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Kurs Nr. 662 Gottfried von Strassburg

Tristan und Isolde


Gottfried von Straßburg war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter des Mittelalters. Er lebte Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts und war Zeitgenosse von Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide
Gottfried von Strassburg

 

 
 
 
 

 

Aus dem Inhalt:
 

1. Leben und Werk


Gottfried von Straßburg († um 1215) war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter des Mittelalters. Er lebte Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts und war Zeitgenosse von Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide. Die frühesten und bedeutendsten Informationen liefert der mittelhochdeutsche Epiker Rudolf von Ems. In seinem Werk Der guote Gêrhart nennt er Gottfried von Straßburg explizit als Verfasser seines Hauptwerks Tristan, der den Guoten Gêrhart beeinflusst habe. Gottfrieds Tristan, ein um 1210 entstandener und Fragment gebliebener Versroman, ist eine Bearbeitung des Tristan und Isolde-Stoffes. Als sicher gilt in der Forschung, dass Gottfried eine über das Trivium reichende umfassende Bildung besaß und sowohl mit der höfischen Literatur als auch mit der Intelligenz des 12. Jahrhunderts vertraut war. Es ist wahrscheinlich, dass Gottfried nichtadeliger Herkunft war und als Kleriker weltliche Aufgaben übernahm. Wie aus dem Tristan hervorgeht, war er für seinen Gönner Dieterich, der aus der Straßburger Oberschicht stammte, tätig. Möglicherweise genoss Gottfried eine universitäre Ausbildung in Paris oder Bologna und verfügte über Kenntnisse zeitgenössischer lateinischer Schriften. Denn in seinem Tristan geht es nicht nur um eine Liebesgeschichte sondern auch um Freiheit, Freiheit der Forschung, Philosophie, Literatur, Musik, Poesie, der Kampf des neuen Bewusstseinzustandes mit dem alten. [1]

Die Vorgeschichte des Tristan: Das britische Königreich Cornwall, das von König Marke beherrscht wird, ist dem Königreich Irland zinspflichtig. Der irische Fürst Morold segelt nach Cornwall, um dort den fälligen Zins einzuholen. Es kommt zum Unabhängigkeitskrieg des Landes gegen Irland, und Morold wird von Markes Neffen und treuem Vasallen Tristan getötet. Statt des Zinses schickt Tristan Morolds Haupt nach Irland, an dessen Verlobte, die irische Königstochter Isolde. Später schwören die Herrscher von Irland und Cornwall sich „Urfehde“, also den Verzicht auf weitere Kämpfe. Tristan ist bei dem Kampf gegen Morold schwer verwundet worden. Tristan weiß um Isoldes Heilkunde und lässt sich unter dem Pseudonym (und Anagramm) Tantris in einem Boot an die Küste Irlands treiben, um von ihr geheilt zu werden. Isolde pflegt ihn und erkennt in ihm den Mörder ihres Verlobten, da der Splitter, den sie aus Morolds Haupt gezogen hatte, genau in die Scharte in Tristans Schwert passt. Sie beschließt, den Wehrlosen mit seiner Waffe zu töten. Als Tristan ihr jedoch in die Augen blickt, verliebt sie sich in ihn und lässt das Schwert sinken. Sie heilt Tristan und lässt ihn inkognito nach Cornwall zurückkehren. Wieder in Cornwall überredet Tristan seinen Herrn und Onkel König Marke, Isolde zu heiraten, um den Frieden mit Irland zu besiegeln. Als Brautwerber kehrt Tristan nach Irland zurück; das irische Königspaar willigt ein, Isolde, die ihr Geheimnis niemandem anvertraut hat, als Unterpfand des Friedens nach Cornwall an Marke zu geben. Mit Isolde an Bord segelt Tristan nach Cornwall zurück. Auf dem Schiff vermeidet er jeden Kontakt mit ihr. Isolde ist tief gedemütigt, dass sie dem „müden König“ von Cornwall als Friedenspfand zugeführt wird, vor allem aber, dass ausgerechnet Tristan, in den sie sich verliebt und dem sie das Leben geschenkt hat, die Rolle des Brautwerbers übernommen hat.   [2]
 

2. "Tristan und Isolde" von Richard Wagner

Es ist nicht nur die Kirchen-Musik seit Palästrina, Monteverdi, Bach, Mozart, Beethoven Träger des Christlichen, sondern die Musik schlechthin hat in sich das "Christliche" aufgenommen. "Wie unter der römischen Universal-Zivilisation das Christentum hervortrat, so bricht jetzt aus dem Chaos der modernen Zivilisation die Musik hervor. Beide sagen aus: 'Unser Reich ist nicht von dieser Welt'. Das heißt eben: Wir kommen von innen, ihr von außen; wir entstammen dem Wesen, ihr dem Scheine der Dinge... Der Geist des Christentums war es, der die Seele der Musik neu wieder belebte." (Wagner) Richard Wagner hat die Geschichte von Gottfried von Strassburg in seinem Musikdrama "Tristan und Isolde" in Musik gefasst, so dass das Drama auch für die heutige Zeit aktuell bleibt. Er sah im Tristan-Drama "einen Ergänzungsakt des großen, ein ganzes Weltverhältnis umfassenden Nibelungenmythos." Das Drama bzw. der Mythos zeigt auch dieses Herauswachsen der neuen Persönlichkeitsbewussten Marke-Kultur aus dem alten Kollektiv-Bewusstsein in dem Abhängigkeitsverhältnis der neuen gegenüber der alten Kulturauf: Cornwall ist Irland tributpflichtig. Aber mit dem fortschreitenden Erstarken der neuen Bewusstseinskräfte, deren hervorragendster Vertreter und Wegbereiter eben Tristan war, lehnte sich die neue Welt notwendigerweise gegen die alte auf. Cornwall verweigert den Tribut, Tristan zieht siegreich gegen Morold zu Feld; der "Abnabelungsprozess" vom alten, magischen Bewusstseinszustand ist vollendet. Kurwenal ruft: "Hei! unser Held Tristan! Wie der Zins zahlen kann!" Das reflektierende Bewusstsein vom Ich ist hier schon weit stärker ausgeprägt als bei Siegfried beispielsweise. Tristans Kampf mit Morold bedeutet gleichzeitig ein übermächtiges Heraufschlagen dieses alten Bewusstseins, ähnlich wie der Kampf des Christentum gegen den Islam mit der Devise der Erneuerung des alten orientalischen Zustands. Isolde verliebt sich in Tristan: "Er sah mit in die Augen..." Was vollzieht sich in diesem Augenblick? Dieses Ahnen um den Einzug kosmischer Liebeskräfte in das Innerste der Seele wandelt auch den weiten, noch ungeformten Seelengrund ihres eigenen Wesens. Was bisher altes Seelenerbe war, wird zu "Herzenskräften, die unzertrennlich mit Isoldes eigenem Wesen verbunden sind."  Sie singt: "Er schwur mit tausednd Eiden / Mir ew'gen Dank und Treue!"  Auch in der Harmonie liegen offenbare Geheimnisse, nämlich wenn eine As-Dur-Kadenz auftritt; sie ist für Wagner immer der Ausdruck des Jungfräulichen, des Unirdischen. Das bezeugt die Verwendung dieser Tonart zur Charakterisierung des Wesens von Elisabeth, von Elsa, oder Eva Pogner in den "Meistersingern". Es ist die Seelenhaltung der Devotion, der Hinneigung zum wahrhaft Göttlichen. Dieser groß angelegte Dialog über die "Tagwelt" im zweiten Akt ist die eigentliche Basis zur kommenden Liebesszene. Nach der Analyse von Alfred Lorenz bildet er einen Bar, der aus 85 Takten besteht. Das Ende seines ersten Stollens (31 Takte) ist durch die As-Dur-Kadenz markiert. Der zweite Bar (23 Takte) endet mit As-Dur. Man kann auch von "dionysischer Mysterienweisheit" sprechen. Der dionysische Weg führt zwar durch die Triebgewalten, die als noch nicht vom Wesen des Ich durchdrungene Gewalten gewertet werden müssen, doch hat er das wahre Menschen-Urbild zum Ziele. Das Erwachen der Seelenleidenschaft ist nur der erste Akt dieses dionysisch-romantischen Dramas. Es ist die Basis, von der ausgegangen wird, doch nicht das Ziel. Dieses heißt vielmehr: Katharsis der Sinnesnatur und Wiedergewinnung des wahren Wesens. Auch im Scheidegesang haben wir wieder As-Dur: "Wie es fassen? / Wie es lassen, /  Diese Wonne, / Fern der Sonne, / Fern der Tage / Trennungsklage?..." [3]

Im dritten Akt kommen wir zum Herz des Werkes und Tristans Vision. Die Ich-Werdung ist an ein Ende gekommen. Nur eine aus innerster Freiheit heraus wirkende Kraft, die unberührt blieb von allen bisherigen Wirkenskräften der Evolution und "luziferischer Korrumpierung der Seele" -  wie sie vor allem bei Muslimen durch ihre luziferische Gottheit gefördert wird - , könnte dieses Wunder bewirken. Und um dieses Wunder geht es Wagner, der damit das Drama Gottfried von Strassburgs auf eine höhere Ebene hebt. Von Kurwenal ist die Heilerin längst gerufen. In einer an Schönheit und Weihe nicht zu übertreffenden Vollendung hat Wagner jene Vision Tristans gestaltet, die ihm das Nahen Isoldes offenbart. Lorenz fasst das Einzigartige dieser Stelle in die Worte: "Musikalisch ist sie wohl das höchste, was Wagner an apollinisch schönen Klängen hervorgezaubert hat. Kein Mensch kann ungerührt diesen überirdischen Tönen lauschen." Diese Stelle lässt zum erstenmal in dem Werk ein E-Dur erklingen: "Wie sie selig, / Hehr und milde / Wandelt durch / Des Meer's Gefilde? / Auf wonnigen Blumen / Lichten Wogen / Kommt sie sanft / Ans Land gezogen." Hier setzt die Vision Tristans ein, in der Isolde ganz körperlos schwebend herannaht, rein nur Idee, da hören wir auf längere Zeit das herrliche E-Dur erklingen. "Ich schreibe die unsagbar ruhevolle Wirkung dieser Stelle hauptsächlich dem Umstande zu, dass unser Ohr drei Stunden lang das E-Dur umspielen gehört und damit erwartet hatte, und jetzt erst - endlich! - die ersehnte, wahrhaft auflösende, erlösende Tonart wahrnimmt." Als einzigen Aufklingen der Tonika darf man dieses Erscheinen der "erlösenden Tonart" wohl als das Herz des Werkes bezeichnen. Auch "für den Quintenkreis ist diese, im Zeichen des Löwen stehende Tonart, das Herz. In allen Meisterwerken ist es die Verkünderin der wahren, dem Göttlichen verbundenen Liebe." Wenn unsr also jetzt plötzlich apollinische Klänge umgeben, dann kann das nur so verstanden werden, dass wir durch die Katharsis geschritten sind, die uns ermöglicht, das verlorene apollinische Sonnenreich wieder zu gewinnen. In bezug auf die Philosophie der Geschichte bzw. Entwicklung der Menschheit spricht man von Christus als dem "dritten Dionysos", der dieses Wiedervereinen mit dem apollinischen Lichtreich bringen wird. Von Christus als dem wahren Ich, der die Versöhnung beider Naturen herbeiführen wird und damit den Durst des Ich für immer stillen wird, indem er uns den Trank reicht, der den Zwiespalt von Liebe und Tod überwunden hat. Isolde, die als Heilerin naht, wird zum "Tor für die Christuskraft". Bei Gottfried von Strassburg hatte Tristan ihr neben Kunst und Harfenspiel auch Philosophie, die christliche Scholastik und Wissenschaft beigebracht. Wie Faust bei seinem Himmelsanstieg durch das "Ewig-Weibliche" der Christussphäre entgegengeht, so naht sich dem Helden durch die ewig-weibliche Seelennatur der wahre Heiler seiner Wunde. Dargestellt in einer Oboenkantilene, "einer der süssesten Eingebungen in der ganzen Musikliteratur! - wie eine geläuterte Seele aus der Asche aufsteigt." Was ist geläutert? Der furchbare Schmerz, der Tristan aus seiner Erkenntnis wurde, war für ihn wie ein Nach-Tod-Erlebnis, in dem alles selbstische Verlangen verbrannte; "und wie ein Phönix ersteht ihm durch die Christus-Nähe in seiner Vision die reine Liebe, die wohl Selbstheit, doch keine Selbstsucht kennt."  [4]
 
 

3. Friedrich Nietzsche über Tristan, Alexander, Empedokles, Aeschylus und Richard Wagner 

Nietzsche stellte sich vor, wer den den dritten Akt von Wagners "Tristan und Isolde", ohne Wort und Bild "rein als ungeheuren symphonischen Satz zu perziperen imstande wäre", der hätte sein Ohr "gleichsam an die Herzkammer des Weltwillens gelegt". Das Apollinische entreiße uns der dionysischen Allgemeinheit. "Mit der ungeheuren Wucht des Bildes, des Begriffs, der ethischen Lehre, der sympathischen Erregung reisst das Apollinische den Menschen aus seiner orgiastischen Selbstvernichtung empor und täuscht ihn über die Allgemeinheit des dionysischen Vorganges hinweg zu dem Wahne, dass er ein einzelnes Weltbild, z. B. Tristan und Isolde, sehe und es, durch die Musik, nur noch besser und innerlicher sehen solle. Was vermag nicht der heilkundige Zauber des Apollo, wenn er selbst in uns die Täuschung aufregen kann, als ob wirklich das Dionysische, im Dienste des Apollinischen, dessen Wirkungen zu steigern vermöchte, ja als ob die Musik sogar wesentlich Darstellungskunst für einen apollinischen Inhalt sei? Bei jener prästabilirten Harmonie, die zwischen dem vollendeten Drama und seiner Musik waltet, erreicht das Drama einen höchsten, für das Wortdrama sonst unzugänglichen Grad von Schaubarkeit. Wie alle lebendigen Gestalten der Szene in den selbständig bewegten Melodienlinien sich zur Deutlichkeit der geschwungenen Linie vor uns vereinfachen, ertönt uns das Nebeneinander dieser Linien in dem mit dem bewegten Vorgange auf zarteste Weise sympathisirenden Harmonienwechsel: durch welchen uns die Relationen der Dinge in sinnlich wahrnehmbarer, keinesfalls abstracter Weise, unmittelbar vernehmbar werden, wie wir gleichfalls durch ihn erkennen, dass erst in diesen Relationen das Wesen eines Charakters und einer Melodienlinie sich rein offenbare. Und während uns so die Musik zwingt, mehr und innerlicher als sonst zu sehen, und den Vorgang der Szene wie ein zartes Gespinnst vor uns auszubreiten, ist für unser vergeistigtes, in's Innere blickendes Auge die Welt der Bühne eben so unendlich erweitert als von innen heraus erleuchtet. Was vermöchte der Wortdichter Analoges zu bieten, der mit einem viel unvollkommneren Mechanismus, auf indirectem Wege, vom Wort und vom Begriff aus, jene innerliche Erweiterung der schaubaren Bühnenwelt und ihre innere Erleuchtung zu erreichen sich abmüht? Nimmt nun zwar auch die musikalische Tragödie das Wort hinzu, so kann sie doch zugleich den Untergrund und die Geburtsstätte des Wortes danebenstellen und uns das Werden des Wortes, von innen heraus, verdeutlichen. Aber von diesem geschilderten Vorgang wäre doch eben so bestimmt zu sagen, dass er nur ein herrlicher Schein, nämlich jene vorhin erwähnte apollinische Täuschung sei, durch deren Wirkung wir von dem dionysischen Andrange und Uebermaasse entlastet werden sollen. Im Grunde ist ja das Verhältniss der Musik zum Drama gerade das umgekehrte: die Musik ist die eigentliche Idee der Welt, das Drama nur ein Abglanz dieser Idee, ein vereinzeltes Schattenbild derselben. Jene Identität zwischen der Melodienlinie und der lebendigen Gestalt, zwischen der Harmonie und den Charakterrelationen jener Gestalt ist in einem entgegengesetzten Sinne wahr, als es uns, beim Anschauen der musikalischen Tragödie, dünken möchte. Wir mögen die Gestalt uns auf das Sichtbarste bewegen, beleben und von innen heraus beleuchten, sie bleibt immer nur die Erscheinung, von der es keine Brücke gibt, die in die wahre Realität, in's Herz der Welt führte. Aus diesem Herzen heraus aber redet die Musik; und zahllose Erscheinungen jener Art dürften an der gleichen Musik vorüberziehn, sie würden nie das Wesen derselben erschöpfen, sondern immer nur ihre veräusserlichten Abbilder sein. Mit dem populären und gänzlich falschen Gegensatz von Seele und Körper ist freilich für das schwierige Verhältniss von Musik und Drama nichts zu erklären und alles zu verwirren; aber die unphilosophische Rohheit jenes Gegensatzes scheint gerade bei unseren Aesthetikern, wer weiss aus welchen Gründen, zu einem gern bekannten Glaubensartikel geworden zu sein, während sie über einen Gegensatz der Erscheinung und des Dinges an sich nichts gelernt haben oder, aus ebenfalls unbekannten Gründen, nichts lernen mochten." [5] 

In "Richard Wagner in Bayreuth" beschreibt Nietzsche das Motiv in Tristan und Isolde: "Zwei Liebende, ohne Wissen über ihr Geliebtsein, sich vielmehr tief verwundet und verachtet glaubend, begehren von einander den Todestrank zu trinken, scheinbar zur Sühne der Beleidigung, in Wahrheit aber aus einem unbewussten Drange: sie wollen durch den Tod von aller Trennung und Verstellung befreit sein. Die geglaubte Nähe des Todes löst ihre Seele und führt sie in ein kurzes schauervolles Glück, wie als ob sie wirklich dem Tage, der Täuschung, ja dem Leben entronnen wären." [6] 

