Akademie der Kunst und Philosophie
Akademie der Wissenschaften | Académie des sciences
 

 

Kurs Nr. 511 

Johann Gottlieb Fichte: Philosophie der Erziehung


On wrong education methods and how to improve

Durch Unachtsamkeit, Gedankenlosigkeit und Zerstreutheit wird zur Trägheit erzogen und erzeugt "Fortschleicher im alten Geleise"

Federzeichnung von Johann Heinrich Bury

 

 
 
 
 
 

 

Aus dem Inhalt:

Immer noch aktuell: Viele die heute in der Politik, der Wirtschaft oder Wissenschaft tätig sind, kann man "mit wenigen Ausnahmen" als "seichte Schwätzer", "aufgeblasene Prahler, Halbgelehrte, die durch die Schule nur hindurchgelaufen, blinde Zutapper, und Fortschleicher im alten Geleise" bezeichnen. [1]

"Geht die Mehrheit in ihrer bisherigen Unachtsamkeit, Gedankenlosigkeit und Zerstreutheit so ferner hin, so ist gerade dieses, als das notwendig sich Ergebende, zu erwarten. Wer sich, ohne Aufmerksamkeit auf sich selbst, gehen läßt, und von den Umständen sich gestalten, wie sie wollen, der gewöhnt sich bald an jede Ordnung der Dinge. So sehr auch sein Auge durch etwas beleidiget werden mochte, als er es das erste Mal erblickte, lasst es nur täglich auf dieselbe Weise wiederkehren, so gewöhnt er sich daran, und findet es späterhin natürlich, und als eben so sein müssend, gewinnt er es zuletzt gar lieb, und es würde ihm mit der Herstellung des ersteren besseren Zustandes wenig gedient sein, weil dieser ihn aus seiner nun einmal gewohnten Weise zu sein herausrisse. Auf diese Weise gewöhnt man sich sogar an Sklaverei, wenn nur unsere sinnliche Fortdauer dabei ungeschränkt bleibt, und gewinnt sie mit der Zeit lieb; und dies ist eben das Gefährlichste an der Unterworfenheit, dass sie für alle wahre Ehre abstumpft, und ihre sehr erfreuliche Seite hat für den Trägen, indem sie ihn mancher Sorge und manches Selbstdenkens überhebt."  - Johann Gottlieb Fichte
Johann Gottlieb Fichte, erster Rektor und einer der Urheber der heutigen Humboldt-Universität Berlin sprach die Erstsemester in seiner Antrittsrede von 1911 mit dem Titel "Studierende" an. Ein halbes Jahrhundert vor Zulassung der ersten weiblichen Studenten verband Fichte damit noch keinerlei geschlechtspolitische Intentionen. Fichte ging es darum Studenten von Studierenden zu unterscheiden. In Jena, wo er vor der Jahrhundertwende Professor war, hatten die Studenten literweise Bier getrunken, sich mit Degen bewaffnet und Konflikte mit der Obrigkeit gesucht. Party war auch damals üblich. Ähnlich wie damals für Plato war das auch für Fichte ein gravierendes Missverständnis: Solche Studenten, die nicht studieren und nur feiern wollen, wollten Plato und Fichte nicht an der Akademie oder Universität haben. Stattdessen wollte er "Studierende" haben. Gewillt, sich zu bilden und bilden zu lassen, wären sie ganz auf ihr "Geschäft des Studierens" konzentriert: keine Gelage, keine Duelle, aber ebenso wenig ein zweckorientiertes Butter- und Brotstudium. Für alle heutigen Schulen und Universitäten gilt daher: more platonico, more academico im Sinne von Fichte. [2] 
"Nichts aber befördert mehr die Gesundheit des Körpers, als ununterbrochene Heiterkeit des Geistes"  - Johann Gottlieb Fichte

"Der Gute siegt immer, wenn er sich nur nicht mit den schlechten auf ihrem eigenen Felde - dem der List und des Betrugs, und der feigen Nützlichkeitsberechnung in den Kampf einlässt."  - Johann Gottlieb Fichte

