, denn zu zwei Malen ließ Herr Jansoulet mir sagen, dass ich auf die mir genannten Namen besser acht geben und sie überhaupt etwas natürlicher aussprechen möge. Dieser, mit einer gewissen Brutalität dicht bei dem Vorzimmer laut geäußerte Tadel verstimmte mich sehr und verhinderte mich – darf ich es aussprechen? – diesen heraufgekommenen Protzen zu bemitleiden, als ich im Verlaufe des Abends erfuhr, welche grausamen Dornen sich unter seinem Rosenlager verbargen. ... Wir sind hier nicht im Orient, und wenn man hier auch nicht die Leute, die einem missfallen, erdrosselt oder sie ertränkt, so hat man doch andre Mittel, sie von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Noël, sorgen Sie dafür, dass Ihr Herr sich vorsieht." [8] 
 
 

8. Le Nabab / der Nabob III

Büste des Balzac auf dem Friedhof: Ein letzter Strahl der untergehenden Sonne beleuchtete auf einer Anhöhe eine "ausdrucksvolle und kolossale Büste mit einer mächtigen Stirn unter langen, wallenden Haaren, mit gewaltigen ironischen Lippen. Es war Balzac, der den beiden nachblickte " .

Das adlige katholische Stadtviertel Faubourg Saint Germain und die Muselmänner, Bekehrung der Orientalinnen, die oft nach Auflösung eines Harems weiter verkauft worden waren; statt Schleiereule dekolletierte Türkin, d.h. den albernen  mohammedanischen Gebräuchen wurde entsagt: grundverschiedene Elemente, die sich fortwährend kreuzten und begegneten, aber gleichwohl getrennt blieben, ebenso wie die Seine das adlige katholische Stadtviertel, unter dessen Auspizien die Aufsehen erregende Bekehrung der Orientalin vor sich gegangen war, von dem kaufmännischen Quartiere trennte. Die in Paris ziemlich zahlreiche orientalische Gesellschaft, deren Mitglieder, nachdem sie kolossale Reichtümer im Orient zusammengerafft haben, ihren Handel, um nicht aus der Uebung zu kommen, hier fortsetzen, war an den Empfangsabenden der Baronin regelmäßig anzutreffen. Die Gegenwart dieser zahlreichen Ketzer, "Muselmänner und selbst Renegaten, dieser dicken, kupferfarbigen, aufgeputzten und mit Gold und Geschmeide überladenen Damen, verhinderte das Faubourg Saint Germain gleichwohl nicht, diese junge Neubekehrte, das Spielzeug dieser edlen Damen, diese folgsame und gelehrige Puppe, die man überall zur Schau stellte und spazieren führte, und von der man sich rührende Züge kindlicher Gläubigkeit erzählte, die durch den Kontrast mit ihrer Vergangenheit besonders pikant waren, zu besuchen, mit Aufmerksamkeiten zu überhäufen und zu überwachen. Vielleicht schlummerte im Grunde des Herzens dieser liebenswürdigen Beschützerinnen die Hoffnung, in dieser orientalischen Gesellschaft eine neue Bekehrung ins Werk zu setzen, die Gelegenheit zu finden, die aristokratische chapelle des Missions durch das erhebende Schauspiel einer Taufe von Erwachsenen wiederum bis auf den letzten Platz zu füllen. Diese Taufen, die einen in die erste Zeit des Christentums an die Ufer des Jordans zurückversetzen, und denen alsbald die erste Kommunion, die Erneuerung des Taufbundes, die Firmelung folgt, lauter Gelegenheiten für die Patin, das Patenkind zu begleiten, die junge Seele zu hüten, Zeugin der naiven Kundgebungen des neuen Glaubens zu sein und vor allem auch die Toiletten nach Maßgabe der Bedeutung der verschiedenen Ceremonien zu wählen und zur Schau zu stellen! Aber es kommt nicht alle Tage vor, dass ein großer Finanzbaron eine armenische Sklavin mitbringt, die er zu seiner Gemahlin erhoben hat. Sklavin! Das war eben der dunkle Fleck in der Vergangenheit dieser Orientalin, die vor Jahren auf dem Bazar von Adrianopel für Rechnung des Kaisers von Marokko angekauft und bei dem Tode des Kaisers und der Auflösung seines Harems an den jungen Bey Ahmed verkauft worden war. Als sie dies neue Serail verließ, hatte Hemerlingue sie geheiratet, aber ohne ihr in die dortigen Kreise Aufnahme verschaffen zu können, wo keine Frau, Maurin, Türkin oder Europäerin, sich dazu versteht, eine frühere Sklavin als gleichberechtigt zu behandeln, und zwar infolge eines Vorurteiles, das einigermaßen demjenigen gleicht, wonach die Kreolin von der noch so sehr verkappten Quadronin himmelweit geschieden ist. Es herrscht dort in dieser Beziehung eine unüberwindliche Abneigung, die sich für das junge Ehepaar Hemerlingue selbst in Paris fühlbar machte, wo die Fremdenkolonieen sich in kleine Gruppen zusammenthun, die von Empfindlichkeiten und lokalen Traditionen überfließen. Auf diese Weise verlebte Jamina zwei oder drei Jahre in einer völligen Vereinsamung, deren kleine Gehässigkeiten und mussestunden sie trefflich für sich auszunutzen wußte, denn sie war eine ehrgeizige Frau und von einer wunderbaren Willensstärke und eben solchem Eigensinn. Sie lernte die französische Sprache von Grund aus, gab für immer ihren gestickten Ueberwürfen und ihren rosaseidenen Beinkleidern den Abschied, wußte Gang und Haltung den europäischen Toiletten und den langen Schleppkleidern anzupassen und zeigte eines Abends in der Oper den erstaunten Parisern die freilich noch etwas fremdartige aber ebenso schöne und elegante, als seltene Erscheinung einer dekolletierten Türkin. Dem Opfer der Tracht folgte das Opfer des Religionsbekenntnisses auf dem Fuße. Schon lange hatte Madame Hemerlingue den mohammedanischen Gebräuchen entsagt, als Meister Le Merquier, der Vertraute des Hauses und ihre Cicerone in Paris, ihr plausibel zu machen wußte, dass eine feierliche Bekehrung der Baronin alle Türen derjenigen Pariser Gesellschaft öffnen werde, zu welcher der Zutritt um so schwieriger zu werden scheint, je mehr die Gesellschaft ringsum sich demokratisiert. Wenn erst einmal das Faubourg Saint Germain erobert sei, so werde die übrige Gesellschaft von selbst nachfolgen. Und in der Tat, als man erfuhr, dass nach der das größte Aufsehen erregenden Taufe die ersten Namen Frankreichs nicht verschmähten, bei den Sonnabendsempfängen der Baronin Hemerlingue zu erscheinen, vergaßen auch die Damen Guggenheim, Fürnberg, Caraiscaki, Maurice Trott, lauter Gemahlinnen von Millionären aus der Levante, die auf den Märkten in Tunis berühmt waren, ihre Vorurteile und buhlten um die Gunst, bei der früheren Sklavin eingeführt zu werden." 

Türkische Backwaren, deren Rezepte die frühere Harembewohnerin mitgebracht hatte; wilder Hass, "wie er in den Serails heimisch ist, dessen Schlussakt Erdrosselung und heimliches Ertränken zu sein pflegt" gab es natürlich auch. "Maßregeln, die zwar in Paris etwas schwieriger ausführbar sind, als an den Ufern des Sees El Baheira, zu deren Verwirklichung sie aber nichtsdestoweniger den mit einer Schlinge versehenen starken Sack bereithielt." Türkische Backwaren wurden aufgetragen, "deren Rezepte die frühere Harembewohnerin mitgebracht hatte, Rezepte, die in den Harems ebenso von einer Generation zur andern überliefert werden, wie gewisse Geheimnisse in der Bereitung von seinem Gebäck in unsern Klöstern."

Das ganze kindliche Brimborium einer maurischen Schönen: "Madame war noch im Bette, bekleidet mit einer großen, offnen, zweifarbigen, seidenen Tunika, welche die Mauren Djebba nennen, auf dem Kopfe eine kleine goldgestickte Mütze, unter der ihr schönes, schwarzes Haar herausfloß, ihr volles Gesicht halb bedeckend, das von den Nachwirkungen des soeben genossenen Mahles noch gerötet war. Die Äermel ihrer Djebba ließen zwei enorme, unförmliche Arme sehen, die mit Armbändern und langen Ketten überladen waren, an denen eine Unmasse kleiner Spiegel, roter Rosenkränze, Riechfläschchen, Miniaturpfeifen und Cigarettenetuis baumelten, das ganze kindliche Brimborium einer maurischen Schönen bei ihrem Lever. Das Gemach, in welchem eine nach Opium duftende, betäubende Atmosphäre herrschte, zeigte dieselbe Unordnung, Negerinnen kamen und gingen, trugen bedächtig das Kaffeegeschirr ihrer Herrin ab, während die Lieblingsgazelle den Grund einer Tasse ausleckte, die sie schließlich mit ihrer zierlichen Schnauze umwarf. Auf dem Fußende des Bettes saß in rührender Vertraulichkeit der dunkle Cabassu und las mit lauter Stimme seiner Herrin ein Drama in Versen vor, das nächstens von Cardailhac aufgeführt werden sollte. Die Levantinerin war über diese Lektüre ganz starr und verdutzt."

Die gemeinsten Schimpfworte der Levantinerin aus einer Hafenstadt, ein verzogenes, verwahrlostes Kind: "Die gemeinsten Schimpfworte flossen stromweise von ihren schwerfälligen Lippen, wie aus der Mündung einer Abzugsröhre. Jansoulet hätte sich in eine der schmutzigen Hafenkneipen von Marseille versetzt wähnen können, als Zeuge eines Zankes zwischen einem der leichtfertigen Mädchen und ihrem Galan, oder zu einem Wortgefechte zwischen Genuesern, Maltesern und Provençalen, die sich auf dem Quai in der Nähe der Getreideabladestellen herumtreiben und sich inmitten des aufwirbelnden Staubes nach Leibeskräften Schimpfworte an den Kopf werfen. Es war so recht eine Levantinerin aus einer Hafenstadt, ein verzogenes, verwahrlostes Kind, die abends von ihrer Terrasse oder von ihrer Gondel aus die Matrosen in allen Zungen sich hat beschimpfen hören und alle diese Schimpfworte sorglich in ihrem Gedächtnisse aufbewahrt hat." 