Man müsse sich nur die Gestalten ansehen, welche ein Künstler schafft, und die Reihenfolge der Gestalten, an denen er ersichtlich mit innigster Liebe hängt; das sage etwas über den Künstler selber aus. "Nun stelle man Rienzi, den fliegenden Holländer und Senta, Tannhäuser und Elisabeth, Lohengrin und Elsa, Tristan und Marke, Hans Sachs, Wotan und Brünnhilde sich vor die Seele: es geht ein verbindender unterirdischer Strom von sittlicher Veredelung und Vergrösserung durch alle hindurch, der immer reiner und geläuterter flutet – und hier stehen wir, wenn auch mit schamhafter Zurückhaltung, vor einem innersten Werden in Wagner's eigener Seele. An welchem Künstler ist etwas Aehnliches in ähnlicher Grösse wahrzunehmen? Schiller's Gestalten, von den Räubern bis zu Wallenstein und Tell, durchlaufen eine solche Bahn der Veredelung und sprechen ebenfalls Etwas über das Werden ihres Schöpfers aus, aber der Maassstab ist bei Wagner noch grösser, der Weg länger. Alles nimmt an dieser Läuterung Theil und drückt sie aus, der Mythus nicht nur, sondern auch die Musik; im Ringe des Nibelungen finde ich die sittlichste Musik, die ich kenne, zum Beispiel dort, wo Brünnhilde von Siegfried erweckt wird; hier reicht er hinauf bis zu einer Höhe und Heiligkeit der Stimmung, dass wir an das Glühen der Eis- und Schneegipfel in den Alpen denken müssen: so rein, einsam, schwer zugänglich, trieblos, vom Leuchten der Liebe umflossen, erhebt sich hier die Natur; Wolken und Gewitter, ja selbst das Erhabene, sind unter ihr. Von da aus auf den Tannhäuser und Holländer zurückblickend, fühlen wir, wie der Mensch Wagner wurde: wie er dunkel und unruhig begann, wie er stürmisch Befriedigung suchte, Macht, berauschenden Genuss erstrebte, oft mit Ekel zurückfloh, wie er die Last von sich werfen wollte, zu vergessen, zu verneinen, zu entsagen begehrte – der gesammte Strom stürzte sich bald in dieses, bald in jenes Thal und bohrte in die dunkelsten Schluchten: – in der Nacht dieses halb unterirdischen Wühlens erschien ein Stern hoch über ihm, mit traurigem Glanze, er nannte ihn, wie er ihn erkannte: Treue, selbstlose Treue! Warum leuchtete sie ihm heller und reiner, als Alles, welches Geheimniss enthält das Wort Treue für sein ganzes Wesen? Denn in jedem, was er dachte und dichtete, hat er das Bild und Problem der Treue ausgeprägt, es ist in seinen Werken eine fast vollständige Reihe aller möglichen Arten der Treue, darunter sind die herrlichsten und selten geahnten: Treue von Bruder zu Schwester, Freund zu Freund, Diener zum Herrn, Elisabeth zu Tannhäuser, Senta zum Holländer, Elsa zu Lohengrin, Isolde, Kurwenal und Marke zu Tristan, Brünnhilde zu Wotan's innerstem Wunsche – um die Reihe nur anzufangen. Es ist die eigenste Urerfahrung, welche Wagner in sich selbst erlebt und wie ein religiöses Geheimniss verehrt: diese drückt er mit dem Worte Treue aus, diese wird er nicht müde in hundert Gestaltungen aus sich heraus zu stellen und in der Fülle seiner Dankbarkeit mit dem Herrlichsten zu beschenken, was er hat und kann – jene wundervolle Erfahrung und Erkenntniss, dass die eine Sphäre seines Wesens der anderen treu blieb, aus freier selbstlosester Liebe Treue wahrte, die schöpferische schuldlose lichtere Sphäre, der dunkelen, unbändigen und tyrannischen." [7] 

Zum Verständnis des Tristan muss man sich mit dem Musikdrama und Wagner auseinandersetzen, mit Geschichte, falscher Erziehung und Gedankenlosigkeit, Wissenschaft, Kunst; Wagner wurde aus einem "versuchenden Neuling ein allseitiger Meister der Musik und der Bühne und in jeder der technischen Vorbedingungen ein Erfinder und Mehrer. Niemand wird ihm den Ruhm mehr streitig machen, das höchste Vorbild für alle Kunst des grossen Vortrags gegeben zu haben. Aber er wurde noch viel mehr, und um diess und jenes zu werden, war es ihm so wenig als irgend Jemandem erspart, sich lernend die höchste Kultur anzueignen. Und wie er diess tat! Es ist eine Lust, diess zu sehen; von allen Seiten wächst es an ihn heran, in ihn hinein, und je grösser und schwerer der Bau, um so straffer spannt sich der Bogen des ordnenden und beherrschenden Denkens. Und doch wurde es selten Einem so schwer gemacht, die Zugänge zu den Wissenschaften und Fertigkeiten zu finden, und vielfach musste er solche Zugänge improvisiren. Der Erneuerer des einfachen Drama's, der Entdecker der Stellung der Künste in der wahren menschlichen Gesellschaft, der dichtende Erklärer vergangener Lebensbetrachtungen, der Philosoph, der Historiker, der Aesthetiker und Kritiker Wagner, der Meister der Sprache, der Mytholog und Mythopoet, der zum ersten Male einen Ring um das herrliche uralte ungeheure Gebilde schloss und die Runen seines Geistes darauf eingrub – welche Fülle des Wissens hatte er zusammenzubringen und zu umspannen, um das alles werden zu können! ... Die Hellenisirung der Welt und, diese zu ermöglichen, die Orientalisirung des Hellenischen – die Doppel-Aufgabe des grossen Alexander – ist immer noch das letzte grosse Ereigniss; die alte Frage, ob eine fremde Kultur sich überhaupt übertragen lasse, immer noch das Problem, an dem die Neueren sich abmühen. Das rhythmische Spiel jener beiden Factoren gegen einander ist es, was namentlich den bisherigen Gang der Geschichte bestimmt hat. Da erscheint zum Beispiel das Christenthum als ein Stück orientalischen Alterthums, welches von den Menschen mit ausschweifender Gründlichkeit zu Ende gedacht und gehandelt wurde. Im Schwinden seines Einflusses hat wieder die Macht des hellenischen Kulturwesens zugenommen; wir erleben Erscheinungen, welche so befremdend sind, dass sie unerklärbar in der Luft schweben würden, wenn man sie nicht, über einen mächtigen Zeitraum hinweg, an die griechischen Analogien anknüpfen könnte. So gibt es zwischen Kant und den Eleaten, zwischen Schopenhauer und Empedokles, zwischen Aeschylus und Richard Wagner solche Nähen und Verwandtschaften, dass man fast handgreiflich an das sehr relative Wesen aller Zeitbegriffe gemahnt wird: beinahe scheint es, als ob manche Dinge zusammen gehören und die Zeit nur eine Wolke sei, welche es unseren Augen schwer macht, diese Zusammengehörigkeit zu sehen. Besonders bringt auch die Geschichte der strengen Wissenschaften den Eindruck hervor, als ob wir uns eben jetzt in nächster Nähe der alexandrinisch-griechischen Welt befänden und als ob der Pendel der Geschichte wieder nach dem Punkte zurückschwänge, von wo er zu schwingen begann, fort in rätselhafte Ferne und Verlorenheit. Das Bild unserer gegenwärtigen Welt ist durchaus kein neues: immer mehr muss es Dem, der die Geschichte kennt, so zu mute werden, als ob er alte vertraute Züge eines Gesichtes wieder erkenne. Der Geist der hellenischen Kultur liegt in unendlicher Zerstreuung auf unserer Gegenwart: während sich die Gewalten aller Art drängen und man sich die Früchte der modernen Wissenschaften und Fertigkeiten als Austauschmittel bietet, dämmert in blassen Zügen wieder das Bild des Hellenischen, aber noch ganz fern und geisterhaft, auf. Die Erde, die bisher zur Genüge orientalisirt worden ist, sehnt sich wieder nach der Hellenisirung; wer ihr hier helfen will, der hat freilich Schnelligkeit und einen geflügelten Fuss von Nöten, um die mannichfachsten und entferntesten Punkte des Wissens, die entlegensten Welttheile der Begabung zusammenzubringen, um das ganze ungeheuer ausgespannte Gefilde zu durchlaufen und zu beherrschen. So ist denn jetzt eine Reihe von Gegen-Alexandern nöthig geworden, welche die mächtigste Kraft haben, zusammen zu ziehen und zu binden, die entferntesten Fäden heran zu langen und das Gewebe vor dem Zerblasenwerden zu bewahren. Nicht den gordischen Knoten der griechischen Kultur zu lösen, wie es Alexander tat, so dass seine Enden nach allen Weltrichtungen hin flatterten, sondern ihn zu binden, nachdem er gelöst war – das ist jetzt die Aufgabe. In Wagner erkenne ich einen solchen Gegen-Alexander: er bannt und schliesst zusammen, was vereinzelt, schwach und lässig war, er hat, wenn ein medizinischer Ausdruck erlaubt ist, eine adstringirende Kraft: in so fern gehört er zu den ganz grossen Kulturgewalten. Er waltet über den Künsten, den Religionen, den verschiedenen Völkergeschichten und ist doch der Gegensatz eines Polyhistors, eines nur zusammentragenden und ordnenden Geistes: denn er ist ein Zusammenbildner und Beseeler des Zusammengebrachten, ein Vereinfacher der Welt. Man wird sich an einer solchen Vorstellung nicht irre machen lassen, wenn man diese allgemeinste Aufgabe, die sein Genius ihm gestellt hat, mit der viel engeren und näheren vergleicht, an welche man jetzt zuerst bei dem Namen Wagner zu denken pflegt. Man erwartet von ihm eine Reformation des Theaters: gesetzt, dieselbe gelänge ihm, was wäre denn damit für jene höhere und ferne Aufgabe getan? Nun, damit wäre der moderne Mensch verändert und reformirt: so notwendig hängt in unserer neueren Welt eins an dem andern, dass, wer nur einen Nagel herauszieht, das Gebäude wanken und fallen macht. Auch von jeder anderen wirklichen Reform wäre dasselbe zu erwarten, was wir hier von der Wagnerischen, mit dem Anscheine der Uebertreibung, aussagen. Es ist gar nicht möglich, die höchste und reinste Wirkung der theatralischen Kunst herzustellen, ohne nicht überall, in Sitte und Staat, in Erziehung und Verkehr, zu neuern. Liebe und Gerechtigkeit, an Einem Punkte, nämlich hier im Bereiche der Kunst, mächtig geworden, müssen nach dem Gesetz ihrer inneren not weiter um sich greifen und können nicht wieder in die Regungslosigkeit ihrer früheren Verpuppung zurück. Schon um zu begreifen, inwiefern die Stellung unserer Künste zum Leben ein Symbol der Entartung dieses Lebens ist, inwiefern unsere Theater für Die, welche sie bauen und besuchen, eine Schmach sind, muss man völlig umlernen und das Gewohnte und Alltägliche einmal als etwas sehr Ungewöhnliches und Verwickeltes ansehn können. Seltsame Trübung des Urtheils, schlecht verhehlte Sucht nach Ergötzlichkeit, nach Unterhaltung um jeden Preis, gelehrtenhafte Rücksichten, Wichtigthun und Schauspielerei mit dem Ernst der Kunst von Seiten der Ausführenden, brutale Gier nach Geldgewinn von Seiten der Unternehmenden, Hohlheit und Gedankenlosigkeit einer Gesellschaft, welche an das Volk nur so weit denkt, als es ihr nützt oder gefährlich ist, und Theater und Koncerte besucht, ohne je dabei an Pflichten erinnert zu werden – diess alles zusammen bildet die dumpfe und verderbliche Luft unserer heutigen Kunstzustände: ist man aber erst so an dieselbe gewöhnt, wie es unsere Gebildeten sind, so wähnt man wohl, diese Luft zu seiner Gesundheit nöthig zu haben und befindet sich schlecht, wenn man, durch irgend einen Zwang, ihrer zeitweilig entraten muss. Wirklich hat man nur Ein Mittel, sich in Kürze davon zu überzeugen, wie gemein, und zwar wie absonderlich und verzwickt gemein unsere Theater-Einrichtungen sind: man halte nur die einstmalige Wirklichkeit des griechischen Theaters dagegen! Gesetzt, wir wüssten Nichts von den Griechen, so wäre unseren Zuständen vielleicht gar nicht beizukommen, und man hielte solche Einwendungen, wie sie zuerst von Wagner in grossem Style gemacht worden sind, für Träumereien von Leuten, welche im Lande Nirgendsheim zu Hause sind. Wie die Menschen einmal sind, würde man vielleicht sagen, genügt und gebührt ihnen eine solche Kunst – und sie sind nie anders gewesen! – Sie sind gewiss anders gewesen, und selbst jetzt gibt es Menschen, denen die bisherigen Einrichtungen nicht genügen – eben diess beweist die Tatsache von Bayreuth. Hier findet ihr vorbereitete und geweihte Zuschauer, die Ergriffenheit von Menschen, welche sich auf dem Höhepuncte ihres Glücks befinden und gerade in ihm ihr ganzes Wesen zusammengerafft fühlen, um sich zu weiterem und höherem Wollen bestärken zu lassen; hier findet ihr die hingebendste Aufopferung der Künstler und das Schauspiel aller Schauspiele, den siegreichen Schöpfer eines Werkes, welches selber der Inbegriff einer Fülle siegreicher Kunst-Taten ist. Dünkt es nicht fast wie Zauberei, einer solchen Erscheinung in der Gegenwart begegnen zu können? Müssen nicht Die, welche hier mithelfen und mitschauen dürfen, schon verwandelt und erneuert sein, um nun auch fernerhin, in anderen Gebieten des Lebens, zu verwandeln und zu erneuern? Ist nicht ein Hafen nach der wüsten Weite des Meeres gefunden, liegt hier nicht Stille über den Wassern gebreitet? – Wer aus der hier waltenden Tiefe und Einsamkeit der Stimmung zurück in die ganz andersartigen Flächen und Niederungen des Lebens kommt, muss er sich nicht immerfort wie Isolde fragen: "Wie ertrug ich's nur? Wie ertrag, ich's noch?" Und wenn er es nicht aushält, sein Glück und sein Unglück eigensüchtig in sich zu bergen, so wird er von jetzt ab jede Gelegenheit ergreifen, in Thaten davon Zeugniss abzulegen. Wo sind Die, welche an den gegenwärtigen Einrichtungen leiden? wird er fragen. Wo sind unsere natürlichen Bundesgenossen, mit denen wir gegen das wuchernde und unterdrückende Um-sich-greifen der heutigen Gebildetheit kämpfen können? Denn einstweilen haben wir nur Einen Feind – einstweilen! – eben jene "Gebildeten", für welche das Wort "Bayreuth" eine ihrer tiefsten Niederlagen bezeichnet – sie haben nicht mitgeholfen, sie waren wüthend dagegen, oder zeigten jene noch wirksamere Schwerhörigkeit, welche jetzt zur gewohnten Waffe der überlegtesten Gegnerschaft geworden ist. Aber wir wissen eben dadurch, dass sie Wagner's Wesen selber durch ihre Feindseligkeit und Tücke nicht zerstören, sein Werk nicht verhindern konnten, noch Eins: sie haben verrathen, dass sie schwach sind, und dass der Widerstand der bisherigen Machtinhaber nicht mehr viele Angriffe aushalten wird. Es ist der Augenblick für Solche, welche mächtig erobern und siegen wollen, die grössten Reiche stehen offen, ein Fragezeichen ist zu den Namen der Besitzer gesetzt, so weit es Besitz gibt. So ist zum Beispiel das Gebäude der Erziehung als morsch erkannt, und überall finden sich Einzelne, welche in aller Stille schon das Gebäude verlassen haben. Könnte man Die, welche thatsächlich schon jetzt tief mit ihm unzufrieden sind, nur einmal zur offenen Empörung und Erklärung treiben! Könnte man sie des verzagenden Unmutes berauben! Ich weiss es: wenn man gerade den stillen Beitrag dieser Naturen von dem Ertrage unseres gesammten Bildungswesens abstriche, es wäre der empfindlichste Aderlass, durch den man dasselbe schwächen könnte. Von den Gelehrten zum Beispiel blieben unter dem alten Regimente nur die durch den politischen Wahnwitz Angesteckten und die litteratenhaften Menschen aller Art zurück. Das widerliche Gebilde, welches jetzt seine Kräfte aus der Anlehnung an die Sphären der Gewalt und Ungerechtigkeit, an Staat und Gesellschaft nimmt und seinen Vortheil dabei hat, diese immer böser und rücksichtsloser zu machen, ist ohne diese Anlehnung etwas Schwächliches und Ermüdetes: man braucht es nur recht zu verachten, so fällt es schon über den Haufen. Wer für die Gerechtigkeit und die Liebe unter den Menschen kämpft, darf sich vor ihm am wenigsten fürchten: denn seine eigentlichen Feinde stehen erst vor ihm, wenn er seinen Kampf, den er einstweilen gegen ihre Vorhut, die heutige Kultur führt, zu Ende gebracht hat."  [8] 

