Akademie der Kunst und Philosophie
Akademie der Wissenschaften | Académie des sciences
 

 

Nr. 588 

Johann Wilhelm Ludwig Gleim 


"Warum ist auf der Welt der Weisen Zahl so klein?
Weil's so bequem ist, dumm zu sein." - Johann Wilhelm Ludwig Gleim

»Erkenne, suche, lieb' und ehre,
Was gut und schön ist, und vermehre
Nach Möglichkeit, mit weiser Wahl,
Des Guten und des Schönen Zahl!«
Das ist die ganze Sittenlehre! - Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Johann Wilhelm Ludwig Gleim, 1719-1803

 

 
 
 
 
 

 

Aus dem Inhalt:
 
 

Die Schule

"Kinder! habt nur Lust zum Lernen;
Seht, es fehlt euch nicht an Lehrern:
Feuer, Wasser Luft und Erde,
Alles kann euch unterrichten.

Lernet denn und werdet klüger:
Löwen lehren tapfer streiten;
Adler, kühn und muthig fliegen;
Biber lehren sicher bauen,
Bienen suchen Süssigkeiten,
Spinnen lehren fein zu spinnen;
Aber ja vor allen Dingen
Lernt von mir und meinem Mädchen
Küsse geben, Küsse nehmen!
Seht nur her: Wir halten Schule!" - Johann Wilhelm Ludwig Gleim
 

Geboren am 2.4.1719 in Ermsleben/Ostharz; gestorben am 18.2.1803 in Halberstadt.  Zunächst erhielt er Unterricht durch einen Geistlichen, ab 1730 besuchte er die Stadtschule zu Wernigerode. 1735 starben beide Eltern; wohlhabende Gönner ermöglichten aber das Studium der Philosophie und Rechtswissenschaft in Halle. Ab 1743 arbeitete er in Berlin als Hauslehrer, dann als Stabssekretär des Prinzen Wilhelm von Brandenburg-Schwedt. 1747 wurde er zum Sekretär des Domkapitels in Halberstadt ernannt; 1756 erhielt er ein Kanonikat des Stifts Walbeck bei Helmstedt. Er stand in freundschaftlichem Kontakt mit Klopstock , Herder , Voß und Seume und scharte den Halberstädter Dichterkreis um sich, einen Bund junger Literaten, die er selbstlos förderte. Bis ins hohe Alter genoß er als »Vater Gleim« hohes Ansehen. In seiner Zeit als Dramaturg am Hamburger Nationaltheater stand Lessing islamkritischen Werken deutlich offener gegenüber. Der Grund war recht profan: Das Theater benötigte dringend Geld, und Islamkritik war schon damals ein Garant für einen Publikumserfolg." Einige Autoren legen auf beeindruckende Weise bloß, "wie politische  Konjunkturen, die Zensur und die Sorgen um das eigene berufliche Fortkommen treibende Kräfte für das Wirken der Denker der Aufklärung waren." Dichtergrößen wie Voltaire, Lessing, der junge Goethe, auch der „Leipziger Literaturpapst“ Johann Christoph Gottsched, der frühe Arabist Johann Jacob Reiske, der Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim. Der hatte 1774 sein weithin rezipiertes Lehrgedicht „Halladat“ veröffentlicht. Dies hielt ihn jedoch nicht ab, "Muslime in anderen Gedichten des Aberglaubens zu bezichtigen, die Osmanen als „Hunde“ zu bezeichnen und den österreichischen Kaiser Joseph II. zum Krieg gegen die Türken aufzurufen. Die Islam- und Türkenkritik, mit dem Gleim bei weitem nicht allein war, wurde gespeist vom aufkeimenden Philhellenismus – Griechenland müsse vom Joch der Osmanenherrschaft befreit werden, um den Traum der Wiedergeburt des antiken Hellas zu verwirklichen." Im Rahmen der Bemühungen um eine preußisch-osmanische Allianz waren 1763 und 1791 jeweils große Delegationen aus Konstantinopel nach Berlin und Potsdam gekommen. Die Gesandten und ihre Begleiter wurden fasziniert beobachtet, bewirtet, in die Oper eingeladen und von vielen in der Bevölkerung sogar nachgeahmt. Friedrich der Große kommentierte beißend, ihn würde es nicht wundern, „wenn der Reiz des Neuen nicht irgendeinen meiner dummen Landsleute dazu treiben würde, sich beschneiden zu lassen“. Als sich die Aufenthalte in die Länge zogen und immer teurer wurden, lästerten dann immer mehr Diplomaten darüber, wie habgierig und ungesittet die Türken seien. Der Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803) hat sich zwar ähnlich wie Lessing mit dem Islam auseinandergesetzt, dennoch lässt er sich das Christentum nicht verderben durch Agnostiker wie Kant oder anderer Irrgläubiger wie Mohammed, der "kommt mir vor wie ein Tyrann, Mit Tatzen und mit Krallen" als  "ein böser Richter, Sohn des Satans und der Nacht, Aergster aller Bösewichter, der aus Rechtem Unrecht macht." Dazu stimmt Gleim sein Te Deum an. [1] 