Stadtteile in Paris: "Unser wunderbares Paris macht in seiner Bevölkerung, in seinem Aussehen den Eindruck einer Musterkarte der ganzen Welt. Man findet in dem Stadtteil Marais enge Straßen, mit alten, gemalten Türen, mit vorspringenden Giebeln und phantastisch verzierten Balkonen, die an das alte Heidelberg erinnern. Die Vorstadt St. Honoré, in der Umgebung der russischen Kirche, mit ihren weißen Minarets und vergoldeten Kuppeln erinnert an einen Stadtteil von Moskau. Auf dem Montmartre kenne ich eine malerische und verlassene Gegend, die ganz und gar Algier gleicht. Kleine und niedrige Einzelwohnhäuser mit blanken Messingschildchen an den Türen und eignem Garten reihen sich in englischer Manier zwischen Neuilly und den Champs Elysées, während die Umgebung von St. Sulpice, die Rue Féron und die Rue Cassette, die friedlich im Schatten der hohen Kirchtürme daliegen und mit ihrem holperigen Steinpflaster, mit den Klopfern an den Türen, direkt aus einer frommen Provinzstadt zu stammen scheinen, z. B. Tours oder Orléans, in der Gegend der Kathedrale und des bischöflichen Palastes, wo hohe Bäume, die über die Mauer ragen, sich beim Klange der Glocken und der Responsorien wiegen. In dieser Gegend, in der Nachbarschaft des katholischen Klubs, dessen Ehrenpräsident er soeben geworden, wohnte Herr Le Merquier, der Advokat und Abgeordnete von Lyon, der Sachwalter aller großen Klöster von Frankreich, der von Hemerlingue, infolge einer für diesen dicken Mann sehr tiefsinnigen Berechnung, mit der Wahrnehmung der Interessen seines Hauses betraut war. ... Die weltliche Heuchelei und Scheinheiligkeit hatte ihm gegenüber alle ihre Gestalten, alle ihre Masken abgenommen, nur nicht diejenige religiöser Unschuld. Auch widerstrebte es ihm, an die Käuflichkeit eines Menschen zu glauben, der in einer solchen Umgebung lebte." 

Korsaren, »den Turban zu nehmen«, wie der alte Marseiller Ausdruck lautet; Länder der Turcos, diese Länder der Trägheit und der Gleichgültigkeit, wo alles gigantisch, unverhältnismäßig ist; der eintönige und langweilige Platzregen ministerieller Ergüsse: "Man hätte dabei an eine dieser alten Erzählungen aus dem achtzehnten Jahrhundert denken können, in denen von Korsaren die Rede ist, die die Meere durchkreuzen, von Beys und verwegenen gebräunten Provençalen, die schließlich immer dazu gelangen, eine Sultanin zu heiraten und »den Turban zu nehmen«, wie der alte Marseiller Ausdruck lautet. »Ich,« sagte der Nabob mit seinem Kinderlächeln, »ich habe, um reich zu werden, nicht nötig gehabt, den Turban zu nehmen, ich habe mich begnügt, in diese Länder der Trägheit und der Gleichgültigkeit den Tätigkeitstrieb und die Gewandtheit eines Südfranzosen mitzubringen, und ich bin in einigen Jahren dahin gelangt, eins jener Vermögen aufzuhäufen, wie man sie nur in diesen heißen Ländern erwirbt, wo alles gigantisch, unverhältnismäßig ist und rasch der Blüte entgegenreift, wo Blumen in einer Nacht erblühen und aus einem Baume ein ganzer Wald wird. Die Entschuldigung für solche Reichtümer liegt in der Art ihrer Anwendung und ich glaube behaupten zu dürfen, dass niemals ein Günstling des Glückes im höheren Grade bemüht gewesen ist, Verzeihung für seinen Reichtum zu erlangen. Nur ist mir dies nicht geglückt.«  . . Er war zu reich und das genügte, um ihm alle Laster, alle Verbrechen anzudichten, um ihn zum Zielpunkte anonymer Drohbriefe, grausamer und unermüdlicher Feindschaft zu machen. »Ach,« rief der arme Nabob, indem er die Hände rang, »ich habe das Elend kennen gelernt, ich habe Leib an Leib mit ihm gerungen, und wahrlich, es ist ein harter Kampf, ich schwöre es Ihnen. Aber gegen den Reichtum zu kämpfen, sein Glück, seine Ehre, seine Ruhe hinter Goldhaufen zu verteidigen, die über einen zusammenstürzen, einen unter sich begraben, das, meine Herren, ist noch schrecklicher und widerwärtiger. Niemals, selbst nicht in den trübsten Tagen meiner Armut, habe ich den Kummer, die Sorgen und die schlaflosen Nächte gehabt, durch die der Reichtum mich gemartert hat, dieser furchtbare Reichtum, den ich hasse und der mich ums Leben bringt. Man nennt mich in Paris den Nabob. . . . Man sollte mich nicht Nabob nennen, sondern Paria, einen Paria der Gesellschaft, der seine Arme weit, weit ausstreckt nach einer Gesellschaft, die nichts von ihm wissen will. . . .« So, trocken wiedergegeben, mögen diese Worte kalt erscheinen, aber dort, vor dieser Versammlung trug die Verteidigung dieses Mannes den Stempel einer beredten und ergreifenden Wahrheit, einer Aufrichtigkeit, die, aus dem Munde dieses bäuerischen Gesellen, dieses Emporkömmlings ohne Schliff und Bildung, mit seiner Matrosenstimme und den Manieren eines Packträgers, anfangs in Erstaunen setzte, dann aber gerade durch das, was in diesen Worten Ungeschliffenes, Wildes und allem parlamentarischen Herkommen Widersprechendes lag, die Zuhörer in seltsamer Weise rührte. Schon waren auf den Bänken, die sonst nur den eintönigen und langweiligen Platzregen ministerieller Ergüsse zu vernehmen gewohnt waren, einzelne Beifallsbezeigungen laut geworden. – Aber bei diesem Aufschrei der Wut und Verzweiflung, die der Unglückliche gegen den Reichtum schleuderte, der ihn in dem Strome seines Geldes fortriss und zu ertränken drohte, mit dem er hilferufend rang, erhob sich die Kammer unter lauten Beifallsbezeigungen, Hände wurden ausgestreckt, wie um dem unglücklichen Nabob die Beweise von Hochachtung darzubringen, nach denen ihn so dringend verlangte, und um ihn gleichzeitig aus seinem Schiffbruche zu erretten. Jansoulet wurde dieser Stimmung alsbald inne, und durch diese Zeichen von Teilnahme ermuntert, nahm er erhobenen Hauptes und festen Blickes von neuem das Wort: »Man hat Ihnen gesagt, meine Herren, dass ich nicht würdig sei, in Ihrer Mitte meinen Platz einzunehmen. Und derjenige, der dies ausgesprochen hat, war in der Tat der letzte, von dem ich auf diese Aeußerung gefasst sein durfte, denn er allem kennt das schmerzliche Geheimnis meines Lebens; er allein konnte für mich eintreten, mich rechtfertigen, Sie überzeugen. Er hat es nicht tun wollen. Nun wohl! Ich, ich werde es versuchen, so viel Ueberwindung es mich auch kostet. Auf das schmählichste vor dem ganzen Lande angeschwärzt, bin ich diese öffentliche Rechtfertigung mir selbst, bin sie meinen Kindern schuldig und ich bin entschlossen, sie zu unternehmen.«

Dem Nabob erging es wie einst den Templern, "ein lächerlicher im voraus verlorener Scheinprozess; und die Schließung der Comptoirs des Nabob am Marine-Quai, die Versiegelung seiner Geldschränke, die Beschlagnahme seiner Schiffe und eine um seine Paläste gestellte Wache von Polizeisoldaten kündigten schon eine Art von bürgerlichem Tode an, eine förmliche Beerbung, zu welcher nur noch die Teilung der Beute fehlte. Es war nicht ein einziger Verteidiger, nicht ein Freund unter der gierigen Meute; ... Es war nicht daran zu denken, dem Bey die Beute zu entreißen, es sei denn durch einen glänzenden Triumph vor der Deputiertenkammer. Nur einige Trümmer konnte Géry noch zu retten hoffen, und auch die nur durch rasches Handeln, denn er musste gewärtig sein, heute oder morgen die vollständige Niederlage seines Freundes zu erfahren."

Man darf sich nicht beirren lassen, weder durch die orientalische Schöntuerei, jene raffinierte und süßliche Höflichkeit, worunter sich Roheit und Sittenlosigkeit verstecken, noch durch das scheinheilige gleichmütige Lächeln, noch auch durch jene Verbeugungen mit gekreuzten Armen, womit der göttliche Fatalismus angerufen wird, wenn die menschliche Lüge versagt; mohammedanische Raubgier: "Er ging daher schnell ans Werk und beschleunigte seine Maßregeln mit einer Rührigkeit, in welcher er sich durch nichts beirren ließ, weder durch die orientalische Schöntuerei, jene raffinierte und süßliche Höflichkeit, worunter sich Roheit und Sittenlosigkeit verstecken, noch durch das scheinheilige gleichmütige Lächeln, noch auch durch jene Verbeugungen mit gekreuzten Armen, womit der göttliche Fatalismus angerufen wird, wenn die menschliche Lüge versagt. Seine Kaltblütigkeit kam diesem gleichsam abgekühlten Südfranzosen, in welchem sich die Ueberschwenglichkeit seiner Landsleute sozusagen verdichtet hatte, dabei nicht minder zu statten, als seine vollständige Kenntnis der französischen Gesetze, von welchen der tunesische Codex nur ein entstellter Abklatsch ist. Durch große Gewandtheit und Umsicht brachte er es, ungeachtet der Intriguen des im Bardo sehr einflussreichen Hemerlingue Sohn dahin, dass das von dem Nabob einige Monate vorher dargeliehene Geld von der Konfiskation ausgeschlossen und dass von fünfzehn Millionen zehn der mohammedanischen Raubgier entrissen wurden. Gerade am Morgen des Tages, an welchem ihm diese Summe ausbezahlt werden sollte, empfing er eine Depesche von Paris mit der Nachricht der Ungültigkeitserklärung. Er eilte sogleich in den Palast, um dort vor dieser Nachricht anzulangen, begegnete – seine zehn Millionen in Wechseln auf Marseille wohlverwahrt in der Brieftasche – auf dem Rückwege von der Residenz dem Wagen des Hemerlingue Sohn mit seinen dahinjagenden drei Maultieren. Das magere Eulengesicht strahlte. Géry sah ein, dass, wenn er nur noch einige Stunden länger in Tunis verweilte, seine Wechsel Gefahr liefen, konfisziert zu werden; er belegte darum rasch einen Platz auf dem italienischen Postboote, welches andern Tages nach Genua abgehen sollte, blieb die Nacht an Bord und gewann erst seine Ruhe wieder, als er das weiße am gleichnamigen Meerbusen stufenweise aufsteigende Tunis und die Felsen des Kaps von Karthago hinter sich verschwinden sah. Bei der Einfahrt in den Hafen von Genua fuhr der Dampfer an einer großen Jacht vorbei, auf welcher die tunesische Flagge zwischen kleinen Wimpeln wehte. Géry erschrak heftig, hielt sich einen Augenblick lang für verfolgt und fürchtete, beim Landen wie ein gemeiner Beutelschneider mit der italienischen Polizei in Konflikt zu kommen. Aber nein, die Jacht schwang ruhig am Anker, während die Matrosen damit beschäftigt waren, die Brücke zu reinigen und die rote Galione am Bug neu zu bemalen, als ob man den Besuch einer hohen Person erwartete. Paul war nicht neugierig, in Erfahrung zu bringen, wer diese Person sei, durcheilte vielmehr die Marmorstadt und trat die Rückreise auf der Eisenbahn an, welche der Küste folgend von Genua nach Marseille führt, ein wunderbar schöner Weg, bei welchem das Dunkel der Tunnels mit dem Anblicke des blendenden blauen Meeres abwechselt, der aber auch vermöge seiner Enge leicht Gelegenheit zu Unfällen bietet."