Nietzsche hält nichts von einem oberflächlichen Kunstbetrieb, von Stumpfsinn oder Rausch, Einschläfern oder betäuben, von einer "Schreib- und Schwatzseligkeit" wie sie sich im gebührenfinanzierten sogenannten öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen breitgemacht hat, die den Wissenschaftsbetrieb um genmanipulierte Arzneien und Impfstoffe lobt und als große Kunstfertigkeit feiert, dass BürgermeisterInnen in Deutschland Muezzinrufe von Moscheen und Koranschulen erlauben, dass Filme bei Arte, 3sat, ARD, ZDF gezeigt werden, die den Islam verherrlichen und der Geschichtsklitterung Vorschub leisten, statt sich um echte Kunst und Wissenschaft zu kümmern: "Damit einmal die Musik viele Menschen zur Andacht stimme und sie zu Vertrauten ihrer höchsten Absichten mache, muss erst dem ganzen genusssüchtigen Verkehre mit einer so heiligen Kunst ein Ende gemacht werden; das Fundament, worauf unsere Kunst Unterhaltungen, Theater, Museen, Concertgesellschaften ruhen, eben jener "Kunstfreund", ist mit Bann zu belegen; die staatliche Gunst, welche seinen Wünschen geschenkt wird, ist in Abgunst zu verwandeln; das öffentliche Urtheil, welches gerade auf Abrichtung zu jener Kunstfreundschaft einen absonderlichen Werth legt, ist durch ein besseres Urtheil aus dem Felde zu schlagen. Einstweilen muss uns sogar der erklärte Kunstfeind als ein wirklicher und nützlicher Bundesgenosse gelten, da Das, wogegen er sich feindlich erklärt, eben nur die Kunst, wie sie der "Kunstfreund" versteht, ist: er kennt ja keine andere! Mag er diesem Kunstfreunde immerhin die unsinnige Vergeudung von Geld nachrechnen, welche der Bau seiner Theater und öffentlichen Denkmäler, die Anstellung seiner "berühmten" Sänger und Schauspieler, die Unterhaltung seiner gänzlich unfruchtbaren Kunstschulen und Bildersammlungen verschuldet: gar nicht dessen zu gedenken, was alles an Kraft, Zeit und Geld in jedem Hauswesen, in der Erziehung für vermeintliche "Kunstinteressen" weggeworfen wird. Da ist kein Hunger und kein Sattwerden, sondern immer nur ein mattes Spiel mit dem Anscheine von beidem, zur eitelsten Schaustellung ausgedacht, um das Urtheil Anderer über sich irre zu führen; oder noch schlimmer: nimmt man die Kunst hier verhältnissmässig ernst, so verlangt man gar von ihr die Erzeugung einer Art von Hunger und Begehren, und findet ihre Aufgabe eben in dieser künstlich erzeugten Aufregung. Als ob man sich fürchtete, an sich selber durch Ekel und Stumpfheit zu Grunde zu gehen, ruft man alle bösen Dämonen auf, um sich durch diese Jäger wie ein Wild treiben zu lassen: man lechzt nach Leiden, Zorn, Hass, Erhitzung, plötzlichem Schrecken, athemloser Spannung und ruft den Künstler herbei als den Beschwörer dieser Geisterjagd. Die Kunst ist jetzt in dem Seelen-Haushalte unserer Gebildeten ein ganz erlogenes oder ein schmähliches, entwürdigendes Bedürfniss, entweder ein Nichts oder ein böses Etwas. Der Künstler, der bessere und seltenere, ist wie von einem betäubenden Traume befangen, diess Alles nicht zu sehen, und wiederholt zögernd mit unsicherer Stimme gespenstisch schöne Worte, die er von ganz fernen Orten her zu hören meint, aber nicht deutlich genug vernimmt; der Künstler dagegen von ganz modernem Schlage, kommt in voller Verachtung gegen das traumselige Tasten und Reden seines edleren Genossen daher und führt die ganze kläffende Meute zusammengekoppelter Leidenschaften und Scheusslichkeiten am Strick mit sich, um sie nach Verlangen auf die modernen Menschen loszulassen: diese wollen ja lieber gejagt, verwundet und zerrissen werden, als mit sich selber in der Stille beisammenwohnen zu müssen. Mit sich selber! – dieser Gedanke schüttelt die modernen Seelen, das ist ihre Angst und Gespensterfurcht. Wenn ich mir in volkreichen Städten die Tausende ansehe, wie sie mit dem Ausdrucke der Dumpfheit oder der Hast vorübergehen, so sage ich mir immer wieder: es muss ihnen schlecht zu mute sein. Für diese Alle aber ist die Kunst blos deshalb da, damit ihnen noch schlechter zu mute werde, noch dumpfer und sinnloser, oder noch hastiger und begehrlicher. Denn die unrichtige Empfindung reitet und drillt sie unablässig und lässt durchaus nicht zu, dass sie sich selber ihr Elend eingestehen dürfen; wollen sie sprechen, so flüstert ihnen die Convention Etwas in's Ohr, worüber sie vergessen, was sie eigentlich sagen wollten; wollen sie sich mit einander verständigen, so ist ihr Verstand wie durch Zaubersprüche gelähmt, so dass sie Glück nennen, was ihr Unglück ist, und sich zum eigenen Unsegen noch recht geflissentlich mit einander verbinden. So sind sie ganz und gar verwandelt und zu willenlosen Sclaven der unrichtigen Empfindung herabgesetzt. Nur an zwei Beispielen will ich zeigen, wie verkehrt die Empfindung in unserer Zeit geworden ist und wie die Zeit kein Bewusstsein über diese Verkehrtheit hat. Ehemals sah man mit ehrlicher Vornehmheit auf die Menschen herab, die mit Geld Handel treiben, wenn man sie auch nöthig hatte; man gestand sich ein, dass jede Gesellschaft ihre Eingeweide haben müsse. Jetzt sind sie die herrschende Macht in der Seele der modernen Menschheit, als der begehrlichste Theil derselben. Ehemals warnte man vor Nichts mehr, als den Tag, den Augenblick zu ernst zu nehmen und empfahl das nil admirari und die Sorge für die ewigen Anliegenheiten; jetzt ist nur Eine Art von Ernst in der modernen Seele übrig geblieben, er gilt den Nachrichten, welche die Zeitung oder der Telegraph bringt. Den Augenblick benutzen und, um von ihm Nutzen zu haben, ihn so schnell wie möglich beurtheilen! – man könnte glauben, es sei den gegenwärtigen Menschen auch nur Eine Tugend übrig geblieben, die der Geistesgegenwart. Leider ist es in Wahrheit vielmehr die Allgegenwart einer schmutzigen unersättlichen Begehrlichkeit und einer überallhin spähenden Neugierde bei Jedermann. Ob überhaupt der Geist jetzt gegenwärtig sei – wir wollen die Untersuchung darüber den künftigen Richtern zuschieben, welche die modernen Menschen einmal durch ihr Sieb raiten werden. Aber gemein ist diess Zeitalter; das kann man schon jetzt sehen, weil es Das ehrt, was frühere vornehme Zeitalter verachteten; wenn es nun aber noch die ganze Kostbarkeit vergangener Weisheit und Kunst sich angeeignet hat und in diesem reichsten aller Gewänder einhergeht, so zeigt es ein unheimliches Selbstbewusstsein über seine Gemeinheit darin, dass es jenen Mantel nicht braucht, um sich zu wärmen, sondern nur um über sich zu täuschen. Die not, sich zu verstellen und zu verstecken, erscheint ihm dringender, als die, nicht zu erfrieren. So benutzen die jetzigen Gelehrten und Philosophen die Weisheit der Inder und Griechen nicht, um in sich weise und ruhig zu werden: ihre Arbeit soll blos dazu dienen, der Gegenwart einen täuschenden Ruf der Weisheit zu verschaffen. Die Forscher der Thiergeschichte bemühen sich, die thierischen Ausbrüche von Gewalt und List und Rachsucht im jetzigen Verkehre der Staaten und Menschen unter einander als unabänderliche Naturgesetze hinzustellen. Die Historiker sind mit ängstlicher Beflissenheit darauf aus, den Satz zu beweisen, dass jede Zeit ihr eigenes Recht, ihre eigenen Bedingungen habe, – um für das kommende Gerichtsverfahren, mit dem unsere Zeit heimgesucht wird, gleich den Grundgedanken der Vertheidigung vorzubereiten. Die Lehre vom Staat, vom Volke, von der Wirthschaft, dem Handel, dem Rechte – Alles hat jetzt jenen vorbereitend apologetischen Charakter; ja es scheint, was von Geist noch thätig ist, ohne bei dem Getriebe des grossen Erwerb- und Machtmechanismus selbst verbraucht zu werden, hat seine einzige Aufgabe im Vertheidigen und Entschuldigen der Gegenwart. Vor welchem Kläger? Das fragt man da mit Befremden. Vor dem eigenen schlechten Gewissen. Und hier wird auch mit Einem Male die Aufgabe der modernen Kunst deutlich: Stumpfsinn oder Rausch! Einschläfern oder betäuben! Das Gewissen zum Nichtwissen bringen, auf diese oder die andere Weise! Der modernen Seele über das Gefühl von Schuld hinweghelfen, nicht ihr zur Unschuld zurück verhelfen! Und diess wenigstens auf Augenblicke! Den Menschen vor sich selber vertheidigen, indem er in sich selber zum Schweigen-müssen, zum Nicht-hören-können gebracht wird! – Den Wenigen, welche diese beschämendste Aufgabe, diese schreckliche Entwürdigung der Kunst nur einmal wirklich empfunden haben, wird die Seele von Jammer und Erbarmen bis zum Rande voll geworden sein und bleiben: aber auch von einer neuen übermächtigen Sehnsucht. Wer die Kunst befreien, ihre unentweihte Heiligkeit wiederherstellen wollte, der müsste sich selber erst von der modernen Seele befreit haben; nur als ein Unschuldiger dürfte er die Unschuld der Kunst finden, er hat zwei ungeheure Reinigungen und Weihungen zu vollbringen. Wäre er dabei siegreich, spräche er aus befreiter Seele mit seiner befreiten Kunst zu den Menschen, so würde er dann erst in die grösste Gefahr, in den ungeheuersten Kampf gerathen; die Menschen würden ihn und seine Kunst lieber zerreissen, als dass sie zugestünden, wie sie aus Scham vor ihnen vergehen müssen. Es wäre möglich, dass die Erlösung der Kunst, der einzige zu erhoffende Lichtblick in der neueren Zeit, ein Ereigniss für ein paar einsame Seelen bliebe, während die Vielen es fort und fort aushielten, in das flackernde und qualmende Feuer ihrer Kunst zu sehen: sie wollen ja nicht Licht, sondern Blendung, sie hassen ja das Licht – über sich selbst... Die ganze ästhetische Schreib- und Schwatzseligkeit brach wie ein Fieber unter den Deutschen aus, man mass und fingerte an den Kunstwerken, an der Person des Künstlers herum, mit jenem Mangel an Scham, welcher den deutschen Gelehrten nicht weniger, als den deutschen Zeitungsschreibern zu eigen ist." [9] 
 
 

4. Kornwal, Engelland und Irland

Die Vorgeschichte des Tristan wird bei Wagner nur kurz erwähnt, bei Gottfried von Straßbug ist es eine lange Geschichte; beginnen wir mit Kapitel 10 über Morold aus Irland, der England und Kornwal zinspflichtig machte.  Seltsamerweise findet hier eine Art Knabenlese statt, wie sie später vor allem im osmanischen Reich praktiziert wurde; d.h. christliche Kinder wurden ihren Eltern weggenommen und zu Kriegsmaschinen, den berüchtigten Janitscharen, erzogen. Dagegen wollen sich Tristan und die Engländer wehren: "Der treibt mit Gottes Willen Spott, / Der sein freigeboren Kind / Dem Zwingherrn auszuliefern sinnt, / dass es in Knechtschaft schwebe / Und er in Freiheit lebe." Wie die Länder, die sich von den Türken befreit haben, so will auch Tristan sich "Im Kampf mit diesem Teufelsmann" befreien. [10] 

Auch hier kämpfen der christliche Gott und das Recht gegen das Unrecht: "Nun reiten Gott und Recht zur Stelle / Nach gerechtem Urtheile; / Ihrer Rotte zum Heile, / Ihren Feinden zum Falle." Nach langem Kampf wird Morold besiegt: "Der gerechte, wahre Gott, / Siehst du, duldet keinen Spott: / Er hat dein Unrecht wohl bedacht / Und Recht an mir zu Recht gebracht. / So mög er mein auch fürder pflegen: / Doch deine Hochfahrt ist erlegen. / ... Denn Morold starb verdienten Tod: / Nur seiner Kraft hatt er getraut, / Auf Gottes Hülfe nicht gebaut, / Und sein Ding zu allen Zeiten, / In allen seinen Streiten / Auf Gewalt und Hochfahrt nur gestellt; / In diesen ward er auch gefällt." Nur die Wunde, die Tristan sich zugezogen hat, stammt von seiner vergifteten Klinge. Die Arzneikunst, die diese Wunde heilen kann, ist nur bei Isolde in Irland zu finden. [11] 

"Was läng ich länger noch hieran?
Der landlose Tristan
Als der gen Cornwal wieder kam,
Eine Mär er allzuhand vernahm,
Die er ungern hat vernommen:
Von Irland wär gekommen
Morold der heldenstarke,
Und forderte von Marke
Mit kampflichen Handen
Den Zins von beiden Landen,
Von Cornwal und von Engelland.
Um diesen Zins wars so bewandt:
Der Englands Krone sonst besaß,
Wie ichs in der Historie las
Und die rechte Märe spricht,
Der hieß Gurmun und anders nicht,
Und war von Afrika geboren
Und sein Vater dort zum Herrn erkoren.
Als der verschied, da fiel das Land
An ihn und seines Bruders Hand,
Der Erbe war so gut als er.
Doch wuste Gurmun sich so hehr
Und trug so hoch seinen Mut,
Er mochte kein gemeines Gut
Mit einem andern Mann empfahn.
Ihn wies das Herz auf andre Bahn:
Er wär gern selbst ein Herr gewesen.
Da begann er zu erlesen
Die mut- und Ehrenfesten,
Zu aller not die Besten,
Die Jemand wust im Lande,
Ritter und Sarjande,
Die er mit seinem Gute
Oder höfischem mute
Bringen mocht in sein Geleit,
Und überließ zur selben Zeit
Seinem Bruder all sein Land.
So wandt er sich hinaus zuhand
Und erwarb auch bei den Römern bald,
Die der Welt geboten mit Gewalt,
Urlaub mit dem Bedinge:
Was seine Kraft bezwinge,
dass er darüber schalte,
Und ihnen nur behalte
Gewisse Recht' und Ehren.
Da mocht ihm Niemand wehren,
Er fuhr mit einem starken Heer
Über Land und über Meer
Bis er zu den Iren kam,
Deren Land er siegreich nahm
Und sie so bezwang im Streit,
dass sie, wenn auch unbereit,
Ihn zum Herrn und König nahmen
Und so in Knechtschaft kamen,
dass sie zu allen Zeiten
Mit Stürmen und mit Streiten
Ihm die Nachbarn halfen zwingen.

So einmal im Gelingen
Unterwarf er seiner Hand
Auch Cornewal und Engelland.
Marke war da noch ein Kind,
Unwehrhaft wie die Kinder sind:
So nahm er ab an seiner Kraft
Und ward Gurmunen zinshaft.
Auch half dabei Gurmunen sehr
Und lieh ihm Macht und Ehre mehr,
dass er Morolds Schwester freite:
Das half ihm, dass er Furcht verbreite.
Der ward da Herzog genannt
Und hätte gern ein Königsland
Selber auch besessen;
Denn er war gar vermessen
Und hatte Land und großes Gut,
Starken Leib und hohen mut.
So focht er Gurmuns Heer voraus.
Nun aber leg ich euch aus
Wie es mit dem Zinse stand,
Der den Iren ward gesandt,
Aus jedwedem Lande zwar:
Sie sandten hin das erste Jahr
Dreihundert Mark Messinges
Und keines andern Dinges;
Das andre Silber, das dritte Gold.
Im vierten aber kam Morold
Der Starke von Irlanden
Und wollte sein bestanden.
So wurden denn vor ihn gesandt
Aus Cornewal und Engelland
Die Baronen all und Großen.
Die gingen da zu loosen
In seinem Beisein, Wer von ihnen
Sein Kind ihm gäbe, das zu dienen
Geschickt wär nach den Jahren
Und kundig zu gebahren
Nach Zucht und edelm Hofgebranch,
Schönen Leibes nicht minder auch:
Nicht Mädchen, lauter Knäbelein,
Und der Knaben sollten dreißig sein
Aus jedwedem Lande,
Und sollte dieser Schande
Niemand mögen widerstehn,
Es müst im Zweikampf denn geschehn
Oder auch im Landgefecht.

