Akademie der Kunst und Philosophie
Akademie der Wissenschaften | Académie des sciences
 

 

Kurs Nr. 565 

John Scottus Eriugena - Philosopher of Middle Ages

Johannes Scottus Eriugena - Jean Scot Erigène - Giovanni Scoto - Johannis Scoti - Philosoph des Mittelalters


 

 On wrong Philosophy of Nature and how to improve
J.S. Eriugena

 

 
 
 
 
 

 

Aus dem Inhalt:

Eriugena (810 - 877) lehrte in Paris und gilt als erster Vater der Scholastik oder als Karl der Große der scholastischen Philosophie. Er hat den Neuplatoniker und Schüler des Paulus, Dionysius Areopagita - ohne päpstliche Erlaubnis - übersetzt.

Schreiben war damals durchaus gefährlich. Er hatte noch Glück, denn zu Lebzeiten wurde er nicht verurteilt; erst im Jahre 1225 wurde das Hauptwerk des Philosophen Johannes Scottus Eriugena, de divisione naturae (über die Entstehung der Natur), das aus der Mitte des 9. Jahrhunderts stammt, von Papst Honorius III. verurteilt. [1]

Er war der bedeutendste Philosoph seiner Zeit; er studierte die Schriften des Augustinus und des Areopagiten. Immer wieder wies Eriugena darauf hin, dass neben dem Studium der Heiligen Schrift auch das philosophische Denken zu pflegen sei. Er gab damit der Philosophie entscheidende Impulse, insbesondere was eine Philosophie der Natur betrifft. Eine vom Schöpfungsakt unabhängige Natur, die ihr Sein nur dem Zufall verdankt, wäre für Eriugena undenkbar gewesen. Er bezog sich auf die naturphilosophisch orientierten Schriften des Augustinus und des Areopagiten; das Göttliche erscheint ihm als das Wahre, das Gute und das Schöne. Die Prinzipien der Natur erwachsen aus der Struktur der Trinität. Eriugena schuf für die neuplatonische Philosophie das, was ihr gegenüber dem Aristotelismus fehlte, eine Philosophie der Natur. [2]

Die neuzeitliche Naturwissenschaft, die metaphysische Fragen komplett ausklammert und schon allein dadurch korrumpiert wurde, ist der Naturphilosophie Eriugenas diametral entgegengesetzt. Dennoch degradierte er den menschlichen Körper nicht wie Plotin und manche Kirchenväter zu einer Art Gefängnis der Seele, der sie bei ihrer Kontemplation behindert, sondern er bewunderte seine komplexe Struktur. [3]

Von Augustinus und später von Thomas von Aquin, Meister Eckhart, Johannes Scottus Eriugena  weiter ausgeführt, kommen sie zu der Ansicht, dass das Christentum, wie Dasein und trinitarische Struktur der Gottheit, durchaus rational erkannt werden können. Dazu dient die christliche Naturlehre und Vernunftlehre (Ethik, Physik, Logik). Christus hat nie Gewalt gebraucht. "Denn die alte Knechtschaft war vorüber und die Zeit der Freiheit angebrochen." Indem der Christus der Menschheit den Heiligen Geist sandte, hat er sie befähigt, selber sich aufzuschwingen zum Begreifen des Geistigen. Heute wird allerdings vielfach der Heilige Geist ignoriert, man spricht vom "Nichtbegreifen des Übersinnlichen" und nur noch vom Vatergott und dem Christus-Gott. Was in den ersten christlichen Jahrhunderten noch gewusst wurde, ist später verschüttet worden, wie überhaupt die Trichotomie und die Trinität verschüttet worden sind. Die spätere Ansicht, dass der Mensch nur eine Offenbatung im Glauben habe, dass er aber mit seiner Erkenntnis sich nicht hinaufentwickeln könne bis zum Übersinnlichen, war selber eine "Sünde wider das Christentum". So dass also "innerhalb der europäischen Entwicklung in dem, was sich fortwährend Christentum nannte, viel gesündigt worden ist gegen die ursprünglichen christlichen Impulse." Zu den ursprünglichen christlichen Impulsen muss die Menschheit wieder zurückkehren. "Denn dass der Glaube jemals wirklich ein Verständnis bringen könne, das ist eine Unmöglichkeit. Was erlöst werden muss innerhalb der Menschheit, das ist die Erkenntnis selber." In den ersten Zeiten des Christentums haben wir eine sehr ausgeprägte Christologie. Später verblasste diese Ansicht, vor allem im 19. Jahrhundert, wo der Christus nicht einmal mehr mit dem Verstande begriffen wurde, sondern wo sich die "moderne Theologie sehr viel darauf zugute tat, den Jesus möglichst menschlich zu verstehen und den Christus fahren zu lassen." Heute muss auch im Sinne des J.S. Eriugena der moderne Intellektualismus zusammenwachsen mit dem Christus-Bewusstsein. Der Moderne Mensch braucht das Christus-Bewusstsein, damit er sich mit Realitäten verbindet, "damit er nicht Luftschlösser baut, sondern Geistesschlösser." Gerade für den Intellektualismus hat das Christus-Bewusstsein eine sehr reale Bedeutung, eine Bedeutung im Sinne einer wirklichen Erlösungslehre, der Erlösung von dem Bauen von Luftschlössern. [4]