Bordighera an der Riviera: "Als der Zug in Savona hielt, teilte man den Reisenden mit, dass sie nicht weiter reisen könnten, da eine jener kleinen Brücken, welche über die in das Meer sich ergießenden Gebirgsströme gebaut sind, wahrend der Nacht eingestürzt sei. Man musste auf den Ingenieur und die Arbeiter, welche telegraphisch herbeordert waren, warten und vielleicht einen halben Tag verweilen. Es war früh morgens. Die italienische Stadt war beim Erwachen in jene verschleierte Morgenröte eingehüllt, welche dort eine große Tageshitze verkündet. Während die Reisenden sich zerstreuten und teils in den Hotels ein Unterkommen suchten, teils sich in den Kaffeehäusern niederließen, andre auch in der Stadt umherschweiften, sann Géry, verstimmt über den Aufenthalt, auf ein Mittel, diese zehn Stunden nicht zu verlieren. Er dachte an den armen Jansoulet, dem das Geld, das er mitbrachte, vielleicht Ehre und Leben retten würde, an seine teure Aline, deren Andenken ihn während seiner Reise nicht einen einzigen Tag verlassen hatte, so wenig wie das Porträt, welches sie ihm gegeben. So kam er auf die Idee, eins jener vierspännigen »Calesinos« zu mieten, welche von Genua nach Nizza längs der Riviera fahren, eine herrliche Tour, deren Genuss sich Fremde, Hochzeitsreisende und solche, welche in Monaco mit Glück gespielt haben, häufig gestatten. Der Kutscher garantierte für zeitige Ankunft in Nizza; aber sollte er auch nur wenig früher anlangen, als wenn er den Abgang des Zuges erwartete, die Ungeduld des Reisenden empfand immerhin den Trost, nicht auf dem Platze umhertrippeln zu müssen und das Bewußtsein zu haben, dass sich mit jeder Drehung der Räder der Raum verkleinere, der ihn von dem Gegenstande seiner Sehnsucht trennte. Ach, es ist eine unvergleichliche Wonne, an einem schönen Junimorgen im Alter unsres Freundes Paul, das Herz voll Liebe, wie das seinige war, mit einem Viergespanne auf der weißen Straße der Riviera dahinzufliegen. Zur Linken, unter einem hundert Fuß tiefen Abgrunde, das Meer, das von seinen runden Buchten bis hinaus in die duftige Ferne, wo das Blau des Meeres und des Himmels verschwimmen, mit Wellenschäfchen bedeckt ist, und auf demselben gleich entfalteten Schwingen rote oder weiße Segel, die feinen Umrisse von Dampfschiffen, die wie zum Lebewohl ein Rauchwölkchen zurücksenden, dann auf den Strandflächen, die bei den Biegungen des Weges sichtbar werden, Fischer, anscheinend nicht größer als Felsamseln in ihrer einem Neste gleichenden Barke. Nun senkt sich die Straße und geht an einem Abhänge beständig neben Felsen und fast senkrecht aufsteigenden Vorgebirgen dahin. Dort dringt der frische Wind aus den Wogen ein und saust in die tausend Schellen des Gespannes, wogegen zur Rechten auf der Gebirgsseite Fichten aufragen und grüne Eichen mit ihren wunderlich geformten Wurzeln, die aus dem dürren Boden hervordringen, sowie Oelbäume, die terrassenförmig sich hinaufziehen bis an eine breite weiße kieselsteinige Schlucht mit grünem Rande, ein ausgetrocknetes Strombett, das jetzt schwerbeladene Maultiere, den Huf fest zwischen das Steingeschiebe gestemmt, erklimmen, und wo sich eine Wäscherin über eine mikroskopische Pfütze beugt, ein paar übriggebliebene Tropfen der großen Winterüberschwemmung. Von Zeit zu Zeit fährt man durch die Straße eines Dorfes oder vielmehr eines durch den Sonnenbrand gerösteten Städtchens von ehrwürdigem Alter, mit eng gepreßten und durch düstere Arkaden verbundenen Häusern, durch ein Gewirr von abschüssigen Gassen, in welchen man stellenweise ganze Haufen mit Strahlenkränzen geschmückte Kinder, Körbe mit glänzenden Früchten oder eine Frau erblickt, die mit dem Kruge auf dem Kopfe oder dem Spinnrocken im Arme das holperige Pflaster niedersteigt. Dann wieder an einer Straßenecke – das bläuliche Flimmern der Wogen und die unendliche Ferne. . . . Aber mit dem vorschreitenden Tage sandte die am Himmel aufsteigende Sonne über das Meer, aus dessen Nebel sie hervorgegangen, Tausende von Strahlen, die wie Pfeile ins Wasser fielen und einen blendenden Reflex erzeugten, der durch den hellen Glanz der Felsen und des Bodens, sowie durch einen wahrhaft afrikanischen Sirokko, welcher den Straßenstaub in dichten Massen aufwirbelte, verdoppelt wurde. Man gelangte zu den heißesten, am meisten geschützt liegenden Teilen der Riviera . . . in eine wahrhaft exotische Temperatur, die auf freiem Felde Dattelbäume, Kaktus und großblätterige Aloen treibt. Als Géry die hoch aufgeschossenen Stengel dieser phantastischen Vegetation in die weißglühende Luft ragen sah und den die Augen blendenden Staub wie Schnee unter den Rädern knarren hörte, glaubte er, die Augen halb geschlossen und geblendet durch diesen bleischweren Mittag, noch einmal jene ermüdende Tour von Tunis zum Bardo zu machen, welche er so oft inmitten dieses eigentümlichen Durcheinanders von levantinischen Karossen mit glänzenden Livreen, von langhälsigen »Meahris« mit hängenden Lippen, von mit Decken behangenen Maultieren, von kleinen Eseln, Arabern in Lumpen, halbnackten Negern und Beamten in großer Uniform mit ihrem Ehrengeleite, zurückgelegt hatte. Sollte er denn dort unten, wo der Weg sich neben den Palmengärten hinzieht, den wunderlichen Kolossalbau des Palastes des Bey, mit seinen dicht vergitterten Fenstern, seinen Marmorportalen und seinen in lebhaften Farben schillernden, zierlich behauenen Holzbalken wiederfinden? . . . Es war jedoch nicht der Bardo, sondern das freundliche Bordighera, welches, wie alle am Litorale liegenden Ortschaften, in zwei Teile geteilt ist, nämlich in die sich am Strande ausbreitende »Marine« und in die obere Stadt, beide durch einen Wald von unbeweglichen Palmen mit langem, dünnem Stamme und breiten Kronen verbunden, grünen Raketen vergleichbar, die den blauen Himmel mit ihren tausend regelmäßigen Wedeln durchschneiden. Hier in Bordighera wurde der Reisende durch die unerträgliche Hitze und gänzliche Erschöpfung der Pferde zu kurzem Verweilen in einem der an der Straße liegenden großen Hotels genötigt, welche diesem Städtchen mit der wunderbar geschützten Lage vom Monat November an den kosmopolitischen Charakter einer mit allem Luxus ausgestatteten Winterstation der vornehmen Welt verleihen. In gegenwärtiger Jahreszeit gab es indessen an der »Marine« von Bordighera nur Fischer, und auch diese ließen sich jetzt nicht sehen. Die Villen und Gasthäuser mit ihren geschlossenen Fensterläden und Jalousieen erschienen wie ausgestorben. Im Hotel führte man ihn durch lange, kühle und stille Korridore in einen großen nach Norden gelegenen Saal, welcher zu einer jener Familienwohnungen zu gehören schien, wie sie während der Saison im ganzen vermietet werden, und der durch leichte Türen mit andern Zimmern in Verbindung stand. Es fehlten weder die weißen Vorhänge, noch der Teppich, dieses Stückchen Komfort, das die Engländer selbst auf der Reise nicht entbehren können, und trat man an die Fenster, welche der Wirt weit öffnete, um den Durchreisenden zu einem längeren Aufenthalte zu verlocken, so erblickte man vor sich die blendend schöne Berglandschaft. Seltsam war der Eindruck der Ruhe, den dieses große, verlassene Hotel machte, wo sich weder Kellner noch Koch noch Diener sehen ließ. Das eigentliche Dienstpersonal langte ja erst mit dem Eintritt der kühlen Jahreszeit an; mittlerweile war die Küche einem Sudelkoche vom Lande anvertraut, der nur stoffato und risotto zu bereiten verstand, die Aufwartung aber hatten zwei Stallknechte, die man zur Essenszeit in Kellnerfräcke und weiße Krawatten steckte. Glücklicherweise bedurfte Géry zur Erholung nur eines kurzen Aufenthaltes, um seine von Wind und Staub ermüdeten Augen zu erfrischen und seine Stirn von dem Reife zu befreien, den der Sonnenbrand um dieselbe gelegt hatte und der ihn schmerzte wie der Druck eines Helmes. Er hatte sich auf einen Diwan gestreckt und bewunderte die Landschaft, welche bis an sein Fenster mit dem verschiedenen Grün der Oliven- und Orangenbäume in bald helleren, bald dunkleren Terrassen niederzusteigen schien. Dazwischen glänzten weiße Landhäuser, unter andern das des Bankiers Moritz Trott, dessen Gärten sich bis unter die Fenster des Hotels erstreckten, und welches an der Schnörkelfülle seiner Bauart und an der Höhe seiner Palmen kenntlich war. Hier weilte seit einigen Monaten ein berühmter Künstler, der Bildhauer Bréhat, der sich im letzten Stadium der Schwindsucht befand, und dem nur die ihm gewährte fürstliche Gastfreundschaft noch das Leben fristete. Diese Nachbarschaft eines berühmten Sterbenden, auf welche der Wirt sehr stolz war und die er am liebsten seinen Gästen mit auf die Rechnung gesetzt hätte, lenkten Gérys Gedanken auf Felicia Ruys; hatte er doch den Namen Bréhat so oft mit Bewunderung in ihrem Atelier nennen hören. Lebhaft stand es vor ihm das schöne Gesicht mit den zarten Linien, das er zum letztenmal mit flüchtigem Blicke im Bois de Boulogne an Moras Schulter gelehnt gesehen hatte. Was mochte nach dem Verluste dieser Stütze aus dem unglücklichen Mädchen geworden sein? Ob wohl die gemachte traurige Erfahrung ihr für die Zukunft eine Lehre gewesen? Und war es nicht ein sonderbares Zusammentreffen, dass während seine Gedanken bei Felicia weilten, ihm gegenüber auf einem Abhange des benachbarten Gartens ein weißer Windhund mit großen Sprüngen über einen grünen Platz jagte? Wie glich doch dieser Hund völlig Kadour! Ganz dasselbe kurze Haar, dieselbe feine, rosige Schnauze. – So bannten die mannigfaltigen Bilder, bald trauriger, bald lieblicher Art Pauls Blick an das vor ihm geöffnete Fenster. Es mochte wohl die lachende Natur, das Hochgebirge, an dessen Hängen und Schluchten Schattenbilder langsam dahinzogen, zu den Wanderungen seiner Gedanken beitragen. Immer mannigfaltiger wurde das Bild. Unter den Reihen der mit goldner Frucht beladenen Orangen- und Zitronenbäume breiteten sich in regelmäßigen Beeten Felder von Veilchen aus und darüber hin rieselte das Wasser zwischen weißglänzendem Gestein und üppigem Grün. Ein köstlicher Wohlgeruch von in der Sonne getrockneten Veilchen stieg zu ihm auf, der sinnberückende, unwiderstehliche Duft eines Boudoirs, der ihm weibliche Gaukelbilder vorzauberte, er sah Aline, Felicia durch die feenhafte Landschaft gleiten, durch das duftige Blau dieses himmlischen Tages, als ob die Düfte des reichen Blumenflors sichtbare Gestalt gewonnen hätten. . . . Plötzlich ein Geräusch, wie das Gehen einer Tür – er öffnete die Augen wieder. . . . Es musste jemand in das anstoßende Zimmer eingetreten sein. Er hörte deutlich das Streifen eines Kleides an der dünnen Scheidewand, dann das Umschlagen der Blätter eines Buches, das indes nicht viel Interesse erwecken mochte, denn man vernahm einen langen, in ein lautes Gähnen übergehenden Seufzer. Schlief, träumte er noch? Hatte er nicht soeben das Geheul des »Schakals in der Wüste« vernommen, das so gut zur schweren Luft da draußen stimmte? . . . Er horchte weiter. . . . Nein! . . . Alles still. Dann schlief er wieder ein; nun aber sammelten sich alle wirren Bilder, die ihn umgaukelten, in einen wirklichen – einen herrlichen Traum: Er war mit Aline auf seiner Hochzeitsreise. Welch ein reizendes Weibchen. Nur auf ihn blickten ihre hellen, liebevollen, treuen Augen. Hier in diesem Saal an der andern Seite des Tisches saß das süße Mädchen in ihrem weißen Morgenkleide, dessen feine Spitzen einen lieblichen Veilchenduft ausströmten. Sie frühstückten zusammen. Das war so recht das Frühstück einer Hochzeitsreise, ein Morgenimbiß, im Angesicht des azurblauen Meeres, unter einem durchsichtigen Himmel, der sich in dem Glase, aus dem die Glücklichen trinken, widerspiegelt, ein Bild ihrer glücklichen Zukunft. Ach! Wie herrlich war es, welch ein göttlicher Strahl fiel verjüngend in das Herz des glücklichen Paares. Aber plötzlich, mitten unter den Zärtlichkeitsergüssen, mitten im Taumel der Liebe verfinsterte sich Alines Antlitz. Ihre Augen füllten sich mit Thränen. Sie sprach zu ihm: »Felicia ist hier. . . . Du liebst mich jetzt nicht mehr. . . .« Er aber erwiderte lachend: »Felicia hier, was fällt dir ein!« – »Ja, ja,« sprach sie, »dort ist sie,« und deutete mit zitternder Hand auf das anstoßende Zimmer, aus dem jetzt Hundegebell und dazwischen Felicias Stimme ertönte. »Kadour, hierher Kadour!« rief sie in einem dumpfen, gepreßten Tone, wie jemand, in dessen Zufluchtsort man rücksichtslos eindringt. Géry fuhr wild aus dem Schlafe auf. Da stand er nun mitten in dem öden Zimmer vor dem leeren Tische, der enttäuschte Verliebte, und starrte durch das Fenster in das von demselben umrahmte Gebirgsbild. Die Hügel schienen sich auf ihn herabzusenken, sein schöner Liebestraum war entflohen. Aber in dem angrenzenden Zimmer hörte er jetzt doch in Wirklichkeit Hundegebell und ein ungeduldiges Pochen an die Tür." 