Nun mochten sie zu ihrem Recht
Mit offner Gegenwehr nicht kommen,
Denn die Lande hatten abgenommen.
So war auch Morold so stark,
So erbarmungslos und arg,
dass Niemand wider ihn allda,
Der ihm in die Augen sah,
Verwagte Leben und Leib,
Ein Mann so wenig als ein Weib.
Und wenn der Zins für jedes Jahr
Nach Irland hingesendet war
Und nun das fünfte Jahr begann,
So musten beide Lande dann
Stäts zur Sonnenwenden
Romwärts solche Boten senden,
Die den Römern behagten,
Die dann den Boten sagten,
Welch Gebot und welchen Rat
Der gewaltige Senat
Auserdacht und festgestellt
Für ein jedes Volk der Welt,
Das den Römern pflichtig war.
Denn da las man ihnen jedes Jahr
Vor und ließ sie wissen,
Wie sie hinfort beflissen
Sollten sein, das Recht zu weisen
Nach Römerlandrecht, Römerweisen.
Sie mussten dann auch immer leben
Wie ihnen Lehre ward gegeben.
Dieser Zins ward hingesandt
Aus diesem wie aus jenem Land
Roma der Gebieterin
Bei jedes fünften Jahrs Beginn.
Doch boten sie ihr solche Ehr
Und diese Zinspflicht nicht so sehr
Um Rechtes noch um Gottes willen
Als um Gurmuns Zorn zu stillen.

lasst uns zurück zur Märe kommen.
Tristan hatte wohl vernommen
Dieses Leid zu Cornewal;
Auch hatt er früher manches Mal
Wohl gehört schon den Bericht
Wie es stand um dieses Zinses Pflicht.
Doch nun vernahm er alle Tage
Aus des Landvolkes Klage
Des Landes Leid und große Schmach,
Wohin er ritt dem Wege nach,
Vor Städten und Castellen.
Und als zu den Gesellen
Nach Tintajöl er jetzo kam,
Seht, da hört' er und vernahm
In Gassen und auf Straßen
Die Klage schallen solcher Maßen,
dass es ihm sehr zu Herzen ging.
Nicht lange währt' es, so empfing
Der Hof und König Mark die Märe,
dass Tristan angekommen wäre;
Des waren sie da Alle froh.
Froh, das mein ich aber so,
Das Maß lag in der Dinge Stand.
Denn die Besten, die man fand
Im ganzen Lande Cornewal,
Waren eben dazumal
Alle an den Hof gekommen
Zur Schande, wie ihr habt vernommen.
Die Edeln und die Großen
Gingen da zu loosen
Ihren Kindern, ach, zum Falle.
So fand sie Tristan Alle
Niederknieend zum Gebete,
Denn ein Jeder bat und flehte
Ohne Scham und unverborgen,
Laut weinend in den Sorgen,
Mit inniglichen Schmerzen
Des Leibes und der Herzen,
dass ihm Gott der milde
Beschirme und beschilde
Seinen Adel und sein Kind.

Wie sie so im Beten sind,
Kommt Tristan hergegangen.
Wie ward er da empfangen?
Das sag ich euch, der Wahrheit nach:
Tristan ward an diesem Tag
Unter alle dem Gesinde
Von keinem Mutterkinde,
Auch Marken nicht, mit Grüßen
Empfangen also süßen,
Als er doch sicher wäre
Ohne dieses Leid, das schwere.
Des nahm nun Tristan wenig wahr;
Doch trat er kecklich vor die Schar,
Der man die Loose zog und las,
Wo Morold und Marke saß,
»Ihr Herren«, sprach er allzumal,
»Wie ihr auch heißt in diesem Saal,
Die hieher zum Loose laufen,
Ihre edeln Kinder zu verkaufen:
Schämt ihr euch nicht der Schande,
Die durch euch geschieht dem Lande?
So mannhaft wie ihr allezeit
In allen Dingen wart und seid,
So solltet ihr euch selbst zugleich
Und dieses Land und euer Reich
Zu Ansehn bringen und zu Ehren
Und eure Ehren immer mehren;
Und wollt eure Freiheit nun,
Wie verzagte Wichte tun,
Euern Feinden vor die Füße legen
Und ihm schnöden Zins erlegen!
Und eure edeln Kindelein,
Die eure Wonne sollten sein,
Euer Lust und euer Leben,
Gebt und habt ihr hingegeben
Zu Schalken und zu Waisen,
Und könnt doch nicht erweisen,
dass euch not dazu bezwinge.
Denn hier brauchts nicht andre Dinge
Als ein Zweikampf und ein Mann;
Andre not hats nie getan.
Doch könnt ihr in dem ganzen Reich
Nicht Einen finden unter euch,
Der wider Einen Mann sein Leben
An die Wage wolle geben
Ob er bleibe oder siege.
Sei es auch, dass er erliege,
So mag doch wohl ein kurzer Tod
Und diese währende not
Im Himmel und auf Erden
Nicht gleich gewogen werden.
Geschieht es aber, dass er siegt
Und das Unrecht erliegt,
So ist ihm Ehr hienieden,
Dort Gottes Lohn beschieden.
Soll doch der Vater für sein Kind,
Da beide nur Ein Leben sind,
Das Leben geben. so wills Gott.
Der treibt mit Gottes Willen Spott,
Der sein freigeboren Kind
Dem Zwingherrn auszuliefern sinnt,
dass es in Knechtschaft schwebe
Und er in Freiheit lebe.#
Soll Ich euch Rat zu euerm Leben
Nach Gott und nach den Ehren geben,
So dünkt michs besser viel getan,
Ihr erwählt euch einen Mann,
Wo man ihn immer finde
Unter diesem Landgesinde,
Der den Kampf nicht braucht zu meiden
Und dem Glück es freistellt, zu entscheiden,
Ob er siege oder falle:
Den Kühnen bittet Alle,
Um Gotteswillen allermeist,
Und fleht, dass ihm der heilge Geist
Glück und Ehre gebe,
Auf dass er nicht erbebe
Vor Morold, weil er stark und groß;
Auf Gottes Macht vertrau er bloß,
Denn der verließ noch keinen Mann,
Der auf gerechte Dinge sann.
So geht zu Rat denn schnelle,
Beratet euch zur Stelle,
Wie ihr die Schande von euch kehrt
Und euch des Einen Manns erwehrt:
Nehmt von Geburt und Adel
So großer Schande Tadel.«

»Ach«, sprachen Alle zu Tristan,
»Viel anders stehts um diesen Mann,
Vor dem kann Niemand gedeihn.«
Tristan sprach: »lasst die Rede sein.
Gott zu Lieb besinnt euch noch:
Seid ihr von Geburt ja doch
Allen Köngen gleich entsproßen.
Aller Kaiser Genossen,
Und wollt nun eure edeln Kinder,
Die edel sind wie ihr, nicht minder,
Verhandeln und verkaufen
Und zu Eigenschalken taufen.
Und mögt ihr Keinen eurer Mannen
Hierzu erherzgen und ermannen,
dass er um eure not und Klage
Und des Landes Schmach und Niederlage
Kühnlich nach dem Rechte
In Gottes Namen fechte
Wider diesen Einen Mann,
Und geruhet ihr alsdann
dass ihrs an Gott stellt und an mich,
Fürwahr, ihr Herren, so will Ich
Meine Jugend und mein Leben
Mit Gott auf Abenteuer geben,
Und euch zu lieb den Kampf bestehn.
Gott lass ihn euch zu Gut ergehn
Und helf euch noch zum Rechte.
Geschieht es im Gefechte,
dass es mir am Glück gebricht,
Das schadet euerm Rechte nicht.
Find ich in dem Kampf den Tod,
Damit ist euer Aller not
Weder ab- noch angekehrt,
Nicht gemindert noch gemehrt,
Es steht noch wie es jetzo steht;
Und ists, dass es zum Heil ergeht,
Das kommt allein von Gotteswegen,
Und Gott verdankt allein den Segen.
Denn den ich soll bestehn allein,
Der ist, so sagt man allgemein,
So durch mut und Leibeskraft
In aller ernsten Ritterschaft
Ein lange her bewährter Mann:
Ich aber, dem nur erst heran
Der mut wächst und die Kräfte,
Bin zu des Kampfs Geschäfte
Noch nicht zu kürbar und so gut
Als uns not wohl jetzo tut;
Doch weiß ich im Gefechte
An Gott und an dem Rechte
Siegreiche Helfer bei mir stehn:
Die solln mit mir zum Kampfe gehn.
Auch hab ich willigen mut,
Der ist auch zum Kampfe gut:
Und helfen mir nur diese drei,
Wie unversucht ich anders sei,
So hab ich guten Trost dazu,
dass mir der Eine Mann nichts tu.«

»Herr«, sprach die ganze Ritterschaft,
»Die heilige Gotteskraft,
Die all die Welt geschaffen hat,
Die vergelt euch Trost und Rat.
Und der frohen Hoffnung Wahn,
Die ihr uns habt aufgetan.
Herr, lasst euch das Ende sagen:
Unser Rat hat wenig Frucht getragen.
Wollt unser Heil es uns gestatten,
So viel wie wirs versucht schon hatten
Und so oft als es begonnen ward,
So blieb es nicht auf heut verspart.
Wir haben nicht zu Einem Mal
Allein, wir hier in Cornewal,
Rat um unsre not gepflogen:
Wir sind auf manchen Tag gezogen
Und konnten, wie bedrängt wir sind,
Doch Keinen finden, der sein Kind
Nicht lieber wollt in Knechtschaft geben
Als in den Tod das eigne Leben
Im Kampf mit diesem Teufelsmann.«
»Wie sprecht ihr also?« sprach Tristan,
»Der Dinge sind doch viel geschehn:
Man hat oft Wunder gesehn,
Wie ungerechte Hochfahrt
Durch kleine Kraft geniedert ward.
Das möcht auch jetzt wohl noch geschehn,
Wagt' es Einer zu bestehn.«

Das hörte Morold all mit an:
Da verdroß ihm mächtig, dass Tristan
So eifrig nach dem Kampfe da
Verlangte, der so kindisch sah,
Und trug ihm drum im Herzen Hass.
Tristan sprach jedoch fürbass:
»Ihr Herren alle, redet nun,
Was ist euch lieb, dass ich soll tun?«
»Herr«, sprachen Alle insgemein,
»Möcht es immer also sein,
Die Hoffnung, die ihr uns gemacht,
dass die würde vollbracht,
So geschäh uns Allen nach Begehr.«
»Ist euch das lieb«, sprach wieder Er,
»Wohl, da es so auf diese Frist
Und mir vorbehalten ist,
Will es denn Gott gefallen,
So versuch ich, ob euch Allen
An meinen jungen Jahren
Gott Heil lässt widerfahren
Und ob mir selber blüht das Glück.«

Da zög ihn Marke gern zurück
Von so fährlichem Beginnen:
Er hofft es zu gewinnen,
Wenn ers ihn lassen hieße,
dass ers ihm zu Liebe ließe;
Nein, Gott weiß, dass er das nicht tat:
Wie er gebot und wie er bat,
Er konnt ihn nicht dazu bewegen,
dass er abstünde seinetwegen.
Er ging dahin, wo Morold saß,
Und redete darauf fürbaß:
»Herr«, sprach er zu ihm, »saget mir,
So helf euch Gott, was werbt ihr hier?«
»Freund«, sprach Morold da zur Stund,
»Was fraget ihr? euch ist wohl kund
Mein Gewerb und mein Begehr.«.
(...)

Hiemit ritt er ihn wieder an.
Nun spricht vielleicht ein kluger Mann
(Ich muss die Rede für ihn tun):
»Gott und Recht, wo sind sie nun,
Tristans Kampfgefährten?
dass sie ihm nicht Schutz gewährten,
Das muss mich Wunder nehmen.
Zeit wär es, dass sie kämen:
Ihre Rotte und ihr Orden
Ist gar schadhaft geworden.
Wenn sie nicht eilends kommen,
So kann es nicht mehr frommen;
Darum so kommt in Eil, denn hier
Reiten zweie gegen vier
Und streiten um das bloße Leben;
Das ist auch hingegeben
Schon dem Zweifel und dem Bangen.
Sollen sie noch Trost empfangen,
Wohlan, so sei es nur schnelle.«
Nun reiten Gott und Recht zur Stelle
Nach gerechtem Urtheile;
Ihrer Rotte zum Heile,
Ihren Feinden zum Falle.
Schon beginnen sie sich Alle
Gleichmäßig zu rottieren,
Vier entgegen vieren,
Und reiten Schar wider Schar.
Und Tristan als er gewahr
Wird seiner Kampfgesellen,
Fühlt mut und Stärke schwellen:
Ihm brachte die Genossenschaft
Neues Herz und frische Kraft.
Das Ross er mit den Sporen nahm,
So schnell er hergeschoßen kam,
dass er nach ganzer Herzenslust
Anstoßend mit des Rosses Brust
So auf den Gegner schnellte,
dass er zur Erd ihn fällte
Mit Ross und mit Allem;
Und als er von dem Fallen
Wieder auf die Füße kam
Und schon das Ross beim Zügel nahm,
Schlug Tristan, eh ers glaubte,
Ihm den Helm vom Haupte,
dass er hinflog über all den Plan.
Da lief ihn Morold wieder an:
Durch die Couvertüre schlug
Er Tristans Rosse weg den Bug,
dass es unter ihm darniederfiel.
Doch Er bedachte sich nicht viel.
Aus dem Sattel schwang er sich in Eil.

Morold der listige derweil
Den Schild zum Rücken kehrte
Wie ihn die Schlauheit lehrte,
Griff mit der Hand hernieder
Und nahm den Helm sich wieder.
Er hatt in seinen Listen
Gedacht sich so zu fristen:
Wenn er zu Rosse käme
Und den Helm zu Haupte nähme,
Auf Tristan ritt' er wieder an.
Als er nun den Helm gewann,
Nach dem Rosse lief er da
Und kam dem auch bereits so nah,
dass er mit der Hand den Zügel
Ergriff und schon im Bügel
Mit einem Fuße stand, gottlob;
Wie er da die Hand zum Sattel hob,
Da hatt ihn Tristan erflogen
Und schlug ihm auf dem Sattelbogen
Das Schwert weg samt der rechten Hand,
dass sie beide fielen auf den Sand
Mit den Ringen alle;
Und über diesem Falle
Gab er ihm wieder einen Schlag,
Der, wo des Helmes Kuppe lag,
So mächtig fuhr hernieder,
dass er nur schartig wieder
Seine Waffe zog zurück,
Indem des Schwerts ein kleines Stück
In dem Hirnschädel blieb,
Das denn in Ängste später trieb
Tristanden und in große not:
Es bracht ihm nahezu den Tod.

Morold, das trostlose Heer,
Als er ohne Kraft und Wehr
Hinging mit taumelndem Schritt
Und schon schier zu Boden glitt,
»Wie nun, wie nun«, sprach Tristan,
»Helf dir Gott, Morold, sag an,
Ist dir diese Märe kund?
Mich dünkt, du bist auch übel wund;
Nicht zum Besten scheints um dich zu stehn.
Was mit Meiner Wunde mag geschehn,
Dir wäre guter Würze not.
Was deine Schwester je, Isot,
Von Arzneikunst hat gelesen,
Das wird dir not, willst du genesen.
Der gerechte, wahre Gott,
Siehst du, duldet keinen Spott:
Er hat dein Unrecht wohl bedacht
Und Recht an mir zu Recht gebracht.
So mög er mein auch fürder pflegen:
Doch deine Hochfahrt ist erlegen.«
(...)

Denn Morold starb verdienten Tod:
Nur seiner Kraft hatt er getraut,
Auf Gottes Hülfe nicht gebaut,
Und sein Ding zu allen Zeiten,
In allen seinen Streiten
Auf Gewalt und Hochfahrt nur gestellt;
In diesen ward er auch gefällt." - Gottfried von Straßburg, Tristan und Isolde, X
 
 

5. Wirksame Arzneien für Tristan, Harfenklang, Himmelschöre

Wirksame Arzneien zu finden ist immer noch aktuell, gerade in Zeiten in denen den Menschen mit gentechnisch veränderten Medikamenten und Impfstoffen Heilung vorgegaukelt wird: "Nach Ärzten wurde gesandt, / Den allerbesten, die man fand / In Burg und Städten fern und nah./ Als die beisammen waren da, / Sie wandten allen Fleiß und Sinn / Und ärztliche Kunst auf ihn: / Was halfs, was war damit gethan? / Er war noch um nichts besser dran. / Was sie von Heilkunst insgemein / Wussten und von Arzenein, / Das konnt ihm keine Hilfe schaffen". Die Wunde, die Tristan sich zugezogen hat, stammt von einer vergifteten Klinge. Die Arzneikunst, die diese Wunde heilen kann, ist nur bei Isolde in Irland zu finden. [12] 

In Irland angekommen, lobt er Christus und erzählt er sei von Seeräubern ausgeraubt worden; nun suche er einen Arzt für seine Wunde: »Des lob ich meinen Heiland, / dass ich doch unter Leuten bin. / Denn Jemand find ich wohl darin, / Der ein gutes Werk an mir begeht / Und mir als Arzt zur Seite steht.« Die Boten der Königin berichten: "Schon eh sie hingekommen, / Aus der Ferne vernommen / Also süßen Harfenklang / Und zu der Harfe solchen Klang, / Gott möcht ihn gerne hören / In seinen Himmelschören; / Und sagten: »In dem Schifflein saß / Ein armer Märtrer leichenblass, / Ein todwunder Spielmann: / Geht hin, ihr seht es ihm wohl an, / Er stirbt morgen oder heute noch, / Und in der Marter hat er doch / Sich so frischen mut bewahrt, / Wenn ihr durch alle Reiche fahrt, / Ihr findet doch wohl nicht den zweiten, / Der so viel Widerwärtigkeiten / Erträgt mit so gelassnem Sinn." [13] 

"Nach Ärzten wurde gesandt,
Den allerbesten, die man fand
In Burg und Städten fern und nah.
Als die beisammen waren da,
Sie wandten allen Fleiß und Sinn
Und ärztliche Kunst auf ihn:
Was halfs, was war damit gethan?
Er war noch um nichts besser dran.
Was sie von Heilkunst insgemein
Wussten und von Arzenein,
Das konnt ihm keine Hilfe schaffen,
Denn das Gift war so beschaffen,
Sie wusstens von der leiden
Wunde nicht zu scheiden
Bis es den ganzen Leib einnahm,
Der eine Farbe bekam,
Bleich und fahl, dass ihn beinah
Nicht mehr erkannte, wer ihn sah.
Auch ging nun von der Wunde gar
Ein Geruch, der so abscheulich war,
dass ihm das Leben ward zur Last
Und der eigne Leib verhasst.
Das war sein gröstes Ungemach,
Denn er beschwerte nach und nach,
Er musst es selbst wohl gewahren,
Die Freunde, wenn sie bei ihm waren.
Nun verstand er mehr und mehr
Morolds Rede. Oft vorher
Hatt er wohl auch vernommen
Wie schön und wie vollkommen
Die Schwester Morolds wäre.
Es flog von ihr die Märe
Weithin durch alle Gauen.
Stäts hieß es von den Frauen:
Die weise Isot, die schöne Isot,
Die leuchtet wie das Morgenrot.