Den Unglauben stuft Gleim aber nicht als so schlimm ein wie den After- und Aberglauben. Dazu zählt er auch den Islam: "Unglaube, du bist nicht so sehr ein Ungeheuer, Als, Aberglaube, du! Für deinen Aftergott gehst du mit Schwert und Feuer auf seine Feinde zu!" In der Tradition von Thomas von Aquin, Cusanus, Schopenhauer bezeichnet Gleim die Muselmanen als "grausam, dumm und stolz", die sich zwar tapfer und edel dünken, es aber nicht sind. "Unglaube streitet nur mit Worten und wird müde; Dir, Ungeheuer, brennt Die ganze Seele! Dir ist nirgends Ruh' und Friede, Krieg ist dein Element!" Im Islam ist immer die Rede von Frömmigkeit und besonders frommen Muslimen; dazu Gleim: "Wo man von Frömmigkeit mit vielen Worten spricht, Da suche nur den Frommen nicht!" [2] 

Ähnlich wie Goethe sagt Gleim: "Die große Bibel der Natur Liegt aufgeschlagen!" Jeder kann darin lesen, auch die Muslime: "Was einst nicht war, was ist gewesen, Was ist, und seyn wird, kann Prophet, Apostel, Pabst und Mufti lesen, Und Mönch, und Derwisch! Alles steht In dieser Bibel, Leser, lies! Von Kirchenvätern, und Despoten, Wird dir dies Lesen nicht verboten, Und was du liesest, wird gewiß dich besser machen, wenn du besser zu werden fähig bist, und nur die uneröflichsten der Schlösser vor's Herz nicht legst, und auf der Spur, auf der man den Verstand verliert, auf welcher dich an ihrer Schnur, die Dummheit in die Hölle führt, nicht wandelst. Aller Creatur, Der ältesten, der alten, und der neuen,
Schrieb sie der Schöpfer der Natur!"  [3] 

Mit Leibniz und Goethe teilt er die Ansicht über die Monaden. "Sieh, sie überwinden Zweifler; Sie entwafnen Warheitsfeinde; Sie gewinnen Weisheitsspötter! Seelen, nein, ich will sie nennen: Tote, schlafende Monaden, Wecken sie aus tiefem Schlummer" [4] 

Die muslimischen Machthaber legen ihre Bürger immer noch in Fesseln. Dazu lässt Gleim einen Großvesir sagen: "Die Wissenschaften, und die Schriften Der Wissenschaftler sind's, die all' das Böse stiften! Mein Rath ist: Fesseln gebt dem Geist, Und Fesseln Allem, was da Wissenschaften heißt. Wie lässt sich dummes Volk viel besser doch regieren, Als kluges! Seht nur um euch her: Jedweder Hirt, wie leicht kann er, Wohin er will, die Heerde führen!" und merkt an: "Herr Großvezir, Den hohen guten Rat in Ehren: Sie hätten völlig recht, wenn wir – Schaf oder Schweine wären! " [5]

Wie Schelling, Hegel und Goethe liebt er Malerei und Poesie, insbesondere Raffael: "Der Satz, glaub' ich, wird feste stehn: Wer einen Raphael zu sehn, Zu lesen einen Klopstock nicht versteht, Ist Maler nicht, und nicht Poet." [6]
 
 

"Ich glaube, dass kein Sandkorn sich
Erschaffen kann, und daß ich mich
Nicht selbst erschaffen habe;
Und dass, wer's tat, – durch seinen Ruf:
»Geh' ein ins Leben!«– mich erschuf
Zum Himmel, nicht zum Grabe!