Tugendstolzes Paris, das den Nabob als Sündenbock benutzte und ihn fortjagte, nachdem es ihn mit allen seinen Schandtaten beladen hatte; Feiglinge, Nullen und Verräter: "Und wahrlich, es war eine niedliche Gesellschaft für eine solche Kundgebung! Gegenüber die Loge eines bankerotten Bankiers, in der die Frau und ihr Liebhaber vorne beisammen saßen, während der Ehemann, eine wahre Null, sich im Schatten des Hintergrundes hielt. Zur Seite saß ein Trio, wie man es häufig antrifft, eine Mutter, die, nur ihre eigne Neigung befragend, um aus ihrem Liebhaber einen Schwiegersohn zu machen, ihre Tochter verheiratet hat. Ferner ein Paar ohne Trauschein, Mädchen mit glänzenden Diamantschnüren gleich Hundehalsbändern um Hals und Arme, die auf diese Weise den Preis ihrer Schande zur Schau trugen und sich mit Bonbons in fast tierischer Weise vollstopften, weil sie wissen, dass dies tierische Wesen an einem Frauenzimmer denjenigen gefällt, die es unterhalten. Und dann ganze Gruppen weibischer Stutzer, mit offnen Halskragen, gemalten Augenbrauen und gestickten Vorhemden, Schöntuer, wie zur Zeit Agrippas, die sich untereinander »Mein Herz . . . Meine Liebe . . .« nannten. Alle Skandale, alle Schändlichkeiten, verkaufte oder käufliche Gewissen waren hier vertreten, das Laster eines Zeitalters ohne Größe, ohne Originalität, das nur die Verschrobenheit andrer Epochen nachzuahmen versuchte und eine Herzogin, die Frau eines Ministers hervorbrachte, die in einem verrufenen Tanzlokale mit den schamlosesten Tänzerinnen wetteiferte. Und das waren die Leute, welche den Nabob von sich stießen, die ihm zuriefen: »Fort mit dir . . . du bist ein Unwürdiger . . .« »Ich ein Unwürdiger! . . . Und doch bin ich hundertmal besser als ihr alle, ihr Elenden. . . . Ihr macht mir meine Millionen zum Vorwurfe! Und wer hat mir denn geholfen, sie aufzuzehren? . . . Du, mein ehemaliger Gefährte, du Feigling und Verräter, der du in der Ecke deiner Vorderloge deinen dicken Wanst verbirgst. Ich habe mit meinem Vermögen dein Glück gemacht, zur Zeit wo wir als Brüder miteinander teilten. . . . Du, Marquis mit deinem erdfahlen Antlitze, ich habe hunderttausend Franken für dich im Klub bezahlt, damit man dich nicht mit Schimpf und Schande ausstoße. . . . Dich, Dirne, habe ich mit Diamanten bedeckt, um die Meinung zu erwecken, als ob du meine Geliebte seiest, weil dies in unsren Kreisen einen guten Eindruck macht, ohne dass ich jedoch je von dir einen Gegendienst verlangt hätte. . . . Und du, schamloser Zeitungsschreiber, du glaubst, dass ich dich nicht hoch genug bezahlt habe, und daher deine Insulten. . . . Ja, ja, Canaillen, seht mich nur an. . . . Ich bin stolz. . . . Ich bin besser als ihr. . . .« [9] 
 