Hieran gedachte Tristan
Allzeit, der kummervolle Mann,
Und wusste wohl, sollt er genesen,
So möcht er andres nichts erlesen
Als ihre kunstbegabte Hand,
Die diese Kunst allein verstand,
Die sinnreiche Königin.
Doch wollt ihm noch nicht in den Sinn,
Wie die sein sollte pflegen.
Doch begann er zu erwägen,
Da der Tod ihm doch nicht fehle,
dass er dann besser wähle,
Den Leib zu wagen auf den Tod
Als diese tödliche not.
Da setzt' er sich es in den Sinn,
Er wolle wahrlich dahin,
Es ergeh ihm wie Gott wolle:
Er genese, wenn er solle.
(...)
Als der Abend kam heran,
Zu ihrer Fahrt bestellte man
Eine Barke und ein Schifflein,
Und brachte Vorrat hinein
An Nahrung und an Speise,
Und an Bedarf zur Reise.
Da ward mit vielen Klagen
Tristan hineingetragen
So heimlich und so leise,
dass von des Armen Reise
Niemand wust in aller Welt
Als Die man auch dahin bestellt.
Seinem Oheim befahl
Er da getreulich manchesmal
Sein Gesind und all sein Ding,
dass seines Gutes nicht ein Ring
Von dem andern käme
Bis man von ihm vernähme
Unzweifelhafte Märe
Wie es ergangen wäre.
Seine Harfe ließ er kommen;
Die wurde mitgenommen
Und seiner Habe sonst nichts mehr.
(...)
Die Boten fuhren nun dahin
Und huben an in Develin
Von dieses Spielmanns Sachen
Das Wunder groß zu machen.
Sie sagten, ihnen wäre
Gar seltsame Märe
Widerfahren an dem Mann;
Nach seinem Aussehn möge man
Sich nimmer Des zu ihm versehn.
Sie hätten, und so wars geschehn,
Schon eh sie hingekommen,
Aus der Ferne vernommen
Also süßen Harfenklang
Und zu der Harfe solchen Klang,
Gott möcht ihn gerne hören
In seinen Himmelschören;
Und sagten: »In dem Schifflein saß
Ein armer Märtrer leichenblass,
Ein todwunder Spielmann:
Geht hin, ihr seht es ihm wohl an,
Er stirbt morgen oder heute noch,
Und in der Marter hat er doch
Sich so frischen mut bewahrt,
Wenn ihr durch alle Reiche fahrt,
Ihr findet doch wohl nicht den zweiten,
Der so viel Widerwärtigkeiten
Erträgt mit so gelassnem Sinn.« - Gottfried von Straßburg, Tristan und Isolde, XI
 

6. Kunst und Wissenschaft

Tristan wird von Isolde geheilt und er bringt ihr das Harfenspiel bei und lehrt sie schreiben, lesen, Kunst, Wissenschaft und Philosophie. Tristan und Gottfried von Straßburg waren durchaus bewandert in der bis dahin bekannten Scholastik, der Philosophie des Aristoteles und Platon. Wie Alexander der Große seiner Roxane die griechische Philosophie beibrachte, so hat Tristan Isolde in mittelalterlicher Kunst und Wissenschaft unterwiesen: "Unter allen diesen Lehren / Hielt er sie zu Einer an, / Die man Moral benennen kann: / Sie lehrt uns schöne Sitten./ Sich der zu fleißen bitten / Soll man die Jungfraun allzumal. / Die süßen Lehren der Moral / Sind so selig und rein, / dass sie mit Gott so viel gemein / Haben als mit dieser Welt. / Wer der Moral Gebote hält / Mag der Welt und Gott gefallen. / Sie ist den edeln Herzen allen / Zu einer Amme gegeben, / dass sie Nahrung und Leben / Schöpfen aus ihrer Lehre, / Denn sie haben Gut noch Ehre, / Wenn sie Moral nicht unterweist. / Der Lehre fliß sich zumeist / Isot die junge Königin: / Damit schulte sie den Sinn / Und die Gedanken immerdar, / Bis sie gar wohl gesittet war, / Rein ihr Herz und schön ihr Mut / Und ihr Gebahren süß und gut."  [14] 
 

"Diese Kunde ward vernommen
In der ganzen Stadt zu Develin;
Man sah sie scharenweise ziehn
Und sein Ungemach beklagen.
Nun geschahs in diesen Tagen,
dass ein Pfaffe zu ihm kam
Und seine große Kunst vernahm
Im Spielen und im Singen;
Er selbst war in den Dingen
Nicht so ohne Meisterschaft:
Denn er versuchte seine Kraft
An jeglichem Saitenspiel
Und konnt auch fremder Sprachen viel.
An Kunst und höfischem Fug
Hatt er seiner Zeit genug
Verwandt und allen feinen Sinn.
Er war Isold, der Königin,
Meister und ihr Ingesind
Und hatte sie schon früh als Kind
Gewitzigt nach Begehren
In allen guten Lehren,
Und manche fremde Wissenschaft
Hatt ihr sein Unterricht verschafft.
Auch lehrt' er ihre holde
Tochter Isolde,
Die erwünschteste Magd,
Von der die Welt viel Wunder sagt
Und von der auch diese Mären sind.
Sie war ihr einziges Kind:
Drum hatte sie von Anbeginn
Auf sie verwendet Fleiß und Sinn,
dass sie mit Hand und Munde
Erlerne gute Kunde;
Die hatt er auch in seiner Pflege
Und gab ihr Unterricht allwege
In Büchern und im Saitenspiel.

Als der an Tristan so viel Fug
und höfsche Kunst ersah,
Sein Ungemach erbarmt' ihn da
Von ganzem Herzen inniglich.
Da säumt' er auch nicht länger sich,
Er ging die Königin an
Und sagt' ihr, wie ein Spielmann
Bei einem Arzt verkehre,
Der recht ein Märtrer wäre
Und lebendgen Leibes tot
Und doch so heiter in der not
Und in allen Künsten auserkoren
Wie je ein Mann vom Weib geboren.
»Doch«, sprach er, »edle Königin,
Brächt ichs mit Bitten doch dahin,
dass wir darauf gedächten,
Wie wir dahin ihn brächten,
Wohin ihr schicklich kämet
Und das Wunder vernähmet,
dass ein sterbender Mann
Noch so lieblich spielen kann
Und süße Lieder singen,
Und nichts doch will gelingen
Was man zu seinem Heil ersinnt,
Denn er ist des Todes Kind.
Der Arzt, in dessen Haus er lag
Und der sein pflag bis diesen Tag,
Der hat ihn aufgegeben,
Denn er fristet ihm das Leben
Nicht mit allem Fleiß und Sinn.«

»Sieh«, sprach die weise Königin,
»Ich will den Kämmerlingen sagen
(Kann er anders es vertragen,
Wenn Hände ihn berühren
Und von der Stelle führen),
dass man ihn zu uns bringe,
Ob bei dem Stand der Dinge
Vielleicht noch Hülfe fromme,
dass er zu Kräften komme.«

Dieß ward getan und dieß geschah.
Als da die Königin ersah,
Wie es um sein Übel stand,
Und der Wunde Farbe hatt erkannt,
Da sah sie wohl das Gift daran.
»Ach, armer Spielmann«, hub sie an.
»Von Gifte bist du also wund.«
»Ich weiß nicht«, sprach des Kranken Mund:
»Ich kann nicht wissen, was es sei;
Doch da mir alle Arzenei
Nicht helfen mag, dass ich entrinne,
So weiß ich nicht was ich beginne
Als dass ich mich Gott ergebe
Und so lang ich möge, lebe.
Wer aber Gnad an mir begeht,
Da es so ängstlich um mich steht,
Dem lohne Gott. Hülf ist mir not:
Ich bin lebendgen Leibes tot.«

Die Weise sprach ihm wieder zu:
»Sag an, Spielmann, wie heißest du?«
»Frau, ich heiße Tantris.«
»Tantris, so wiße für gewiss,
dass meine Hand dich heilen soll.
Sei fröhlich und gehab dich wohl,
Ich selbst bin deine Ärztin.«
»Dank dir, süße Königin:
Deine Zunge grüne immer,
Dein Herz ersterbe nimmer,
Deine Weisheit möge ewig leben,
Den Hülflosen Hülfe geben;
Dein Name mög auf Erden
Allzeit gefeiert werden.«
»Tantris«, sprach zu ihm Isot,
»Wärs dir möglich in der not,
Da du so sehr entkräftet bist,
Wie kein Wunder an dir ist,
So hört ich gerne Harfenspiel;
Des kannst du, hör ich sagen, viel.«
»Nein, Herrin, sprechet also nicht:
Wie sehr mir auch die Kraft gebricht,
Doch thu und kann ich Alles wohl,
Womit ich euch gefallen soll.«

Nach seiner Harfe ward gesandt,
Auch besandte man zuhand
Die junge Königin Isot,
Der Minne Siegel frisch und rot,
Mit dem seitdem versiegelt
Sein Herz ward und verriegelt
Vor der Welt insgemein,
Nur vor ihr nicht ganz allein.
Als die Königin gekommen war,
Da nahm sie fleißiglich wahr
Wie Tristan saß am Harfenspiel.
Da harft' er auch noch besser viel
Als er je zuvor getan,
Denn ihm verhieß ein lieber Wahn
Seines Unheils baldges Ende.
Er sang und harfte so behende,
Nicht wie ein lebloser Mann.
Er fing es lebenskräftig an
Und wie der Wohlgemute tut,
Und macht' es vor den Zwein so gut
Mit Händen und mit Munde,
dass er in kurzer Stunde
Ihre Huld so völliglich gewann,
dass ihm ward, worauf er sann.
Doch, wurden sie des Spieles froh
Hier sowohl als anderswo,
So blieb die leidge Wunde doch,
Die so unerträglich roch,
dass vor der Widerwärtigkeit
Niemand aushielt lange Zeit.

Wieder sprach die Königin:
»Tantris, kommt es erst dahin,
dass es also mit dir steht,
dass der Geruch an dir vergeht,
Und Jemand bei dir bleiben kann,
So befehl ich dir an
Isolden hier, die junge Maid.
Sie hat viel Müh verwandt und Zeit
Auf Bücher und auf Saitenspiel,
Und kann von beiden ziemlich viel.
Gemäß der Zeit und kurzen Frist
Die sie dabei gewesen ist:
Hast du nun größre Meisterschaft
In Kunst oder wissenschaft
Als ihr Meister oder ich,
Die lehre sie, so freust du mich.
Dafür will ich dir Leben
Und Leib zu Lohne geben,
dass sie gesund und blühend sei'n:
Das kann ich geben und verleihn,
Beides steht in meiner Hand.«

»Ja, ist es also bewandt«,
Sprach der sieche Spielmann,
»dass ich mich also fristen kann,
Und durch mein Spiel genesen soll,
Ob Gott will, so genes ich wohl.
Herrin, selge Königin,
Wenn euch also der Sinn
Steht, wie ihr mir habt gesagt,
Und eurer Tochter, der Magd,
So getrau ich wohl noch zu genesen.
Der Bücher hab ich gelesen
In solcher Maß und also viel,
dass ich mir getrauen will,
Ich dien euch wohl zu Dank an ihr.
Dazu so weiß ich auch an mir,
dass meines Alters kaum ein Mann
Mehr edler Saitenspiele kann.
Was sonst noch euer Wunsch geruht,
So wie ihr mirs zu wissen tut
Ist es alsobald getan,
Mich hindre denn die Unmacht dran.«
(...)
So ging die junge Königin
Nun stäts zu seinem Unterricht,
Und Fleiß und Zeit gereut' ihn nicht
Auf seine Schülerin zu wenden.
Die Fertigkeit in den Händen
Sowohl als schulgerechtes Spiel,
Was ich nicht schärfer sondern will,
Zeigt' er gern ihr allzumal,
dass sie nach eigener Wahl
Daraus zur Lehre nähme
Was ihr zu Statten käme.
Isot. die schöne, war wohl klug,
Ihr war das Beste gut genug,
Was sie unter seinen Künsten fand:
Des unterwand sie sich zuhand
Und wandte Fleiß bei Allem an
Was sie in der Welt begann.
Auch mocht ihr wohl frommen
Was sie früher vernommen
Und von Künsten hatt erfahren
Und höfischem Gebahren.
Sie war geschickt mit Mund und Hand.
Das schöne Mägdlein verstand
Ihre Develiner Sprache fein,
Dazu Französisch und Latein;
Sie konnt in welscher Weise
Fiedeln laut und leise;
Mit den Fingern konnte
Isot, wenn sies begonnte,
Gar wohl die Leier rühren
Und auf der Harfe führen
Den Ton, dass er das Herz beschlich;
Auf und ab behendiglich
Ließ sie die Noten gleiten;
Auch sang sie in die Saiten
Gar wohl aus süßem Munde.
Jedoch zu all der Kunde
Mocht ihr noch sehr zum Frommen
Des Spielmanns Lehre kommen,
Ihr Kunst und wissen mehren.

Unter allen diesen Lehren
Hielt er sie zu Einer an,
Die man Moral benennen kann:
Sie lehrt uns schöne Sitten.
Sich der zu fleißen bitten
Soll man die Jungfraun allzumal.
Die süßen Lehren der Moral
Sind so selig und rein,
dass sie mit Gott so viel gemein
Haben als mit dieser Welt.
Wer der Moral Gebote hält
Mag der Welt und Gott gefallen.
Sie ist den edeln Herzen allen
Zu einer Amme gegeben,
dass sie Nahrung und Leben
Schöpfen aus ihrer Lehre,
Denn sie haben Gut noch Ehre,
Wenn sie Moral nicht unterweist.
Der Lehre fliß sich zumeist
Isot die junge Königin:
Damit schulte sie den Sinn
Und die Gedanken immerdar,
Bis sie gar wohl gesittet war,
Rein ihr Herz und schön ihr Mut
Und ihr Gebahren süß und gut.

So kam die junge süße Maid
Zu solcher Vollkommenheit
In wissen und Betragen
In des halben Jahres Tagen,
dass von ihrer Seligkeit
Das Land erfüllt war weit und breit,
Und ihr Vater daran
Sich höchlich zu erfreun begann;
Auch die Mutter freut' es inniglich.

Nun fügt' es unterweilen sich,
Wenn ihr Vater fröhlich war,
Oder fremder Ritter Schar
Zu Hofe vor dem König saß,
dass Isot in den Pallas
Vor ihrem Vater ward gesandt.
Was da der Schönen war bekannt
Von schöner Kunst und Höfischkeit,
Damit kürzte sie die Zeit
Ihm und dem ganzen Kreiß der Leute:
Denn womit sie ihren Vater freute,
Des freuten sie sich all zugleich.
Hoch und Nieder, Arm und Reich
Hatten an ihr beide
Eine selge Augenweide,
Der Ohren wie der Herzen Lust:
Außer- und innerhalb der Brust
War ihre Lust Isolde.
Die reine, die holde,
Sie schrieb und las, sie sang und spielte:
Der Andern Freude nur erzielte
Sie mit den Melodieen.
Sie fiedelt' ihre Stampenieen,
Ihre Leich' und fremden Nötelein,
Die nicht fremder konnten sein,
In französischer Weise
Sanz und St. Denis zu Preise;
Der Leiche wuste sie gar viel.
Ihr Leier- und ihr Harfenspiel
Schlug sie zu beiden Seiten hin
Mit den Händen blank wie Hermelin,
dass alle Welt sie priese:
In Lut und in Thamise
Schlugen Frauenhände nie
Die Saiten süßer als sie.
La duze Isot la bele
Sang ihre Pastorele,
Ihr Rotruwansch, Rundate,
Schanzun, Refloit, Folate
Wohl und wohl und allzu wohl,
Denn viel der Herzen wurden voll
Mit sehnlichem Trachten:
Viel Trachten ward und Schmachten
Von ihrem Spiel hervorgebracht,
Und Gedanken wunderviel gedacht,
Wie ihr wohl wisset, dass geschieht,
Wo man ein solches Wunder sieht
Von Schönheit und von Höfischkeit
Wie an Isold der schönen Maid.
(...)
So ward die schöne Magd Isot
Seit sie in Tristans Lehre war
Gefördert in dem halben Jahr:
Rein und schön war nun ihr Mut
Und ihr Gebahren süß und gut.
Sie konnte fertig schönes Spiel,
Sie konnte Fertigkeiten viel,
Briefe und Schanzonen dichten,
Die Gedichte sauber schlichten,
Sie konnte schreiben und lesen.