Das glaub' ich! Christus, Sokrates
Und meine Väter glaubten es.
Ich lasse diesen Glauben,
Gestützt auf Herz und auf Verstand,
Nicht von Spinoza, nicht von Kant,
Mir aus der Seele rauben!"

Wer mir ihn rauben will, der Mann,
Der kommt mir vor wie ein Tyrann,
Mit Tatzen und mit Krallen.
Ich glaube kindlich, zweifle nicht,
Und mache mir zur höchsten Pflicht:
Dem Vater zu gefallen!" - Johann Wilhelm Ludwig Gleim
 
 

Schwer und leicht

"Es ist so schwer, ein Christ zu sein!
Pabst, Probst und Abt und Bischof treten
In Pracht daher, und stehn, und beten
Ihr pater noster nur zum Schein.
Ach! es ist schwer, ein Christ zu sein!

Es ist so schwer, ein Christ zu sein!
Die Weisen und die Narren grübeln
In alten und in neuen Bibeln,
Und bauen nicht, und reißen ein.
Ach! es ist schwer, ein Christ zu sein!

Es ist so schwer, ein Christ zu sein!
Für Geld seh ich den Himmel kaufen,
Ein Huß liegt auf dem Scheiterhaufen,
Ein Calas auf dem Rabenstein
Ach! es ist schwer, ein Christ zu sein!

Es ist so schwer, ein Christ zu sein!
Wenn aber zu den Christus-Lehren,
Pabst, Probst und Abt Exempel wären,
Die Seelen hell, die Herzen rein:
Dann wär' es leicht, ein Christ zu sein." - Johann Wilhelm Ludwig Gleim
 
 

Des Armen Gebet in den neugepflanzten Alleen, 1779.

"Ich, in diesen weißen Haaren,
Ich, ein Armer, schach und matt,
Ich, ein Greis von neunzig Jahren –
Der in dieser guten Stadt
Greis geworden, viel erfahren,
Und so viel gelitten hat, –

Sitze hier und bete, flehe:
Vater, dessen Sonne scheint,
Vater droben in der Höhe,
Dem mein altes Auge weint,
Unter diesen Bäumen gehe
Mancher reiche Menschenfreund!

Gehe nie ein böser Richter,
Sohn des Satans und der Nacht,
Aergster aller Bösewichter,
Der aus Rechtem Unrecht macht;
Gehe nie ein schlechter Dichter,
Welcher Hohn der Tugend lacht!

Gehe nie ein Glaubenslehrer,
Der nach Lohn die Seelen misst,
Der die Herzen seiner Hörer
Lenken mag mit Rednerlist,
Der zum Christenthum Bekehrer,
Aber nicht gut Beispiel ist!

Manche Menschen, meine Brüder,
Waren nicht den Armen taub:
Was sie gaben, das gib wieder! –
Haben diese Bäume Laub,
Leg' ich meine morschen Glieder
Gern' in's Grab und werde Staub!

Staub? – Nur halb! – Ich sterb' und schwebe
Hoch auf, über Stolz und Neid! –
Dir gab ich mein Herz und gebe
Dir mein Herz noch in der Zeit!
Staub nur halb, denn sieh', ich lebe
Dir, mein Gott, in Ewigkeit!" - Johann Wilhelm Ludwig Gleim
 
 

Te Deum Laudamus

"Herr Gott, dich loben wir!
Lob, Ehre, Preis und Dank
Sey, Gott der Welten, dir!

Dir, Vater, Sohn und Geist,
Dir schalle hoher Lobgesang
In aller Welt! Er schalle weit und breit
In Zeit und Ewigkeit!

Singt, Engel, singt ihn nach
Den göttlichen Gesang!
Singt, Sänger Gottes, Cherubim,
Singt ihm mit hoher Stimm',
Denn uns're Stimm' ist schwach!

Herr, Gott, dich loben wir!
Lob, Ehre, Preis und Dank
Sey, Gott der Welten, dir!

Hochheilig ist dein Nam', Herr, Zebaoth!
Allmächtig deine Macht,
Du starker, großer Gott!