9. Numa Roumestan

Katholische Provençalen würden mit Entschiedenheit und einer moralischen Zuversicht das Christentum verteidigen und den islamischen Irrglauben bekämpfen: "Er war der katholische Provençale, der nur nach der Kirche geht, um seine Frau am Schluss der Messe abzuholen, und dann mit der überlegenen Miene eines Papas, welcher einem Schattenspiele von ferne zusieht, im Hintergrunde beim Weihkessel stehen bleibt; der nur zur Beichte geht, wenn die Cholera grassiert, sich aber dennoch für diesen nicht empfundenen Glauben, der weder seine Leidenschaften noch seine Laster irgendwie in Schranken hält, köpfen oder martern ließe. Als er sich verheiratete, wußte er, dass seine Frau desselben Glaubens war, wie er und dass der Pfarrer von St. Paul ihnen im Verhältnis zu dem Aufwand von Kerzen, Teppichen und Blumen, wie er bei einer Trauung erster Klasse üblich ist, sein Lob gespendet hatte. Nach weiterem fragte er nicht. Alle Frauen, die er kannte, seine Mutter, seine Cousinen, die Tante Portal, die Herzogin von San Donnino waren eifrige Katholikinnen. So war er denn sehr überrascht, als er einige Monate nach seiner Verheiratung die Wahrnehmung machte, dass Rosalie die Kirche nicht besuchte, und bemerkte deshalb in vorwurfsvollem Tone: »Du gehst also nie zur Beichte?« »Nein, mein Freund,« entgegnete sie ganz ruhig, »und du auch nicht, so viel ich weiß.« »Ah, ich, das ist etwas andres.« »Warum etwas andres?« Dabei sah sie ihn mit so aufrichtig erstaunten, leuchtenden Augen an und schien von ihrem geringeren Werte als Frau so wenig eine Ahnung zu haben, dass er keine Antwort fand und wartete, bis sie sich erklärte. O sie war durchaus keine Freidenkerin, kein Freigeist. In einem ausgezeichneten Pariser Pensionat erzogen, hatte sie bis zu ihrem Austritt aus demselben, d. h. bis zu ihrem siebzehnten Jahre, einen Priester der St. Laurent-Kirche zum Beichtvater gehabt, und selbst vom väterlichen Hause aus hatte sie einige Monate hindurch die Kirchgänge an der Seite ihrer Mutter, der bigotten Südländerin, fortgesetzt: eines Tages aber schien in ihrem Innern eine Wandlung vor sich gegangen zu sein und sie hatte ihren Eltern ihren unüberwindlichen Widerwillen gegen die Beichte erklärt. Die Mutter wollte versuchen, das, was sie für eine bloße Laune ansah, in ihr zu bekämpfen, aber Herr Le Quesnoi schlug sich ins Mittel, indem er sagte: »Lass sie nur . . . mir ist es ebenso gegangen wie ihr, im gleichen Alter.« Und von da ab hatte sie nur noch von ihrem jugendlichen Gewissen Rat und Richtung anzunehmen. Im übrigen verabscheute sie als Pariserin und als Frau von Bildung die Ungebundenheit schlechter Art, und würde daher, wenn Numa daran läge, zur Kirche zu gehen, ihn begleiten, wie sie es bei ihrer Mutter ja so lange getan hatte, ohne indes ihre Gesinnung zu verleugnen und eine Strenggläubigkeit zu heucheln, die sie nicht mehr besaß. Er hörte sie betroffen an, entsetzt, eine derartige Selbständigkeit bei ihr zu entdecken und mit einer Entschiedenheit und einer moralischen Zuversicht verteidigen zu sehen, die all seine Ansichten von der Abhängigkeit des Weibes über den Haufen warf." 

Kluge Zurückhaltung und praktischer gesunder Menschenverstand Sancho Pansas; manche Politiker sind nur zur Schaustellung da, meistens die, die zu gleicher Zeit einen stutzerhaften und einen einfältigen Eindruck machen.: "Roumestans Kanzlei ist wie ein Gesandtschaftsbüreau ausgestattet. Der erste Sekretär, die rechte Hand des Parteiführers, sein Berater und Freund, ist ein ausgezeichneter Jurist, Namens Méjean, der, wie die ganze Umgebung Numas, aus dem Süden stammt, aber aus jenem felsigen Süden der Cevennen, welcher mehr von Spanien, als von Italien hat, und in seinem Wesen wie in seinen Worten die kluge Zurückhaltung und den praktischen gesunden Menschenverstand Sancho Pansas bekundet. Untersetzt und stämmig, mit schon kahlem Scheitel und dem gelblichen Teint, wie er rastlosen Arbeitern eigen ist, besorgt Méjean allein die ganze Leitung der Geschäfte, sieht die Aktenstöße durch, bereitet die Reden vor und sucht die klangvollen Phrasen seines Freundes und, wie Eingeweihte wissen wollen, seines künftigen Schwagers durch tatsächliches Material zu bekräftigen. Die andern Sekretäre, die Herren von Rochemaure und von Lappara, zwei junge, dem ältesten Provinzialadel angehörige Referendare, sind nur zur Schaustellung da, und sollen bei Roumestan in die Politik eingeweiht werden."

Ein Tscherkesse als Komiker und Diener: "Bompard, der Mameluck Roumestans, vertritt gewissermaßen die Stelle eines vierten Sekretärs, der die äußeren Angelegenheiten besorgt, nach Neuigkeiten ausgeht und in ganz Paris den Ruhm seines Herrn verkündet. Seinem Aussehen nach zu schließen, wird er bei diesem Geschäft nicht reich; doch ist das nicht Numas Schuld. Eine Mahlzeit täglich und dann und wann einen halben Louisdor, – mehr wollte dieser sonderbare Schmarotzer, dessen Dasein für seine vertrautesten Freunde ein Rätsel blieb, nie annehmen. ... Bompard verstand sich in seiner Jugend sehr gut aufs Vogelschießen; ... man hatte nur die Schweiz in kleinen Tagereisen von Kanton zu Kanton mit der Büchse auf der Schulter zu durchwandern . . .In vollem Eifer beschrieb der Schwärmer die Gletscher, welche er erkletterte, die Täler und Ströme, über die sein Fuß setzte, und ließ ganze Lawinen vor den verblüfften jungen Leuten in die Tiefe stürzen. Von allen Ausgeburten seiner wahnwitzigen Phantasie war diese wohl die tollste, und dabei sprach er mit fieberhaft leuchtenden Augen, einer innern Ueberzeugung und einem Feuer, das seine Stirne bald anschwellen ließ, bald mit tiefen Runzeln durchfurchte. Die plötzliche Ankunft Méjeans, der ganz außer Atem vom Justizgebäude zurückkehrte, unterbrach Bompards Redefluss. »Große Neuigkeit!« . . . rief er, indem er seine Mappe auf den Tisch warf . . . »Das Ministerium ist gestürzt.« »Nicht möglich!« »Roumestan übernimmt das Portefeuille des öffentlichen Unterrichts . . .« »Das wußte ich schon,« sagte Bompard. Und indem er das Lächeln der Anwesenden bemerkte, bekräftigte er: »Jawohl, meine Herren . . . ich war dabei und komme eben von dort.« »Und Sie haben es nicht gesagt?« »Wozu? . . . Man glaubt mir ja doch nicht . . . Mein Accent ist wohl daran schuld,« fügte er mit einer unverwüstlichen Harmlosigkeit hinzu, deren Komik in der allgemeinen Aufregung verloren ging. »Roumestan Minister!« »Ja, Kinder, unser Chef ist ein schlauer Kopf,« bemerkte wiederholt der lange Lappara, indem er sich laut lachend auf seinen Polstersitz zurückwarf und die Beine in die Höhe streckte . . . »Und wie fein er seine Sache eingefädelt hat!« Rochemaure erhob sich entrüstet: »Sprechen wir nicht von Schlauheit, mein Lieber . . . Roumestan ist ein Mann von Gewissen und Ueberzeugung . . . . Er geht den geraden Weg wie eine Kanonenkugel.« 

Wie die Männer aus den arabisch-kurdischen Clans, aufgeblasen und übermütig wie ein Truthahn, auch deren Gequatsche erinnert an das Getröte eines Truthahns: "Es ist ein wetterharter, sonnverbrannter, nach Teer riechender, untersetzter Mann mit Ohrringen in Form kleiner silberner Anker und der Stimme eines heiseren Seehundes, wie man sie in den Häfen der Provence durch die hellen Morgennebel röcheln hört. ... Der Tambourinschläger ist jetzt ein Herr mit schwarzen, sehr langen, nach Künstlerart hinter die Ohren gestrichenen Haaren, was ihm in Verbindung mit seinem dunkeln Teint und seinem blauschwarzen Schnurrbart, den er beständig zwischen den Fingern dreht, das Aussehen eines Zigeuners vom Pfefferkuchenmarkt verleiht. Dazu ist er aufgeblasen und übermütig wie ein Truthahn, eitel auf seine Schönheit und sein musikalisches Talent, wodurch sich, trotz der scheinbaren Ruhe und Schweigsamkeit, die Ueberschwänglichkeit seiner südlichen Natur verrät und Luft macht. ... »Aber so packt Euch doch, elender Kerl, packt Euch!« schrie er aus Leibeskräften . . . »Man will nichts mehr von Euch wissen, man hat Eure Flöte satt . . .«  ... »Cabantous, Lotse! . . .« sagte Numa, indem er die Karte las, die ihm der Diener kaltblütig überreichte. ». . . Ein zweiter Valmajour! Nein, ich habe es satt . . . ich will mich nicht länger von solchen Leuten missbrauchen lassen. . . . Für heute ist es zu Ende . . . ich bin nicht mehr zu sprechen . . .«

»Die Herren von der ›Central-Verwaltung!‹ . . .«, »Die Herren von der ›Direktion der schönen Künste!‹ . . .«, »Die Herren von der ›medizinischen Fakultät!‹ . . .«, »Die Herren von der ›Comédie Française!‹ . . .«: "Glatt rasiert, feierlich und mit der tiefen Verbeugung, wie sie im »großen« Jahrhundert Mode gewesen, gruppierten sie sich um ihren Aeltesten, der mit dumpfer Stimme die »Gesellschaft« vorstellte und von den Bemühungen, den Wünschen der »Gesellschaft« sprach, der »Gesellschaft« kurzweg, ohne weiteres Beiwort, geradeso wie man von »Gott« oder »der Bibel« spricht, als ob es keine andre Gesellschaft auf Gottes Erdboden gäbe, als die der Comédie Française, und der arme Roumestan musste in der Tat sehr niedergedrückt sein, wenn selbst diese Gesellschaft, zu der er mit seinem bläulichen Kinn, seinen herabhängenden Wangen und seinem gemacht-vornehmen Wesen selbst zu gehören schien, seine Beredsamkeit nicht zu großen theatralischen Phrasen zu entflammen vermochte!"