Nun war auch Tristan genesen
Seines Übels ganz und gar,
dass seine Farbe wieder klar
Und lauter ward sein Angesicht.
Da ließ von ihm die Sorge nicht,
dass Einer aus dem Heere
Erkennte wer er wäre;
Und lag ihm stäts im Sinne,
Wie er es nun beginne,
dass er Urlaub nähme
Und aus den Sorgen käme.
Er dachte, würden sie es innen,
Ihm möchten beide Königinnen
Schwerlich jemals Urlaub geben,
Und wuste also, dass sein Leben
Stäts in der Ungewissheit not
Bangen muüse vor dem Tod.
Da ging er zu der Königin
Und begann der Rede Sinn
So schön zu zieren dorten
Als stäts vorher mit Worten.
Er kniete vor sie hin und sprach:
»Frau, die Hülf und das Gemach,
Die eure Gnade mir erwies,
Die lass euch Gott im Paradies
Zu Statten kommen immerdar.
Ihr habt so seliglich fürwahr
An mir gehandelt und so wohl,
dass es Gott euch immer lohnen soll
Und ichs euch stäts gedenken will
Bis an meines Lebens Ziel,
Wo und wie ich armer Mann
Nur eure Ehre fördern kann.
Mag es, selge Köngin, rein
Nun mit euern Hulden sein
So kehr ich heim zu meinem Land,
Denn so ists um mich bewandt,
dass ich nicht länger bleiben kann.«

Da lachte ihn die Herrin an:
»Wie dein Mund auch schmeichelnd spricht«,
Sprach sie, » Urlaub wird dir nicht.
Du kommst von hinnen fürwahr
Nicht ehe sich erfüllt das Jahr.«
»Nein!« sprach er, »edle Königin,
Seht gnädig an in euerm Sinn,
Wie es um Gottes Ehe
Und Herzensliebe stehe!
Daheim hab ich ein ehlich Weib,
Die minn ich wie den eignen Leib,
Und weiß, dass sie gewisslich glaubt
Und kaum zu zweifeln sich erlaubt,
Ich sei gestorben längst und tot;
Das schafft mir Angst und große not:
Denn wird sie anderm Mann gegeben,
So ist mein Trost und mein Leben
Und all die Freude dahin,
Nach der sich sehnt mein Herz und Sinn,
Und werd ich nimmer wieder froh.«
»In Treuen«, sprach sie, » steht es so,
Tantris, das ist ehhafte not:
Es soll nach Gottes Gebot
Solche Liebe Niemand scheiden.
So gnade Gott euch Beiden,
Deinem Weibe denn und dir.
Gar ungern lass ich zwar von dir,
Doch will ich dein um Gott entbehren.
Ich muss dir Urlaub gewähren
Und bleibe dir geneigt und hold.
Ich und die junge Isold
Wir geben dir zur Reise
Und zu deines Leibes Speise
Zwei Mark von rotem Golde:
Die nimm dir von Isolde.«
Da dankt' er für die Spende
Und faltete die Hände
(Des Leibes und der Sinnen)
Den beiden Königinnen,
Der Mutter und der jungen Magd.
»Euch Beiden«, sprach er, »sei gesagt
Ehr und Dank von Gott und mir.«
Da säumt' er auch nicht länger hier:
Er fuhr alsbald gen Engelland
Und von England allzuhand
Wandt er sich gen Cornwal heim.

Als Marke nun, sein Oheim,
Und all das Volk im Land vernahm,
dass er genesen wiederkam,
Sie wurden alle zumal,
So weit der König befahl,
Von Herzen froh und freudenreich.
Sein Freund der König fragt' ihn gleich
Wie es ihm ergangen wäre;
Da sagt' er ihm die Märe
Aus dem beredtem Munde
Von Oben bis zu Grunde.
Des nahm sie Wunder Alle
Und begannen in der Halle
Zu scherzen und zu lachen
Und ein großes Fest zu machen,
Aus seiner Fahrt nach Irland,
Und wie ihn seiner Feindin Hand
Gesund muüsen machen
Und von allen Sachen,
Die ihm begegnet waren.
Sie hätten nie erfahren
So ergetzliche Geschichte." - Gottfried von Straßburg, Tristan und Isolde, XI
 
 

7. Durch Isoldes Medizin und Wissenschaft geheilt; Drachenkampf

Tristan ist geheilt und fühlt sich tatkräftig wie Alexander der Große; er hatte Isolde in mittelalterlicher Kunst und Wissenschaft unterwiesen: "Wer da in dem Kreise saß / Und in sein Herz die Worte las, / Dem versüßt' es sein Gemüte / Wie des Maien Tau die Blüte: / Sie gewannen Alle frohen Mut. / Tristan, der Jüngling wohlgemut, / Begann nun wieder aufzuleben: / Das Leben war ihm neu gegeben, / Er war ein neugeborner Mann." Aber da er kein König wie Alexander war, konnte er die Königin Isolde schlecht für sich werben. Das Verhängnis nahm seinen Lauf als er Isolde für König Marke werben soll [15] 

Dazu muss Tristan einen Drachenkampf bestehen: "Zu Frieden ist Tristan gekommen; / Doch hat noch Niemand vernommen, / Wie er die Braut gedenkt zu holen: / Das bleibt euch länger nicht verhohlen / Eh euch die Geduld gebricht. / Diese Märe sagt und spricht / Von einem Serpande, / Der damals haust' im Lande. / Diese leide Teufelsschlange / Hatte Land und Leute lange / Mit so schädlichem Schaden / So schädlich überladen, / dass der König einen Eid / Bei königlicher Sicherheit / Geschworen hatte, wer das Leben / Ihm nahm, sein Kind woll er ihm geben / Wär er von ritterlichem Stand. / Als dieß Verheißen ward bekannt, / Verloren Tausende den Leib / Um das wonnigliche Weib, / Die hin zum Kampfe kamen / Und da ihr Ende nahmen; / Der Märe war ganz Irland voll. / Auch unser Tristan wust es wohl: / Das gab ihm Mut und trieb ihn an, / dass er diese Fahrt begann: / Darauf stand seine Zuversicht; / Andre Hoffnung hatt er nicht. / So wäre Zeit denn, dass ers wagte." [16] 

Tristan rüstet sich zum Kampf und reitet zum "Höllenspalt", wo der Drache haust. An den fliehenden Rittern merkt er, dass es nicht mehr weit ist: "Tristan ward gar wohl gewahr / An der fliehenden Schar, / Der Drache wär nicht weit von dort. / Da ritt er seines Weges fort / Und ritt nicht lange bis er da / Seiner Augen Ungemach ersah, / Den scheuslichen Drachen; / Der warf aus seinem Rachen / Rauch und Flammen, glühen Wind, / Recht so wie des Teufels Kind, / Und fuhr gerad auf ihn daher."  [17] 

Nach langem Kampf stirbt der Drache nicht ganz geräuschlos: "Einen Schrei so donnerstimmig, / So greulich und so grimmig / Aus seinem schnöden Schlunde, / Als ging' die Welt zu Grunde; / dass von dem mordlichen Schall / Das Tal erdröhnt' im Widerhall / Und Tristan selber sehr erschrak." Tristan zieht sich erschöpft zurück.  [18] 

In der Zwischenzeit hat ein anderer Ritter, der Truchsess der Königin, den toten Drachen gefunden und will sich nun selbt als Drachentöter ausgeben. Dazu lässt er den Kopf des Drachen verladen; allerdings hatte Tristan vorher die Zunge des Drachen mitgenommen. Im Palst angekommen erklärt sich der Truchsess als Sieger. Die Königin will sich aber selbst überzeugen und findet den eigentlichen Drachentöter. Zum Truchsess "dagegen sprach die Königin: / »Wahrlich, Truchsess, dein Sinn / Ist gar witzig und schlau. / Wer deine Reden genau / Zu prüfen weiß, der sieht wohl ein, / Sie sind in einem Kämmerlein, / In der Frauen Heimlichkeit erdacht. / Auch hast du sie so vorgebracht, / Wie ein Frauenritter soll. / 
Du kennst der Frauen Art gar wohl / Und bist so tief hinein gekommen, / Der Männer Art ist dir benommen."  [19] 
 

"Zu Frieden ist Tristan gekommen;
Doch hat noch Niemand vernommen,
Wie er die Braut gedenkt zu holen:
Das bleibt euch länger nicht verhohlen
Eh euch die Geduld gebricht.
Diese Märe sagt und spricht
Von einem Serpande,
Der damals haust' im Lande.
Diese leide Teufelsschlange
Hatte Land und Leute lange
Mit so schädlichem Schaden
So schädlich überladen,
dass der König einen Eid
Bei königlicher Sicherheit
Geschworen hatte, wer das Leben
Ihm nahm, sein Kind woll er ihm geben
Wär er von ritterlichem Stand.
Als dieß Verheißen ward bekannt,
Verloren Tausende den Leib
Um das wonnigliche Weib,
Die hin zum Kampfe kamen
Und da ihr Ende nahmen;
Der Märe war ganz Irland voll.
Auch unser Tristan wust es wohl:
Das gab ihm Mut und trieb ihn an,
dass er diese Fahrt begann:
Darauf stand seine Zuversicht;
Andre Hoffnung hatt er nicht.
So wäre Zeit denn, dass ers wagte.

Des andern Morgens, als es tagte,
Waffnet' er sich also wohl,
Als ein Mann in Nöten soll.
Ein starkes Ross bestieg er leicht;
Darauf ward ihm ein Sper gereicht,
Der groß war und feste,
Der stärkste und der beste,
Den man in dem Kiele fand.
Dann ritt er seines Wegs durchs Land
Über Feld und Gefilde
Und nahm in der Wilde
Manchen Weg durch Berg und Tal.
Als heißer ward der Sonnenstral,
Trieb er das Ross mit Sporen an
Und ritt ins Tal Enfer genant,
Das heißt zu deutsch im Höllenspalt:
Da war des Drachen Aufenthalt.
(...)
Tristan ward gar wohl gewahr
An der fliehenden Schar,
Der Drache wär nicht weit von dort.
Da ritt er seines Weges fort
Und ritt nicht lange bis er da
Seiner Augen Ungemach ersah,
Den scheuslichen Drachen;
Der warf aus seinem Rachen
Rauch und Flammen, glühen Wind,
Recht so wie des Teufels Kind,
Und fuhr gerad auf ihn daher.
Tristan senkte seinen Sper,
Das Ross er mit den Sporen nahm,
Indem er hergeschoßen kam
Und mit dem Spere nach ihm stach,
dass der ihm durch den Rachen brach
Und bis aufs Herz hernieder schoß,
Dieweil er selber mit dem Ross
So heftig auf den Drachen stieß,
dass er das Ross tot liegen ließ
Und Er lebendig kaum entrann.
Der Drache fiel es wieder an
Mit Schnauben und mit Feuer,
dass es das Ungeheuer
Bis an den Sattel hin verzehrte.
Der Sper jedoch, der ihn versehrte,
Ängstigte den Drachen so,
dass er von dem Rosse floh
Und in ein Steingeklüfte glitt.

Tristan, sein Kampfgeselle, ritt
Ihm hurtig nach auf seiner Spur,
Indes voraus sein Opfer fuhr
Und so im Unmut brüllte,
dass es den Wald erfüllte
Mit grauenvoller Stimme
Und Büsche viel im Grimme
Verbrannt' und aus der Erde schlug.
Das trieb er lange genug,
Bis der Schmerz ihn überwand,
dass er unter einer Felsenwand
Sich in der Nähe drückte.
Tristan das Schwert erzückte
Und wähnt', er wär zum Tod verletzt:
Nein, er ward furchtbarer jetzt,
Denn er zuvor gewesen.
Doch hofft' er zu genesen
Und griff den Drachen wieder an;
Der Drache wiederum den Mann,
Und bracht ihn in so große Not,
Er wähnte schon, er wäre tot.
Er ließ zu keiner Wehr ihn kommen:
Er hatt ihm ganz und gar benommen
So die Streiche wie die Wehr.
Er war ihm an sich selbst ein Heer:
Er führte mit sich in den Kampf
Ja den Rauch und den Dampf
Nebst andrer Hülf und Steuer
An Streichen und an Feuer,
An Zähnen und an Griffen;
Die waren wohlgeschliffen
Und schnitten wohl noch besser
Als das allerschärfste Messer.
Mit diesen trieb er quer und krumm
In großer Not ihn um und um.
Er wich von Baum zu Busche
Nur dass er sich vertusche
Und hüte seines Lebens;
Denn Kampf war hier vergebens.
Und doch hatt er ihn so sehr
Versucht mit Kehr und Wiederkehr,
dass ihm der Schild vor der Hand
Schier zu Kohlen war verbrannt;
Denn mit Feuer griff der Feind ihn an,
dass er kaum vor ihm entrann.

Doch währt' es nicht mehr lange,
Die mordliche Schlange
musste wider Willen dran,
dass sie zu taumeln begann
Denn so schmerzte sie der Spieß,
dass sie sich wieder niederließ
Und wand sich angst und bange.
Tristan verzog nicht lange,
Im Fluge ritt er daher
Und stach das Schwert zu dem Sper
Ihm ins Herz bis an die Hand.
Da stieß der leide Serpant
Einen Schrei so donnerstimmig,
So greulich und so grimmig
Aus seinem schnöden Schlunde,
Als ging' die Welt zu Grunde;
dass von dem mordlichen Schall
Das Tal erdröhnt' im Widerhall
Und Tristan selber sehr erschrak.
Als nun das Scheusal vor ihm lag
Und er sah, es wäre tot,
Den Schlund erbrach er mit Not
Und großer Müh dem Drachen,
Und schnitt ihm aus dem Rachen
Die Zunge mit dem Schwerte
So tief er sie begehrte.
In seinen Busen er sie stieß,
Den Schlund sich wieder schließen ließ." - Gottfried von Straßburg, Tristan und Isolde, XIII
 
 

8. Der Minnetrank und die Arznei

Der Minnetrank lässt sie der Arznei und Wissenschaft gedenken, "Wie er gen Develin allein / In einem kleinen Schifflein / Verwundet angefloßen kam, / Ihre Mutter ihn da zu sich nahm / Und ihm auch Heilung brachte; / Wobei sie auch gedachte, / Wie sie selbst in seiner Pflege / Schreiben lernte alle Wege, / Dazu Latein und Saitenspiel. / Solcher Dinge wurden viel / Ihm vor Augen hier gelegt; / Und welcher Mannheit er gepflegt / Hatt im Kampf mit dem Serpant, / Wie sie ihm zweimal dann erkannt, / Erst im Moor, hernach im Bade." [20] 

Doch nach dem Minnetrank bestand die einzige Arznei nur darin: "Er küsste sie, sie küsste ihn / Mit holdem Kuss und süßem. / Das war die Not zu büßen / Ein wonniglicher Anfang. / Jedwedes schenkte da und trank / Die Süße, die vom Herzen kam. / So oft die Hut es nicht benahm / So ging der Austausch her und hin, / Der ein Schleichhandel schien; / Denn so heimlich ward er angestellt, / dass Niemand in der ganzen Welt / Ihren Mut und Willen noch befand / Als Eine: der war er bekannt." [21] 

Brangäne wollte ihnen helfen, die Arznei einzunehmen: "Brangäne bot die Treue gern: / Sie verhieß der Herrin und dem Herrn / Mit Eiden, dass sie ihr Gebot / Stets leisten wolle bis zum Tod." Denn Isolde will nicht nach orientalischer Sitte mit einem Mann vermählt werden, den sie gar nicht liebt: "Ihnen schwebte schon die Sorge vor, / Sie besorgten schon zuvor, / Wozu es dann auch leider kam, / Was ihnen Freude viel benahm / Und brachte sie zu mancher not: / Dies war die Not, dass Schön Isot / Dem Manne werden sollte, / Dem sie nicht werden wollte." [22] 
 

"Derweil die Reise Tristan
Mit seiner Landgesellen Bann
So betrieb und leitete,
Die Königin bereitete
Ihrer Weisheit gemäß
In einem kleinen Glasgefäß
Einen Trank der Minne,
Der mit so feinem Sinne
War ersonnen und erdacht
Und mit solcher Kraft vollbracht,
Wer davon trank, den Durst zu stillen
Mit einem Andern, wider Willen
musst er ihn minnen und meinen,
Und Jener ihn, nur ihn den Einen.
Ihnen war Ein Tod nur und Ein Leben,
Nur Eine Lust, Ein Leid gegeben.