Dein Himmel über uns verbreitet weit und breit,
Herr, deine Herrlichkeit,
Verbreitet Wunder ohne Zahl!
Wenn wir hinauf in deine Sonne sehn,
Dann singen wir in ihrem Strahl:
Wie groß ist Gott, und seine Welt so schön!

Die Cherubim alle vereinigen sich,
Verhüllen ihr Antlitz, verherrlichen dich,
Lobsingen dir, Herr, Zebaoth:
»Heilig, heilig, heilig ist Gott!«

Die Heiligen alle vereinigen sich,
Auf ihren Knien anbeten sie dich,
Und singen dir, Herr, Zebaoth:
»Heilig, heilig, heilig ist Gott!«

Die Märtyrer alle vereinigen sich,
Die Kronen vom Haupte, anbeten sie dich;
Sie waren der Erde Verachtung und Spott;
Nun singen sie: »Heilig, heilig ist Gott!«

Die Christen der Erde vereinigen sich,
Gebückt im Staube bekennen sie dich;
Sehn drohende Hölle, sehn Teufel und Tod,
Und singen erlöset: »Heilig ist Gott!«

Zu seiner Rechten saßest du,
Erlöser, Gottes Sohn!
Sahst hoch von deines Vaters Thron
Der Erde Sünden zu;
Sahst über ihr den ausgestreckten Arm
Des allzustrengen Rechts,
Erbarmtest dich des sündigen Geschlechts,
Verblutetest dein heilig Blut darauf,
Und schlossest uns den Himmel auf!

Du stiegst, ein Gott, herab
Von deinem hohen Thron,
Und wurdest eines Menschen Sohn,
Und wurdest an Gestalt, an Sünden nicht, ihm gleich;
Stiegst in die Höll' hinab,
Zerstöretest ihr Reich,
Kamst im Triumph herauf,
Und schlossest uns den Himmel auf!

Zur Rechten Gottes sitzest du
In deines Vaters Reich,
An Herrlichkeit und Preis und Ehr' ihm gleich;
Bist aller Heiligen Anbetung, Heil und Ruh';
Bist deiner Erde Gnadensonne!
Ein Blick nach dir, Erlöser, lindert uns
Den größten Seelenschmerz,
Ein Blick von dir erfüllt mit Freud' und Wonne
Das bängste Herz!

Wenn aber Erd' und Himmel fällt,
Dann, Heiland, sehn wir dich als Richter aller Welt;
Dann hören wir der schrecklichen Posaunen Ton
Und Donner unter deinem Thron!

Dann bitten wir, Erlöser! dich,
Wir tiefgebeugten Sünder bitten dich:
Erlöser, ach, erbarme dich!
Erbarme dich der Sünder auf den Knien,
Und derer, die in Felsenhöhlen fliehn
Und nach Erbarmung schrei'n!
Erlöse sie aus ihrer Höllen Gluth,
Und führe sie in deinen Himmel ein:
Sie sind erlöst mit deinem Blut!

Dann Heiland, dann vollenden wir
Den angefang'nen Lobgesang,
Und loben ewig deinen Namen:

Herr, Gott, dich loben wir!
Lob, Ehre, Preis und Dank
Sey, Gott der Welten, dir!
Heil, Hallelujah! Amen." - Johann Wilhelm Ludwig Gleim
 

Unglaube und Aberglaube, 1758

"Unglaube, du bist nicht so sehr ein Ungeheuer,
Als, Aberglaube, du!
Für deinen Aftergott gehst du mit Schwert und Feuer
Auf seine Feinde zu!

Streckst sie zu Boden, trinkst ihr Blut aus ihrem Schädel,
Wirst Märtyrer mit Prunk,
Bist grausam, dumm und stolz, dünkst tapfer dich und edel
Bei deinem Schädeltrunk!

Unglaube streitet nur mit Worten und wird müde;
Dir, Ungeheuer, brennt
Die ganze Seele! Dir ist nirgends Ruh' und Friede,
Krieg ist dein Element!