"Keineswegs wird ja die menschliche Autorität der Vernunft einer gereinigten Seele, die zum Schauen der Wahrheit gelangen kann, vorgezogen. Aber zu solchem Schauen findet Hochmut nicht hin. Gäbe es diesen nicht, dann gäbe es keine Ketzer, keine Sektierer, keine Verfechter der Beschneidung des Fleisches, keine Anbeter der Kreatur und der Götzenbilder. Gäbe es aber diese nicht, ehe das Volk zur verheißenen Vollendung gelangt, würde die Wahrheit viel lässiger gesucht werden." [5]  - Augustinus

"Nicht die Stille der Trägheit ist gemeint, sondern die Stille des Nachdenkens, die der Räume und Zeiten ledig ist" [6]  - Augustinus

Wir haben als Vorbereitung für das "eine große Ereignis der einzigartigen Erscheinung des Christus" das ganze Wirken der großen Religionsstifter. "In allen großen Religionen gibt es kein Gebet, keine Formeln, die nicht aus der ganzen tiefen Weltenweisheit herausgenommen sind, und nur dadurch, dass sie da herausgeboren sind, haben diese Gebete ihre tiefe Wirkung. Die großen Religionen verdanken ihre tausendjährige Wirkung der Urweltweisheit." Vorbereitet wurde die Erscheinung des Christus durch die Reihe der Religionsstifter, durch Zarathustra, Krischna/Vischnu, Buddha, Hermes, Moses, Orpheus, Pythagoras. Alle ihre Lehren verfolgen das gleiche Ziel: die Weisheit in die Menschheit einfließen zu lassen, nur immer in der für das betroffene Volk gerade geeignetsten Form. So ist denn, was Christus gesagt hat, nicht das eigentlich Neue. Das Neue an der Erscheinung und Lehre des Christus ist, dass in dem Christus die Kraft war, all das zum Leben zu bringen, was vorher nur Lehre war. Durch das Christentum ist der Menschheit eine Kraft entstanden, dass bei größtmöglicher Individualisierung in der freiwilligen Anerkennung der Autorität des Christus "alles sich einigen, und dass durch den Glauben an ihn, sein Erscheinen, seine Göttlichkeit, die Menschen sich zu einem Bruderbunde zusammenschließen können." Das sind die Mysterien des Sohnes, deren Pflanzstätte die Schule des heiligen Paulus war, zu deren Leitung er den Dionysius Areopagita bestimmt hatte. "Unter ihm hatte diese Schule ihre Blütezeit, denn Dionysius hat diese Mysterien in einer ganz besonderen Weise gelehrt, während Paulus die Lehre exoterisch ausbreitete." Für Eriugena hat alle Rederei von Bruderschaft und Nächstenliebe kaum einen Wert. Nur die Erkenntnis rückt an das Ziel heran. [7]

In früherer Zeit umfasste die Menschheit viele kleine Gruppen. Der größte römische Geschichtsschreiber Cornelius Tacitus (55-116 n.Chr.) schreibt im zweiten Teil seines Werkes "De origine et situ Germanorum" über viele blutsverwandte kleine Stämme, für welche die Blutsverwandtschaft etwas Besonderes bedeutete. Heute werden die Stämme immer internationaler, die Seele entwickelt sich immer individueller. Aber wenn die Menschen so allein auf sich gestellt werden, "ohne Stammeszusammenhang und mit gesteigertem Ich-Bewusstsein", so muss der Egoismus höher steigen. Das sah der Christus voraus. ."Er sah das Kommen des Materialismus, und als Bollwerk setzte er dagegen das Christentum." [8]