Den Trank da nahm die Weise
Und zu Brangänen leise:
»Brangäne«, sprach sie, »Niftel mein,
lass dir mein Wort nicht unlieb sein.
Du fährst mit meiner Tochter hin,
Drum richte dich nach seinem Sinn.
Was ich dir sage, das vernimm.
Das Glas mit diesem Tranke nimm
Und halt es wohl in deiner Hut.
Hüt es über alles Gut.
Sieh, dass es auf der Erde
Niemand inne werde;
Und Niemand bring es an den Mund:
Darauf hab Acht zu jeder Stund.
Für Eines sorg, ich bin dir hold:
Eh König Marke mit Isold
Als Herr und Gatte bleibt allein,
Reich ihnen diesen Trank als Wein;
Am Besten trinken sie ihn aus.
Sieh, dass Niemand sonst im Haus
Mit ihnen trinkt, das sei dir Pflicht.
Trink auch selbst mit ihnen nicht.
Es ist ein Trank der Minne,
Das halt in deinem Sinne.
Ich befehle dir Isold
Auf deine Seele, sei ihr hold.
Du weist, sie ist mein bestes Leben.
So sind wir dir anheimgegeben
Auf alle deine Seligkeit.
Hiemit genug für alle Zeit.«

»Liebe Herrin«, sprach Brangäne froh,
»Ist euer Beider Wille so,
So will ich gerne mit ihr fahren,
Ihre Ehr und diesen Trank bewahren
So gut ich immer mag und kann.«
(...)" - Gottfried von Straßburg, Tristan und Isolde, XVI

"Mit Frage und mit Antwort bald
Trieben sie die Zeit dahin.
Isolde fand den Anbeginn
Der Red in Mädchenweise:
Sie kam dem Trauten leise
Von fern bei und von hinten her:
Ob ihm auch eingedenk noch wär,
Wie er gen Develin allein
In einem kleinen Schifflein
Verwundet angefloßen kam,
Ihre Mutter ihn da zu sich nahm
Und ihm auch Heilung brachte;
Wobei sie auch gedachte,
Wie sie selbst in seiner Pflege
Schreiben lernte alle Wege,
Dazu Latein und Saitenspiel.
Solcher Dinge wurden viel
Ihm vor Augen hier gelegt;
Und welcher Mannheit er gepflegt
Hatt im Kampf mit dem Serpant,
Wie sie ihm zweimal dann erkannt,
Erst im Moor, hernach im Bade.
(...)
Da die Gelieben sicherlich
Nun wusten Einen Sinn an sich,
Ein Herz und Einen Willen,
Ihr Leid beganns zu stillen
Und zu verrathen doch die Qual.
Jedweder sprach und sah zumal
Nun das Andre kecker an,
Der Mann die Magd, die Magd den Mann.
Jene erste Fremde war dahin:
Er küsste sie, sie küsste ihn
Mit holdem Kuss und süßem.
Das war die Not zu büßen
Ein wonniglicher Anfang.
Jedwedes schenkte da und trank
Die Süße, die vom Herzen kam.
So oft die Hut es nicht benahm
So ging der Austausch her und hin,
Der ein Schleichhandel schien;
Denn so heimlich ward er angestellt,
dass Niemand in der ganzen Welt
Ihren Mut und Willen noch befand
Als Eine: der war er bekannt.
(...)
Brangäne bot die Treue gern:
Sie verhieß der Herrin und dem Herrn
Mit Eiden, dass sie ihr Gebot
Stets leisten wolle bis zum Tod.
»Getreue, Gute«, sprach Tristan,
»Nun sehet Gott zuvörderst an
Und darnach eure Gütigkeit:
Bedenket unser Beider Leid
Und unsre ängstliche not.
Ich armer und die arm' Isot,
Ich weiß nicht, wies ergangen ist,
Wir Beide sind in kurzer Frist
Unsinnig worden Beide
In verwunderlichem Leide:
Wir sterben vor Minnen
Und können nicht gewinnen
Stunde noch Gelegenheit:
Ihr irrt und stört uns allezeit,
Und sicherlich, ersterben wir,
So ist Niemand Schuld daran als Ihr.
Unser Tod und unser Leben
Ist in eure Hand gegeben.
Hiemit ist euch genug gesagt.
Brangäne, selige Magd,
Nun helfet und genadet ihr
Isolden, eurer Frau, und mir.«

Brangäne zu Isolden sprach:
»Frau, ist euer Ungemach,
Wie er da spricht, von solcher not?«
»Ja, Herzensniftel«, sprach Isot.
Brangäne sprach: »Erbarm es Gott,
dass der Teufel seinen Spott
So mit uns Drein getrieben hat!
Nun seh ich wohl, es ist kein Rath,
Ich muss für euch Beide
Mir selber zum Leide
Und euch zur Schande werben:
Eh ich euch lasse sterben,
Verstatt ich euch Gelegenheit.
Was ihr zu thun nun Willens seid,
Das lasst um meinetwillen nicht,
Wenn ihr es um Ehr und Pflicht
Nicht meiden mögt und lassen.
Könnt ihr euch aber faßen
Und enthalten es zu thun,
So enthaltet euch, das rath ich nun;
lasst auch die Schande bei uns Drein
Verschwiegen und verhalten sein.
Verhehlt ihr nicht die Märe,
Es geht euch an die Ehre;
Erfährts ein Andrer noch als wir,
Bin ich verloren und auch Ihr.
Herzensfräulein, Schön Isot,
Euer Leben, euer Tod
Sind euch anheim gegeben:
Nun lenket Tod und Leben
Nach eignem Willen und Begehr;
Habt von jetzt an nimmermehr
Irgend Furcht vor meiner Hut.
Was euch gefallen mag, das thut.«
(...)
Diese Gelieben beide
Hehlten sich nicht länger viel:
Mit Red und mit der Blicke Spiel
War heimlich ihre Heimlichkeit.
So verbrachten sie der Reise Zeit
In wonniglichem Leben,
Obwohl nicht ohne Beben.
Ihnen schwebte schon die Sorge vor,
Sie besorgten schon zuvor,
Wozu es dann auch leider kam,
Was ihnen Freude viel benahm
Und brachte sie zu mancher not:
Dies war die Not, dass Schön Isot
Dem Manne werden sollte,
Dem sie nicht werden wollte." - Gottfried von Straßburg, Tristan und Isolde, XVII
 
 

9. König Markes leichtfertiges Versprechen, Isolde als Preis für den irischen Meistersinger; Tristan schilt Markes Leichtfertigkeit bezüglich Isolde

Als am Hofe des König Marke der Harfenspieler Gandin aus Irland erscheint und alle durch sein Spiel verzaubert, will der König großzügig erscheinen und sagt etwas leichtsinnig: "Begehrt ihr etwas, das ich habe? / Ich gewähr euch jede Gabe. / lasst uns vernehmen was ihr könnt; / Was euch beliebt, ist euch gegönnt.« »Es gilt!« sprach Der von Irenland." [23] 

Der Harfenspieler, nachdem er eine Leich (mittelalterliches Musikstück) gespielt hatte, wünscht sich als Preis Isolde. Die möchte König Marke nicht hergeben, doch durch sein leichtsinnigen Versprechen, muss er nun Wort halten, denn der Harfenspieler pocht auf sein Recht und sagt: »Herr, so wollt ihr Wort und Pflicht / Nicht halten, wie es euch gebührt? / Werdet ihr des überführt, / dass ihr wortbrüchig seid, / So seid ihr nun die längste Zeit / Eines Landes Herr gewesen. / Heißt des Königs Recht nur lesen: / Findet ihrs da nicht geschrieben, / So bin ich gern des Rechts vertrieben. / Und sprecht ihr, oder Wer es spricht, / Ihr gelobtet mir es nicht, / So folg ich meinem Recht dahin / Wider euch und wider ihn, / Wo mir der Hof das Urtheil fällt. / Mein Leben sei zu Kauf gestellt / Im Kampf und im Gefechte, / Bis ich kam zu meinem Rechte. / Schickt Wen ihr wollet, oder ihr / Reitet selbst in einen Ring mit mir. / Da will ichs darthun gleich zur Frist, / Das Schön Isold mein eigen ist.« [24]

Da Tristan gerade nicht auf der Burg ist, findet sich keiner, der gegen Gangin kämpfen könnte, und so nimmt Gangin sie mit an den Strand um dort die Flut abzuwarten für seine Überfahrt nach Irland. Als Tristan später davon erfährt, reitet er schnell zum Strand und kann Isolde nur noch durch eine List zurückholen. Gandin bittet Tristan, der vorgibt auch nach Irland reisen zu wollen, Isolde mit seinem Harfenspiel zu unterhalten, da sie so traurig ist. "Der von Irland sprach zuhand: / »Geselle, das gelob ich dir. / Nun sitze nieder, harfe mir. / Tröstest du die Herrin mein, / dass sie ihr Weinen stellet ein, / Das beste Kleid wird dir zum Lohn, / Das ich hab in diesem Pavillon.« / »Das gelob ich gerne«, sprach Tristan. / »Auch verzweifl ich nicht daran: / Ist ihres Kummers nicht so viel, / dass sie keines Mannes Spiel / Am Weinen möchte hindern, / So muss ihr Schmerz sich lindern.« / Er verschob sein Werk nicht länger / Und begann als Harfner und als Sänger / Einen Leich so inniglich, / dass es Isotens Herz beschlich: / Es nahm ihr die Gedanken alle; / Ihr Weinen ließ sie bei dem Schalle, / Nur auf den süßen Freund bedacht." [25]

Nach seinem Spiel gibt Tristan zu bedenken, dass die Königin nicht durch das Wasser laufen könne und bietet an, sie auf seinem Pferd zum Schiff zu geleiten: »Wie machen wir es«, sprach Gandin, / »Wie bring ich meine Frau hinan?« / 
»Seht, Herr«, sprach der Spielmann, / »Da ich nun versichert bin, / Ihr wollt mich mit euch führen hin, / So bleib auch nichts in Cornewal / Zurück von meinen Dingen all. / Ich hab ein Ross hier nahebei, / So hoch wohl dünkt mich, dass es sei, / 
dass ich eure Freundin, / Meine Herrin, drauf zur Brücke hin / Wohl so sicher führe, / dass sie das Meer nicht rühre.« / Gandin sprach: »Lieber Spielmann, / So eile, bring dein Ross heran / Und hernach auch dein Gewand.«  [26]

Ersteinmal auf dem Pferd hat Tristan leichtes Spiel Isolde wieder zu entführen: "Nun sie der Spielmann vor sich sah, / Ein wenig seitwärts sprengt' er da. / Und als Gandin des ward gewahr, / Er rief ihm nach, verächtlich gar:/ »Ei nun, du Gauch, wo willst du hin?« / »Nein, nein«, sprach Tristan, »Gauch Gandin! / Ihr, Freund, steht an des Gauches Ziel, / Denn was ihr mit dem Rottespiel / Dem König Mark abtroget dort, / Das führ ich mit der Harfe fort. / Ihr trogt, nun seid auch ihr betrogen. / Tristan ist euch nachgezogen / Und hat euch überlistet hier. / Freund, reiche Kleider schenket ihr: / Mir ward das beste Gewand, / Das sich in euerm Zelte fand.« [27]

Zum Schluss schilt Tristan Markes Leichtfertigkeit, Isolde so leichtsinnig als Preis auszuloben, dass man meinen könnte, der König hätte ähnlich wie Mohammedaner, die nach Thomas von Aquin leichtfertig glauben und ihre Frauen schlecht behandeln, keine Frau verdient:  "Tristan bracht Isoten wieder / Seinem Oheim, König Mark; / Dazu auch schalt er ihn stark: / »Herr«, sprach er, »Gott weiß, / Liebt ihr die Königin so heiß, / So ists ein großer Unsinn, / Gebt ihr sie so leichtlich hin / Für Harfen oder Rotten; / Des mag die Welt wohl spotten. / Wer sah je Königinnen / Mit Rottespiel gewinnen? / lasst sies zum andern Mal nicht schauen / Und hütet beser meiner Frauen.« [28]

"Als zu Ende kam der andre Leich,
Gandin trat vor den König gleich,
Die Rotte vor sich in der Hand,
Und sprach: »Nun Herr, seid des gemahnt,
Was ihr gelobt habt gegen mich.«
Der König sprach: »Gar williglich.
Sagt nur, was begehret ihr.«
»Isolden«, sprach er, »gebet mir.«
»Freund«, sprach er, »was ihr außer ihr
Begehrt, erlangt ihr Alles hier;
Doch sie wird Niemand zum Gewinn.«
»In Treuen, Herr«, sprach da Gandin,
»Das Große noch das Kleine
Will ich, Isot alleine.«
Der König sprach: »Die geb ich nicht.«
»Herr, so wollt ihr Wort und Pflicht
Nicht halten, wie es euch gebührt?
Werdet ihr des überführt,
dass ihr wortbrüchig seid,
So seid ihr nun die längste Zeit
Eines Landes Herr gewesen.
Heißt des Königs Recht nur lesen:
Findet ihrs da nicht geschrieben,
So bin ich gern des Rechts vertrieben.
Und sprecht ihr, oder Wer es spricht,
Ihr gelobtet mir es nicht,
So folg ich meinem Recht dahin
Wider euch und wider ihn,
Wo mir der Hof das Urtheil fällt.
Mein Leben sei zu Kauf gestellt
Im Kampf und im Gefechte,
Bis ich kam zu meinem Rechte.
Schickt Wen ihr wollet, oder ihr
Reitet selbst in einen Ring mit mir.
Da will ichs darthun gleich zur Frist,
Das Schön Isold mein eigen ist.«

Der König blickte hin und her
Und spähte, ob nicht Einer wär
So mannlich und behende,
dass Diesen er bestände.
Nun war da Niemand, der sein Leben
Gern auf die Wage wollte geben.
Und Marke selber wollte
Nicht fechten um Isolde,
Denn Gandin war solcher Kraft,
So mannlich und so herzhaft,
Es mochte Keiner hier daran.

Nun war eben Tristan
Birschen geritten in den Wald.
Dieser war auch nicht sobald
Aus dem Wald zu Hof gekommen,
So hatt er unterwegs vernommen
Schon die leide neue Märe,
dass sie Jenem ausgeliefert wäre.
Es war die Wahrheit auch, Gandin
Hatte die schöne Königin,
Die bittre Thränen fallen ließ
Und manche Klage schallen ließ,
Von Hof geführt zum Strande schon;
Und am Strande stand ein Pavillon
Für ihn, ein schöner, aufgeschlagen,
Den sah man hoch und herrlich ragen:
Da saß er mit der Königin,
Die Stunde abzuwarten drin
Bis das Meer wiederkäme,
Und die Flut, rückkehrend, nähme
Den Kiel von dem Strande;
Denn er lag auf trocknem Sande.

Als Tristan nun zu Hofe kam
Und von der Rotte vernahm
Die Geschichte Wort für Wort,
Zu Rosse schwang er sich sofort.
Seine Harfe nahm er an die Hand
Und kam ihm eilends nachgerannt,
Bis er den Hafen vor sich sah:
Herab mit Listen sprang er da
In einen Busch und band den Zaum
Des Rosses fest an einen Baum.
Sein Schwert auch hängt' er daran:
Mit seiner Harfe lief er dann
Und kam zum Pavillone
Und fand auch dem Barone
Sitzend unterm Arme
Die freudenlose Arme,
Die weinende, Isoten.
Aller Trost, den er geboten,
Wollte nicht bei ihr verfangen,
Bis mit der Harfe gegangen
Jener kam, und sie ihn sah.
Gandin, ihn grüßend, sagte da:
»De te saut, bêas Harpier!«
»Merzi, gentil Schevalier!
Herr, in Eile«, fuhr er fort,
»Lief ich euch nach zu diesem Ort.
Ich hörte, hab ichs recht verstanden,
Ihr wolltet heim gen Irlanden;
Herr, von dannen bin auch ich.
Habt die Güte, bringet mich
Wieder heim gen Irland.«

Der von Irland sprach zuhand:
»Geselle, das gelob ich dir.
Nun sitze nieder, harfe mir.
Tröstest du die Herrin mein,
dass sie ihr Weinen stellet ein,
Das beste Kleid wird dir zum Lohn,
Das ich hab in diesem Pavillon.«
»Das gelob ich gerne«, sprach Tristan.
»Auch verzweifl ich nicht daran:
Ist ihres Kummers nicht so viel,
dass sie keines Mannes Spiel
Am Weinen möchte hindern,
So muss ihr Schmerz sich lindern.«
Er verschob sein Werk nicht länger
Und begann als Harfner und als Sänger
Einen Leich so inniglich,
dass es Isotens Herz beschlich:
Es nahm ihr die Gedanken alle;
Ihr Weinen ließ sie bei dem Schalle,
Nur auf den süßen Freund bedacht.
(...)
Da hub der Spielmann wieder an,
Sein Harfenspiel er begann
Und ließ es also süß ertönen,
dass Gandin zu seinen schönen
Künsten gern die Ohren bot.
Auch sah er wohl, dass Isot
Auf sein Harfen war bedacht.
Als der Leich nun war vollbracht,
Gandin nahm die Königin
Und wollte zu dem Schiffe hin.
Nun sah man so die Wellen
Vor der Schiffbrücke schwellen,
dass Niemand ohn ein hohes Ross
Vor der Flut, die reißend floß,
Zur Schiffbrücke mochte hin.
»Wie machen wir es«, sprach Gandin,
»Wie bring ich meine Frau hinan?«
»Seht, Herr«, sprach der Spielmann,
»Da ich nun versichert bin,
Ihr wollt mich mit euch führen hin,
So bleib auch nichts in Cornewal
Zurück von meinen Dingen all.
Ich hab ein Ross hier nahebei,
So hoch wohl dünkt mich, dass es sei,
dass ich eure Freundin,
Meine Herrin, drauf zur Brücke hin
Wohl so sicher führe,
dass sie das Meer nicht rühre.«
Gandin sprach: »Lieber Spielmann,
So eile, bring dein Ross heran
Und hernach auch dein Gewand.«

Tristan nahm das Ross zuhand,
Und gleich auch, eh er wiederkam,
Seine Harf er auf den Rücken nahm.
»Nun, Herr aus Irland«, hub er an,
»Bringt eure Freundin mir heran:
Ich führe vor mir sie dahin.«
»Nein, Spielmann«, sprach Gandin,
»Du sollst sie nicht berühren:
Ich will sie selber führen.«
»Weh, Herr«, sprach da Schön Isot,
»Dieß Wesen ist gar ohne not,
dass er mich nicht berühren soll.
Wisst mit einem Worte wohl:
Das Schiff wird nie von mir berührt,
Wenn mich nicht der Spielmann führt.«
Da bot Gandin sie denn ihm dar
Und sprach: »Gesell, nimm ihrer wahr
Und führe so sie durch den Fluß,
dass ich dir immer lohnen muss.«

Nun sie der Spielmann vor sich sah,
Ein wenig seitwärts sprengt' er da.
Und als Gandin des ward gewahr,
Er rief ihm nach, verächtlich gar:
»Ei nun, du Gauch, wo willst du hin?«
»Nein, nein«, sprach Tristan, »Gauch Gandin!
Ihr, Freund, steht an des Gauches Ziel,
Denn was ihr mit dem Rottespiel
Dem König Mark abtroget dort,
Das führ ich mit der Harfe fort.
Ihr trogt, nun seid auch ihr betrogen.
Tristan ist euch nachgezogen
Und hat euch überlistet hier.
Freund, reiche Kleider schenket ihr:
Mir ward das beste Gewand,
Das sich in euerm Zelte fand.«

Tristan ritt seiner Straßen.
Gandin sah ohne Maßen
Traurig nach und trauersam:
Ihm tat der Schaden und die Scham
Gar sehr und inniglich weh.
Er kehrte wieder über See
Mit Schmach und mit Leide.
Doch die Gefährten beide,
Tristan und Isot, kehrten froh.
Ob sie unterweges wo
Noch zu Freuden kamen,
Ruh in den Blumen nahmen,
Da wend ich kein Erwähnen dran:
Ich lege Wähnen und Wahn
Meinethalben gerne nieder.
Tristan bracht Isoten wieder
Seinem Oheim, König Mark;
Dazu auch schalt er ihn stark:
»Herr«, sprach er, »Gott weiß,
Liebt ihr die Königin so heiß,
So ists ein großer Unsinn,
Gebt ihr sie so leichtlich hin
Für Harfen oder Rotten;
Des mag die Welt wohl spotten.
Wer sah je Königinnen
Mit Rottespiel gewinnen?
lasst sies zum andern Mal nicht schauen
Und hütet besser meiner Frauen.« -  Gottfried von Straßburg, Tristan und Isolde, XIX
 