Dir ist, o du Tyrann, den Hirten bei den Schafen
Ermorden, keine Pein.
Gott, will er eine Welt für ihre Sünden strafen,
So schickt er dich hinein!" - Johann Wilhelm Ludwig Gleim
 
 

      Gottes Güte

"Für wen schuf deine Güte,
Herr, diese Welt so schön?
Für wen ist Blum' und Blüthe
In Tälern und auf Höh'n?
Für wen ist hohe Wonne
Da, wo das Saatfeld wallt?
Für wen bescheint die Sonne
Die Wiesen und den Wald?

Für wen tönt das Getümmel
Der Heerden auf der Au'?
Für wen wölbt sich der Himmel
So heiter und so blau?
Für wen sind Tal und Gründe
So lieblich anzusehn?
Für wen gehn kühle Winde?
Für wen ist Alles schön?

Uns gabst du ein Vermögen,
Die Schönheit einzusehn,
Uns Menschen, deinen Segen
Zu fühlen, zu verstehn;
Uns sollte all' die Wonne
Ein Ruf der Liebe seyn;
Mit jeder Morgen-Sonne
Dir unser Herz zu weihn!

Nun sieh', o Gott, wir weihen
Ein Herz voll Dankbarkeit
Dir, der uns liebt, und freuen
Uns deiner Gütigkeit!
Du hauchtest nicht vergebens
Ein fühlend Herz uns ein:
Ein Vorhof jenes Lebens
Soll uns die Erde seyn!" - Johann Wilhelm Ludwig Gleim
 
 
 

      Vater Unser

Gott ist Gott im Donnerwetter
Und im Frühlingssonnenschein,
Gott ist Gott in Allem! – Götter
Können also nirgend seyn!

Lasst uns beten: Vater unser,
Unser Vater, der du bist
In dem Himmel, ewig unser,
Wo das Reich der Gnaden ist;

Auf den Erden, in den Sonnen,
Welche wir wie Funken sehn,
Willst du deines Reiches Wonnen,
Und dein Wille muß geschehn!

Uns're Leiber werden Trümmer:
Vater, unser täglich Brod
Gib uns heute, gib's uns immer,
Bis an unsers Leibes Tod!

Uns're Seelen, schwer beladen
Mit der Last der Sündenschuld,
Stützen sich auf deine Gnaden:
Ach, vergib und uns're Schuld!

Prüf' uns nicht bis zum Erliegen
Unter unserm Seelenschmerz!
Laß dir deine Gnade gnügen,
Sprich uns deinen Trost in's Herz!

Und erlös' uns von dem Bösen!
Du, der Vater, kannst allein
Alles Bösen Bande lösen;
Vater, alle Macht ist dein!

Dein ist Alles! Deinen Namen,
Deine Kraft und Herrlichkeit
Preisen Erd' und Himmel! – Amen,
Amen! bis in Ewigkeit." - Johann Wilhelm Ludwig Gleim
 

An Hrn. Professor A. G. Baumgarten in Frankfurt 1745

"Lehrer, den die Gottheit lehrte,
Lehrer, den die Weisheit liebet,
Lehrer, der mit Licht und Leben,
Und mit freundlichen Beweisen,
Tugend, Witz und Warheit stiftet.
Sieh, wie stark sind deine Lehren!
Sieh, sie überwinden Zweifler;
Sie entwafnen Warheitsfeinde;
Sie gewinnen Weisheitsspötter!
Seelen, nein, ich will sie nennen:
Tote, schlafende Monaden,
Wecken sie aus tiefem Schlummer.
Zwanzig fromme Hauspostillen
Leiten nicht so schnell zur Tugend,
Als wenn du mit schönen Worten,
Und mit freundlichen Beweisen,
Einmal nur die Tugend lehrest.
Denk einmal an deine Siege,
An den Seegen deiner Lehren.
Sieh, wie der die Tugend liebet,
Der, als du die Laster schaltest,
Plötzlich schwur: ich will sie hassen.
Durch die Kräfte deiner Lehren,
Zwangst du ihn zur Tugendliebe.
O wie schaft man seinen Lehren
Solche Kräfte, solchen Seegen?
Lehrer, wenn du mich es lehrest,
O so will ich Mädchen zwingen,
Daß sie plötzlich schweren müssen,
Mich zu lieben, wenn ich liebe." - Johann Wilhelm Ludwig Gleim
 

Warum es so wenig Weise gibt? 1769

"Warum ist auf der Welt der Weisen Zahl so klein?
Weil's so bequem ist, dumm zu seyn." - Johann Wilhelm Ludwig Gleim
 