Der Komiker Bompard zuhause: "das Zimmer war klein, und Bompard war, um keinen Millimeter davon zu verlieren, genötigt, seinen Toilettentisch im Korridor unterzubringen. Numa fand seinen Freund auf einer eisernen Bettstelle liegend, mit einem scharlachroten Kopfputze über der Stirne, einer Art Dantehaube, die sich angesichts des vornehmen Besuchers vor Erstaunen emporsträubte: »Nicht möglich.« »Bist du krank?« fragte Roumestan. »Krank? . . . Niemals.« »Was machst du dann hier?« »Du siehst, ich sammle mich. . . .« Zur näheren Erläuterung fügte er hinzu: »Ich habe so viele Projekte, so viele Erfindungen im Kopfe. Manchmal verirre und verliere ich mich da . . . und dann komme ich erst im Bett wieder zu mir selber.« ... Während Bompard auf dem Flur seine Toilette begann, sah sich der Minister in der durch ein kleines Dachfenster, von dem der schmelzende Schnee herabfloss, erhellten Mansarde um. Mitleid ergriff ihn beim Anblick dieses Mangels, dieser feuchten Wände mit den verblassten Tapeten, dieses kleinen, verrosteten Ofens, der trotz der kalten Jahreszeit nicht geheizt war, und an die luxuriöse Bequemlichkeit seines Palastes gewöhnt, fragte er sich, wie es möglich sei, hier zu leben. »Hast du den Garten gesehen?« rief Bompard fröhlich aus seinem Waschbecken heraus. Der Garten bestand aus den entlaubten Wipfeln dreier Platanen, die man nur zu Gesicht bekommen konnte, wenn man auf den einzigen Stuhl kletterte, der sich in der Mansarde befand. »Und mein kleines Museum?« So nannte er einige mit Etiketten versehene alte Gegenstände, die auf einem Brette lagen: ein Ziegelstein, eine Tabakspfeife von hartem Holze, eine verrostete Klinge, ein Straußenei. Aber der Ziegelstein kam von der Alhambra, das Messer hatte als Werkzeug der Blutrache in der Hand eines berüchtigten korsischen Banditen gedient, die Pfeife trug die Inschrift: »Pfeife eines marokkanischen Galeerensträflings«, das verhärtete Straußenei endlich war das Andenken an das Scheitern eines schönen Traumes, war alles, was – nebst einigen in einem Winkel aufgehäuften Latten und Eisenstücken – von der Bompardschen Brutmaschine und der künstlichen Straußenzucht übrig geblieben war. O, jetzt hatte er etwas Bessres vor als das, – eine wundervolle Idee, die Millionen einbringen werde, von der er aber noch nichts sagen könne. »Was schaust du dir da an? . . . Das da? . . . Das ist mein Majoralsdiplom. . . . Nun ja, Majoral der ›Aïoli‹.« Dieser »Aïoli«- oder Knoblauchklub hatte den Zweck, alle in Paris wohnenden Südländer jeden Monat einmal zu einem Knoblauchessen zu vereinigen, um sie nicht den Duft und Accent der Heimat vergessen zu lassen. Die Organisation des Klubs war eine furchtbar schwerfällige: ein Ehrenpräsident, Präsidenten, Vicepräsidenten, Majorals, Quästoren, Zensoren, Schatzmeister, die alle mit einem Diplome auf silberstreifigem, mit einer zierlichen Knoblauchblüte geschmücktem Rosapapier versehen waren. Dieses wertvolle Dokument prangte an der Wand neben Annoncenzetteln von allen Farben, Ankündigungen von Häuserverkäufen, Eisenbahnfahrplänen u. dergl., die Bompard immer vor Augen zu haben wünschte, »um sich etwas in den Kopf zu setzen,« wie er naiv sagte. Man las da: »Schloss zu verkaufen, hundertundfünfzig Hektar Wiesen- und Jagdterrain, Fluss, Fischteich. . . . Hübsches kleines Grundstück in der Touraine, Weinberg, Kleeacker, Mühle am Cize-Fluss. . . . Rundreise in die Schweiz, Italien, an den Lago Maggiore, nach den Borromäischen Inseln. . . .« Das erregte ihn, als hätte er die schönsten Landschaften vor sich an der Wand. Er glaubte dort zu sein, er war dort. »Teufelskerl! . . .« sagte Roumestan mit einem Anflug von Neid, den ihm dieser arme Phantast einflößte, welcher sich unter seinen Fetzen und Scherben so glücklich fühlte. . . . »Du hast eine kühne Einbildungskraft. . . . Bist du bereit? . . . Mache, dass wir hinunterkommen . . . . Es ist greulich kalt bei dir . . .« Nachdem sie eine kurze Strecke in dem fröhlichen Gedränge der hell beleuchteten Boulevards zurückgelegt hatten, ließen sich die beiden Freunde im blendend erleuchteten, überheizten Kabinett eines feinen Restaurants vor geöffneten Austern und einer sorgfältig entkorkten Flasche Château Yquem nieder.  »Auf deine Gesundheit, Kamerad. . . . Ich wünsche dir ein gutes und glückliches Neujahr.« »Té, s' ist wahr,« sagte Bompard, »wir haben uns noch nicht umarmt.« Sie umschlangen sich über den Tisch hinweg, und ihre Augen wurden feucht; so lohfarbig auch die Haut des Tscherkessen war, Roumestan fühlte sich doch wie neugestärkt. Seit heute morgen sehnte er sich, jemand zu umarmen. Und dann kannten sie sich schon lange; dreißig gemeinsam verlebte Jahre lagen vor ihnen! Und beim Dufte der feinen Gerichte, beim goldigen Flimmern der seltenen Weine beschworen sie die Tage der Jugend herauf, erinnerten sich brüderlich ihrer gemeinsamen Streifereien und Ausflüge, sahen sich wieder als wilde Buben und dabei vermengten sie ihre Herzensergießungen mit Patoisausdrücken, die sie einander noch näher brachten: »T'en souvénès, digo? . . . Weißt du noch? Sag!« [10] 
 

10. Les Rois en exil / Die Könige im Exil

Was hatte noch Balzac in seinen "Les contes drolatiques" (Tolldreisten Geschichten) über Frankreichs Könige geschrieben?: "Dieser Fürst ist ohne jeden Zweifel der gewaltigste und schärfste Schürzenjäger in des heiligen Ludwig königlicher Nachkommenschaft gewesen, ohne damit allerdings einige Wüstlinge dieser guten Familie völlig matt gesetzt zu haben; und tatsächlich mag man sich eher die Hölle ohne den Herrn Satan vorstellen, als das Land Frankreich ohne seine gloreichen königlichen Weiberhelden."

Daran erinnert sich auch Daudet in seinem Roman über das Leben der Könige und Prinzen, zwischen Korsaren und anderen Moslems mit ihrer  "gotteslästerlichen Bosheit"; Annalen dieses im Todeskampf liegenden Königtums. Ein Standardspruch lautet: »Ausgegangen? um diese Zeit! . . . Sie täten besser, Sie frügen, ob er schon wieder heim ist!« Die Franziskaner, die den Prinzen sprechen wollten, stiegen hinauf, "irrten zwischen engen Gängen herum, die dicht belagert waren mit beschmutzten Stiefeln und grauen, goldlackierten, wunderlichen, bald eleganten, bald jämmerlichen Stiefelchen mit hohen Absätzen, die aber alle ein langes und breites vermeldeten über die Sitten des »Insassen« oder der »Insassin«. Aber sie gaben hierauf nicht Acht, die beiden Mönche, fegten im Vorbeigehen darüber hin mit ihren rauhen Röcken und mit dem Kreuze ihrer großen Rosenkränze und gerieten kaum in Erregung, als eine schöne, mit rotem Unterrock bekleidete Dirne, Hals, Brust, Arme in einem Mannskittel steckend, über den Flur des dritten Stockwerkes schritt und dann sich über das Geländer beugte, um dem Kellner etwas zuzurufen mit einer Stimme und einem Lachen, die aus einem auffällig gemeinen Munde hervor klangen. Indes tauschten sie einen bezeichnenden Blick aus. »Wenn dies der Mann ist, von welchem Ihr redet,« flüsterte der »Korsar« mit fremdländischem Accent, »so hat er sich in eine seltsame Umgebung hineingesetzt.« Der andere und ältere, der ein kluges und feines Gesicht hatte, zeigte ein von gotteslästerlicher Bosheit und sündiger Nachsicht umschleiertes Lächeln und flüsterte: »Der heilige Paulus unter den Heiden!« Im fünften Stockwerk angelangt, hatten die Mönche noch einen Augenblick der Verlegenheit zu überstehen, insofern nämlich, als die Wölbung der niedrigen und sehr düsteren Treppe kaum die Zimmer-Nummern und einige mit Visitenkarten geschmückten Türen unterscheiden ließen, – auf welchen Visitenkarten Namen standen wie »Fräulein Alice«, ohne jegliche andre Angabe von Stand oder Beschäftigung – übrigens deshalb nämlich eine recht überflüssige Bezeichnung, weil sie im selben Hause sich Konkurrenz im selben Handwerk machten . . . Und nun sehe man die frommen Herren Patres aufs geratewohl an eine solche Türe klopfen! »Fürwahr! man muss ihn rufen!« sagte der Mönch mit den schwarzen Brauen, der auch mit einem militärisch accentuirten »Monsieur Méraut!« das Haus erdröhnen machte. Nicht minder stark und kräftig, nicht minder vibrierend als sein Anruf war die Antwort, die aus dem, am äußersten Ende des Ganges gelegenen Zimmer hervorschallte. Und als sie die Türe geöffnet hatten, fuhr die Stimme lustig und vergnügt fort:  »Seid denn Ihr es, Pater Melchior! . . . Kein Glück! gar keine, gar keine Glücksader! . . . Ich hab' geglaubt, man brächte mir einen Einschreibbrief . . . Nun! tretet trotzdem herein, Ihr meine ehrwürdigen Herren! und lasst mich Euch herzlich willkommen heißen! . . . Wenn sich's machen lässt, werdet Ihr Euch auch setzen, meine ehrwürdigen Herren!« Es lagen in der Tat auf allen Möbeln Stöße und Berge von Büchern, Zeitungen, Rundschauen, die solcher Art die gemein-schmutzige Art eines solchen Hotel garni achtzehnter Rangstufe, ...  Er sprach mit kräftiger und voller Stimme, deren südländischer Accent die gesamte Skala metallischer Saiten anschlug, und im Verhältnis hierzu veränderte sich der Ausdruck seines Gesichts. Sein Kopf, der im Zustande der Ruhe ungeheuer groß erschien und häßlich war, auf dem, wie ein Höcker, eine gewaltige Stirne saß, von dessen Schädel sich in unbesiegbarem Wuste eine von einer breiten Ähre weißen Haars diademartig überragte schwarze Mähne tief über den Hals nieder in wellenden Linien zog, – dieser Kopf mit seiner dicken, gequetschten Nase, mit dem energischen Munde, den kein einziges Barthaar verdeckte, denn seine Hautfarbe wies die Gluten, die Risse, die Ödeneien eines vulkanischen Bodens auf – dieser Kopf gewann im Zustande der Leidenschaft eine ganz wunderbare Lebendigkeit. Man stelle sich vor, es zerrisse ein Schleier; man denke sich den schwarzen Vorhang eines Herdes, den man über der lustigen und wärmenden Flamme aufhöbe; male sich die Entfaltung einer an die Augen, Nasen, Lippenwinkel gehängten Beredsamkeit, einer Beredsamkeit, die sich mit dem aus dem Herzen heraufgestiegenen Blute über dieses Angesicht, das Excesse und Nachtwachen entfärbten, ergossen, verbreitet hat . . . Den Landschaften des Languedoc, des Heimatslandes Mérauts, mit ihren kahlen, öden Flächen im Grau von staubigen Olivenbäumen ist unter den irisierten Strahlenlagern ihrer unerbittlichen Sonne auch solches herrliche Aufzucken von Flammenzungen, durchsetzt mit märchenhaften Schatten, zu eigen, das Ähnlichkeit hat mit der Zersetzung eines Strahles, mit dem langsamen und schrittweise stattfindenden Ersterben eines Regenbogens. ... »Indessen sind nicht alle Könige einander gleich . . . ich kenne ihrer, denen Ihre Ideen . . .« ... Es ist so schön, die Annalen dieses im Todeskampf liegenden Königtums aufzuzeichnen, den decrescendo wehenden und in den erschöpften Monarchien ersterbenden Hauch der alten Welt zu vernehmen . . . Zum mindesten doch ein gestürzter König, der ihnen allen eine grimmige Lektion gegeben hat . .. Der eine der beiden Patres senkte das Haupt. Besser als sonst jemand wußte er, woran er sich bezüglich dieser heldenhaften Kundgebung und dieser noch heldenhafteren Lüge zu halten hatte . . . Aber ein Wille, welcher höher stand als der seinige, befahl ihm Stillschweigen." 