Wilhelm und Alexander von Humboldt waren mit den Familien von Schiller, Goethe und auch Fichte bestens bekannt. Auch was die Ideen betrifft, waren sie durchaus ähnlich. So schreibt Alexander von Humboldt: "Indem wir die Einheit des Menschengeschlechtes behaupten, widerstreben wir auch jeder unerfreulichen Annahme von höheren und niederen Menschenracen. Es giebt bildsamere, höher gebildete, durch geistige Cultur veredelte: aber keine edleren Volksstämme. Alle sind gleichmäßig zur Freiheit bestimmt: zur Freiheit, welche in roheren Zuständen dem Einzelnen, in dem Staatenleben bei dem Genuß politischer Institutionen der Gesammtheit als Berechtigung zukommt.  Wilhelm von Humboldt meint »Wenn wir eine Idee bezeichnen wollen, die durch die ganze Geschichte hindurch in immer mehr erweiterter Geltung sichtbar ist; wenn irgend eine die vielfach bestrittene, aber noch vielfacher mißverstandene Vervollkommnung des ganzen Geschlechtes beweist: so ist es die Idee der Menschlichkeit: das Bestreben, die Grenzen, welche Vorurtheile und einseitige Ansichten aller Art feindselig zwischen die Menschen gestellt, aufzuheben; und die gesammte Menschheit: ohne Rücksicht auf Religion, Nation und Farbe, als Einen großen, nahe verbrüderten Stamm, als ein zur Erreichung Eines Zweckes, der freien Entwicklung innerlicher Kraft, bestehendes Ganzes zu behandeln.« [3]

Besonders einfältig ist es natürlich, wenn Eltern ihre Kinder im Affekt des Zorns strafen. Dazu bemerken Montaigne und Hippokrates: "Sie schreien und toben öfters in Kinder hinein, die die Brust kaum verlassen haben. Sie sollen daran denken, dass Hippokrates ausdrücklich sagt, dass diejenigen Krankheiten die gefährlichsten sind, die das Gesicht verunstalten. Dadurch werden die Kinder zu Krüppeln, oder doch dumm geschlagen. Unsere Obrigkeit aber bekümmert sich nicht darum, gerade als wenn dieser geraubte Verstand, und diese Lähmungen, nicht Mitglieder des gemeinen Wesens beträfen." Darüber hinaus kommt es auf die Art des Kindergartens und der Schule an und auf die Erzieherinnen und LehrerInnen. [4]

Routinen und Trägheiten drücken den heutigen Menschen zu Boden und deformieren ihn. "Platon war neben Gautama Buddha der erste Epidemiologe des Geistes" wie Sloterdijk richtig bemerkt. Plato erkannte in der alltäglichen Meinung, der doxa, die Pest, an der man zwar nicht stirbt und die doch von Zeit zu Zeit ganze Gemeinwesen vergiftet. Menschen werden zu "lebenden Karikaturen der Durchschnittlichkeit". Worum es geht ist eine "psychische Deautomatisierung und mentale Dekontamination" Darum setzen viele spirituelle Schulen das Schweigen ein, um das Phrasendepot zu leeren. Heute existiert eine "historisch nie dagewesene Verblendungsbereitschaft, die Trugbildern des Neuen unbegrenzten Kredit gewährt." Manifeste Dummheit wird durch ein langes Training in "Lernvermeidungsoperationen" erworben. "Nur nach einer hartnäckig fortgesetzten Serie von Selbst-Knock-outs der Intelligenz kann sich ein Habitus zuverlässiger Stupidität stabilisieren." Der Mensch ist imstande, sich das Schlechteste zu eigen zu machen, bis es ihm wie eine unantastbare Selbstverständlichkeit erscheint (siehe z.B. islamische Diktaturen). Alle Moralphilosophie ist darum oberflächlich, die nicht in einer Unterscheidung der Gewohnheiten gründet. Kants Philosophie ist daher zu oberflächlich. Zuerst muss man klären, ob menschliche Wesen überhaupt aus festen schlechten Gewohnheiten herausgelöst werden können und unter welchen Bedingungen es ihnen gelingt, sich in guten Gewohnheiten neu zu verankern. Kants bekanntes Argument aus der Schrift "Zum ewigen Frieden", selbst "ein Volk von Teufeln", wenn es nur Verstand habe, müsse sich, eine Art Rechtsordnung geben, die einer bürgerlichen Verfassung zum Verwechseln ähnlich sähe, leidet an der "Verkennung der antimoralischen Gravitation." Die Kantischen Teufel sind "Kaufleute, die wissen, bis wohin sie zu weit gehen dürfen, brave Egoisten, die ihr Rational-choice-Seminar besucht haben. Ein wirkliches Volk von Teufeln verkörpert ein Kollektiv aus Fatalisten, bei denen die Entdisziplinierung das fundamentalistische Niveau erreicht." Sie hausen in "jeder aussichtslosen Banlieue", in den Parallelgesellschaften der europäischen Städte. [5]