Pressfreiheit

"Die Press' ist frei! – Gottlob, Fatill,
Man kann, so viel man immer will,
In unsern aufgeklärten Tagen,
Des tollsten Zeugs zu Markte tragen!"  - Johann Wilhelm Ludwig Gleim

"Frey seyn willst du, mein Sohn? Ich lobe deinen Willen!
Tu was du kannst, getreu
Des Staats Gesetze zu erfüllen;
Sieh! dann so bist du frey!
Willst aber du, nach deinen Grillen,
Frey seyn, mein Sohn! so geh' in eine Wüsteney!" - Johann Wilhelm Ludwig Gleim
 

"Wohl dem, der schon hinüber ist!
Er hört nicht mehr der Bosheit Rotten,
Der Gottheit, und der Menschheit spotten,
Mit Tigerwut, Betrug, und List,
Wohl dem, der schon hinüber ist!

Wohl dem, der schon hinüber ist!
Er sieht nicht mehr die Tugend leiden,
Nicht mehr der ganzen Hölle Freuden
Um eines Königs Blutgerüst;
Wohl dem, der schon hinüber ist!

Wohl dem, der schon hinüber ist!
Er fürchtet nicht, daß nun die Erde
Bald eine Mördergrube werde,
Und Fürst in ihr ein Atheist,
Wohl dem, der schon hinüber ist!"  - Johann Wilhelm Ludwig Gleim
 

Der gute Rath, 1795

"A.
Die Wissenschaften, und die Schriften
Der Wissenschaftler sind's, die all' das Böse stiften!
Mein Rath ist: Fesseln gebt dem Geist,
Und Fesseln Allem, was da Wissenschaften heißt.
Wie lässt sich dummes Volk viel besser doch regieren,
Als kluges! Seht nur um euch her:
Jedweder Hirt, wie leicht kann er,
Wohin er will, die Heerde führen! –

B.
 Herr Fürst, Herr Graf, Herr Großvezir,
Den hohen guten Rat in Ehren:
Sie hätten völlig recht, wenn wir –
Schaf oder Schweine wären! " - Johann Wilhelm Ludwig Gleim
 
 

Raphael und Klopstock

"Der Saz, glaub' ich, wird feste stehn:
Wer einen Raphael zu sehn,
Zu lesen einen Klopstock nicht versteht,
Ist Maler nicht, und nicht Poet.

Ich bitte meinen Gott, er wolle mich bewahren
Vor Diebstal, Ehebruch, und Mord, und Heucheley,
Und Lästerung und Schmeicheley,
Und Tadelsucht und Richterey,
In meinen lezten Jahren." - Johann Wilhelm Ludwig Gleim
 

An unsre Streit-Theologen.

"Ihr streitet, ob der Geist vom hohen Himmelsthron
Ausgeh' in alle Welt, vom Vater oder Sohn?
Mit euch gelehrten Leuten
Ist nicht darob zu streiten;
Ihr habt Theologie, wir – nur Religion!

A.
Ob's christlich ist, zu Höllenflammen
Die frommen Heiden zu verdammen,
Den Sokrates, den Seneka, den Mark-Aurel und Hadrian?

B.
Wenn's christlich wäre, ganz gewiß, so hätt' es Christus
auch gethan!" - Johann Wilhelm Ludwig Gleim
 
 

Sprüche.

Wer Samenkörner streut, der nehme sich in Acht,
Dass ihn einmal es nicht gereue. –
Welch Unglück haben in die Reihe
Der Dinge Worte nicht gebracht!

An jeden Ort, wohin du gehest,
Nimm deinen Maßstab mit; zum Schmaus, zum Tanz, zum Spiel;
Und wenn du ruhend stille stehest,
Dann frage: War's zu viel?

Der Mann, der stark sich dünkt, der trete zu den Schwachen;
Wer glaubt, er fehle nicht, der Mann, der irret sich!
Hast aber du gefehlt, so rüste eilends dich,
Den Fehler wieder gut zu machen!

Der ist ein Ehrenmann, der eines Andern Fehler
Mehr als die eigenen entschuldigt und verschweigt,
Und Andrer Tugenden wie rechte Ehrenmäler
Dem, der sie recht nicht sieht, im rechten Lichte zeigt.

