Akademie der Kunst und Philosophie
Akademie der Wissenschaften | Académie des sciences
 

 

Kurs Nr. 523 

Sandro Botticelli 


Sandro Botticelli- Renaissance Maler - Renaissance Artist
Sandro Botticelli, Maria mit dem Kinde und sechs Engeln

 

 
 
 
 
 

 

Aus dem Inhalt:

Im das Isabella Stewart Gardner Museum in Boston ist noch bis Mitte Mai 2019 eine überraschend komponierte Ausstellung kleinformatiger Bilder zu sehen, die Botticelli in seiner letzten Lebensphase für Florentiner Privaträume malte. Im Zentrum steht eine „Geschichte Lucretias“. Gardner erwarb das Werk 1894 vom fünften Earl von Ashburnham, der die erlesene Sammlung seines Vaters zu Geld machte. Als erster Botticelli in Amerika war Gardners „Lucretia“ eine Sensation. Zwei weitere Werke Botticellis, Madonnen mit Jesuskindern, kamen 1899 und 1900 in Gardners Haus. Die Schau versammelt als Leihgaben aus New York, London, Cambridge, Florenz und Bergamo fünf weitere Werke um
Gardners „Lucretia“: Eine „Geschichte Virginias“, drei Darstellungen des Lebens und der Wundertaten des heiligen Zenobius, dazu eine unvollendete Anbetung Jesu durch die Heiligen Drei Könige. Alle Werke entstanden um 1500, nachdem
die Medici 1494 aus Florenz vertrieben worden waren und der alternde Botticelli nur noch für wenige Familien malte.  [1]

Zenobius war der erste Bischof von Florenz. Er widersetzte sich der Tyrannei seiner Eltern, die ihn verheiraten wollten, und wählte seinen Weg in die Kirche. In den Wundertaten, die Botticelli zeigt, führt Zenobius Tote zurück in die Freiheit des
Lebens. Die Schicksale von Lucretia und Virginia scheinen das Gegenteil zu zeigen. Der römische Historiker Livius hatte die beiden Heldinnen erstmals zusammengebracht. Lucretia wird von Sextus Tarquinius vergewaltigt und begeht danach Selbstmord. Virginia wird von Appius Claudius Crassus, einem Mitglied der tyrannischen Kommission der Zehn Männer (Decemviri), sexuell genötigt und mit Versklavung zur Prostitution bedroht. Bevor das geschehen kann, wird sie von ihrem Vater erstochen. In der Literatur wurden die beiden toten Frauen zu Heldinnen der Keuschheit. Für Livius und den Florentiner Botticelli ist das zu wenig. Ihnen ist wichtig, was danach kommt: In beiden Fällen löst die Wut über tyrannische Arroganz, die sich an Frauen vergeht, eine politische Revolution aus. Die Monarchie und die Decemviri wurden gestürzt. Dass die Entlarvung sexueller Gewalt zur Absetzung männlicher Tyrannen führt, entspricht unserer Zeit. Es nimmt sehr für Botticelli ein, dass er nicht die Keuschheit der Frauen feiert, sondern ihre Macht. Die Empörung, die die toten Frauen in ihren männlichen Betrachtern auslösen, führt zum politischen Umschwung und zu republikanischen
Regierungsformen, gemäß den politischen Idealen der Republik Florenz. In Botticellis Bildern werden die toten Frauen zur politischen Metapher. Die Tafelbilder, gemalt zur politischen Erziehung junger Florentiner, sind ebenso visuell betörend wie intellektuell komplex. [2]

Jedes Detail in diesen Bildern hat Schlüsselfunktion. Wenn man Zenobius, Lucretia und Virginia den Rücken zukehrt, steht man vor dem rätselhaftesten Bild der Ausstellung: Aus drei Richtungen wälzen sich dichte Menschenströme zur Heiligen Familie. So geschah es alljährlich in Florenz. Am 6. Januar zog eine Prozession durch die Straßen, die die Medici, deren Palazzokapelle Benozzo Gozzoli 1459 mit einem prachtvollen Fresko über die Reise der Heiligen Drei
Könige ausgestattet hatte, zur Darstellung ihres Reichtums und ihrer Macht nutzten. Mit ihrer Vertreibung aus Florenz wurde auch die Prozession abgesetzt. Warum malte sie Botticelli noch einmal? Warum drücken die vielen individualisierten
Gesichter in der Menschenmenge eine Bewegung aus, die den republikanischen Bildern fehlt? Botticellis Bilder bleiben uneindeutig. [3]
 
