Akademie der Kunst und Philosophie
Akademie der Wissenschaften | Académie des sciences

 


Kurs Nr. 534 

J.J. Rousseau auf dem Weg zurück zur Natur


Die wohlwollende Natur hätte dem Menschen viel Mühe ersparen können, wenn er mit ihr kooperiert hätte

Wenn man die Natur gegen etwas anderes eintauscht, gewinnt man niemals


 

 
 
 
 
 

 

Aus dem Inhalt:

Auch in Bezug auf die Mode war er überzeugt, wenn man die Natur gegen etwas anderes eintauscht, gewinnt man niemals. Der in der freien Republik Genf geborene und erzogene Jean-Jacques Rousseau sah schon im Jahr 1761 den neuen Luxus der Pariser Gesellschaft darin, sauber und fleckenlos angezogen zu sein. Jeden Tag in blütenweisser Leibwäsche zu erscheinen war jetzt angesagter als in schweren, üppigen und, wie Rousseau meinte, fleckigen Brokaten herumzulaufen. Die Revolution von 1789 führt zu einem grundsätzlichen Umbruch in der Kleiderordnung. Bis dahin trennte die Mode die Stände streng (Schiller). Männer mussten auf all das verzichten, was sie Jahrhundertelang lächerlich gemacht hat: Samt und Seide, Blumen und Bänder, Schminke und Parfums, rote Absätze und Schleifchenschuhe, Spitzen, Schmuck und Stickereien, Perücken und Puder. Dem Bürger ist alles Schmückende suspekt, aller Glanz, alle Äusserlichkeit und der täuschende Schein, der von den inneren Werten ablenkt. Es wurde unelegant, sich um Eleganz zu bemühen. Dass er es nicht nötig hat, durch seine Kleider zu glänzen und das anderen überlässt, denen sonst nichts bleibt, wird der Bürger zu demonstrieren nicht müde. Philippe d'Orléans wurde zum Vorläufer der nüchternen Männermode der Moderne, indem er die üppige Schönheit der Aristokratie des Ancien Régime abstreifte. In der Herrenmode sollte die Hose des dritten Standes, der pantalon, den man despektierlich als flachgebügelte Pasteurröhre bezeichnet hat, auf ganzer Linie siegen. Im 18. Jahrhundert wurden die Beinkleider hauteng. Der Comte d'Artois, erzählt Barbey d'Aurevilly, wurde von vier Dienern in seine Beinkleider gehoben. Ein anderer Höfling hielt es so wie die, die zu Anfang unseres Jahrhunderts die hautengen Anzüge von Dior trugen: Er hatte ein Beinkleid, in dem er sitzen konnte, und eines, in dem dies nicht möglich war. Auch Genf war infiziert, wusste der schockierte Rousseau zu melden. Selbst in der calvinistisch reformierten Republik gab es Männer, die sich wie Frauen anzogen. Junge Herren mit flötender Stimme, höhnte Rousseau, drehten Sonnenschirmchen zwischen zarten Fingern. Der aufrechte Bürger war in locker geschnittenen Wolljacken gekleidet, in gedeckten Farben. Sie trugen die seidig eng anliegenden justaucorps französischer Höflinge. In Rousseaus Augen wurden diese jungen Männer en travestie umstandslos zu Mädchen. Trotz des damaligen Spotts, findet die Mode des Höflings heute wieder zuspruch; so prangten vor zwei Jahren die üppigen Blumen des Barock auf den Anzügen von Gucci. [4] 

Mandeville hat richtig erkannt, dass die Menschen mit all ihrer Moral nie etwas anderes gewesen wären als Scheusale, hätte nicht die Natur ihnen zur Unterstützung ihrer Vernunft das Mitleid gegeben.

Mandeville a bien senti qu'avec toute leur marale les hommes n'eussent jamais été que des monstres, si la nature ne leur eut donné la pitié à l'appui de la raison. [1]

Ähnlich wie Aristoteles ist Rousseau aufgefallen, daß der Mensch kaum andere Übel kennt als die, welche er sich selbst bereitet: "L'homme n'a guère de maux que ceux qu'il s'est donnés lui-même" [1].