In unsers Gottes Welt sind wir an allen Enden,
Im Mond, im Sirius, in treuen Vaterhänden;
Darum, was kümmert's dich, ob unsers Gottes Welt
Heut' noch in Trümmern fällt!

Sprich nicht zu viel von deinen Pflichten;
Wir haben kurze Lebenszeit!
Die Zeit zum Ueben und Verrichten
Verschwindet underdeß in's Meer der Ewigkeit!

Wer besser ist, wie du, den schätze lieb und wert,
Den speis' an deinem Tisch, den wärm' an deinem Herd,
Er macht die Ehre, dir! und wärest du ein Fürst,
Und lohnt dich, wenn du besser wird!

Wer eines Menschen Freude stört,
Der Mensch ist keiner Freude wert!

Das Unglück ist ein Sturm, das Glück ein Sonnenblick.
Ertrage, wenn du kannst, das Unglück wie das Glück!

Wo man von Frömmigkeit mit vielen Worten spricht,
Da suche nur den Frommen nicht!

Nur Toren bauen all ihr Glück
Auf eines Menschen Blick!

»Erkenne, suche, lieb' und ehre,
Was gut und schön ist, und vermehre
Nach Möglichkeit, mit weiser Wahl,
Des Guten und des Schönen Zahl!«
Das ist die ganze Sittenlehre!

Nicht mehr zu klagen, rat' ich dir,
Unglücklichster auf Erden;
Unglück wird Glück, wenn wir
Durch Unglück besser werden!

Berechne jeden Tag, wie viel der Stunden du
Verwendet hast auf Mittagsruh',
Wie viel auf Schmauserei, wie viel
Auf Tanz und Spiel
Und auf Geschwätz, das nicht Gespräch gewesen ist;
Und dann, o Mensch, zieh' ab und sieh', wie alt du bist!
 

An die Eltern.

"Väter! zwinget eure Kinder
Nie zum Lernen solcher Künste,
Die sie nicht erlernen wollen.
Laßt die Kinder selber wählen,
Lobt und leitet ihre Neigung;
Sonst erlebt ihr, wie mein Vater,
Unglück an den besten Kindern.
Jetzo wird er selber sagen:
Väter, zwingt doch keine Kinder! –

Ich, sein Sohn, ward auch gezwungen;
Aber hat es was gefruchtet?
Erst sollt' ich im schwarzen Kleide
Schwere Seelensorgen lernen,
Weil es meine Mutter wollte;
Doch es rettete mein Vater
Mich von solchen schweren Sorgen,
Und da sollt' ich, wider Willen,
Sorgen lernen für den Körper;
Aber es erfuhr mein Vater,
Daß ich lieber gar nichts lernte.
Endlich nahm er mich bei'm Arme,
Führte mich zum Rechtsgelehrten,
Und ermahnt' ihn, daß ich's hörte:
»Vetter, lehre diesen rechten,
Halt' ihn scharf und gib ihm Akten!«
Hurtig gab sie mir der Vetter.
Köpfen, Hängen, Peitschen, Rädern
Sollt' ich aus den Akten lernen.
O, wie haßt' ich dieses Handwerk!
O, wie wünscht' ich oft aus Unmuth
Meinen Lehrer hin zum Kuckuck,
Wenn er mich mit Schriften quälte,
Welche Blut und Tod verlangten!
Gab er aber mir Prozesse
Von verlornen Liebesbriefen,
Von willkommnen Nachtgespenstern,
Oder sollt' ich für die Schönen
Ueber blöde Männer klagen:
Gleich war Kopf und Feder fleißig;
Und mein Lehrer konnt' es merken,
Daß ich nichts erlernen würde,
Als die Händel der Verliebten;
D'rum verschafft' er mir vom Richter
Lauter Händel der Verliebten.
Und nun ich in diesen Händeln
Ausgelernt bei meinem Lehrer,
Nun empfehl' ich mich zum Richter
Und zum Anwalt aller Schönen!"  - Johann Wilhelm Ludwig Gleim
 
 
 
 