Ebenso wie die verborgene Christlichkeit der Goetheschen Erkenntnisart und die der deutschen Idealisten, wird seit langem die grundsätzliche Unchristlichkeit der Kantischen Philosophie verkannt. Sie ist als Wissenschaft verkleideter Unglaube. Der Kantianismus setzt alte vorchristliche Anschauungen fort, die im Orient und später im Islam ihre Ausbildung gefunden haben. Das Tragische liegt daran, dass nach dem Christus-Ereignis, und zwar auch innerhalb des Christentums, die Bewusstseins- und Gedankenentwicklung diesen Einschlag immer noch nicht in sich aufgenommen hat. Überall, wo wie bei Kant aus der Erkenntnis-Resignation grundsätzlich an der Trennung von Glauben und Wissen festgehalten wird, setzt sich der vorchristliche Stand des menschlichen Bewusstseins unverwandelt fort. Und wenn man Kant "den Philosophen des Protestantismus" bezeichnet hat, so hat man dadurch die Rückständigkeit und Paulus-Fremdheit gekennzeichnet, die von Luther her der reformatorischen Strömung in Hinsicht auf das Denken und Erkennen des Menschen anhaftet. Zu meinen, der Mensch sei durch die "Sünde" (Luther) oder Maya (Orient) seines Geistbewusstseins endgültig und unabänderlich vor den Vorhang der Täuschung gestellt, würde eine Verleugnung der Erlösung sein, die durch Christus in die Welt gekommen ist. Man kann sagen, "solange der Kantianismus, der als Philosophie ein vorchristlicher Standpunkt ist, irgendwie herrscht, wird die Philosophie immer mehr das Christentum vernebeln." [6]

Mit Kant und den Cartesianern wird man nicht weiterkommen, auch wenn man wie Tolstoi Kant bewundert. Letztlich führt die Anschauung zur mechanistischen Naturerkenntnis. Fichte, Solowjew und Dostojewskij führen weiter. [7]

______________
[1] Siehe Kurse Nr. 511 Fichte - Philosophie der Erziehung, Nr. 543 Deutscher Idealismus. Akademie der Kunst und Philosophie
[2] Science Review Letters 2016, 15, Nr. 702 und Frankfurter Allgemeine Zeitung 2016, Nr. 109, p. 9
[3] Siehe auch Alexander von Humboldt in den Kursen Nr. 511 Fichte - Philosophie der Erziehung, Nr. 506 Wladimir Solowjew: Europa im 21. Jahrhundert, Nr. 553 Friedrich Schiller und Nr. 020 Goethe: Wissenschaft, Kunst und Religion. Akademie der Kunst und Philosophie
[4] "Die Züchtigung soll den Kindern zur Arznei dienen, was würden wir aber von einem Arzte sagen, dass Hass und Zorn wider seinen Kranken haben wollte" (Montaigne). Eine Erziehung beispielsweise durch muslimische Kindergärtnerinnen und LehrerInnen übt a priori einen wenig heilsamen Einfluss auf die Kinder aus, was letztlich mit der heilsgeschichtlichen Verheissung zusammenhängt, die auf das Christentum, nicht aber auf den Islam übergegangen ist. In grün-sozialistisch regierten Bundesländern wie Niedersachsen dürfen Lehrer und Erzieher sogar muslimische Devotionalien tragen, Umweltgruppen wie der BUND Kinder und Jugendliche ohne Erlaubnis der Eltern in Moscheen einschleusen. Im Hannoveraner Landtag soll über einen Antrag beraten werden, in dem es darum geht, in Niedersachsen dereinst auch eine Abiturprüfung in Arabisch oder Türkisch abzulegen. An Kritik mangelt es verständlicherweise nicht. Es sei das falsche politische Signal, und es bestehe die Gefahr, dass Muslime dann noch mehr in ihrer Sprachwelt verharren. Bezüglich der angedachten zweisprachigen Kitas: "Wir wollen keine Kitas, in denen ganz offiziell neben Deutsch auch hauptsächlich Arabisch gesprochen wird." Es ist klar, dass solche Kitas weder zur Erziehung taugen, noch zur Integration beitragen. (Frankfurter Allgemeine Zeitung 2016, Nr. 175, p. 10)   Siehe auch Anmerk. 3
[5] Mehr dazu in den Kursen Nr. 511 Fichte - Philosophie der Erziehung, Nr. 543 Deutscher Idealismus, Nr. 533 Aristoteles - Philosophy of Sciences, Nr. 531 Plato. Akademie der Kunst und Philosophie
[6] 1. Kor. 15, 21ff. Siehe auch Anm. 3 und Kurse, Nr. 513 Schelling: Philosophie der Mythologie, Nr. 510 Schelling - Philosophie der Offenbarung, Nr. 551 G.W.F. Hegel - Philosophie der Wissenschaft, Kunst und Religion, Nr. 512 Novalis, Nr. 564 St. Augustinus, Nr. 509 Philosophie der Freiheit. Akademie der Kunst und Philosophie 
[7] Vgl. Anm. 5 und Kurse Nr. 567 Gottfried Wilhelm Leibniz, Nr. 506 Wladimir Solowjew, Nr. 550 Dostojewskij. Akademie der Kunst und Philosophie 
 
 

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Letzte Bearbeitung:15.05.2017