 

10. König Marke will nicht wieder über seine Leichtfertigkeit stolpern, Tristan "bedächtig und weise", der "Cornwal schirmt und Engelland"

König Marke muss auf Bittfahrt reiten, und Isolde allein zurücklassen. Er will nicht wieder als "der leichtgläubge König Mark" erscheinen, der Isolde so leichtfertig an den Harfenspieler Gangin vorübergehend verlor und der deshalb von Tristan gescholten wurde. König Marke will wissen, was sie darüber denkt; Isolde sagt »Wie fragt ihr mich das und weswegen? / Wer möchte mich wohl besser pflegen / Und hüten, mich und Leut und Land, / Als hier eures Neffen Hand, / Der uns so wohl verpflegen kann? / Euer Schwestersohn, Herr Tristan, / Der ist so mannhaft und weise / Und klug bedacht in aller Weise.« [29] 

Isolde klagt, dass sie von ihm immer allein gelassen werde. König Marke berühigt sie, Tristan werde sie pflegen, er sei bedächtig und weise: "»Warum doch, Schöne«, fiel er ein: / »Nun habt ihr doch zu eurer Hand / So die Leute wie das Land, / Sie sind euer so wie mein; / Darüber sollt ihr Herrin sein, / Das soll euch zu Gebote stehn. / Was ihr gebietet muss geschehn. / Auch soll euch, bin ich unterwegen, / Unterdes mein Neffe pflegen, / Der euer trefflich pflegen kann, / Der höfische Tristan: / Der ist bedächtig und weise / Und fleißt sich in aller Weise, / Wie er euch Freud und Ehre / Mache und mehre. / Dem vertrau ich also wohl / Als ich mit vollem Rechte soll. / Dem seid ihr lieb, so bin auch ich; / Er tuts für euch und tuts für mich.« [30] 

Zudem gibt Isolde zu bedenken, dass Tristan sich in seiner Abwesenheit auf die Regierungsgeschäfte konzentrieren müsse: »Auch hoff ich, ihr bedenket, / Eh ihr von hinnen lenket, / Wer Cornwal schirmt und Engelland: / Die stehn in eines Weibes Hand / Gar bloß vor jedem Streiche. / Wer zweier Königreiche / Pflegen soll nach Recht und Ehren, / Der darf nicht Sinn noch Herz entbehren. / Nun ist außer Tristanden / Kein Herr in beiden Landen, / Belasst ihr nur ihn bei dem Amt, / Der frommen möge beidensamt. / Wer brächte Jeden so dazu, / dass er das Rechte lass und tu? / Ist dass ein Feind uns überzieht, / Des man sich jeden Tag versieht / Und immer muss versehen, / So mag es leicht geschehen, / dass wir den Unsieg empfahn: / So wird mir mein Herr Tristan / Vor Augen schadenfroh gestellt / Mit Schelten von der bösen Welt. / Da wird der Rede viel getrieben: / ›Wäre Tristan da geblieben, / Uns wäre nicht zu dieser Frist / So misslungen als es ist.‹ / 
So legen sie Alle / Mit gemeinem Schalle / Mir zu Lasten dann die Schuld: / Ich hätt ihn aus eurer Huld / Zu eur- und ihrer Schmach vertrieben. / Herr, besser wär es unterblieben. / Besinnt euch besser noch etwas, / Bedenket dies, bedenket   das: / Entweder lasst mich mit euch fahren, / Oder heißet ihn der Lande wahren. / Wie sehr er mir mag widerstehn, / So will ich ihn doch lieber sehn, / Eh er den Platz dem Andern räumt, / Der uns schädigt und versäumt.« [31] 
 

(...)
So weinte hier Isolde stark.
Der leichtgläubge König Mark,
»Schöne«, sprach er, »saget mir,
Was wirret euch, was weinet ihr?«
»Ich mag wohl weinen«, sprach Isot,
»Mir tut fürwahr die Klage not.
Ich bin ein arm verlassen Weib,
Hab nur Ein Leben, Einen Leib,
Und was von Sinn mir ward gegeben,
Das setzt' ich so mit Leib und Leben
An euch und eure Minne,
dass ich mit meinem Sinne
Nichts mehr vermag zu meinen
Und zu minnen als euch Einen.
Mir ist nichts herzlich lieb als Ihr,
Und muss nun sehen, dass ihr mir
So holdes Herz nicht traget,
Als ihr gebahrt und saget.
dass ihr je den Mut gewannt,
Zu fahren und im fremden Land
Mich hier allein zu lassen,
Das weiß ich wohl zu fassen:
Es zeigt wie unwert ich euch bin.
Drum mag mein Herz und all mein Sinn
Nun selten wieder fröhlich sein.«

»Warum doch, Schöne«, fiel er ein:
»Nun habt ihr doch zu eurer Hand
So die Leute wie das Land,
Sie sind euer so wie mein;
Darüber sollt ihr Herrin sein,
Das soll euch zu Gebote stehn.
Was ihr gebietet muss geschehn.
Auch soll euch, bin ich unterwegen,
Unterdes mein Neffe pflegen,
Der euer trefflich pflegen kann,
Der höfische Tristan:
Der ist bedächtig und weise
Und fleißt sich in aller Weise,
Wie er euch Freud und Ehre
Mache und mehre.
Dem vertrau ich also wohl
Als ich mit vollem Rechte soll.
Dem seid ihr lieb, so bin auch ich;
Er tuts für euch und tuts für mich.«
(...)
»Auch hoff ich, ihr bedenket,
Eh ihr von hinnen lenket,
Wer Cornwal schirmt und Engelland:
Die stehn in eines Weibes Hand
Gar bloß vor jedem Streiche.
Wer zweier Königreiche
Pflegen soll nach Recht und Ehren,
Der darf nicht Sinn noch Herz entbehren.
Nun ist außer Tristanden
Kein Herr in beiden Landen,
Belasst ihr nur ihn bei dem Amt,
Der frommen möge beidensamt.
Wer brächte Jeden so dazu,
dass er das Rechte lass und tu?
Ist dass ein Feind uns überzieht,
Des man sich jeden Tag versieht
Und immer muss versehen,
So mag es leicht geschehen,
dass wir den Unsieg empfahn:
So wird mir mein Herr Tristan
Vor Augen schadenfroh gestellt
Mit Schelten von der bösen Welt.
Da wird der Rede viel getrieben:
›Wäre Tristan da geblieben,
Uns wäre nicht zu dieser Frist
So misslungen als es ist.‹
So legen sie Alle
Mit gemeinem Schalle
Mir zu Lasten dann die Schuld:
Ich hätt ihn aus eurer Huld
Zu eur- und ihrer Schmach vertrieben.
Herr, besser wär es unterblieben.
Besinnt euch besser noch etwas,
Bedenket dies, bedenket das:
Entweder lasst mich mit euch fahren,
Oder heißet ihn der Lande wahren.
Wie sehr er mir mag widerstehn,
So will ich ihn doch lieber sehn,
Eh er den Platz dem Andern räumt,
Der uns schädigt und versäumt.« -  Gottfried von Straßburg, Tristan und Isolde, XXI
 
 
 
 
 
 
 
 

Anmerkungen

[1] Wissenschaftsbriefe / Science Review Letters 2021, 20, Nr. 1265 und Kurse Nr. 559 Wolfram von Eschenbach, Nr. 560 Walter von der Vogelweide, Nr. 662 Gottfried von Strassburg, Akademie der Kunst und Philosophie
[2] Ib.
[3] Ib.; vgl. Friedrich Oberkogler 1978/ 1985: Richard Wagner vom Ring zum Gral. Wiedergewinnung seines Werkes aus Musik und Mythos, Stuttgart; Alfred Lorenz, der musikalische Aufbau von Richard Wagners 'Tristan und Isolde', Berlin, 1926; Richard Wagner, Beethoven, ges. Schriften und Dichtungen IX, Leipzig 1871-1883; Ders. Religion und Kunst, X, Ib. und Kurse Nr. 662 Gottfried von Strassburg, Nr. 661 Philosophie der Geschichte, Nr. 020 Johann Wolfgang von Goethe I-II, Ib.
[4] Ib.
[5] vgl. Friedrich Nietzsche, die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik 21, 1871 und Kurs Nr. 663 Artur Schopenhauer III, Ib.
[6] vgl. Friedrich Nietzsche, Richard Wagner in Byreuth, In. Unzeitgemäße Betrachtungen, 1873-76 und Kurs Nr. 663 Artur Schopenhauer III, Ib. 
[7] Ib. 
[8] Ib. 
[9] Ib. 
[10] Gottfried von Straßburg, Tristan und Isolde, X. Übersetzung von Karl Simrock, Leipzig, 1855; vgl. Kurs Nr. 662 Gottfried von Strassburg, Ib.
[11] Ib.
[12] XI 
[13] Ib.
[14] Ib.; zu Kunst und Wissenschaft / Philosophie im Mittelalter vgl. Kurse Nr. 662 Gottfried von Strassburg, Nr. 531 Platon, Nr. 533 Aristoteles, Nr. 604 St. Hildegard von Bingen, Nr. 600 St. Johannes von Damaskus, Nr. 599 St. Petrus Venerabilis, Nr. 581 Bernhard von Chartres, Nr. 580 Wilhelm von Conches, Nr. 578 Pierre Abaelard, Nr. 574 Johannes von Salisbury, Nr. 577 Petrus Lombardus, Nr. 576 Gilbert de la Porrée / Gilbert von Poitiers, Nr. 565 Johannes Scotus Eriugena, Nr. 575 Thierry de ChartresNr. 571 Alanus ab Insulis, Nr. 572 Anselm von Canterbury, Nr. 570 St. Hilarius von Poitiers, Nr. 564 St. Ambrosius, Nr. 564 St. Augustinus I, Nr. 601 St. Augustinus II, Nr. 654 St. Augustinus III, Ib.
[15] XII; vgl. Anm. 14 
[16] XIII
[17] Ib.
[18] Ib.
[19] Ib.
[20] XVI-XVII
[21] Ib.
[22] Ib.
[23] XIX
[24] Ib.
[25] Ib.
[26] Ib.
[27] Ib.
[28] Ib.; vgl. Kurse Nr. 500 St. Thomas von Aquin I, ScG, Nr. 621 Lord Byron, Ib.
[29] XXI
[30] Ib.
[31] Ib.
 
 






Wagner, Tristan und Isolde, act I
 
 


Giovanni Antonio Bazzi, il-Sodoma circle
 
 


Giovanni Antonio Bazzi, detto il Sodoma, Rossane sposa di Alessandro Magno, 1517
 


Giovanni Antonio Bazzi, detto il Sodoma, wedding of Alexander and Roxane, detail
 

Akademie der Kunst und Philosophie / Academy of Arts and Philosophy 
DI. M. Thiele, President and international Coordinator
Api Review Letters / Science Review Letters
Save the Bees, Bumblebees and Beecolonies
Zentrum fuer wesensgemaesse Bienenhaltung
Centre for Ecological Apiculture
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M. Thiele College of Beetherapy / Academy of Arts and Philosophy / Sciences

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Zur Philosophie und Kulturgeschichte von Byzanz, des Mittelalters, der Schule von Chartres, der Renaissance, des Barock, der Aufklärung, des Idealismus, der Romantik vgl. Kurse: Nr. 551 G.W.F. Hegel I, Nr. 660 G.W.F. Hegel II, Nr. 511 Johann Gottlieb Fichte I, Nr. 658 Johann Gottlieb Fichte II, Nr. 509 F.W.J. Schelling I, Nr. 510 F.W.J. Schelling II, Nr. 513 F.W.J. Schelling III, Nr. 505 Arthur Schopenhauer I-II, Nr. 663 Arthur Schopenhauer III, Nr. 531 Platon, Nr. 533 Aristoteles, Nr. 623 Johann Ludwig Wilhelm Müller, Nr. 020 Johann Wolfgang von Goethe I-II, Nr. 553 Friedrich Schiller I-II, Nr. 554 Friedrich Hölderlin I-II, Nr. 512 Novalis, Nr. 630 Johann Ludwig Tieck, Nr. 631 Adelbert von Chamisso, Nr. 567 Gottfried Wilhelm Leibniz, Nr. 622 Victor Hugo, Nr. 629 Voltaire I-II, Nr. 621 Lord Byron, Nr. 628 Percy Bysshe Shelly, Nr. 561 Sir Walter Scott, Nr. 555 Angelus Silesius, Nr. 634 Hans Sachs, Nr. 619 Franz Werfel, Nr. 588 Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Nr. 550 Fjodor M. Dostojewskij I-II, Nr. 506 Wladimir Solowjew, Nr. 661 Philosophie der Geschichte, Nr. 659 Wissenschaftslehre, Nr. 545 Sittenlehre I-II, Nr. 614 Sittenlehre III, Nr. 544 Staats- und Rechtslehre I-II, Nr. 641 Staats- und Rechtslehre III, Nr. 644 Staats- und Rechtslehre IV, Nr. 655 Staats- und Rechtslehre V, Nr. 618 St. Ephraim der Syrer, Nr. 617 St. Cyrill von Alexandrien, Nr. 616 St. Gregor von Nazianz, Nr. 613 St. Gregor von Nyssa, Nr. 612 St. Johannes Chrysostomos, Nr. 611 St. Johannes Cassianus, Nr. 627 St. Basilius der Große, Nr. 625 Theodorus Abucara, Nr. 624 Byzantinische Wissenschaft / Philosophie, Nr. 653 St. Cyprianus, Nr. 609 St. Athanasius der Große, Nr. 605 St. Irenaeus von Lyon, Nr. 604 St. Hildegard von Bingen, Nr. 600 St. Johannes von Damaskus, Nr. 599 St. Petrus Venerabilis, Nr. 581 Bernhard von Chartres, Nr. 580 Wilhelm von Conches, Nr. 578 Pierre Abaelard, Nr. 574 Johannes von Salisbury, Nr. 577 Petrus Lombardus, Nr. 576 Gilbert de la Porrée / Gilbert von Poitiers, Nr. 565 Johannes Scotus Eriugena, Nr. 575 Thierry de ChartresNr. 571 Alanus ab Insulis, Nr. 572 Anselm von Canterbury, Nr. 570 St. Hilarius von Poitiers, Nr. 568 Nicolaus Cusanus I, Nr. 568 Nicolaus Cusanus II, Nr. 568 Nicolaus Cusanus III, Nr. 564 St. Ambrosius, Nr. 564 St. Augustinus I, Nr. 601 St. Augustinus II, Nr. 654 St. Augustinus III, Nr. 579 St. Albertus Magnus, Nr. 500 St. Thomas von Aquin I, ScG, Nr. 501 St.Thomas von Aquin II,  Sth I., Nr. 502 St.Thomas von Aquin III, Sth. I-II, Nr. 582 St.Thomas von Aquin IV, Sth II-II, Nr. 583 St.Thomas von Aquin V, Sth. III, Nr. 566 Meister Eckhart, Nr. 562 Dante Alighieri, Nr. 558 Calderón de la Barca, Nr. 648 Calderón de la Barca II, Nr. 650 Calderón de la Barca III, Nr. 651 Calderón de la Barca IV, Nr. 563 Miguel de Cervantes I, Nr. 645 Miguel de Cervantes II, Nr. 637 Lope de Vega I, Nr. 638 Lope de Vega II, Nr. 642 Lope de Vega III, Nr. 643 Lope de Vega IV, Nr. 652 Juan Ruiz de Alarcón, Nr. 632 Ginés Pérez de Hita, Nr. 633 Luis Vaz de Camões, Nr. 557 Ludovico Ariosto, Nr. 556 Torquato Tasso, Nr. 552 William Shakespeare II, Nr. 559 Wolfram von Eschenbach, Nr. 560 Walter von der Vogelweide, Nr. 662 Gottfried von Strassburg, Akademie der Kunst und Philosophie

Nr. 320 Romanische Kunst und Architektur, Nr. 350 Byzantinische Kunst und Architektur, Nr. 325 Kunst und Architektur der Gothik, Nr. 326 Kunst und Architektur der Renaissance, Nr. 586 Tizian, Nr. 591 Paolo Veronese, Nr. 597 Correggio, Nr. 598 El Greco, Nr. 620 Giovanni Battista Tiepolo, Nr. 590 Giovanni Bellini, Nr. 656 Andrea Solari, Nr. 657 Bernadino Luini, Nr. 587 Andrea Mantegna, Nr. 595 Jan van Eyck, Nr. 635 Rogier van der Weyden, Nr. 640 Stefan Lochner, Nr. 646 Michael Pacher, Nr. 647 Peter Paul Rubens, Nr. 649 Giotto di Bondone, Nr. 626 Luca Signorelli, Nr. 610 Piero della Francesca, Nr. 596 Perugino, Nr. 522 Raffael (Raffaello Sanzio), Nr. 523 Sandro Botticelli, Nr. 602 Benozzo Gozzoli, Nr. 606 Fra Angelico, Nr. 607 Pinturicchio, Nr. 608 Domenico Ghirlandaio, Nr. 593 Filippo Lippi, Nr. 594 Filippino Lippi, Nr. 589 Albrecht Dürer, Nr. 603 Bernard van Orley, Nr. 615 Ambrogio da Fossano detto il Bergognone, Nr. 636 Eugène Delacroix, Nr. 639 Bartolomé Esteban Murillo, Akademie der Kunst und Philosophie



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Letzte Bearbeitung:25.10.2021