Anmerkungen

[1] Science Review Letters 2019, 18, Nr. 996 und FAZ 2019, Nr. 51 und Kurse Nr. 588 Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Nr. 554 Friedrich Hölderlin, Nr. 020 Goethe: Wissenschaft, Kunst und Religion, Nr. 567 Gottfried Wilhelm Leibniz, Nr. 568 Nicolaus Cusanus - Renaissance Philosopher I . Akademie der Kunst und Philosophie
[2] Ib.; vgl. Kurse Nr. 505 Arthur Schopenhauer, Nr. 500 Thomas von Aquin I: Summa contra Gentiles, Nr. 501 St.Thomas Aquinas - Philosopher of Gothic period II: Summa Theol., Nr. 502 St.Thomas Aquinas - Philosopher of Gothic period III, Nr. 582 St.Thomas Aquinas - Philosopher of Gothic period IV, Nr. 583 St.Thomas Aquinas - Philosopher of Gothic period V . Akademie der Kunst und Philosophie
[3] Ib.; vgl. Kurs Nr. 020 Goethe: Wissenschaft, Kunst und Religion. Ib.
[4] Ib.; zu Monaden vgl. Anm. 3 und Kurs Nr. 567 Gottfried Wilhelm Leibniz. Ib.
[5] Ib.; vgl. Kurs Nr. 350 Byzantinische Kunst und Architektur. Ib.
[6] Ib.; zu Raffael, Schelling und Hegel vgl. Kurse Nr. 522 Raffael und das kosmische Christentum, Nr. 551 G.W.F. Hegel - Philosophie der Wissenschaft, Kunst und Religion, Nr. 509 Philosophie der Freiheit, Nr. 513 Schelling: Philosophie der Mythologie. Ib. 
 

Zur Philosophie und Kulturgeschichte des Mittelalters, der Schule von Chartres und der Renaissance vgl. Kurse: Nr. 605 St. Irenaeus von Lyon, Nr. 604 St. Hildegard von Bingen, Nr. 600 St. Johannes von Damaskus, Nr. 599 St. Petrus Venerabilis, Nr. 581 Bernhard von Chartres, Nr. 580 Wilhelm von Conches, Nr. 579 Albertus Magnus, Nr. 578 Pierre Abaelard, Nr. 574 Johannes von Salisbury, Nr. 577 Petrus Lombardus, Nr. 576 Gilbert de la Porrée / Gilbert von Poitiers, Nr. 565 Johannes Scotus Eriugena, Nr. 575 Thierry de ChartresNr. 571 Alanus ab Insulis, Nr. 572 Anselm von Canterbury, Nr. 570 Hilarius von Poitiers, Nr. 568 Nicolaus Cusanus - Renaissance Philosopher I, Nr. 568 Nicolaus Cusanus - Renaissance Philosopher II, Nr. 568 Nicolaus Cusanus - Renaissance Philosopher III, Nr. 564 St. Ambrosius, Nr. 564 St. Augustinus I, Nr. 601 St. Augustinus II, Nr. 500 Thomas von Aquin: Summa contra Gentiles, Nr. 501 St.Thomas Aquinas: Summa Theologica I., Nr. 502 St.Thomas Aquinas, Sth. I-II, Nr. 582 St.Thomas Aquinas, Sth II-II, Nr. 583 St.Thomas Aquinas, Sth. III, Nr. 566 Meister Eckhart , Nr. 562 Dante Alighieri, Nr. 557 Ludovico Ariosto, Nr. 556 Torquato Tasso, Nr. 320 Romanische Kunst und Architektur , Nr. 325 Kunst und Architektur der Gothik, Nr. 326 Kunst und Architektur der Renaissance, Nr. 586 Tizian, Nr. 590 Giovanni Bellini, Nr. 587 Andrea Mantegna, Nr. 522 Raffael und das kosmische Christentum, Nr. 523 Sandro Botticelli, Nr. 602 Benozzo Gozzoli, Nr. 606 Fra Angelico, Nr. 607 Pinturicchio, Nr. 593 Filippo Lippi, Nr. 594 Filippino Lippi, Nr. 589 Albrecht Dürer, Nr. 603 Bernard van Orley, Nr. 350 Byzantinische Kunst und Architektur. Akademie der Kunst und Philosophie
 
 


Johann Wilhelm Ludwig Gleim, 1719-1803
 
 


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Letzte Bearbeitung:07.03.2019