 



Anmerkungen 

[1] Science Review Letters 2019, 18, Nr. 1005 und FAZ 2019, Nr. 87; zum hl. Zenobius  vgl. Kurse Nr. 523 Sandro Botticelli, Nr. 564 St. Ambrosius, Akademie der Kunst und Philosophie 
[2] Ib.
[3] Ib.; zu weiteren Renaissance-Malern vgl. Kurse Nr. 593 Filippo Lippi, Nr. 594 Filippino Lippi, Nr. 589 Albrecht Dürer, Nr. 522 Raffael und das kosmische Christentum, Nr. 590 Giovanni Bellini, Nr. 587 Andrea Mantegna, Nr. 586 Tizian. Ib.
 
 

Zur Philosophie und Kultugeschichte des Mittelalters, der Schule von Chartres und der Renaissance vgl. Kurse: Nr. 600 St. Johannes von Damaskus, Nr. 599 Petrus Venerabilis, Nr. 581 Bernhard von Chartres, Nr. 580 Wilhelm von Conches, Nr. 579 Albertus Magnus, Nr. 578 Pierre Abaelard, Nr. 574 Johannes von Salisbury, Nr. 577 Petrus Lombardus, Nr. 576 Gilbert de la Porrée / Gilbert von Poitiers, Nr. 565 Johannes Scotus Eriugena, Nr. 575 Thierry de ChartresNr. 571 Alanus ab Insulis, Nr. 572 Anselm von Canterbury, Nr. 570 Hilarius von Poitiers, Nr. 568 Nicolaus Cusanus - Renaissance Philosopher I, Nr. 568 Nicolaus Cusanus - Renaissance Philosopher II, Nr. 568 Nicolaus Cusanus - Renaissance Philosopher III, Nr. 564 St. Ambrosius, Nr. 564 St. Augustinus I, Nr. 601 St. Augustinus II, Nr. 500 Thomas von Aquin: Summa contra Gentiles, Nr. 501 St.Thomas Aquinas: Summa Theologica I., Nr. 502 St.Thomas Aquinas, Sth. I-II, Nr. 582 St.Thomas Aquinas, Sth II-II, Nr. 583 St.Thomas Aquinas, Sth. III, Nr. 566 Meister Eckhart , Nr. 562 Dante Alighieri, Nr. 557 - Ludovico Ariosto, Nr. 320 Romanische Kunst und Architektur , Nr. 325 Kunst und Architektur der Gothik, Nr. 326 Kunst und Architektur der Renaissance, Nr. 586 Tizian, Nr. 590 Giovanni Bellini, Nr. 587 Andrea Mantegna, Nr. 522 Raffael und das kosmische Christentum, Nr. 523 Sandro Botticelli, Nr. 593 Filippo Lippi, Nr. 594 Filippino Lippi, Nr. 589 Albrecht Dürer, Nr. 603 Bernard van Orley, Nr. 350 Byzantinische Kunst und Architektur. Akademie der Kunst und Philosophie
 
 




Botticelli, Florence, Galleria degli Uffizi, Primavera, Allegory of Spring, 1480-82 Tempera on panel


Botticelli, The Madonna and Child with the Infant Saint John the Baptist
 


Botticelli, Tentaciones de Cristo
 
 
 


Botticelli, Adoration of the Magi


Botticelli, Beweinung Christi, Alte Pinakothek, München


Botticelli Artist , La Vergine con Bambino, San Giovanni e Angelo (dettaglio), 1490, London, National Gallery
 
 
 
 
 

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Letzte Bearbeitung:25.04.2019