Die Frau als gedrücktes, verschüchtertes Geschöpf; jene südländischen Traditionen, dass der Mann der Herr sei, die aus den Frauen echte "Sklavinnen des Orients" machen; auch Vielehen, Sozialbetrug und Enthauptung der Ehefrau in der Wohnung zählen dazu, wie es sogar schon in Deutschland, zwar nicht erlaubt aber üblich ist wie das Beispiel eines 37 Jahre alten Moslems zeigt, der wegen Mordes vor dem Landgericht München II sich verantworten muss. "Dem Mann, der aus dem Jemen stammt, wird vorgeworfen, die Mutter seiner drei Kinder enthauptet zu haben, weil sie sich von ihm scheiden lassen wollte. Außerdem habe er ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugs verhindern wollen: Der Mann habe fremde Kinder als seine eigenen ausgegeben und für sie unrechtmäßig Sozialleistungen bezogen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft war der Angeklagte 2022 ohne seine Ehefrau als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Schon bei der Einreise habe er zusätzliche Kinder als seine eigenen angegeben, um später nach dem Vorbild seines Bruders in Deutschland mehr Sozialleistungen bekommen zu können – was ihm zumindest teilweise auch gelang. Denn im April 2025 reiste seine Frau im Rahmen des Familiennachzugs mit sechs Kindern hinterher – nur drei stammten aus der Beziehung mit dem Angeklagten. Schon kurz danach soll es in der Wohnung der Familie in Krailling (Landkreis Starnberg) mehrfach zu häuslicher Gewalt und Todesdrohungen gekommen sein. Die Anzeigen zog die Frau jedoch entgegen den Aufforderungen ihres Mannes nicht zurück. Aus Sicht des Angeklagten „konnte dieses ‚Problem‘ nur durch die Tötung seiner Ehefrau behoben werden“, betonte die Staatsanwältin."; mit Windmühlen kämpfen, Königs-Legende: 

"Dieser Meister Méraut war ein schrecklicher Mann, gewalttätig und despotisch. Die Gewohnheit, das Geräusch der Laden und des Ladenklotzes am Webstuhle zu überschreien, hatte seiner Stimme einen Klang verliehen, der in seiner kräftigen Wirkung, in seinem Poltern und Rollen an Sturmgewitter erinnerte. Seine Frau dagegen war ein gedrücktes, verschüchtertes Geschöpf; jene südländischen Traditionen, dass der Mann der Herr sei, die aus den Frauen jener Gegenden echte Sklavinnen des Orients machen, waren ihr in Fleisch und Bein übergegangen, und sie hatte sich zu jenem Teil bekannt, kein Wort mehr zu irgendetwas zu sagen. In diesem Rahmen war Elysée aufgewachsen. Er wurde minder hart vorgenommen als seine beiden Brüder, weil er der letztgeborene, der schwächlichste war. Statt ihn vom achten Jahre an ans Weberschiff zu setzen, ließ man ihm ein geringes Teil von jener guten, der Kindheit so nötigen Freiheit. Er wendete sie dazu an, diese Freiheit, den ganzen Tag im Hag herumzustreifen und auf der Hügelkuppe oben mit Windmühlen zu kämpfen, Weiße gegen Rote oder Katholische gegen Hugenotten. Die Leute stehen dort, in diesem Teile des Languedoc, noch heute unter solchem Zeichen diesem Hasses! Die Kinder teilten sich in zwei Lager, wählten sich jeder eine Windmühle, deren abrollendes Gestein ihnen zu Wurfwaffen diente. Dann gab es Schimpfworte von hüben und drüben, die Schleudern schnitten pfeifend durch die Luft, und stundenlang überließ man sich nun homerischen Angriffen und Stürmen, die immer tragischen Ausgangs waren, bei denen es immer eine blutige Schmarre setzte auf einer zehn Jahre alten Stirn oder im Busch eines Seidenhaars, eine von jenen Wunden der Kindheit, die sich für die ganze Lebenszeit auf der zarten Haut abzeichnen und von denen Elysée im Mannesalter noch Spuren an der Schläfe und in den Lippenwinkeln aufwies. O! diese Windmühlen! wie verwünschte die Mutter sie! wenn ihr Kleiner bei Einbruch der Dämmerung über und über voll Blut, und zerrissen und zerfetzt, zu ihr heimkehrte. Der Vater schalt ihn der Form halber aus Gewohnheit, um seine Donnerwetter nicht einrosten zu lassen. Bei Tische aber ließ er sich die Vorgänge der Schlacht und die Namen der Kämpfer berichten. ... Diese Erzählungen waren an die hunderte von malen gehört, aber durch die dem Vater innewohnende Begeisterung auch an die hunderte von malen anders erzählt worden. Sie hafteten in Elysée's Seele ganz ebenso tief, wie auf seinem Gesichte die Schmarren von den Steinwürfen, die es beim Kampf um die Windmühlen gesetzt hatte. Sein Leben verlief im Rahmen einer Königs-Legende, deren Haupt-Erinnerungsdaten im 21. Januar, dem Sankt-Heinrichstage, gipfelten, und die mit heiliger Verehrung berichtete von Märtyrer-Fürsten, welche mit geweihten Fingern die Volksmenge segneten, von unerschrockenen Fürstinnen, die sich für die gute Sache aufs Ross geschwungen hatten, die verfolgt, verraten, in irgend welchem alten Gasthause auf bretonischem Boden unter der schwarzen Kappe eines Rauchfangs erwischt und festgenommen worden waren. Und um dieser Kette von Trauer und Leid und Verbannung, die für einen Kindesgeist zu viel des Unerquicklichen gehabt haben würde, einige Aufklärung zu leihen, wurden die Mär von dem Huhn im Topfe, das jedem Bauer am Sonntag gehöre, und das Lied vom »wackern Edelmanne« Heinrich von Navarra den glorreichen Erinnerungen und dem ganzen Ehrenschwall Alt-Frankreichs eingeflochten. Dies Lied »vom vierten Heinrich« war die »Marseillaise« des Königshags!"