Er betrachtet das, was der Mensch bisher geleistet hat, z.B. die Flüsse, die er schiffbar gemacht hat, den Boden, den er urbar gemacht, die Seen, die er abgegraben und die Sümpfe, die er ausgetrocknet hat; er denkt nach über die wahren Vorteile, die aus alldem für das Glück der menschlichen Gattung hervorgegangen sind, und kommt zu dem Schluß, daß man nur erschüttert sein könne über das erstaunliche Mißverhältnis, das zwischen diesen Dingen herrsche; schließlich müsse man die Verblendung des Menschen beklagen, denn die wohlwollende Natur hätte ihm viel Mühe ersparen können, wenn er mit ihr kooperiert hätte.

"Quand, d'un côté, L'on considère les immenses traveaux des hommes, [...] des fleuves rendus navigable, des terres defrichées, des lacs creusés, des marais desséchés [...]; et que, de l'autre, on recherche avec un peu de méditation les vrais avantages qui ont résulté de tout cela pour le bonheur de l'espèce humaine; on ne peut qu'être frappé de l'étounante disproportion qui régne entre ces choses, et deplorer l'aveuglement de l'homme, qui, pour nourir son fol orgueil et je ne sais quelle vaine admiration de lui-même, le fait courir avec ardeur aprés toutes les misères dont il est susceptible, et que la bien faisante nature avoit pris soin d'écarter de lui" [2].

Inzwischen ist es klar geworden, daß sich die Natur die Verachtung ihrer Lehren teuer bezahlen läßt. Man denke an die Probleme der heutigen Landwirtschaft, und die infolge der Fehlernährung vermehrt auftretenden Zivilisationskrankheiten bzw. die Tatsache, daß wir jetzt die externen Kosten, die durch die Umweltzerstörung entstanden sind zu tragen haben, man denke an die Problematik der Arbeit usw.. ROUSSEAU hatte damals folgende Verhaltensweisen wider die Natur festgestellt: das Durcheiander der Speisen, ungesunde Würzen, verdorbene Lebensmittel, gefälschte Drogen, Betrügereien derer, die sie verkaufen, Gift an den Geschirren, in denen man sie herstellt, schlechte Luft bei Versammlungen von Menschenmengen und das dadurch hervorgerufene "Crowding-Symptom", und überhaupt die Art zu leben, welche eine Verzärtelung unserer Lebensweise zur Folge hat. Schließlich denkt er an all die Sorgen, die unsere überfeinerte Empfindlichkeit in notwendige Gewohnheiten verwandelt hat, deren Vernachlässigung oder Fehlen uns alsbald das Leben oder die Gesundheit kostet...

"Si vous considerez les peines d'esprit qui nous consument, les passions violentes qui nous épuisent et nous désolent, les traveaux excessifs dont les pauvres sont surchargés, la molesse encore plus dangereuse à laquelle les riches s'abandonnent, et qui font mourir les uns de leurs besoins et les autres de leurs excés. Si vous songez aux monstrueux mêlanges des aliments, à leurs pernicieux assaisonements, aux denrées corrumpues, aux drogues falsifiées, aux friponneries de ceux qui les vendant, aux erreurs de ceux qui les administrent, au poison des vaisseaux dans lequels on les prépare; si vous faites attention aux maladies épidemiques engendrées par le mauvais air parmi des multitudes d'hommes rassemblés, à celles qu'occasionnement la delicatesse de nôtre manière de vivre, les passages alternatifs de l'intérieur de nos maisons au grand air, l'usage des habillements pris on quittés avec trop peu de précaution, et tous les soins que notre sensualité exessive a tournés en habitudes nécessaires et dont la negligence ou la privation nous coûte ensuite la vie ou la santé[...] en un mot, si vous réunissez les dangers que toutes ces causes assemblent continuellement sur nos têtes, vous sentirez combien la Nature nous fait payer cher le mépris que nous avons fait de ses lecons" [3].
________________
[1]. Jean-Jacques Rousseau (1712 - 1778): Oeuvres complètes, OC III: 109, Discours sur l'origine; édition publiée sous la direction de Bernard Gagnebin et Marcel Raymond, Gallimard, Bibliotheque de la Pléiade, Paris, Bd I-IV, 1959-69
[2]. Ibid, OC III: 109
[3]. Ibid, Discours sur l'origine, note IX
[4]. Vinken, B. 2015: Le style c'est moi. Die Revolution von 1789 veränderte auch die Kleiderordnung. Frankfurter Allgemeine Magazin, 9/2015, p. 64f
 
 


 

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Letzte Bearbeitung:15.09.2015