In der christlichen Esoterik spricht man von der Arbeit des Ich am astralischen Leib. Bei jedem entwickelten Menschen, der im Sinne von Thomas von Aquin einen aufnehmenden Verstand (intellectus possibilis) und habitus des Wissens (habitus scientiae) besitzt, und dessen Ich schon am astralischen Leib gearbeitet hat, teilt sich dieser in zwei Teile: in die gegebenen Astralleib (intellectus passivus) und in den Teil, den das Ich erst gemacht hat. Diesen Teil, der immer größer und großer wird, je weiter der Mensch sich entwickelt, bezeichnet man mit Manas oder Geistselbst. "Die christliche Esoterik bezeichnet diesen Teil als den Heiligen Geist, im Gegensatz zu dem Geiste, dem ungeläuterten und ungeheiligten Teile des astralischen Leibes". Nach der christlichen Esoterik arbeitet das Ich auch in den sogenannten Ätherleib hinein. "Denjenigen Teil des menschlichen Ätherleibes, den das Ich vergeistigt, nennt man die Buddhi, den Lebensgeist; es ist der umgewandelte Lebensleib. In der christlichen Esoterik nennt man diesen Teil, der vpm Ich umgearbeitet ist, den Christos. Das fünfte Glied der menschlichen Wesenheit ist der Heilige Geist, das sechste Glied ist der Christus, der innere Christos." So kommt man zuerst zum Heiligen Geist, dem umgestalteten astralischen Leib, durch den Heiligen Geist zum Christus und durch den Christus zum Vater. Nach dem Tod bleibt am Menschen von den drei Leibern nur noch das haften, was das Ich selbst erarbeitet hat. Das geht durch das Geistgebiet hindurch. Es ist der ewige Wesenskern des Menschen. Dieser wird immer größer, je mehr das Ich erarbeitet hat. [9] 

Das Christentum steht erst am Anfang seiner Entwicklung. "Durch das Prinzip des Christentums trat die Individualität in ihre Geltung." Heute kommt es vor allem darauf an, dass selbständig der Heilige Geist und der Christos entwickelt werden. Diese menschliche Persönlichkeit kann erst durch dieses Prinzip des Christentums als eine freie gedacht werden. "Erst das Christentum hat die menschliche Individualität wirklich befreit, und daher ist durch das Christentum ein ganz anderes Verhältnis zur Wahrheit und Weisheit als früher notwendig geworden... Der Geist, der den Menschen frei machen wird, ist der Heilige Geist. Gegen diesen Geist darf der Christ niemals sündigen. Wer dagegen sündigt, sündigt wider das Christentum selber, gegen den verheißenen Geist, der die einzelnen menschlichen Individualitäten einzig zusammenführen kann." Es wird in den Evangelien davon gesprochen, dass der Christus Dämonen austreibt. Dämonen gibt es nur, solange der Mensch nicht frei geworden ist. "Der Mensch ist ganz gespickt mit allerlei Wesenheiten, die in seinemn niederen Gliedern aus- und einfluten. Wir nennen sie Schemen, Spektren, Gespenster, Dämonen." Indem sich der Christus  hinstellt, der die Dämonen austreibt, gibt er sich als den "Geist der Freiheit" zu erkennen. Austreiben kann man die Dämonen nur, indem man den einen Geist gegen den anderen aufruft, den Geist der Freiheit gegen alle andern Geister. [10] 
 

Anmerkungen

[1] Vgl. Kurs Nr. 565 John Scottus Eriugena - Philosopher of Middle Ages / Johannes Scottus Eriugena - Philosoph des Mittelalters. Akademie der Kunst und Philosophie
[2] Vgl. Anm. 1 und Kurse, Nr. 531 Plato, Nr. 533 Aristoteles - Philosophy of Sciences, Nr. 532 Philosophie der Wissenschaften, Nr. 518 Philosophie der Natur, Nr. 564 Aurelius AugustinusNr. 510 Schelling - Philosophie der Offenbarung.Ib. 
[3] Ib.
[4] Vgl. Anm. 2 und Steiner, R. : Das Geheimnis der Trinität. Der Mensch und sein Verhältnis zur Geistwelt im Wandel der Zeiten. Elf Vorträge 1922. Dornach/ Schweiz 1970/2007; zu Paulus, der die esoterische Schule in Athen unter Führung des Dionysius Areopagita begründet vgl. Ders.: Das christliche Mysterium. GA 97, Notizen von 31 Vorträgen 1907/1907, Ib. 1998; vgl. auch Kurse Nr. 551 G.W.F. Hegel , Nr. 511 Fichte, Nr. 510 Schelling: Philosophie der Offenbarung, Nr. 566 Meister Eckhart, Nr. 567 Gottfried Wilhelm Leibniz, Nr. 500 Thomas von Aquin: Summa contra Gentiles. Ib.
[5] Vgl. Kurs Nr. 564 Aurelius Augustinus. Ib.
[6] Ib.
[7] Vgl. Anm. 4
[8] Ib.
[9] Ib.
[10] Ib.
 



Raffaello Sanzio, Sacra famiglia con Raffaele, Tobia e San Gerolamo, Museo del Prado

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Letzte Bearbeitung:14.02.2018