In Saint-Mandé stand das Wohnhaus des vertriebenen Königs; Vorwand für seine lange Abwesenheit von zu Haus und für seine häufige Heimkehr zu später Nachtzeit; es ist ihm angenehmer, sich zu drücken, seine Zuflucht zur Lüge zu nehmen, sich zu verleugnen oder zu verstecken; Pariser Bummel-Leben. "In einem von diesen villen- oder palastähnlichen Häusern hatte schon der König und die Königin von Palermo Zuflucht gefunden, die über ein großes Vermögen nicht geboten ... Der König hatte sich in der ersten Zeit gegen die Abgelegenheit der Wohnung gesträubt, sollte in diesem Umstande aber bald einen Vorwand für seine lange Abwesenheit von zu Haus und für seine häufige Heimkehr zu später Nachtzeit finden. Schließlich, und dieser Umstand hatte alle anderen überwogen, war das Leben dort minder kostspielig als überall anderswo, und man konnte dort seinen Luxus mit verhältnismäßig geringen Unkosten entfalten. ... Das auf Thronen geborene Königspaar hatte übrigens vom Werte irgendwelchen Gegenstandes absolut keine Kenntnis. Es war daran gewöhnt, sich in effigie auf allen Gold- und Silbermünzen geprägt zu sehen, Gold und Geld schlagen und prägen zu lassen nach ihrem Belieben und Gefallen – und statt sich nun über das Wohlleben, das ihnen bereitet wurde, zu verwundern oder zu erstaunen, empfanden sie im Gegenteil alles, was ihrem neuen Dasein noch fehlte, von der kältenden Leere gar nicht zu sprechen, welche gefallene Kronen auf und um Stirnen zu hinterlassen pflegen. Das Haus in Saint-Mandé, das nach außen hin so schlicht und einfach aussah, mochte in seinem Innern noch so sehr ein kleiner und schmucker Palast sein, das Zimmer der Königin durch seine blauen, mit alten Brügger Spitzen überkleideten Lampas-Tapeten noch so sehr an ihr Zimmer im Laibacher Schlosse erinnern, das Kabinett des Fürsten noch so identisch sein mit dem, das er dort unten geräumt hatte, ja alles bis auf die Reproduktionen der Statuen, die das Treppenhaus der Königsresidenz geschmückt hatten, bis auf die Affen-Kolonie, die sich im lauen Treibhause herumgetollt, bis auf die rankenden Glycinen, die für die allerhöchsten Herzenslieblinge, die Seidenäffchen, dort gepflanzt worden waren – alles mochte noch so sehr an die heimischen Räume erinnern: was war dieses alles, was waren alle diese winzigen Beweisteilchen zartsinniger Schmeichelei ihnen, den Eigentümern von vier historischen Schlössern! ihnen, denen jene sommerlichen Residenzen zivischen Himmel und Wasser zu eigen gehörten, deren samtweicher Rasen unter den Meereswellen dahinstarb auf den Inseln von herrlichem Grün, die man die »Gärten der Adriatica« nennt?! ... Zu dieser Stunde bemühte sich der Prinz Herbert regelmäßig, ein bischen von dem ihm im angestrengten Nachtdienste verloren gegangenen Schlafe wieder herein zu bringen. Der König Christian, der zehn Jahre seines Lebens hinten im Lande und hinter dem Kachelofen vertrödelt hatte und nun nachzuholen beflissen war, konnte sich von dem Pariser Nachtleben so wenig trennen, dass er, nach Schluss der Theater und Cafés, beim Heimgange aus den Clubs, einen besonderen Reiz darin fand, die leeren, öden und schallenden oder von Wasser schimmernden Boulevards mit ihrer endlosen Flucht von Laternen und Kandelabern, einer dicht am Rande der langen Fernsicht aufgestellten Feuerwache vergleichbar, entlang schritt. ... Bei allen Pariser Festlichkeiten rege beteiligt, von den großen Klubs und Gesellschaften als Mitglied angenommen, in den Salons ein gern gesehener, gesuchter Gast, dessen schalkhaftes und pfiffiges Profil in dem regen Wirrwarr der vordersten Logen oder dem lärmenden Schwung einer Korso-Heimfahrt gewissermaßen stereotyp war und seinen Platz in den bekannten Medaillon-Bildern des »Tout Paris« gefunden hatte zwischen der kecken Haarfrisur einer beliebten Schauspielerin und dem zerrütteten Gesicht jenes in Ungnade gefallenen königlichen Prinzen, der sich in der Erwartung, dass die Stunde der Thronbesteigung in Bälde für ihn schlagen möge, in den Pariser Boulevard-Cafés herumdrückt. Christian führte das müßige und doch so stark besetzte, fast auf die Minute ausgenützte Leben der jugendlichen Welt der Pariser ›Gomme‹. Nachmittags beim Ballspiel oder beim Skating, dann eine Spazierfahrt ins Bois, ein Besuch noch zur Tageszeit in einem gewissen »Boudoir chic«, dessen üppige Natur der Ausstattung und dessen überschüssige Freiheit im Ausdruck ihm Spaß machte und seinen Beifall fand – abends in den kleinen Theatern, in den Foyers der Ballets und der Ballsäle, im Kasino und vornehmlich am Spieltische, wo man in der Art der Hantierung mit den Karten seinen slavischen Ursprung, die leidenschaftliche Liebe zum Wagnis und für alle hiermit im Zusammenhange stehenden Ahnungen und Vorempfindungen alsbald herausgefunden hatte. Er ging fast niemals mit der Königin aus, ausgenommen des Sonntags, wenn er sie nach der Kirche von Saint-Mandé führte. Er sah sie auch kaum zu anderen Tagesstunden, als zu den Mahlzeiten. Er hatte Furcht vor dem vernünftigen und geraden Wesen seiner Frau, die sich immer ihre Pflicht vor Augen hielt und deren verächtliche Kälte ihn gleich einem sichtbaren Gewissen bedrückte. Es war das leibhaftige Memento an die ihm als König obliegenden Pflichten, an die Handlungen des Ehrgeizes, deren er vergessen wollte; und da er zu schwach war, sich Auge in Auge gegen diese stumme Oberherrlichkeit aufzulehnen, bedünkte es ihm angenehmer, sich zu drücken, seine Zuflucht zur Lüge zu nehmen, sich zu verleugnen oder zu verstecken. ... Friederike hatte zu Anfang die Hoffnung gehegt, dass diese harte Prüfung den Verstand des Königs zur Reife bringen, jene herrlichen Umwälzungen in ihm bewirken würde, welche die Männer zu Helden und Siegern gestalten. Statt dessen sah sie nun in seinen Augen einen Fest- und Freuden-Rausch, einen Taumel aufleuchten, den das Pariser Leben, sein satanisches Phosphorlicht, das Inkognito, die Versuchungen und die Leichtigkeit des Vergnügens und Genusses dort entzündet hatten. Ach! wenn sie ihm hätte folgen, wenn sie teil hätte nehmen wollen an diesem tollen Rennen mitten hinein in den Pariser Wirbeltanz; wenn es ihr beliebt hätte, ihre Schönheit, ihre Pferde, ihre Toiletten an die große Glocke hängen zu lassen, sich mit all ihren, ihr als treu anhaftenden Koketterien an die eitle hohle Leichtsinnigkeit und Leichtlebigkeit des Herrn Gemahls zu hängen, dann würde eine Annäherung zwischen den beiden Eheleuten möglich gewesen sein. ... Er unterzeichnete – fürwahr! er unterzeichnete alles was sie wollte, aber in seinen Lippenwinkeln zitterte es dabei immer wie von leiser Ironie. Die skeptische Anschauung, die in seiner zum Spott neigenden kalten Umgebung herrschte, hatte auch ihn angesteckt. Den Illusionen der Anfangszeit war eine bei solchen extremen Naturen gewöhnliche Reaktion gefolgt und hatte der festen Überzeugung Platz gemacht, dass das Exil sich bis aufs unendliche hinaus verlängern würde. ... Anderswo mit seinen Gedanken, zerstreut, abgelenkt, den ersten besten dummen Kehrreim im Schädel, summte ihm dort immer der Wahn herum, dem er in der verwichenen Nacht nachgejagt, die Vision, die seinem geistigen Auge aus solchen Stunden des tollen Rausches, der faulen und doch so wohligen Freude seines Pariser Bummel-Lebens noch vorschwebte!" 

Ein typisches Gespräch: »Der König ist noch gar nicht nach Hause gekommen!« Diese wenigen Worte Herberts brachten die Wirkung einer elektrischen Entladung in dem Salon hervor. Colette war die erste, die bleich wie der Kalk an der Wand, mit Tränen in den Augen, die Fähigkeit zum Sprechen wieder erlangte. »Ist das denn möglich?« fragte sie. Und der Herzog stieß mit kurzen, abgerissenen Lauten hervor: »Noch nicht . . . nach Hause . . . gekommen? Wie kommt es, . . dass man . . mich nicht be . . nachrichtigt hat! . . .« Die Boa der Frau von Silvis richtete sich in die Höhe und wand und drehte sich in Krämpfen. »Wenn ihm nur nichts zugestoßen ist!« . . . sagte die Prinzessin in einem Zustand von außerordentlicher Erregtheit. Aber Herbert beruhigte sie. Lebeau, der Kammerdiener, wäre seit einer Stunde schon mit dem königlichen Mantelsacke unterwegs und müsste ganz gewiss bald mit Nachrichten hier sein. ... Sie zeigte dies schöne Lächeln jetzt, als sie Herrn Méraut vorstellte . . . O! über die Begrüßung, welche die Frau Marquise dem neuen Gouverneur widmete! der Spott, der in ihr lag! die Geschraubtheit, mit welcher sie sich der Notwendigkeit eines Grußes entledigte! o! acht Tage lang hatte sie das schon wiederholt! . . . Die Prinzessin fand nicht einmal die Kraft, eine Bewegung, eine Gebärde zu machen . . . Tiefe Blässe wechselte mit purpurner Röte, als sie in dem neuen Lehrer den seltsamen langen Gesellen erkannte, an dessen Seite sie bei ihrem Onkel das Frühstück eingenommen und der für Herbert das Buch von der Belagerung Ragusa's geschrieben hatte! . . . Stand er denn wirklich hier, auf diesem Flecke, durch das Spiel des Zufalls oder infolge irgend einer teuflischen Machination? Welche Schande für ihren Mann! welch' neuer Fluch der Lächerlichkeit..." [11] 

Anmerkungen

[1] Wissenschaftsbriefe / Science Review Letters 2026, 25, Nr. 1769 und FAZ 2026, Nr. 200, Nr. 211, Nr. 215; Alphonse Daudet: Aventures prodigieuses de Tartarin de Tarascon, Paris 1872; Die wundersamen Abenteuer des Tartarin von Tarascon, Hamburg 1882; Ders. Tartarin sur les Alpes, Paris 1885 / Tartarin in den Alpen, Leipzig 1886; Ders.: Port-Tarascon. Dernières Aventures de l’illustre Tartarin, Paris, 1890; Ders. Lettres de mon moulin, Erzählungen, 1866 / Briefe aus meiner Mühle, 1879; Ders.: Le Nabab, Roman, 1877 / Der Nabob, Stuttgart 1888; Ders. Numa Roumestan, Roman, Paris 1881, Stuttgart 1889; Ders.: Les Rois en exil, Roman, Paris 1879 / Die Könige im Exil, Stuttgart, 1890; vgl. Kurse Nr. Nr. 696 Alphonse Daudet, Nr. 694 Honore de Balzac, Nr. 693 Guy de Maupassant, Nr. 665 Molière, Nr. 622 Victor Hugo I, Nr. 674 Victor Hugo II, Nr. 629 Voltaire I-II, Nr. 678 François Rabelais, Nr. 563 Miguel de Cervantes I, Nr. 645 Miguel de Cervantes II, Nr. 545 Sittenlehre I-II, Nr. 655 Staats- und Rechtslehre V,  Akademie der Kunst und Philosophie / Académie des sciences
[2] Ib.
[3] Ib.
[4] Ib.
[5] Ib.
[6] Ib.
[7] Ib.
[8] Ib.
[9] Ib.
[10] Ib.
[11] Ib.
 
 




Alphonse Daudet
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Letzte Bearbeitung:16.09.2026